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Serie „Decentralized Finance“ (4) „Wie Youtube, nur für Liquidität“: Wie Uniswap und Co. ein Gegenkonzept zur Wall Street aufbauen

Ein wichtiger Baustein des Dezentralen Finanzsystems sind Handelsplattformen, die ohne Mittelsmänner funktionieren. Doch das Prinzip birgt auch Risiken.
14.06.2021 - 04:04 Uhr Kommentieren
Dezentrale Börsen, kurz „Dexes“ genannt, sind Handelsplätze für digitale Coins. Quelle: imago images/Science Photo Library
Ethereum

Dezentrale Börsen, kurz „Dexes“ genannt, sind Handelsplätze für digitale Coins.

(Foto: imago images/Science Photo Library)

Frankfurt, New York Seine Karriere hat Hayden Adams bei Siemens in den USA gestartet. Doch Modelle und Simulationen für die Autobranche zu erstellen „war nicht meins“, wie er bei einer Preisverleihung erzählte. „Das hat vermutlich mit dazu beigetragen, dass ich nach etwa einem Jahr meinen Job verloren habe.“

Heute kann der hagere Ingenieur mit dem Faible für mit Einhörnern bedruckte T-Shirts darüber lachen – denn der Rauswurf bei Siemens führte ihn in die Kryptowelt, in der er heute als Visionär gefeiert wird. Adams ist Gründer der größten dezentralen Kryptobörse Uniswap, die sich seit der Gründung 2018 zu einem wichtigen Dreh- und Angelpunkt der Dezentralen Finanzwelt entwickelt hat.

Hinter Decentralized Finance, kurz DeFi, verbirgt sich ein schnell wachsendes dezentrales Netz von Anwendungen, das ein neues Finanzsystem verspricht, das im Prinzip ohne Intermediäre wie Banken oder Börsen auskommt.

Dezentrale Börsen, kurz „Dexes“ genannt, sind Handelsplätze für digitale Coins, deren Handelsvolumen im vergangenen Jahr rasant gestiegen sind. Die bekanntesten unter ihnen heißen Uniswap, Sushiswap oder Curve Finance. In der ersten Juni-Woche lag das Volumen aller Dexes bei rund fünf Milliarden Dollar. Während der turbulenten Tage, die die Kryptowelt im Mai durchmachte, war es sogar gut dreimal so viel. Zum Vergleich: Vor einem Jahr lag das Volumen noch bei mageren 50 Millionen Dollar.

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    Dexes unterscheiden sich deutlich von klassischen Börsen und den großen Kryptohandelsplätzen wie Coinbase und Gemini. Wer Coinbase und Co. nutzt, braucht ein Konto, muss seine Identität bestätigen und stellt seine Assets unter die Obhut der Anbieter. Sie nutzen ein traditionelles Orderbuch, um den Handel zwischen ihren Kunden zu ermöglichen. Deshalb werden sie auch „Cexes“ gennannt, kurz für „centralized exchanges“, also Zentralisierte Handelsplätze.

    Uniswap hingegen verfolgt einen anderen Ansatz. Die Börse basiert auf der Ethereum-Blockchain, der Technik hinter der zweitgrößten Kryptowährung Ether, und der Marktplatz ist dezentral organisiert. Das heißt: Die Börse gehört nicht einem einzelnen Unternehmen, auch wenn Adams den ursprünglichen Code geschrieben hat. Uniswap wird stattdessen von einer Community aus Nutzern und Programmierern verwaltet, die Vorschläge einbringen und über sie abstimmen.

    Der Grundgedanke: Dexes ermöglichen den direkten Austausch von Assets zwischen Nutzern, ohne dass das Netzwerk auf Zwischenhändler angewiesen ist. Damit verkörpern die Börsen den Traum der Kryptowelt von echter Dezentralität, einem Markt ohne Staat, Regulierer, Banken oder andere Intermediäre, ohne deren Macht, Einfluss und Regeln.

