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Neue Kapitalregeln Bankenlobby will Spielräume nutzen

Neue Vorschriften könnten Immobilienkredite für größere Banken in Deutschland unattraktiver machen. Der Bankenverband wehrt sich.
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Die Folgen eines neuen Reformpakets für Banken sind noch unscharf, doch Bankenvertreter befürchten Nachteile und plädieren für eine schonende Umsetzung. Quelle: Michael Gottschalk/photothek.net
Skyline von Frankfurt Main

Die Folgen eines neuen Reformpakets für Banken sind noch unscharf, doch Bankenvertreter befürchten Nachteile und plädieren für eine schonende Umsetzung.

(Foto: Michael Gottschalk/photothek.net)

FrankfurtDer Verband der privaten Banken warnt vor den Folgen strengerer Kapitalregeln für die Bankenbranche. Die Ende 2017 verabschiedeten Regeln würden vor allem das Geschäft mit privaten Immobilienkrediten hart treffen, betonte der Co-Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken (BdB) Christian Ossig in einem Pressegespräch am Montag in Frankfurt. Die künftigen Regeln würden einer BdB-Studie zufolge die Kapitalanforderungen - also das Eigenkapital, das eine Bank für einen solchen privaten Baufinanzierungskredit hinterlegen müsste - mehr als verdoppeln. Hier sind die Antworten auf einige wichtige Fragen zu diesem Vorstoß.

Warum trommelt der BdB gerade jetzt für eine Abmilderung der Kapitalregeln?

Hintergrund für den Vorstoß des Bankenverbands ist die anstehende Umsetzung eines internationalen Reformpakets, das im Dezember 2017 vom Basler Bankenausschuss, einem internationalen Expertengremium, vorgeschlagen wurde, in europäisches Recht. Dieses Reformpaket, im Fachjargon „Basel IV“ genannt, ist rechtlich zwar nicht bindend, doch die Vorgaben werden in der Regel in allen wesentlichen Finanzplätzen umgesetzt. In der Europäischen Union dürften die Weichen für die gesetzliche Umsetzung nach Einschätzung des BdB in diesem Jahr gestellt werden.

Die Europäische Union hat die Basel-Regeln auch in der Vergangenheit immer mal wieder an die eigenen Vorstellungen angepasst, etwa indem es spezielle „Rabatte“ für Mittelstandskredite einführte. Es wäre also nichts Neues, wenn in Brüssel etwas an den Vorgaben geändert würde. Zwar sieht das der Basler Bankenausschuss, in dem Bankenaufseher und Notenbanker aus den wichtigsten Industrie- und Schwellenländern sitzen, sehr ungern. Aber anders als kleinere Staaten können sich große Wirtschaftsblöcke wie die EU - oder auch die USA - gewisse Freiheiten erlauben - und sie tun das auch immer mal wieder.

Warum ist das für deutsche Banken ein Thema?

Das Reformpaket enthält einige Punkte, gegen die sich vor allem größere Banken in Europa, gerade auch aus Deutschland heftig wehren. Das liegt zum einen daran, dass in Europa und besonders in Deutschland ein größerer Teil des Kreditgeschäfts über Bankbilanzen läuft. Es liegt aber auch daran, wie gerade größere Banken bislang ihre Geschäftsrisiken kalkulierten.

Denn ein wichtiger Kritikpunkt der Branche ist der Umgang mit internen Risikomodellen von Banken. Der Hintergrund: Wie viel Eigenkapital eine Bank für ihr Geschäft benötigt, hängt vom Risikogehalt ihres Geschäfts ab. Je riskanter ein Geschäft, desto mehr - teures - Kapital ist nötig. Grundsätzlich können Banken wählen, ob sie mit Standardvorgaben das Risiko errechnen oder mit eigenen Modellen.

Gerade in Deutschland kalkulieren die meisten größeren Banken das Risiko aus einem Kredit mit eigenen Modellen. Sie kommen damit in der Regeln günstiger weg, als kleinere Banken, die die Standardmethode nutzen. Weil sich in der Finanzkrise zeigte, dass manche Banken ihre Risiken dabei gravierend unterschätzt (oder auch kleingerechnet) hatten, haben die Bankenaufseher die Freiheiten bei der eigenen Risikoanalyse eingeschränkt. Künftig sollen Banken für ihr Kreditgeschäft mindestens 72,5 Prozent des Kapitals vorhalten, das eine Bank hinterlegen muss, die nach dem Standardansatz Risiko und Kapital kalkuliert. Diese Untergrenze wird Output-Floor genannt.

Welche Banken sind besonders betroffen?

Vor allem große Banken nutzen die internen Risikomodelle. Eine Untergrenze würde die relativen Vorteile, die Banken mit eigenen Risikomodellen gegenüber den Nutzern von Standardmodellen haben, auf jeden Fall reduzieren.

Besonders hart würden die Basel-Regeln das private Baufinanzierungsgeschäft treffen: Dort würden sich die Kapitalvorgaben nach BdB-Berechnung für Banken mit eigenem Risikomodell mehr als verdoppeln. Auch Projektfinanzierungen würden um 78 Prozent teurer. Bei kleinen und mittelgroßen Unternehmen sind es 56 Prozent.

Was fordert der Bankenverband?

Der BdB fordert nun, dass man bei der Umsetzung der Basel-IV-Vorgaben in europäisches Recht die potenziellen Effekte abmildert. „Wir unterstützen globale Standards, aber Europa sollte die Spielräume nutzen, die nach den Basler Vorgaben möglich sind, auch nutzen“, sagte Ossig. Basel solle nicht strenger ausgelegt werden, als es im Text stehe. Der BdB schlägt zum Beispiel vor, dass der Output-Floor nur für die gesetzlichen Mindestkapitalvorschriften gelten soll und nicht für die individuellen Kapitalaufschläge, die die Bankenaufseher von Banken zusätzlich fordern.

