Schweizer Volksabstimmung Jetzt muss Opa ran – Die Schweizer Vollgeldinitiative wirbt mit einem plakativen Youtube-Video

Die Vollgeldinitiative fordert die Schweizer zur Reform ihres Geldsystems auf, doch das Thema ist kompliziert. Ein Großvater erklärt es seiner Enkelin im Netz.
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Mit diesem Slogan und Video will die Schweizer Vollgeld-Initiative die Bürger vom Sinn ihres Anliegens überzeugen.
„Immer noch Geld in der Matratze?“

Mit diesem Slogan und Video will die Schweizer Vollgeld-Initiative die Bürger vom Sinn ihres Anliegens überzeugen.

ZürichUm den Schweizern zu erklären, was Vollgeld bringt, muss Opa ran: Im Spot der Vollgeld-Initiative versteckt ein älterer Herr seine kostbaren Franken in der Matratze. „Wenn die Bank hops geht, ist mein ganzes gutes Geld futsch!“, erklärt Großpapa der erstaunten Enkelin sein Vorgehen. „Aber nicht, wenn wir die Vollgeldinitiative annehmen“, erwidert die Enkelin. „Unsere Bankkonten werden dann absolut sicher!“

Der kuriose Spot zeigt, wie schwierig es ist, das Anliegen der Vollgeld-Initiative zu erklären. Die Initianten fordern die Schweizer zur Reform ihres Geldsystems auf. Doch das Vollgeld-Thema gilt als extrem kompliziert und bringt die direkte Demokratie an ihre Grenzen. Auch deshalb haben die Gegner leichtes Spiel: Umfragen rechnen bei der Abstimmung am Sonntag mit einer vergleichsweise niedrigen Wahlbeteiligung – und einer Niederlage für die Vollgeld-Initiative.

Die Initiative sei die „schwierigsten Prüfung, die es je gab“, urteilte das Schweizer Fernsehen. „Nur, dass sie die ganze Schweiz bestehen muss“. Schließlich ist Geldschöpfung eine Materie, um die selbst manche Ökonomen lieber einen Bogen machen.

Dabei werben die Vollgeld-Befürworter mit einem verlockenden Versprechen: Das Geld auf dem Girokonto soll so sicher werden wie das Bargeld im Portemonnaie. Denn das elektronische Geld („Buchgeld“ genannt) und Bargeld sind nicht dasselbe. Während Bargeld von Notenbanken ausgegeben wird, wird Buchgeld von Banken geschaffen, wenn sie Kredite vergeben. Inzwischen macht das Buchgeld rund 90 Prozent der sogenannten breiten Geldmenge aus.

Heute ist es so: Wer Geld von seinem Konto abheben möchte, muss darauf vertrauen, dass die Bank seine Forderung in Bargeld umwandeln kann. Genau das kann in der Finanzkrise aber zum Problem werden, wenn die Angst vor einem so genannten Bank-Run umgeht.

Die Vollgeld-Initiative will das ändern: In Zukunft soll in der Verfassung stehen, dass statt der Banken die Zentralbank das elektronische Geld schafft. Banken würden es nur noch verwahren, ähnlich wie Bargeld in einem Schließfach. Das Geld auf Girokonten wäre „vollwertig“ wie Bargeld – und wird deshalb Vollgeld genannt. Ökonomen attestieren der Idee durchaus Vorteile, doch bei den Schweizern tut sie sich schwer.

Das liegt auch daran, dass die Ressourcen im Abstimmungskampf ungleich verteilt sind: Hinter dem Vollgeld steht der Verein „Monetäre Modernisierung“, der sich über Spendengelder finanziert und vor allem von emeritierten Professoren unterstützt wird. Prominente Fürsprecher gibt es nicht.

Auf der anderen Seite steht das mächtige Establishment: Keine der großen Parteien unterstützt das Vorhaben. Die Bankenlobby, die Nationalbank und die Wirtschaftsverbände lehnen das Vorgehen ab. Vollgeld sei „riskant, teuer, schädlich“, wirbt das Komitee „Vollgeld Nein“ auf seinen Plakaten. Die Gegner warnen, dass Finanzdienstleistungen durch das Vollgeld teurer werden. Auch seien die Folgen für die Wirtschaft unabsehbar.

Die Vollgeld-Gegner agieren geschickt: Die Banken, allen voran die Großbanken UBS und Credit Suisse, würde das Vollgeld wohl am Stärksten treffen. Doch die Institute achten darauf, keine Angriffsfläche zu bieten. Die Chefs der großen Institute haben es bislang vermieden, öffentlichkeitswirksam Stellung zum Vollgeld zu beziehen. Stattdessen ergreifen Branchenverbände wie die schweizerische Bankiersvereinigung das Wort. Sie spricht von einem „beispiellosen Hochrisikoexperiment“.

Die Vollgeld-Fans sind also in der Unterzahl – und versuchen, die Schweizer an der Basis zu überzeugen. Im Vorfeld der Abstimmung zogen sie mit Flyern und einem sechs Meter hohen „Sparsäuli“ bewaffnet durchs Land, vom schneebedeckten Davos bis zum Bundesplatz in Bern.

Überall in der Schweiz wirbt die Vollgeld-Initiative mit ihrer Sparsau.
Sparsäuli in Davos

Überall in der Schweiz wirbt die Vollgeld-Initiative mit ihrer Sparsau.

„Mit seinem gewinnenden Lächeln strahlt es jene Ruhe und Gelassenheit aus, die mit Schweizer Vollgeld manifest wird“, heißt es auf der Webseite der Initiative. Am Mittwoch endete die Tournee in Zürich. „Auch wenn uns die Medien keine großen Chancen einräumen, ist die Resonanz der Menschen durchaus positiv“, sagt Simon Sennrich, einer der Unterstützer.

Demoskopen räumen dem Vorhaben an der Urne jedoch geringe Chancen ein. „Die Komplexität der Vorlage dürfte in der Bevölkerung zu Schwierigkeiten bei der Einschätzung der wirtschaftlichen Konsequenzen führen“, schreiben die Experten des Meinungsforschungsinstituts gfs.bern. Dazu kommt: Die Themen Wirtschaft und Geldpolitik stehen bei den Schweizern derzeit nicht sonderlich hoch im Kurs. Zwar hätten die Medien das Vollgeld inzwischen für sich entdeckt, es handele sich aber „eher um ein Thema für Spezialisten“.
So zeichnet sich in der letzten Befragung der Berner Meinungsforscher ein klarer Trend gegen die Initiative ab. Rund 54 Prozent der Befragten wollen gegen die Initiative stimmen, nur 34 Prozent dafür. Das allerdings war nur eine Momentaufnahme: Abgestimmt wird noch bis zum Sonntagmittag.

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