Plattformökonomie Wie Europas Banken das Amazon-Prinzip kopieren – und was sie sich davon versprechen

Immer mehr Internetkonzerne bieten auch Finanzdienstleistungen an. Europas Geldhäuser eifern ihnen nach, doch nicht jede Bank wird das überleben.
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Mit Apple Pay und Google Pay entsteht neue Konkurrenz für die etablierten Geldhäuser. Quelle: mauritius images
Bankgeschäfte per Smartphone

Mit Apple Pay und Google Pay entsteht neue Konkurrenz für die etablierten Geldhäuser.

(Foto: mauritius images)

FrankfurtGeht es um kurzfristige Quartalsgewinne, kann die Deutsche Bank aktuell nicht glänzen. Umso mehr stürzt sich das größte deutsche Geldhaus in die Digitalisierung ihres Geschäfts – und hat dabei ein weitaus langfristigeres Ziel im Blick: im Kampf gegen Amazon, Apple, Google und Facebook zu überleben.

Ein Vorhaben, für das Markus Pertlwieser deutliche Worte findet: „Banken müssen sich jetzt entscheiden, ob sie künftig letztlich austauschbarer Spar-, Anlage- oder Kreditproduzent für andere sein wollen oder ob sie selbst zum Plattformbetreiber werden wollen und können“, meint der Digitalchef der Deutschen Bank.

Seine Worte illustrieren: In der Bankbranche ist längst ein knallharter Verdrängungswettbewerb entbrannt. Die Kunden mögen es schnell, einfach - und wollen möglichst alles aus einer Hand. Mit ihren großen Internetplattformen sind die großen Teckkonzerne dafür die großen Vorbilder.

Doch längst haben diese auch damit begonnen, selbst Finanzdienstleistungen anzubieten – und werden damit zunehmend zur Konkurrenz. Jüngstes Beispiel: Der Onlinebezahldienst Paypal vergibt nun auch in Deutschland Kredite an Online-Shops.

Das hat drastische Folgen: Den ohnehin ertragsschwachen Geldhäusern droht ein noch schärferer Wettbewerb, weitere Gewinneinbußen und der Verlust des direkten Kundenkontakts. Schlimmstenfalls rutschen sie in die Bedeutungslosigkeit – als reine Produktlieferanten. Gelingt es ihnen, selbst zu einer Art Plattform zu werden, können die Institute eine zentrale Anlaufstelle für die Kunden bleiben.

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Doch nicht alle Banken dürften den Sprung in die Plattformökonomie schaffen. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing hat kürzlich prophezeit: „Das wird viele überfordern. Der Konsolidierungsdruck in Europa wird noch erheblich zunehmen.“

Das fürchten auch viele Bankmanager. Mehr als die Hälfte der Führungskräfte erwartet, dass Banking-Plattformen große Marktanteile zu Lasten etablierter Kreditinstitute gewinnen und den Markt bestimmen werden, zeigt eine Umfrage der Beratungsfirma Sopra Steria Consulting.

Kein Wunder, dass der baldige Start von Apple Pay, dem Bezahldienst des iPhone-Herstellers, so viel Aufmerksamkeit findet. Das Pendant von Google, Google Pay, ist bereits Ende Juni in Deutschland freigeschaltet worden. Auch der Onlinehändler Amazon hat längst einen eigenen Bezahldienst, Amazon Pay.

Im Zahlungsverkehr haben die Tech-Konzerne also längst Fuß gefasst. Amazon ist schon weiter. Einst als Online-Buchhändler gestartet, ist der Konzern heute gleichermaßen Elektronikhändler, Baumarkt, Drogerie, Lebensmittelgeschäft – und auch schon etwas eine Bank. Amazon vergibt Kredite – wenngleich noch nicht in Deutschland – an Händler sowie Firmenkunden.

„Diese Entwicklung wird sich fortsetzen und die Geldhäuser müssen dem etwas entgegensetzen, damit sie den Kontakt zu ihren Kunden nicht verlieren“, sagt Stefan Roßbach, Partner der Unternehmensberatung TME.

Das versucht nicht nur die Deutsche Bank, doch sie ist besonders eifrig dabei, ein Plattform-Geschäft aufzubauen. Gerade hat sie eine neue App namens „Yunar“ gestartet, über die Kunden verschiedene Bonusprogramme verwalten können. Beim „Zinsmarkt“ können Anleger auch Festgeld-Angebote anderer Anbieter finden.

Und an das Ende Juli gestartete Firmenkundenportal „Blueport“ sind mehrere Finanz-Start-ups (Fintechs) angebunden. Das Ziel dahinter: Man wolle nicht warten, „bis die Big-Techs kommen, sondern die Kundenschnittstelle selbst besetzen“, so Pertlwieser.

Auch andere Geldhäuser feilen daran, die Idee des Plattform-Bankings umzusetzen. Ähnlich wie die Deutsche Bank agiert die niederländische Großbank ING. Bankchef Ralph Hamers geht davon aus, dass Banken ihren Kunden künftig Dienstleistungen auf die Art anbieten müssen, auf die bereits Amazon setzt: schnell, einfach, an jedem Ort und zu jeder Zeit. Das entscheidende Kriterium für eine Banking-Plattform: „Sie muss vor allem offen sein“, so Hamers: offen für Kunden, für Anbieter und vor allem offen für die Konkurrenz.