    Das Handelsblatt stellt das Finanzsystem in einer neuen Serie im Detail vor.
    Decentralized Finance (DeFi)

    Das Handelsblatt stellt das Finanzsystem in einer neuen Serie im Detail vor.

    Ein smarter Vertrag ersetzt Mittelsmänner

    „Es sind diese dezentralen Börsen, die DeFi das Leben einhauchen“, sagt Wall-Street-Veteran Jim Bianco vom Analysehaus Bianco Research, der den Bereich genau verfolgt. „Sie ermöglichen den schnellen Wechsel von einem Coin in den anderen. Und Uniswap ist der mit Abstand wichtigste Anbieter auf der Ethereum-Blockchain“, so Bianco.

    Statt auf klassische Marketmaker, die Käufer und Verkäufer zusammenbringen, setzt Uniswap auf sogenannte automatisierte Liquiditätspools, bei denen Transaktionen automatisch durch einen sogenannten Smart Contract ausgeführt werden. „Ein Matching von Käufer und Verkäufer über eine zentrale Partei findet nicht statt“, erklärt Patrick Hansen vom Digitalverband Bitkom. „Dieser Prozess wird durch den Smart Contract anders organisiert.“ Dieses Trading-Konzept nennt man „Automated Market Maker“.

    Bei Liquidity Pools stehen sich immer zwei Währungen gegenüber. Nutzer können also zum Beispiel einen Ether gegen die entsprechende Menge des Stablecoins Dai eintauschen, dessen Wert direkt an den Dollar gekoppelt ist und zahlen dafür eine kleine Gebühr.

    Der Uniswap-Mechanismus passt die Preise automatisch an und balanciert die Pools aus, sodass am Ende immer der gleiche Gesamtwert an Assets vorhanden ist. Sollte der Preis für Ether in einem Extrembeispiel auf null fallen, dann würde der Pool zu 100 Prozent aus Dai bestehen.

    Um sicherzustellen, dass in den jeweiligen Pools immer genügend Liquidität vorhanden ist, hat Uniswap Anreize geschaffen, damit die Nutzer selbst zu sogenannten Liquiditätsprovidern werden. Wer zum Beispiel Ether und Dai im Wert von jeweils 1000 Dollar in einen Pool gibt, der erhält einen Anteil der Transaktionsgebühren. Je mehr Liquidität man bereitstellt, desto größer die Belohnung.

    „Ähnlich wie in einer Demokratie“

    So kann jeder seinen eigenen Pool zum Austausch von Kryptowährungen schaffen, vorausgesetzt, sie sind mit der Ethereum-Blockchain kompatibel. Denn fast alle Decentralized Exchanges laufen über diese dezentrale Datenbank-Technik.

    Adams zieht zur Veranschaulichung gern den Vergleich zwischen dem Streaming-Dienst Netflix und der Videoplattform Youtube, bei dem die Nutzer selbst Inhalte produzieren und hochladen können.. Netflix könne nur eine bestimmte Menge an Inhalten produzieren. Uniswap basiere dagegen quasi auf von Nutzern generiertem Inhalt, nur gehe es eben nicht um Videos sondern um Liquidität.

    Dabei können auch die Macher einer Dex Geld verdienen, und zwar über Transaktionsgebühren sowie die Ausgabe sogenannter Governance-Token, einer Art Hauswährung. Laut Patrick Hansen verteilt jede Dex ihre Einnahmen durch Gebühren anders, ein Teil geht in der Regel an das Team oder den Entwickler. „Mittel- bis langfristig entscheiden das aber die Besitzer der Governance-Token. Es wird ähnlich wie in einer Demokratie in klar definierten Verfahren über Änderungsvorschläge abgestimmt“, so Hansen.

