Pysche Abgestürzte Helden: Die Bankerkrise

Bankmitarbeiter werden gesellschaftlich geächtet, haben schlaflose Nächte, Depressionen und Panikattacken – das Finanzdebakel hat in den vergangenen Monaten tiefe Spuren in der Psyche eines ganzen Berufsstands hinterlassen.
Vor allem in Frankfurt zerrt die Krise an den Nerven der Banker. Quelle: ap

Vor allem in Frankfurt zerrt die Krise an den Nerven der Banker.

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DÜSSELDORF. Das Telefonat beginnt mit Schweigen. Sekundenlang kein Wort. Dann holt der Mann am anderen Ende der Leitung tief Luft und sagt: „Sie wollen aus erster Hand wissen, wie es Bankangestellten heute geht? Gut wäre gelogen, okay untertrieben. Und wenn ich ehrlich antworte und mein Chef das liest, wird er sagen: ,Keiner zwingt dich, hier zu arbeiten, du kannst es sein lassen.' Ich sollte also besser den Mund halten.“

Er wird es nicht tun. Im Gegenteil. Nachdem er die Zusage bekommt, dass sein wirklicher Name nicht in der Zeitung stehen muss, er stattdessen Markus Kramer heißen kann, wird der Mann einiges sagen – über seine Arbeit als Berater bei einer Privatbank in einer westdeutschen Großstadt und wie die Finanzkrise diese verändert hat, über den Druck seines Chefs und das Misstrauen der Kunden, über ein System, das ihm schlaflose Nächte bereitet, aus dem er aber keinen Ausweg findet.

Es ist vor allem eine Frage, über die er seit Monaten immer wieder grübelt. Sein Sohn hat sie ihm gestellt – beim Frühstück an einem dieser Tage, an denen er die Fahrt zur Bank hinauszuzögern versuchte und fast zu spät dran war. „Papa, wenn man sich für einen Beruf entscheidet, ist das für immer? Kann man nie wechseln – auch wenn der Beruf keinen Spaß mehr macht?“

Banker lebenslänglich? Das geht Kramer nicht mehr aus dem Sinn. Diese Frage hat ihm klargemacht, wie sich sein Beruf gewandelt hat. Vor knapp 20 Jahren machte er eine Banklehre, weil ihm nach dem Abitur nichts Besseres einfiel. „Ich frag' mich, wie ich diesen Job bis zur Rente machen kann.“

Kramer steht für einen ganzen Berufsstand, der im öffentlichen Ansehen so tief gesunken ist wie die Kurse an den Börsen. Eine Zunft, die einst zur Elite zählte, hat jeden Kredit verspielt – seitdem die Bankenwelt durch die Pleite von Lehman Brothers im Herbst 2008 ins Wanken geriet, Milliarden vernichtete und sich Abgründe auftaten, die sich kaum jemand so tief und dunkel vorzustellen vermochte.

Zum Vorschein kamen Banker aus den Topetagen, die ihre Institute nur noch mit Steuergeldern in Milliardenhöhe vor der Insolvenz bewahren können, aber auf Millionen-Boni bestehen. Zum Vorschein kamen Bankberater, die das Vertrauen ihrer Kunden missbrauchen und um ihr Geld gebracht haben, weil sie sie falsch beraten haben. Zum Vorschein kam, dass diese Methode die Regel war, nicht die Ausnahme.

Eine ganze Berufsgruppe ist in den Verdacht geraten, hauptsächlich aus Betrügern, Verrätern und Fälschern zu bestehen. Jetzt werden sie gesellschaftlich geächtet. Nur noch Prostituierte und Kriminelle sind Umfragen zufolge unbeliebter.

„Wenn ich auf einer Party neue Leute kennenlerne, versuche ich, das Thema Arbeit zu vermeiden“, erzählt ein Düsseldorfer Banker. Sein Kollege hat eine andere Strategie: „Ich sag', ich bin Betriebswirt, und hoffe, dass keine Nachfragen kommen.“

Im Job sind die unvermeidlich. Denn Kunden sind argwöhnischer geworden, lehnen neue Produkte ab. Das macht die Arbeit aufwendiger. Genauso wie neue Regeln, die die Bankmitarbeiter beachten sollen, um nicht wegen Falschberatung belangt zu werden. Der Druck aber, Woche für Woche eine bestimmte Anzahl an Krediten, Wertpapieren und Versicherungen zu verkaufen, hat keinesfalls nachgelassen.

Die Krise, sie könnte eine Chance sein für einen Neuanfang, dafür, Missstände abzustellen, Fehler zu korrigieren. Das haben viele Bankmitarbeiter gehofft. Bislang vergeblich.

