Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Serie: Die Zukunft der Finanzbranche Blockchain: Nach dem Hype ist vor dem Durchbruch

Die Blockchain-Technik hat viele Hoffnungen nicht erfüllt. Doch jetzt arbeiten Start-ups und Banken an einer Vielzahl neuer Anwendungen.
Kommentieren
So wie die Start-ups das analoge Gewerbe aus den Altbauten vertreiben, könnten die von ihnen entwickelten Technologien die Macht der Bankkonzerne brechen. Quelle: Getty Images
Illustration eines Server-Raums

So wie die Start-ups das analoge Gewerbe aus den Altbauten vertreiben, könnten die von ihnen entwickelten Technologien die Macht der Bankkonzerne brechen.

(Foto: Getty Images)

Frankfurt Die Zukunft der Finanzindustrie entsteht im Hinterhof. Im Frankfurter Bahnhofsviertel geht es durch ein schmuddeliges Doppeltor, die Treppe hinauf und in ein altes Industrieloft, wo die Programmierer der Blockchain Helix AG sitzen. Sie werkeln an einer der vielversprechendsten Kryptoanwendungen.

Dass ihre Firma im Bahnhofsviertel sitzt, ist kein Zufall. Das Quartier der Spielhöllen, Szenebars und Stundenhotels in Sichtweite des Bankenviertels ist Experimentierfeld für Neues. Und so wie die Start-ups das analoge Gewerbe aus den Altbauten vertreiben, könnten die von ihnen entwickelten Technologien die Macht der Bankkonzerne brechen. Ein heißer Anwärter auf die Finanztechnik der Zukunft ist die dezentrale und fälschungssichere Datenbanktechnik Blockchain, glaubt Helix-Gründer Oliver Naegele.

Die Blockchain steckt auch hinter Kryptowährungen wie Bitcoin. Ähnlich wie das digitale Geld hat auch die neue Technik einen regelrechten Hype hinter sich. Enthusiasten schwärmten bereits von der Revolutionierung der Finanzbranche oder gar der Abschaffung der Banken. Ähnlich wie bei den Kryptowährungen ist auch der Hype um die Blockchain zumindest ein Stück weit verpufft. Das heißt aber nicht, dass Banken und Start-ups nicht ganz nüchtern an einer Vielzahl neuer Anwendungen für die Blockchain arbeiten würden.

Der hessische Diplom-Ingenieur Naegele ist kein Dampfplauderer, sondern redet mit Bedacht. Die Vision des Helix-Gründers ist simpel: In der digitalen Ökonomie führen Menschen Accounts bei Hunderten Firmen, Portalen, Dienstleistern. Von der Anmeldung für Carsharing und Streamingdienst bis zum neuen Bankkonto: Immer und immer wieder müssen sich Nutzer mit ihren Daten registrieren, überprüfen lassen und dann den Log-in merken. „Das muss alles einfacher werden“, sagt Naegele.

Digitale Identität

„Die Verwaltung der digitalen Identität ist die Aufgabe der Zukunft. Die Helix-ID-App macht umständliches Anmelden überflüssig und sorgt dafür, dass die Nutzer die Hoheit über ihre Daten behalten.“ Schon bald soll das Programm in viele Services eingebunden sein und Kunden in Sekunden anmelden, authentifizieren und gleich die Bezahlung abwickeln, alles mithilfe der Blockchain.

Der Clou: Die Nutzerdaten liegen auf abgeschirmten schwedischen Hochsicherheitssystemen. Die Daten werden nur punktuell und auf ausdrücklichen Kundenwunsch an die Anbieter übermittelt. Als unfälschbare Datenbank verifiziert die Blockchain dann, dass der Mensch, der sich gerade anmeldet, auch derjenige ist, dem die gespeicherten Daten gehören. Das Konzept hat den Autobauer Daimler überzeugt: Auf dessen neuer „Blockchain Mobility Platform“ sollen Fahrdienstleister, etwa Taxi- und Carsharing-Anbieter, um Kunden buhlen. Ab 2020 sollen Anmeldung und Bezahlung per Helix ID ablaufen. Gespräche mit weiteren Partnern, darunter zwei Banken, laufen.

