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Niedrigzins Zinspolitik der Notenbanken belastet Lebensversicherungen

Die Hoffnungen auf ein Ende der Talfahrt der Verzinsungen großer Lebensversicherer sind verflogen. Erste Häuser räumen ein: Es geht weiter bergab.
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Lebensversicherungen garantierten nur noch eine Verzinsung von 0,9 Prozent. Und auch die Überschüsse sinken weiter. Quelle: Iconica/Getty Images
Magere Rendite

Lebensversicherungen garantierten nur noch eine Verzinsung von 0,9 Prozent. Und auch die Überschüsse sinken weiter.

(Foto: Iconica/Getty Images)

Nürnberg, Frankfurt Es war ein Lichtblick, der Millionen von Lebensversicherten im Frühjahr neue Hoffnung gab. Erstmals seit Jahren hielten die großen Lebensversicherer die laufende Verzinsung ihrer Produkte für 2019 stabil, nachdem die Jahre zuvor der Trend nur eine Richtung kannte: abwärts.

„Für 2019 verzeichnen wir erstmals seit vielen Jahren auf breiter Basis stabile Deklarationen“, frohlockte im Februar noch der Geschäftsführer der Ratingagentur Assekurata, Reiner Will.

Auch für den weiteren Ausblick gingen die Experten von einer stabilen Entwicklung aus. Doch gut ein halbes Jahr später ist dieser Optimismus wieder verflogen. Im Schatten der jüngsten Zinswende der großen Notenbanken sehen die großen Häuser der Assekuranz inzwischen kaum eine Chance mehr, auf Dauer flächendeckend die gleichen Zinsen wie im laufenden Jahr zu zahlen, wie erste Topmanager nun einräumen.

„Wenn die EZB so weitermacht, wird das Niveau der Verzinsung, das sich aus Garantiezins und Überschussbeteiligung zusammensetzt, weiter schrumpfen“, sagt Armin Zitzmann, Vorstandschef der Nürnberger Versicherung, dem Handelsblatt. „Denn natürlich fressen sich die Niedrigzinsen weiter in die Bestände, wo derzeit auch noch hochverzinsliche Anleihen liegen.“

Zudem müsse die Branche dieses Jahr schon wieder eine höhere Zinszusatzreserve stellen, als die Branche im vergangenen Jahr kalkuliert habe. „Jeder hatte mit einem stabilen oder leicht steigenden Zins gerechnet und nicht mit einer Kurve nach unten, wie es jetzt gekommen ist“, klagt der Vorstandschef, dessen Unternehmen zu den großen Lebensversicherungspolicen-Anbietern in Deutschland zählt.

Problemfall Anleihen

Für die Millionen Kunden der deutschen Lebensversicherer sind das ernüchternde Nachrichten. Das Zusatzplus im Alter fällt wohl geringer aus als von vielen Verbrauchern erhofft. Rein statistisch besitzt jeder Deutsche mehr als eine solche Police, 84,1 Millionen Verträge gibt es.

Aber die weitere Lockerung der Geldpolitik, die die großen Notenbanken Fed und die Europäische Zentralbank nunmehr in Aussicht gestellt haben, trifft die Versicherer ins Mark.

Denn während zum Jahresanfang noch viele Manager und Experten auf eine langsame Normalisierung der Geldpolitik setzten, erwarten nunmehr auch viele Profis in der Finanzbranche auf Jahre hinaus keinen deutlichen Anstieg von Zinsen und Renditen mehr. Gerade für die Assekuranzen, die zu den größten Kapitalanlegern in Deutschland zählen, ist das eine Hiobsbotschaft.

Rund 35 Billionen Dollar an Vermögen werden die großen Versicherer bis zum Jahr 2020 laut einer Analyse der Beratungsgesellschaft PwC weltweit insgesamt verwalten – Geld, das bisher vornehmlich in konservativen Anlageformen wie Staatsanleihen steckt.

Allein die deutschen Lebensversicherer hatten – auch wegen der strengen regulatorischen Vorschriften für die Geldanlage – Ende 2018 rund 84,5 Prozent ihrer Gelder in Anleihen oder anleiheähnlichen Produkten wie Pfandbriefen angelegt. Doch was in den früheren Jahrzehnten noch gut funktionierte, ist in Zeiten von Negativzinsen vielfach zu einem Problem geworden.

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Entsprechend verschnupft reagieren die Topmanager auf die Zinswende. „Es ist wirklich unerfreulich, dass der Preis für die Zinsen gesetzt wird, und zwar mit bestimmten politischen Zielen“, kritisierte vor wenigen Tagen Allianz-Boss Oliver Bäte.

