Pysche Abgestürzte Helden: Die Bankerkrise

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In der Schweiz ging das Image der Banker besonders in die Knie. Quelle: Reuters

In der Schweiz ging das Image der Banker besonders in die Knie.

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Er nennt sie „abgestürzte Helden“, die Menschen, die in seine Praxis kommen – oft Männer, alleinstehend, lange Zeit erfolgreich im Beruf. Plötzlich haben sie allerdings schlaflose Nächte, sind unruhig, reizbar, erschöpft, bringen nicht mehr die Leistung wie noch vor einigen Monaten oder verhalten sich irrational.

So berichten Psychologen und Berater von Bankern, die in den Hochzeiten der Krise täglich zum Geldautomaten gingen, um Bargeld zu horten. Sie fürchteten, dass es bald keins mehr gibt. Oder von Brokern, deren Selbstwertgefühl rapide sinkt, seitdem die Boni kleiner ausfallen.

Das alles passt nicht zu ihrem Selbstbild. Genauso wenig wie ihre Angst vor dem Abstieg, Angst davor, Fehler zu machen.

„Das löst bei einigen Bankern eine Sinnkrise aus“, sagt Stefanie Bathe von Maincoach. Sie arbeitet als Wirtschaftscoach in Frankfurt und berät derzeit viele Manager aus der Finanzbranche – Menschen, die damit kämpfen, dass sie ihren Ansprüchen nicht mehr gerecht werden oder ihre Lebensziele in weite Ferne rücken.

„Da hat sich jemand vorgenommen, sein Haus in einigen Jahren, wenn er 50 ist, komplett abbezahlt zu haben“, erzählt Bathe, „jetzt macht ihm die Finanzkrise einen Strich durch die Rechnung.“ Die Reaktionen darauf können extrem ausfallen. Bathe: „Das Finanzsystem hat lange funktioniert. Die Landung auf dem Boden der Tatsachen ist für die Betroffenen umso härter.“

Sie leiden unter Panikattacken oder Depressionen, psychosomatischen Problemen oder einer Krankheit, die sich epidemisch ausbreitet, die es aber als offizielle Diagnose gar nicht gibt: das Burn-out-Syndrom.

Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Herbert Freudenberger hat den Begriff Mitte der 70er-Jahre zum ersten Mal verwendet. Er hatte den psychischen Verfall von Mitarbeitern in Hilfsorganisationen beobachtet. Sie verwandeln sich oft von glühenden Idealisten in frustrierte Individuen.

Schon lange ist klar: Nicht nur Menschen in Helferberufen können ausbrennen.

Markus Kramer hat sich lange Zeit gut geschlagen in den internen Rankings, die sein Filialleiter mit einem Tastendruck aus dem Computer holen kann. Häufig lag er oben oder mindestens im oberen Mittelfeld. Hat er getrickst? Das Schnauben am anderen Ende der Leitung wird lauter: „Ich habe nie bewusst eine Falschinformation gegeben. Aber nicht alle Kunden stellen alle Fragen.“

Wer nicht nachhakt, der ist ein „Leo“, ein leicht erreichbares Opfer. So nennen Bankberater Kunden, die sich jedes Produkt andrehen lassen.

Die Leos sind rar geworden. Viele Kunden legen ihr Geld lieber zu Hause in den Tresor oder unters Kopfkissen, als es ihrer Bank anzuvertrauen. Und wenn sie Geld anlegen, dann häufig nur als Festgeld, „bei anderen Vorschlägen wollen sie eine Nacht darüber schlafen, und dann sieht man sie nicht so schnell wieder“, sagt Kramer. Es braucht mehr Zeit, bis ein Vertrag unterschrieben, die Provision für die Bank sicher ist.

Das kostet Kraft – Kraft, die bei Kramer schwindet. Doch das sagt er so nicht. Er sagt: „Die Krise hat Unruhe in die oberen Etagen reingebracht, man hat die Zügel etwas losgelassen. Jetzt zieht man sie wieder an, und mir fällt es nicht ganz leicht, wieder Tritt zu fassen.“ Er atmet schwer.

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