Pysche Abgestürzte Helden: Die Bankerkrise

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Eine ganze Berufsgruppe ist in den Verdacht geraten, hauptsächlich aus Betrügern, Verrätern und Fälschern zu bestehen. Jetzt werden sie gesellschaftlich geächtet. Nur noch Prostituierte und Kriminelle sind Umfragen zufolge unbeliebter.

„Wenn ich auf einer Party neue Leute kennenlerne, versuche ich, das Thema Arbeit zu vermeiden“, erzählt ein Düsseldorfer Banker. Sein Kollege hat eine andere Strategie: „Ich sag', ich bin Betriebswirt, und hoffe, dass keine Nachfragen kommen.“

Im Job sind die unvermeidlich. Denn Kunden sind argwöhnischer geworden, lehnen neue Produkte ab. Das macht die Arbeit aufwendiger. Genauso wie neue Regeln, die die Bankmitarbeiter beachten sollen, um nicht wegen Falschberatung belangt zu werden. Der Druck aber, Woche für Woche eine bestimmte Anzahl an Krediten, Wertpapieren und Versicherungen zu verkaufen, hat keinesfalls nachgelassen.

Die Krise, sie könnte eine Chance sein für einen Neuanfang, dafür, Missstände abzustellen, Fehler zu korrigieren. Das haben viele Bankmitarbeiter gehofft. Bislang vergeblich.

Ein weißes Häuschen in einem Hinterhof in Offenbach, fünf Minuten Fußweg vom Bahnhof entfernt. Vor der Eingangstür versuchen ein paar Pflanzen die Sonnenstrahlen zu erhaschen, die sich durch die Wolken kämpfen. Werner Gross öffnet die Tür, ein eher kleiner Mann, kräftige Statur, fester Händedruck, angenehme Stimme.

Auch Gross spürt die Krise. Sie bringt ihm verstärkt Kundschaft, die sonst eher selten den Weg in diesen Hinterhof findet, in seine psychologische Praxis: Bankmitarbeiter, quer durch alle Institute und Hierarchien. Berater, die kleinen Sparern Zertifikate und Fonds verkaufen, genauso wie Investmentbanker, die Unternehmen bei Übernahmen begleiten, Leiter von kleinen Filialen genauso wie solche von großen Abteilungen in den Frankfurter Banktürmen zwölf Kilometer westlich von hier.

Gross hat sich mit einem Buch über die seelischen Kosten und Risiken des beruflichen Aufstiegs einen Namen gemacht. Seine Praxis in Offenbach gilt für Banker, denen die Krise zu schaffen macht, als diskrete Adresse. Kaum jemand weiß mehr über ihre Seelenlage als Werner Gross.

Schuld? Schlechtes Gewissen? Bei anderen Fragen denkt der 59-Jährige schon mal kurz nach. Jetzt antwortet er aber sofort: „Nein, meine Klienten erleben sich nicht als die, die an der Misere schuld sind.“ Was treibt sie dann zu einem Psychologen? Die Kunden, denen sie nicht mehr in die Augen schauen können? „Nein, ihr Problem sind auch nicht die Kunden, die durch Falschberatung Geld verloren haben. Es ist eher die egoistische Perspektive, die bei dem Bankmitarbeiter im Vordergrund steht: ,Mir geht es schlecht, und ich schaff' es nicht allein, aus dieser Situation herauszukommen.'“

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