Dan Schulman

„Wenn ich 20 Jahre vorausblicke, sehe ich einen Siegeszug des digitalen Bezahlens.“

(Foto: Reuters)

Paypal-Chef Dan Schulman im Interview Abschied vom Bargeld kommt auf Raten – „Wir müssen unser Finanzsystem neu erfinden“

Der Chef von Paypal spricht über den Abschied vom Bargeld, den Börsenhype in der Branche und den laxen Umgang mancher Tech-Firmen mit Kundendaten.
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Wer Dan Schulman nicht kennt, könnte meinen, er habe sich erkältet. Mit leicht krächzender Stimme begrüßt der per Telefon aus Kalifornien zugeschaltete Chef des amerikanischen Onlinebezahldienstes Paypal seinen Interviewpartner. Doch der Eindruck täuscht: Der 60 Jahre alte Hobbykampfsportler ist topfit – und beantwortet die Fragen mit seiner charakteristischen rauen Stimme.

Herr Schulman, Sie haben einmal versucht, 24 Stunden lang ohne ein Bankkonto und eine Kreditkarte klarzukommen. Wozu haben Sie das gemacht?
Wenn man für eine Sache brennt, sollte man sie nicht nur intellektuell verstehen, sondern sie aus erster Hand erleben. Und bei Paypal ist es unsere Mission und Vision, die Finanzbranche zu demokratisieren.

Was meinen Sie damit?
Dass das Finanzsystem nicht nur für reiche Menschen da sein sollte.

Ist es das denn?
Die Zahlen sind zumindest dramatisch: Fast zwei Milliarden Menschen weltweit leben außerhalb des Finanzsystems. Sie stehen stundenlang in Schlangen, um einen Scheck einzuwechseln, und sie zahlen im Schnitt fast zehn Prozent ihres Einkommens für unnötige Gebühren und Zinsen. Allein in den USA summierten sich diese Kosten voriges Jahr auf 150 Milliarden Dollar – genauso viel, wie diese Menschen für Essen ausgegeben haben. Das ist ein riesiges Problem. Aber dank neuer Technologien können wir das ändern.

Wie soll das funktionieren?
Wir müssen unser Finanzsystem neu erfinden. Dank der Smartphone-Technologie hält heute jeder die Fähigkeiten einer ganzen Bankfiliale in der eigenen Handfläche. Damit sind Transaktionen rund 80 Prozent günstiger als mithilfe der Schattenbanken. Wenn Banken und Technologiefirmen also zusammenarbeiten würden, könnten wir Milliarden Menschen in das Finanzsystem integrieren.

Das klingt alles sehr nach Gutmenschentum. Dahinter stecken doch aber knallharte Unternehmensinteressen.
Wir erreichen damit zwei Ziele gleichzeitig: Wir können soziale Probleme lösen, aber auch unseren Gewinn steigern und somit etwas für unsere Aktionäre tun.

Und wie haben Sie Ihr ganz persönliches Experiment erlebt?
Ich musste mehr als 45 Minuten anstehen, um einen Scheck einzulösen. Als ich schließlich zum Schalter kam, wurde der Scheck nicht angenommen, weil darauf der Vorname Dan stand, während ich auf meinem Führerschein als Daniel bezeichnet werde. Ich wurde zu einem anderen Büro mehrere Blocks entfernt gelotst, wo ich den Scheck gegen 10 bis 15 Prozent Gebühren hätte einlösen können. Das hat mir die Augen geöffnet. Geld zu verwalten und zu bewegen ist praktisch ein Halbtagsjob, und ein teurer noch dazu.

Welche Bezahlmethode werden wir künftig überwiegend nutzen?
Das kommt auf das Land an. Die Deutschen nutzen noch sehr viel Cash, in China bezahlen 95 Prozent der Menschen mobil. China weist den Weg: Weltweit explodiert die Zahl der Mobilgeräte. Schon in fünf Jahren wird es sechs Milliarden Smartphones auf der Welt geben. Hinzu kommt die rapide Digitalisierung des Geldes. Immer weniger Dinge werden mithilfe von Bargeld erledigt.

Wird das Bargeld also verschwinden?
Wenn ich 20 Jahre vorausblicke, sehe ich weltweit einen Siegeszug des digitalen Bezahlens. Das wird unvermeidbar sein. Bis zum Ende des Bargelds wird es aber noch sehr lange dauern. Kreditkarten dagegen werden schon viel früher verschwinden. Man wird zwar Kreditkarten weiterhin als Zahlungsquelle nutzen. Aber dafür wird keine Plastikkarte mehr notwendig sein, sondern nur noch ein Mobiltelefon ...

... mit dem die Anbieter dann fleißig Daten über das Bezahlverhalten ihrer Kunden sammeln können. Weltweit gibt es nicht zuletzt wegen des Facebook-Skandals die Sorge, dass Tech-Firmen wie Paypal zu lax mit solchen Kundendaten umgehen. Haben Sie dafür Verständnis?
Absolut. Unsere Kunden vertrauen darauf, dass ihre Daten bei uns sicher sind. Der Schutz der Daten und der Privatsphäre ist daher essenziell für unsere Marke.

Aber das Misstrauen gegenüber Technologiefirmen und deren Umgang mit den Daten sitzt gerade hier in Deutschland tief. Was machen Sie denn mit den vielen Daten, die Sie über Ihre Kunden sammeln?
Wir verkaufen oder verleihen die Kundendaten niemals an Dritte. Wir nutzen sie ausschließlich dafür, Betrug zu verhindern und die Sicherheit zu erhöhen. Und das mit großem Aufwand: Wir schauen uns bei jeder Transaktion 30 bis 40 Variablen an, um die Identität des Kunden einwandfrei zu bestimmen.