    Doch aktuell sind diese Profite jenen Nutzern vorbehalten, die Geld, Zeit und Vorwissen in den Umgang mit und den Handel auf Dexes stecken. „Ein Kritikpunkt ist, dass Dexes nur etwas für Reiche seien. Und der Vorwurf ist nicht unbegründet“, erläutert Michael Geike, Vorstand der Berliner Advanced Blockchain AG. So koste eine Transaktion derzeit bei vielen Anbietern noch rund 15, bei einigen sogar über 120 Dollar. Um das zu ändern, investiert Geikes Unternehmen in Anwendungen, die die Transaktionskosten senken sollen.

    Japanisches Menu für Kryptobörsen

    Doch nicht nur die hohen Transaktionskosten schrecken manche Investoren ab. Ein Beispiel für die grundlegenden Risiken der dezentralen Börsen liefert die Geschichte von Sushiswap, einer Dex, die Kritiker als dreiste Kopie von Uniswap bezeichnen.

    Der Name ist dabei Programm: Nutzer klicken sich zu Bildern von japanischen Snacks durch eine „SushiBar“ von Anwendungen, die sich „Bento Box“, „Miso“ oder „Sake“ nennen. Dazu der Slogan: „Be a DeFi Chef with Sushi“.

    Doch im vergangenen September dürfte vielen Nutzern der Appetit vergangen sein. Damals veräußerte der Entwickler der aufstrebenden Kryptobörse auf einen Schlag all seine Token. Er selbst wurde damit um rund 13 Millionen Dollar reicher – die Token verloren allerdings fast 90 Prozent ihres Wertes.

    Doch dann folgte die zweite Überraschung: Anstatt mit dem Geld abzuhauen, wie in der Community befürchtet, überschrieb der anonyme CEO, der sich nur „Chef Nomi“ nennt, die Kontrolle über die Börse an einen Nachfolger.

    Schwierige Regulierung

    Den großen Krypto-Crash im Mai haben Uniswap und andere etablierte Anbieter gut überstanden. Die Systeme der wichtigsten DeFi-Plattformen hätten trotz der extremen Belastungen „genauso funktioniert wie vorgesehen“, bemerkt Wall-Street-Veteran Jim Bianco. Kritiker warnen dagegen, dass der massive Einbruch zeige, wie anfällig das ganze DeFi-System sei.

    Auch Regulierer sind auf den Bereich aufmerksam geworden. Wegen ihres dezentralen Charakters haben Dexes keine Mittel, um sich an Vorschriften im Kampf gegen Geldwäsche und Terrorismus-Finanzierung zu halten, wie das in der traditionellen Finanzindustrie notwendig ist. Wer Dexes nutzt, braucht kein Benutzerkonto, agiert also anonym. Je erfolgreicher der DeFi-Bereich wird, desto eher zieht er die Aufmerksamkeit von Regulierungsbehörden auf sich. „Sehr viele Fragen sind noch offen und die Regulierer haben noch keine Leitlinien für wichtige Fragen verabschiedet“, warnt Philip Moustakis zu bedenken, der früher selbst Ermittler der SEC war und heute für die Kanzlei Seward & Kissel arbeitet.

    In der Frage, ob Dexes das Potenzial haben, zentralisierte Handelsplätze gänzlich abzulösen, sind die Experten geteilter Meinung. Bitkom-Experte Hansen glaubt nicht daran: „Die zentralisierten Börsen sind enorm effizient und bieten darüber hinaus auch die größere Rechtssicherheit.“ Viele Experten halten dezentralisierte Börsen zudem schlichtweg für zu kompliziert in der Anwendung.

    Duncan Hoffman von der Blockchain-Analysefirma Chainalysis geht dagegen davon aus, dass sich die Nutzerfreundlichkeit der dezentralen Börsen verbessern wird. Langfristig könnten so beide Modelle nebeneinander existieren. Das sieht auch Experte Geike so: „Eine einzige Lösung für alles – das ist nur eine romantische Fantasie.“

    Mehr: Dezentrale Netze: Krypto-Revolution an den Finanzmärkten

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