Ein weißes Häuschen in einem Hinterhof in Offenbach, fünf Minuten Fußweg vom Bahnhof entfernt. Vor der Eingangstür versuchen ein paar Pflanzen die Sonnenstrahlen zu erhaschen, die sich durch die Wolken kämpfen. Werner Gross öffnet die Tür, ein eher kleiner Mann, kräftige Statur, fester Händedruck, angenehme Stimme.

Auch Gross spürt die Krise. Sie bringt ihm verstärkt Kundschaft, die sonst eher selten den Weg in diesen Hinterhof findet, in seine psychologische Praxis: Bankmitarbeiter, quer durch alle Institute und Hierarchien. Berater, die kleinen Sparern Zertifikate und Fonds verkaufen, genauso wie Investmentbanker, die Unternehmen bei Übernahmen begleiten, Leiter von kleinen Filialen genauso wie solche von großen Abteilungen in den Frankfurter Banktürmen zwölf Kilometer westlich von hier.

Gross hat sich mit einem Buch über die seelischen Kosten und Risiken des beruflichen Aufstiegs einen Namen gemacht. Seine Praxis in Offenbach gilt für Banker, denen die Krise zu schaffen macht, als diskrete Adresse. Kaum jemand weiß mehr über ihre Seelenlage als Werner Gross.

Schuld? Schlechtes Gewissen? Bei anderen Fragen denkt der 59-Jährige schon mal kurz nach. Jetzt antwortet er aber sofort: „Nein, meine Klienten erleben sich nicht als die, die an der Misere schuld sind.“ Was treibt sie dann zu einem Psychologen? Die Kunden, denen sie nicht mehr in die Augen schauen können? „Nein, ihr Problem sind auch nicht die Kunden, die durch Falschberatung Geld verloren haben. Es ist eher die egoistische Perspektive, die bei dem Bankmitarbeiter im Vordergrund steht: ,Mir geht es schlecht, und ich schaff' es nicht allein, aus dieser Situation herauszukommen.'“

In der Schweiz ging das Image der Banker besonders in die Knie. Quelle: Reuters

In der Schweiz ging das Image der Banker besonders in die Knie.

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Er nennt sie „abgestürzte Helden“, die Menschen, die in seine Praxis kommen – oft Männer, alleinstehend, lange Zeit erfolgreich im Beruf. Plötzlich haben sie allerdings schlaflose Nächte, sind unruhig, reizbar, erschöpft, bringen nicht mehr die Leistung wie noch vor einigen Monaten oder verhalten sich irrational.

So berichten Psychologen und Berater von Bankern, die in den Hochzeiten der Krise täglich zum Geldautomaten gingen, um Bargeld zu horten. Sie fürchteten, dass es bald keins mehr gibt. Oder von Brokern, deren Selbstwertgefühl rapide sinkt, seitdem die Boni kleiner ausfallen.

Das alles passt nicht zu ihrem Selbstbild. Genauso wenig wie ihre Angst vor dem Abstieg, Angst davor, Fehler zu machen.

„Das löst bei einigen Bankern eine Sinnkrise aus“, sagt Stefanie Bathe von Maincoach. Sie arbeitet als Wirtschaftscoach in Frankfurt und berät derzeit viele Manager aus der Finanzbranche – Menschen, die damit kämpfen, dass sie ihren Ansprüchen nicht mehr gerecht werden oder ihre Lebensziele in weite Ferne rücken.

„Da hat sich jemand vorgenommen, sein Haus in einigen Jahren, wenn er 50 ist, komplett abbezahlt zu haben“, erzählt Bathe, „jetzt macht ihm die Finanzkrise einen Strich durch die Rechnung.“ Die Reaktionen darauf können extrem ausfallen. Bathe: „Das Finanzsystem hat lange funktioniert. Die Landung auf dem Boden der Tatsachen ist für die Betroffenen umso härter.“

Sie leiden unter Panikattacken oder Depressionen, psychosomatischen Problemen oder einer Krankheit, die sich epidemisch ausbreitet, die es aber als offizielle Diagnose gar nicht gibt: das Burn-out-Syndrom.

Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Herbert Freudenberger hat den Begriff Mitte der 70er-Jahre zum ersten Mal verwendet. Er hatte den psychischen Verfall von Mitarbeitern in Hilfsorganisationen beobachtet. Sie verwandeln sich oft von glühenden Idealisten in frustrierte Individuen.

Schon lange ist klar: Nicht nur Menschen in Helferberufen können ausbrennen.