Mit Google Pay kommt jetzt einer der ersten Anbieter für mobiles Bezahlen nach Deutschland. Wann werden Sie mit einem solchen Angebot auf den Markt kommen?
In Deutschland besitzen 81 Prozent der Bevölkerung ein Smartphone. Es wird unausweichlich sein, dass auch hier immer mehr der Finanztransaktionen digital ablaufen werden. Dazu arbeiten wir bereits mit Google Pay und anderen Anbietern zusammen. Außerdem werden wir einen QR-Code-Leser in unsere Paypal-App integrieren. Zunächst wird man ihn nur nutzen können, um zwischen Privatpersonen Geld zu transferieren. Aber schon recht bald werden wir diese Funktion unseren Händlern anbieten. In manchen Ländern bieten wir in Partnerschaft mit Banken bereits an, dass man an der Kasse kontaktlos mit dem Paypal-Wallet bezahlt.

Künftig wird man also mit der App von Paypal genauso bezahlen können wie mit Google Pay?
Ja, so wird es sein. 

Mit dem Kauf des schwedischen Zahlungsdienstleisters iZettle, der mobile Kassen herstellt, dringt Paypal derzeit in den Einzelhandel vor. Was wollen Sie dort?
Wir wollen kleinen und mittelgroßen Händlern eine große Palette an Finanzdienstleistungen anbieten und es ihnen dadurch ermöglichen, mit den großen Spielern im E-Commerce mitzuhalten. Unsere Strategie ist es, eine integrierte Plattform anzubieten, um den Unternehmen beim Wandel vom physischen zum digitalen Handel zu helfen. Unsere Plattform kann jede Bezahlmethode verarbeiten – von Kreditkarten bis hin zu Apple Pay. Und wir ermöglichen den Händlern, beispielsweise Auszahlungen an Zulieferer oder Rechnungen über uns abzuwickeln. 

Die Fusionswelle im Zahlungsverkehr rollt. Neben iZettle haben Sie zuletzt noch zwei kleinere Zukäufe gestemmt. Schauen Sie sich auch größere Übernahmen an?
Wir haben eine sehr gesunde Bilanz, und wir werden diese einsetzen, um weitere Unternehmen zu kaufen. Es ist wahrscheinlich, dass wir weiter sehr spezifische Fähigkeiten hinzukaufen. Wir haben gesagt, dass wir dafür ein bis drei Milliarden Dollar im Jahr ausgeben wollen. Aber ich würde es nicht ausschließen, dass wir auch einen größeren Deal angehen, wenn es strategisch und finanziell passt. Strategisch gesehen sind wir jedoch nicht darauf angewiesen.

Warum nicht?
Sehr viel von dem, was wir in der Vergangenheit dazugekauft hätten, können wir jetzt durch Partnerschaften darstellen. Allein in den vergangenen 18 bis 24 Monaten haben wir 25 große Kooperationen mit Tech-Firmen wie Google, Microsoft und Alibaba sowie mit diversen Finanzdienstleistern angekündigt. Und wir sind sehr erpicht darauf, als neutrale Plattform mit weiteren Finanzdienstleistern und Banken zusammenzuarbeiten.

Auch in Deutschland?
Ja, wir haben schon gute Partnerschaften mit einigen der hiesigen Geldhäuser, inklusive der Deutschen Bank. Wir wollen das weiter ausbauen.

Wird es angesichts eines sich schneller drehenden Fusionskarussells irgendwann nur noch eine Handvoll Plattformen für den Zahlungsverkehr geben?
Nein, das halte ich für ausgeschlossen. Wir sprechen über einen Markt, der 100 Billionen Dollar schwer ist. Es wird hier weiterhin eine große Zahl an Wettbewerbern geben, darunter die traditionellen Banken ebenso wie die aufstrebenden Technologiefirmen. Aber Größe ist natürlich trotzdem sehr hilfreich, weil man mehr Dienstleistungen anbieten und sich mehr Partner suchen kann. Paypal wird sicherlich weiterhin zu den Marktführern gehören. 

Die Aktionäre blicken derzeit geradezu euphorisch auf den Zahlungsverkehrsmarkt. Paypal ist mittlerweile mehr als doppelt so viel wert wie die frühere Muttergesellschaft Ebay, und der niederländische Rivale Adyen hat kurz nach dem Börsengang eine deutlich höhere Marktkapitalisierung als die Commerzbank. Ist das nicht ein irrer Hype?
Wenn ich versuchen würde zu verstehen, wie sich Aktienmärkte bewegen, würde ich verrückt werden. Daher will ich das nicht kommentieren. Aber generell gesagt schauen sich die Anleger natürlich den riesigen Zahlungsmarkt an und sehen dort enorme Wachstumschancen. Paypal ist sehr groß, aber selbst unser Marktanteil beträgt nur etwa ein Prozent. Unser Transaktionsvolumen wächst jedoch um weit mehr als 20 Prozent im Jahr. 

Fürchten Sie sich nicht vor dem US-Handelsgiganten Amazon, der mit Macht in dieses Geschäft vorstößt?
Wir haben einen gesunden Respekt vor allen unseren Wettbewerbern. Aber anders als Amazon haben wir keinen Interessenkonflikt, wenn wir mit Einzelhändlern rund um die Welt zusammenarbeiten. Wir sind eine offene und neutrale Plattform. 

Herr Schulman, vielen Dank für das Interview.

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