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Roland Palmer im Interview Wie der mobile Bezahldienst Alipay bei der Gesichtserkennung experimentiert

Jeder zweite Chinese nutzt Alipay. Der Europachef des Bezahldienstes spricht über diesen Zahlungsweg sowie die Trends in China und Deutschland.
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Alipay ist eines von vielen Finanzprodukten des Unternehmens „Ant Financial“. Quelle: obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH
Alipay

Alipay ist eines von vielen Finanzprodukten des Unternehmens „Ant Financial“.

(Foto: obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH)

München Von seinem Büro am Münchener Viktualienmarkt kann Roland Palmer chinesischen Touristen zusehen, wie sie die App des Bezahldienstleisters Alipay nutzen. Als Europachef ist er dafür zuständig, das Angebot ständig zu erweitern. Für die bargeldverliebten Deutschen erzählt der Brite im Interview, wie das Bezahlen der Zukunft aussehen soll. Auch wenn Alipay selbst keine Pläne hat, seinen Dienst auch Europäern anzubieten.

Herr Palmer, lernen wir in Deutschland heute schon von den Chinesen, wie wir in Zukunft bezahlen werden?
All die Technologie, die heute in China angewandt wird, zeigt uns sehr viel darüber, wie hier die Zukunft aussehen könnte. Es geht dabei nicht nur ums Bezahlen, sondern um alles, was auf dem Smartphone passiert. Das hat viel mit künstlicher Intelligenz zu tun, mit dem Internet der Dinge und der Blockchain-Technologie. Vieles in China ist vergleichbar mit dem, was im Silicon Valley passiert.

Wie genau funktionieren die neuen Formen des Bezahlens?
Es geht hier konkret um drei Dinge. Die Basis ist der Bezahlvorgang selbst. Der muss schnell, effizient und bargeldlos sein. Dazu kommen Services wie beispielsweise sehr gute Umrechnungskurse bei einem Auslandsaufenthalt. Zweitens geht es um Marketing.
Hier am Viktualienmarkt erkennen Kunden sofort, dass Alipay bei der Münchner Suppenküche akzeptiert wird. Sie haben die Speisekarte in der App, die Angebote, und sie bekommen erklärt, wie die einzelnen Gerichte schmecken. Wir weisen aber auch auf Benimmregeln und Gesetze hin.

Und an dritter Stelle?
Da steht die Steuerrückerstattung. Ein Technologiepartner hat für uns auch hierfür eine Lösung gefunden, damit die Kunden bei der Abreise nicht mehr stundenlang am Flughafen in der Schlange stehen müssen. Stattdessen bekommen die Kunden direkt nach der Zahlung mit Alipay den jeweiligen Steuerbetrag über die App auf ihr Konto gutgeschrieben.

Ist die Finanzdienstleistung von Alipay somit nur Beiwerk für die großen Consumer-Themen wie Shopping, Kommunikation oder Entertainment?
Hierzu muss man unsere Struktur verstehen. Alipay ist eines von vielen Finanzprodukten des Unternehmens „Ant Financial“. Alibaba hält einen Anteil von einem Drittel an Ant Financial, das ansonsten jedoch unabhängig gemanagt und geführt wird. Die anderen Anteilseigner sind große internationale Investoren.

Trotzdem wirkt aus europäischer Sicht alles wie ein großes Rundum-Sorglos-Paket.
Wir sind eine Lifestyle-App für Chinesen. Hundert Prozent unserer Kunden kommen von dort. Gerade haben wir einen neuen Meilenstein erreicht mit 700 Millionen Nutzern. Jeder zweite Chinese ist damit unser Kunde.

Eine solche Marktdurchdringung hätten europäische Banken gerne. Was können sie von Alipay lernen?
Das gesamte Konzept ist konsequent vom Konsumenten aus gedacht. Es geht hier nicht mehr nur ums Bezahlen, es geht um Marketing.

Welche Rolle spielt dabei Social Media?
Darin liegt ein riesiges Potenzial. In den fünfzehn Minuten Fußweg zum Büro habe ich heute zum Beispiel 90 chinesische Touristen gezählt. Das sind alles unsere Konsumenten. Sie gehen dahin, wohin sie der Content in ihrem Phone führt. Zu den Sehenswürdigkeiten, zu den besten Fotomotiven.
Damit kreieren sie in den Sozialen Netzwerken wiederum selbst Content. Beispiel Neuschwanstein: Dort waren im vergangenen Jahr 80.000 Chinesen. Auch, weil viele Menschen in den sozialen Netzwerken Fotos gepostet und ihren Freunden gesagt haben, dass sie hier unbedingt auch hinmüssen. Das Potenzial gerade an den touristischen Hotspots ist für Alipay immens.