Markus Kramer hat sich lange Zeit gut geschlagen in den internen Rankings, die sein Filialleiter mit einem Tastendruck aus dem Computer holen kann. Häufig lag er oben oder mindestens im oberen Mittelfeld. Hat er getrickst? Das Schnauben am anderen Ende der Leitung wird lauter: „Ich habe nie bewusst eine Falschinformation gegeben. Aber nicht alle Kunden stellen alle Fragen.“

Wer nicht nachhakt, der ist ein „Leo“, ein leicht erreichbares Opfer. So nennen Bankberater Kunden, die sich jedes Produkt andrehen lassen.

Die Leos sind rar geworden. Viele Kunden legen ihr Geld lieber zu Hause in den Tresor oder unters Kopfkissen, als es ihrer Bank anzuvertrauen. Und wenn sie Geld anlegen, dann häufig nur als Festgeld, „bei anderen Vorschlägen wollen sie eine Nacht darüber schlafen, und dann sieht man sie nicht so schnell wieder“, sagt Kramer. Es braucht mehr Zeit, bis ein Vertrag unterschrieben, die Provision für die Bank sicher ist.

Das kostet Kraft – Kraft, die bei Kramer schwindet. Doch das sagt er so nicht. Er sagt: „Die Krise hat Unruhe in die oberen Etagen reingebracht, man hat die Zügel etwas losgelassen. Jetzt zieht man sie wieder an, und mir fällt es nicht ganz leicht, wieder Tritt zu fassen.“ Er atmet schwer.

Nicht nur die Mitarbeiter von großen Privatbanken sind in die Kritik geraten, auch Landesbanken haben sich mächtig verzockt. Quelle: ap

Nicht nur die Mitarbeiter von großen Privatbanken sind in die Kritik geraten, auch Landesbanken haben sich mächtig verzockt.

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Die Institute haben in den Filialen die Ziele für das laufende Jahr festgelegt. Die Debatte über die Folgen der Krise, darüber, welche Lehren die Banken daraus ziehen sollten, rückt in den Hintergrund. Öffentlich üben sich die Manager zwar noch in Demut und geloben Besserung. Intern ist aber alles beim Alten. „Als sei die Krise nur ein kleiner Ausrutscher gewesen“, sagt der Personalrat einer Sparkasse. Die Bankenexperten von Verdi formulieren es dramatischer: „Die Zustände im Vertrieb sind schlimmer als jemals zuvor, Zielvorgaben wurden sogar erhöht.“

Diskussionen? Fragen? „Execution only“ steht oft über den Schreiben, mit denen Produkte vorgestellt, Verkaufsoffensiven eingeläutet werden. Und wenn ein Bankberater doch Zweifel anmeldet, vielleicht sogar kritisiert, dass man nicht Verkäufer und Berater in einer Person sein könne, bekommt er Antworten wie: „Wir sind eine Bank, wir verkaufen Finanzprodukte, wenn der Kunde Beratung will, muss er zur Verbraucherberatung gehen “, berichtet einer, der es wagte, seinem Chef zu widersprechen.

Es sind vor allem die älteren Mitarbeiter, die damit kämpfen, die noch andere Zeiten kennen, als Bankberatung den Nimbus hatte: sicher, seriös, sauber. „Die Jüngeren haben weniger Hemmungen, Teil einer Drückerkolonne zu sein“, erzählt ein Betriebsrat, „die sind schon entsprechend ausgesucht worden.“

Die Älteren macht der Job dagegen mitunter krank. Seit Jahren nehmen psychische Erkrankungen von Bankmitarbeitern deutlich zu – ein Plus von 70 Prozent seit Mitte der 90er-Jahre meldet die AOK. Laut Studien anderer Krankenkassen kommen psychische Erkrankungen im Kreditgewerbe häufiger vor als in anderen Branchen. Die Zahlen könnten jetzt erneut steigen.

Der Saal in der Frankfurt School of Finance & Management ist gut gefüllt – vor allem mit jungen Leuten, die kurz vor dem Abitur stehen oder eine Bankausbildung machen. Einige haben zu diesem Tag der offenen Tür an der privaten Hochschule für Banker ihre Eltern mitgebracht.

