Nirav Modi und die PNB Ein Milliarden-Betrug erschüttert Indiens Bankensektor

Ein indischer Diamanten-Händler nutzt die strukturelle Schwäche heimischer Banken schamlos aus. Dabei stehen die größten Probleme noch bevor.
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Die Bank spielt in einem der schwersten Finanzskandale Indiens eine zentrale Rolle. Quelle: AFP
PNB

Die Bank spielt in einem der schwersten Finanzskandale Indiens eine zentrale Rolle.

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BangkokDie Läden seiner Schmuckkette sind in den schicksten Straßen von Hongkong, New York und London. Stars wie US-Schauspielerin Kate Winslet tragen seine Ringe und schon in jungen Jahren erreicht er die Forbes-Liste der reichsten Inder: Nirav Modi, eine der schillerndsten Gestalten des indischen Jetsets. Sein eigentliches Ziel: Indiens erste weltweit bekannte Luxus-Marke zu etablieren.

Doch jetzt steht Modi gemeinsam mit seinem Onkel Mehul Choksi im Zentrum von einem der größten Finanzskandale, die der Subkontinent jemals erlebt hat. Modi und seine Komplizen haben die öffentliche Punjab National Bank (PNB) angeblich um circa 1,8 Milliarden US-Dollar geprellt – und so ein Beben im gesamten indischen Bankensektor ausgelöst.

Am Dienstag übermittelte die PNB die schlechte Nachricht an ihre Gläubiger und Aktionäre. Man sei auf mehrere betrügerische und unautorisierte Transaktionen gestoßen, teilte das Kreditinstitut mit. Mittlerweile hat die indische Kriminalpolizei CBI Dutzende Razzien gestartet und Interpol alarmiert. Die indische Regierung ruft alle Banken des Landes dazu auf, ihre Bücher auf den Fall hingehend zu überprüfen.

Ausgangspunkt des mutmaßlichen Milliardenbetrugs ist eine einzelne Filiale der PNB in Mumbai. Dort saß angeblich ein Komplize Modis, der im Namen der Bank der zwischen 2011 und 2017 Bürgschaften ausstellte. Diese falschen Bürgschaften wurden dafür genutzt, dass Auslandsfilialen anderer indischer öffentlicher Banken Kredite auf Konten Modis überwiesen.

Die genauen Hintergründe sind noch unklar. Die PNB teilte mit, sie selbst erforsche noch, wie der Betrug genau funktionierte – und warum die interne Aufsicht die Jahre andauernden Machenschaften nicht entdeckte. Das fragen sich auch viele Beobachter: Immerhin ist die PNB keine kleine Dorfbank, sondern das zweitgrößte öffentliche Kreditinstitut des Subkontinents.

Streit darüber, wer für den Schaden aufkommt, ist vorprogrammiert. Laut Medienberichten sieht die indische Zentralbank die PNB in der Pflicht. Für die Bank wäre es eine enorme Belastung: Der Schaden beträgt rund ein Drittel der gesamten Marktkapitalisierung der Bank. Der Aktienkurs brach seit Bekanntgabe der Nachricht um einen zweistelligen Prozentsatz ein. Die Bank teilte zwar mit, Modi habe schriftlich zugesichert, alles zurückzuzahlen. Doch die Aussage glaubt kaum jemand. Da sich die Dimensionen des Skandals möglicherweise noch ausweiten könnten, geht in Finanzkreisen die Unsicherheit um. Auch die Aktienkurse weiterer indischer Kreditinstitute gaben kräftig nach.

Der indische Bankensektor ist ohnehin schon angeschlagen und gilt als eine der größten Schwachstellen der indischen Wirtschaft. Die Institute sitzen auf faulen Krediten in Höhe von circa 130 Milliarden US-Dollar. Wie auch im aktuellen Skandal rund um Modi sind es immer wieder die öffentlichen Banken, die negative Schlagzeilen machen. Erst im vergangenen Herbst hatte die indische Regierung Rekapitalisierungsmaßnahmen in Höhe von rund 32 Milliarden US-Dollar angekündigt, um das Siechtum zu beenden und die Kreditvergabe wieder anzukurbeln.

Der aktuelle Skandal zeigt aber einmal mehr, dass die Schwäche der indischen öffentlichen Banken systemisch bedingt ist – und es wenig hilft, sie nur besser zu polstern. Srikanth Vadlamanim, Analyst bei der Ratingagentur Moody’s, spricht von „strukturellen Schwächen bei den Grundsätzen der Unternehmensführung“. Als Ursache für die Dauerkrise gilt, dass die öffentlichen Kreditinstitute als Geldgeber für überambitionierte Projekte lokaler Politiker oder deren befreundeter Tycoons herhalten müssen. Doch auch die generell laxen Risikoüberprüfungen sehen Analysten als Problem.

Die nutzte Nirav Modi offenbar schamlos aus – und ist längst untergetaucht. Noch bevor Polizisten seine Villen und Läden durchsuchten und laut eigenen Angaben Schmuck im Wert von Hunderten Millionen Dollar beschlagnahmten, haben er und seine Familie sich im Januar ins Ausland abgesetzt. Indien hat zwar seinen Pass für ungültig erklärt, doch möglicherweise besitzt Modi auch Ausweispapiere anderer Staaten. Beobachter ziehen Vergleiche zum Brauerei-König und Teamchef des Formel-1-Rennstalls Force India, Vijay Mallya. Auch der hatte sich ins Ausland zurückgezogen und wird das Milliarden-Darlehen, das er indischen Staatsbanken schuldet, wohl nicht mehr zurückzahlen.

Medienberichten zufolge halten sich Modi und seine Familie derzeit in New York auf, wo sie ein Apartement mit Blick über den Central Park bewohnen. Andere vermuten ihn in der Schweiz. Das jüngste öffentliche Foto zeigt ihm auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos vor wenigen Wochen. Es ist ein Gruppenbild der indischen Delegation, nur wenige Meter entfernt steht Nirav Modis mächtiger Namensvetter: der indische Regierungschef Narendra Modi.

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