Werden wir Europäer in Zukunft ebenfalls nur noch mobil bezahlen?
Es gibt nicht die gerade Linie vom Bargeld über die Kreditkarte zum mobilen Bezahlen. In Europa geht es künftig darum, die relevante Form für einen jeweiligen Bezahlvorgang zu finden. Das kann bar, per Kreditkarte oder Smartphone sein. China ist da komplett anders, dort dominiert eindeutig das mobile Bezahlen.

Und was kommt nach dem mobilen Bezahlen?
Im Moment experimentieren wir sehr stark mit dem Thema Gesichtserkennung. Dafür haben wir schon Beispiele, auch bei Alipay. Allerdings befindet sich die Technologie noch in der Pilotphase. Wir haben noch keinen Zeitplan für eine offizielle Einführung bei chinesischen Händlern. Eine Einführung in Europa ist überhaupt nicht geplant.

Wie viele Menschen arbeiten bei Alipay im Bereich Forschung und Entwicklung und wie hoch ist der Etat dort pro Jahr?
Tech-Unternehmen wie Ant Financial haben keine traditionelle „Forschung-und-Entwicklungs“-Abteilung mehr. 60 Prozent unserer Mitarbeiter sind Ingenieure, die konstant an neuen und existierenden Bezahllösungen arbeiten.

Wie blicken Chinesen auf die Tatsache, dass in Deutschland noch sehr viel in bar bezahlt wird?
Es ist eine sehr unterschiedliche Dynamik. In China zum Beispiel bezahlt fast niemand mehr ein Taxi in bar. Hier akzeptiert man womöglich eine Kreditkarte, am liebsten aber Cash. Deswegen haben chinesische Touristen immer auch Bargeld dabei, weil sie wissen, dass nicht überall Alipay akzeptiert wird.

Gibt es hierfür nicht Obergrenzen?
Ganz genau. Die Standardsumme liegt bei 10.000 Euro, die mitgebracht werden dürfen. Nun gibt es wohlhabendere Menschen in China, die das am ersten Tag in Paris schon ausgegeben haben. Anschließend in München, Frankfurt oder Berlin kommt dann Alipay oder ein anderer Player ins Spiel.

Wie ist der Wettbewerb mit anderen chinesischen Anbietern?
Sehr umkämpft. Weil es um sehr viel Geld geht. Im vergangenen Jahr haben chinesische Touristen hier 5,8 Milliarden Euro ausgegeben. Im Schnitt waren es pro Trip 3710 Euro. Allein in drei deutschen Städten geben sie im Schnitt ohne Hotelkosten mehr als 750 Euro pro Tag aus, das sind München, Frankfurt und Düsseldorf.

Wann richtet Alipay sein Angebot auch auf europäische Kunden aus?
Unser Fokus liegt eindeutig auf chinesischen Kunden. Aber wir haben aktuell in Deutschland mehrere tausend Händler für unser Bezahlsystem gewinnen können, das Wachstum von April bis September betrug 95 Prozent. Dort können aber nur Chinesen bezahlen. Dieses Wachstum zu managen ist nun unsere Hauptaufgabe. Zumal die Pipeline mit weiteren Händlern in Deutschland voll ist.

Wie wäre es mit Partnerschaften, wie sie Alipay bereits in mehreren asiatischen Ländern hat?
Wir haben neun lokale E-Wallet-Partner in Asien, in Indien zum Beispiel Pay TM. Wir werden weiterhin entweder akquirieren oder Joint Ventures in Asien und anderen Schwellenländern anstreben. Wir planen allerdings nichts davon in absehbarer Zeit in Europa.

Wie oft zahlen Sie selbst eigentlich noch in bar?
Ich bin kein Chinese, habe dort auch kein Bankkonto. Deswegen darf ich Alipay auch nicht nutzen. Wenn ich in einigen Wochen wieder in China bin, will ich versuchen, dass für mich als Mitarbeiter eine Ausnahme gemacht wird. Bisher ließ ich mich immer von meinen chinesischen Kollegen einladen.

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