Eigentlich sei dies eine „Enteignung“. Auch Nürnberger-Versicherungs-Boss Zitzmann wählt harsche Worte. „Momentan kommt von der EZB nichts, was für die deutschen Versicherer wie eine gute Nachricht klingen würde“, moniert er. Die Nullzinsen seien ganz klar eine „Marktverzerrung“.

Der Hintergrund für den Groll: Anleihen im Wert von rund 15 Billionen Euro weisen inzwischen negative Renditen aus. Konkret bedeutet dies, dass der Käufer vom Schuldner nach Ende der Laufzeit weniger Geld zurückerhält, als er ihm zuvor gegeben hat. So haben die Anleiherenditen für Deutschland einen neuen historischen Tiefstand erreicht, was den Anlagenotstand der nach Rendite suchenden Häuser weiter vergrößert.

Denn die Anlagealternativen sind für die Assekuranzen häufig teuer. Wer nicht in vermeintlich sichere Staatsanleihen und Pfandbriefe investiert, muss seine Anlagen mit deutlich mehr Kapital in der Bilanz hinterlegen. Das können sich aber nur kapitalstarke Versicherer wie die Allianz in großem Umfang leisten.

Experten sind skeptisch

Auch Fachleute blicken darum düster nach vorn. „Das jetzige Zinsniveau an den Kapitalmärkten erhöht den Druck auf die Unternehmen“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), Guido Bader. Die Aktuare sind die Spitzenmathematiker der Versicherer, die sich mit Bewertung und Steuerung der Risiken befassen. Die Zinsflaute an den Kapitalmärkten verheiße den Lebensversicherungskunden wenig Erfreuliches.

Auch die Prognose vom Branchenexperten Lars Heermann von der Ratingagentur Assekurata verheißt nichts Gutes. „Wir gehen davon aus, dass die Deklarationen angesichts der aktuellen Zinsentwicklungen wieder etwas sinken werden“, sagt er voraus.

Dabei hatte im letzten Herbst alles noch viel positiver ausgesehen. Auf Drängen der Branche hatte die Bundesregierung die Zuzahlungen in die Zinszusatzreserve, die als Sicherheitspuffer dient, deutlich gestreckt, was den Versicherern mehr finanziellen Spielraum gab.

Doch „durch das stark gefallene Zinsniveau seit Jahresanfang wird ein Teil der Entlastung durch den langsameren Aufbau der Zinszusatzreserve wieder aufgezehrt“, erläuterte Versicherungsmathematiker Bader.

Die für Kunden wichtige laufende Verzinsung der Policen setzt sich dabei aus dem Garantiezins und der Überschussbeteiligung zusammen. Über die Höhe der Überschussbeteiligung entscheiden die Versicherer je nach Wirtschaftslage und Erfolg ihrer Anlagestrategie jedes Jahr neu. Hinzu kommt der Garantiezins, der seit Anfang 2017 für Neuverträge bei mageren 0,9 Prozent liegt.

Die Niedrigzinsen belasten allerdings nicht nur den Altersvorsorgeklassiker, auch Tagesgeld und Co. werfen kaum noch etwas ab.

Lebensversicherungen stehen in diesem Kontext aus Baders Sicht vergleichsweise gut da: „Wo kann ein sicherheitsorientierter Privatanleger heute noch mit Renditen von ein bis zwei Prozent nach Kosten rechnen?“, fragte das Vorstandsmitglied der Stuttgarter Lebensversicherung jüngst. Doch die Altverträge sind für viele Firmen zur Last geworden.

Nürnberger-Chef Zitzmann rechnet indes nicht damit, dass ein Versicherer ernsthaft in Not geraten wird. „Ich glaube nicht, dass in Deutschland ein Versicherer insolvent geht“, sagt er voraus. Erstens habe Deutschland mit der Bafin eine Aufsicht, die sehr nah an den Versicherern dran sei.

Und zweitens gebe es mit den Übergangsmaßnahmen nach dem Regelwerk Solvency II die Möglichkeit, „schwierige Situationen auszuschwitzen“. Millionen von Versicherten können nur hoffen, dass Zitzmann recht behält.

Mehr: Armin Zitzmann, Vorstandschef der Nürnberger Versicherung spricht über Policen in Zeiten der Niedrigzinsen und seine Erwartungen an die neue EZB-Chefin. Lesen Sie hier das ganze Interview.

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