Aufschwung erhält Helix durch die deutsche Blockchain-Strategie, die das Bundeskabinett vergangene Woche verabschiedet hat. Dort heißt es zum Thema ID: „Die Bundesregierung prüft, ob und inwieweit auch abgeleitete digitale Identitäten der Privatwirtschaft für Verwaltungsverfahren bzw. bestimmte Rechtsgeschäfte anerkannt werden können.“

Auch andere Krypto-Start-ups dürfen hoffen, sagt Thomas Heilmann, Blockchain-Experte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Er glaubt, dass die Technik schon bald alte Geschäftsmodelle überflüssig macht, etwa in der Wertpapierverwahrung. „Deutschland darf nicht eine weitere digitale Revolution verschlafen“, fordert er. „Wir können eine weltweit führende Position für Blockchain-Anwendungen einnehmen, wenn wir jetzt die Rahmenbedingungen schaffen.“ Bisher lagern bei Zentralverwahrern wie Clearstream, einer Deutsche-Börse-Tochter, alle deutschen Wertpapiere in Urkundenform. Das Gesetz will es so, auch wenn die Anleihen und Aktien längst digital gehandelt werden. Diese Papiererfordernis könnte nun wegfallen.

Noch 2019 sieht die Regierungsstrategie die Einführung von Blockchain-Anleihen vor – Blockchain-Aktien sollen bis Ende 2020 geprüft werden. Die Folge könnte eine neue „Krypto-Kapitalgesellschaft“ sein, eine elektronische GmbH oder AG. Ihre Anteile würden in Token-Form übertragen, gegründet würden sie zum Beispiel mithilfe spezieller Notare. Zusammen mit neuen Blockchain-Bonds könnten sich so für Start-ups, Immobilien- oder Softwarefirmen neue Finanzierungswege ergeben.

Vorbilder gibt es: Die LBBW hat mit Daimler und Telefónica Schuldscheine auf Blockchain-Basis begeben, die Commerzbank mit Continental.

Bereits in der Realität erprobt ist der Einsatz der Blockchain in der Handelsfinanzierung. Vorreiter ist hier die britische Großbank HSBC. Die hat bereits 2018 eine Blockchain-Plattform eingesetzt, um einen Kreditbrief rund um den Globus zu schicken. Künftig können auch Frachtpapiere und andere Dokumente statt per Fax und E-Mail per Blockchain von Schanghai nach Rotterdam versandt werden. Statt der üblichen fünf bis zehn Tage dauert der Prozess laut HSBC nur noch 24 Stunden.

„Die Macht der Blockchain liegt in der Technologie, nicht in virtuellen Münzen. Geld um die Erde zu schicken ist einfach. Aber Informationen um die Erde zu schicken, den Papierkram, der die Transaktionen validiert, das ist die eigentliche Herausforderung“, meint der neue HSBC-Chef Noel Quinn. Seine Bank ist nicht die einzige, die mit der Blockchain experimentiert.

Viele Institute haben sich zu Konsortien zusammengeschlossen, die den Praxiseinsatz erproben. Eines der größten ist „R3“, an dessen Plattform „Corda“ etwa Goldman Sachs, UBS und Mastercard beteiligt sind. JP Morgan arbeitet an einem „JPM Coin“, die Deutsche Bank, Santander, Barclays und andere an einem Konkurrenznetzwerk mit dem Projektnamen „Fnality“.

Angesichts der Vielzahl an Initiativen fragen kritische Beobachter, wo die Anwendungen für die Banken bleiben. „Viele Institute erproben die Technik nur halbherzig. Die immensen Anfangsinvestitionen für einen breiten Einsatz scheuen sie, auch, weil sie dringend die vorhandene IT-Infrastruktur erneuern müssen“, meint Volker Brühl, Finanzprofessor an der Frankfurter Goethe-Universität.

Gut möglich ist daher, dass schon bald andere Unternehmen zu den Vorreitern beim Blockchain-Einsatz werden – und etablierte Finanzriesen der Entwicklung hinterherlaufen. Das Reizwort ist aktuell „Libra“, die geplante Kryptowährung von Facebook, Paypal, Vodafone und Co. Sie hätte über Nacht Milliarden an möglichen Nutzern – wenn ihr die Politik nicht noch einen Strich durch die Rechnung macht.

Mehr: Erstmals haben in der Schweiz Blockchain-Finanzdienstleister eine Banklizenz von der Schweizer Bankenaufsicht erhalten. Auf Blockchain basiert auch Bitcoin.

Startseite

Mehr zu: Serie: Die Zukunft der Finanzbranche - Blockchain: Nach dem Hype ist vor dem Durchbruch

0 Kommentare zu "Serie: Die Zukunft der Finanzbranche: Blockchain: Nach dem Hype ist vor dem Durchbruch"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.