Was ist der Hintergrund dieser Idee?

In der Regel müssen Banken mehr Kapital vorhalten, als das gesetzliche Minimum vorgibt. Den genauen Eigenkapitalbedarf schreibt die Bankenaufsicht den Instituten vor. Der BdB fordert nun so etwas wie eine Parallelrechnung: Die Banken sollen den Risikogehalt zweimal ausrechnen dürfen, einmal auf die neue, strengere Art und einmal wie bisher ohne eine Untergrenze. Bei der strengeren Risiko-Berechnung sollen dann aber nur die Minimal-Anforderungen beim Eigenkapital eingehalten werden müssen. Die höheren individuellen Kapitalanforderungen sollen wiederum nur auf die weniger strenge Risiko-Kalkulation angewendet werden.

Inwieweit dieser Vorschlag die - von den Bankenaufsehern in bestimmten Maße durchaus erwünschte - Verschärfung der Kapitalvorschriften abmildern oder aushebeln würde, wollte oder konnte der BdB nicht beziffern.

Drohen Kunden ohne Entschärfung schlechtere Konditionen?

Das hängt von der Wettbewerbssituation ab. Für die größeren Banken wird es natürlich teurer, die betroffenen Kredite bereitzustellen. Natürlich wächst auf sie der Druck, die Konditionen zu erhöhen oder ihr Geschäft zurückzufahren, weil es nicht mehr so lukrativ ist. Doch in Deutschland konkurrieren viele Banken gerade um private und mittelständische Kunden. Volksbanken und Sparkassen besitzen gerade in diesen Geschäftsfeldern große Marktanteile in Deutschland - obwohl sie überwiegend nach der Standardmethode kalkulieren und damit ungünstiger als die großen Banken. Dennoch gelingt es ihnen bislang häufig, ihren Kunden konkurrenzfähige Angebote zu machen.

Anders sieht es bei Projektfinanzierungen aus, also die Finanzierung großer Infrastrukturvorhaben. Solche Finanzierungen werden vor allem von großen Banken angeboten, die Risiken meist intern kalkulieren. Dort ließen sich teurere Konditionen wegen der geringeren Wettbewerbsintensität vermutlich leichter durchsetzen.

Warum sind die USA weniger stark betroffen?

Die neuen Kapitalregeln treffen vor allem europäische Banken, die mit internen Modellen arbeiten, in den USA wirken sich die Vorgaben weniger stark aus. Das hat unterschiedliche Gründe: Zum einen behalten amerikanische Banken Immobilienkredite nicht auf ihrer Bilanz, sondern reichen sie an quasi-staatliche Financiers wie Fannie Mae und Freddie Mac weiter. Für deutsche Banken machen private Baufinanzierungen dagegen oft einen großen Teil der Bilanzsumme aus. Hinzu kommt, dass die internen Risikomodelle von europäischen und insbesondere deutschen Banken besonders intensiv genutzt wurden. In Amerika galt schon bisher eine Untergrenze, sie ist für die US-Institute also nichts Neues.

Wie genau funktioniert eigentlich die Risiko- und Eigenkapitalkalkulation?

Um das zu verstehen, muss man sich noch einmal ansehen, wie die Eigenkapitalquoten bei Banken errechnet werden. Bei einem Industrieunternehmen würde man dazu vereinfacht gesagt das vorhandene Eigenkapital in Relation zur Bilanzsumme setzen. Bei einem Eigenkapital von 10 Millionen Euro und einer Bilanzsumme von 100 Millionen Euro entspräche die Eigenkapitalquote damit 10 Prozent.

Bei einer Bank muss man erst das Risikogewicht der Bilanz errechnen. Wenn ein 100-Millionen-Euro-Kredit als so einigermaßen sicher gilt, kann er zum Beispiel ein Risikogewicht von 50 Prozent haben. Dann wird der so behandelt, als sei er nur 50 Millionen Euro groß. Bei Banken spricht man dann von „risikogewichteten Aktiva“ (RWA), die in diesem Fall 50 Millionen Euro. In unserem Beispiel würde man nun die 10 Millionen Euro Eigenkapital in Relation zu den RWA von 50 Millionen Euro setzen. Das ergäbe eine Eigenkapitalquote von 20 Prozent.

Nun nehmen wir an, dass das Risikogewicht von 50 Prozent eine Vorgabe des Standardansatzes sind. Beim internen Risikoansatz einer Bank könnte ein noch günstigeres Risikogewicht für den 100-Millionen-Euro-Kredit herauskommen, sagen wir 20 Prozent. Dann würde die Eigenkapitalquote der Bank mit dem internen Modell in unserem Beispiel 50 Prozent betragen. Zur Erinnerung: Die Standard-Bank kommt beim gleichen Kredit auf 20 Prozent.

Nun kommt der Output-Floor ins Spiel: Er besagt, dass die Bank mit dem internen Modell mindestens 72,5 Prozent des Kapitals hinterlegen soll, den die Standard-Bank benötigt, ganz gleich was bei der internen Risikokalkulation herauskommt. Das entspräche in unserem Beispiel risikogewichteten Aktiva von 36,25 Millionen Euro. Bei 10 Millionen Euro Eigenkapital kämen wir nun auf eine Eigenkapitalquote von 27,6 Prozent. Das ist immer noch günstiger als bei der Standard-Bank, doch der Unterschied ist stark geschrumpft.

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