Vorn am Pult steht Udo Steffens, Präsident der Frankfurt School, und stellt die Privat-Uni vor: „Im Hintergrund stehen die Dresdner Bank, die HVB, die BHF“, zählt er auf und zeigt auf eine Power-Point-Grafik an der Wand mit den Logos der Institute, „die Großbanken, sofern sie noch groß sind.“

Steffens macht eine kleine Pause, schmunzelt und schaut erwartungsvoll ins Publikum. Stille. Keine Reaktion. Steffens nimmt den Faden wieder auf: „Keiner lacht? Da gibt es wohl nichts zu lachen.“

Weltweit verlieren Tausende der einstigen Geldvermehrer ihren Job, weil sie Risiken unterschätzt haben. Die Meister des Universums haben sich als windige Experten entpuppt. Bei den jungen Menschen, die hier in der Frankfurt School zu den Geldjongleuren von morgen ausgebildet werden wollen, ist die Bewunderung für die Bankenwelt – mag sie noch so angeschlagen sein – völlig intakt. Das Finanzdebakel tut der Euphorie über den Beruf keinen Abbruch. „Es gibt nicht zu viele Investmentbanker, sondern zu wenige gute“, sagt einer der Studenten, „Risiken muss man künftig kreativer managen.“ Einer seiner Kommilitonen ist ebenfalls optimistisch: „Die guten Jahre werden wiederkommen.“

Diese Sicht färbt auf den Nachwuchs ab. „Leute, die was können, werden immer gebraucht“, sagt Melinda Saatmann, eine 19-Jährige aus einer Kleinstadt östlich von Frankfurt. Sie will hier ihren Bachelor in Betriebswirtschaft machen. Jetzt steht sie mit ihrer Mutter im Innenhof der Schule an einem Teich und gönnt sich eine Zigarettenpause. Weiß sie, was der Job in einer Bank bedeutet? „Klar, man muss verkaufen können. Das kann ich, ich hab' in einem Klamottenladen gejobbt.“ Und ihre Mutter ergänzt: „Die Stellen in Banken sind krisensicherer als in anderen Branchen, man lässt Banken nicht insolvent gehen.“ Sie verzieht nicht das Gesicht. Ihr Satz war kein Stück ironisch gemeint.

Einige Meter weiter fachsimpelt eine Gruppe von Studenten: „Bei Aktien soll man einsteigen, wenn die Kurse unten sind.“ Das gelte auch im Beruf. Die Finanzwelt habe sich ja stets wieder erholt.

So ein bisschen Weltwirtschaftskrise bringt hier keinen aus dem Konzept. Zu lange hat die Bankenwelt funktioniert. Kein Grund, jetzt irgendetwas infrage zu stellen.

Werner Gross sitzt an einem ausladenden Tisch in seiner Praxis in einem Offenbacher Hinterhofhaus. Im Zimmer nebenan steht der schwarze Sessel, wo seine Klienten sich den Frust vom Leib reden. Hier hat er Holzstühle aufgestellt und den Raum in Gelb und Blau eingerichtet. Gelb, die Farbe der Sonne, steht für Optimismus. Blau, die Farbe des Himmels, für Ruhe und Weite. Sie kann helfen, Distanz zu gewinnen.

Ein langer Weg für einen Banker, manchmal zu lang: „Sie sind äußerst effizienzorientiert“, sagt Gross, „nach drei Terminen bei einem Psychologen muss alles wieder im Lot sein.“ Ansonsten verlieren sie die Geduld. Gross: „Dabei braucht eine positive Veränderung Zeit.“

Der Banker, ein schwieriger Patient. Einer, dem es sehr schwer fällt, sich psychische Probleme überhaupt einzugestehen. Es müsse schon einiges passieren, bevor sich Menschen, die sich für rational hielten und am liebsten alles in Zahlen ausdrückten, dazu durchringen könnten, räumt Gross ein. Solche extremen Zeiten erleben sie jetzt, die Psychologen und Coaches, die die Banker-Psyche reparieren sollen.

Markus Kramer versucht, sich selbst zu helfen, wenn die Zweifel an ihm nagen, er nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll in seinem Job. „Meine Frau arbeitet auch bei einer Bank“, erzählt er, „es tut gut, die Probleme mit ihr zu wälzen, auch wenn sie Glück hatte mit ihrem Chef, der mehr Verstand und Rückgrat aufbringt.“ Ansonsten helfe eine Flasche Bier, wenn er mal wieder partout nicht einschlafen könne.

Doch auch Kramer kennt Kollegen, die andere Mittel brauchen. Bei denen kein Bier hilft und auch kein Jogging, kein Yoga und keine Atemübungen. Die nur mit Hilfe von Tabletten über die Runden kommen.

So weit will er es nicht kommen lassen. Es gebe sie ja noch, dieBanken, die ihre Berater nicht so unter Druck setzen, die ihnen mehr Zeit geben, ihre Ziele zu erreichen. „Ich schreib' gerade Bewerbungen.“ Es klingt, als ob er noch nicht wüsste, ob er die Kraft haben wird, sie abzuschicken.

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