Kooperation mit Fintechs

ING kooperiert mit einigen Dutzend Fintechs und ist in Deutschland mit einer Plattform prominent vertreten: Das Immobilienportal Interhyp ist aus dem deutschen Markt kaum mehr wegzudenken. Binnen fünf Jahren hat sich das Finanzierungsvolumen auf rund 20 Milliarden Euro verdoppelt, ebenso wie die Zahl der abgeschlossenen Finanzierungen bei den angeschlossenen Banken, die 2017 auf gut 100 000 gestiegen ist.

Die Direktbank DKB, die zur BayernLB gehört, will ebenfalls mit Hilfe von Kooperationen explizit zur Plattform werden – und kann sich auch vorstellen, zum Beispiel in der Baufinanzierung Drittprodukte anzubieten.

Das Thema Plattform-Banking hat auch der Marktführer, die deutschen Sparkassen, für sich entdeckt. Sie arbeiten an einer Art technischen Plattform, so dass Kunden per Online-Banking alle Produkte aus dem Sparkassen-Verbund sehen können – also nicht nur das Girokonto, sondern auch Versicherungen, Bauspar- und Anlageprodukte.

Perspektivisch werde sie auch für Lösungen von Dritten geöffnet, so der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV). „Die Sparkasse soll die Hauptbankverbindung bleiben, mit dem Girokonto als Ankerprodukt“, so die Vorstellung des DSGV. „Die Realität ist aber auch, dass durch stärkere Markttransparenz im Internet die Kunden eher bei einzelnen Leistungen zu Dritten wechseln.“

Ähnliches gilt für die Volks- und Raiffeisenbanken. Kern ihrer Digitalisierungsoffensive sei eine neue Vertriebsplattform, erklärt ihr Bundesverband BVR. Wie bei den Sparkassen gibt es kein Startdatum für die Plattform, sie soll nach und nach erweitert werden.

Dabei dürften Kunden eine Banking-Plattform kaum akzeptieren, wenn sie dort nur die Angebote eines Anbieters finden. „Eine Plattform, die nur die Produkte einer Bank oder einer Bankengruppe anbietet, greift zu kurz“, meint Oliver Mihm, Chef der Beratungsgesellschaft Investors Marketing. „Kunden erwarten, dass sie Informationen zu einer Vielfalt von Produkten verschiedener Anbieter erhalten.“

Nicht nur das: Die Geldhäuser sollten mit ihren Plattformen auch über reine Finanzdienstleistungen hinausgehen. „Um relevant zu bleiben, sollten Banken sich weniger auf ihre Produkte fokussieren und mehr auf die Bedürfnisse ihrer Kunden“, empfiehlt Roßbach und nennt ein Beispiel: „Kunden wollen nicht in erster Linie einen Kredit haben, sondern ein Haus kaufen. Bei diesem Projekt kann die Bank sie unterstützen, indem sie bei der Suche nach einer Immobilie, einem Notar, Architekten oder Handwerkern hilft.“

Wohin das führen kann, zeigt etwa die russische Tinkoff Bank, die 2006 als Kreditkartenherausgeber gestartet ist und sich inzwischen als „Lifestyle-Bank“ bezeichnet. Sie bietet alle klassischen Bankprodukte, doch im „Tinkoff Ökosystem“ können Kunden auch Flug- oder Zugtickets buchen, Versicherungen abschließen, Kino-Tickets kaufen und einen Tisch im Restaurant reservieren.

Zusätzlich werden sie zum Beispiel mit Finanztipps und Informationen zu lokalen Veranstaltungen versorgt. „Wir wollen in möglichst vielen Lebensbereichen unserer Kunden relevant sein“, sagt Geschäftsführer Oliver Hughes. Sein Ziel sei es nicht, jeden einzelnen Service zu monetarisieren, doch die Angebote würden zur Kundentreue beitragen.

Neues Gesetz treibt Entwicklung

Dass jetzt auch in Europa viele Geldhäuser an Plattformen basteln, liegt nicht nur an der drohenden Konkurrenz der Tech-Konzerne. Ein weiterer Grund ist die neue EU-Zahlungsdiensterichtlinie PSD2. Sie schreibt vor, dass die Banken auf Kundenwunsch auch Drittanbietern wie anderen Geldhäusern und Fintechs Zugriff auf Konten und Daten ihrer Kunden ermöglichen müssen. Zugleich kann jede Bank selbst auf die Schnittstellen von Wettbewerbern zugreifen und so tatsächlich Fremdprodukte auf die eigene Plattform zu holen.

In der Folge setzt sich auch das sogenannte Multibanking immer weiter durch, bei dem Kunden Konten, Karten, Kredite und Depots verschiedener Banken bei einem Institut zusammenführen können – eine kleine Variante der Plattform. Auch mehrere Fintechs bieten das an. Zwar hat der Großteil der Deutschen nur ein Konto. Doch Kunden mit mehreren Kontoverbindungen sind oft auch Besserverdiener – und somit die attraktivere Klientel für die Banken. Jede Bank wolle diese Kunden an sich binden. „Sie sollen möglichst alle Geschäfte über die eine Bank abwickeln“, erklärt Oliver Hommel, Zahlungsverkehrsexperte beim Berater Accenture. „Für die Banken ist auch interessant, mehr Informationen über ihre Kunden zu bekommen und sie gezielter anzusprechen.“

Doch auch die beste Multi-Banking-App dürfte nicht reichen, wenn Kunden lieber ein Girokonto bei Amazon eröffnen – sollte der Onlinehändler das irgendwann einmal anbieten.

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