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Start-up-Branche Wenige glänzen, viele scheitern: Bei Fintechs rollt die Pleitewelle

Einige wenige Stars unter den Finanz-Start-ups glänzen noch mit Erfolgsmeldungen. In der Branche selbst hat längst eine Schrumpfkur begonnen.
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Fintechs: Wenige glänzen, viele scheitern Quelle: DigitalVision Vectors/Getty Images
Symbolisch: Pleitenwelle bei Fintechs

Seit 2011 haben 233 Finanztechnologiefirmen, kurz Fintechs, ihr Geschäft eingestellt.

(Foto: DigitalVision Vectors/Getty Images)

Frankfurt Finanz-Start-ups in Deutschland scheinen vom Erfolg verwöhnt zu sein. Die jungen Konkurrenten der Banken und Versicherer übertreffen einander mit Finanzierungsrunden in dreistelliger Millionenhöhe. Sie expandieren in Europa und in die USA. Und sie haben Millionen Kunden und verwalten Milliarden an Vermögen. Eine Studie der Beratungsgesellschaft PwC zeichnet nun jedoch ein tristeres Bild der aufstrebenden Szene.

Seit 2011 haben 233 Finanztechnologiefirmen, kurz Fintechs, ihr Geschäft eingestellt. Etwa jedes fünfte Unternehmen ist demnach schon wieder vom Markt verschwunden. Diese Zahlen bremsen die Euphorie um die jungen, wilden Überflieger.

Die Analyse von PwC zeigt erstmals, wie weit die Auslese bei Fintechs fortgeschritten ist. Die Pleitewelle hat vor zweieinhalb Jahren begonnen. Seitdem stellten allein 170 Finanz-Start-ups ihr Geschäft ein. „Im Jahr 2017 ist die Zahl der Geschäftseinstellungen sprunghaft angestiegen, und dieser Trend scheint sich fortzusetzen“, sagt Sascha Demgensky, Leiter Fintech bei PwC in Deutschland.

Im Durchschnitt würden die Fintechs knapp vier Jahre alt, die meisten scheitern im dritten oder vierten Geschäftsjahr. Diese Schließungswelle könne also als Folge der Gründungseuphorie in den Jahren 2015 und 2016 interpretiert werden. Allgemein wird bei Start-ups eine Erfolgsquote von nur zehn Prozent angenommen.

Zuletzt gab es in Deutschland rund 800 Fintechs, das zeigte im vergangenen November eine Studie der Direktbank Comdirect. Angetreten sind sie mit hehren Zielen: Sie wollen die Finanzbranche revolutionieren, den alteingesessenen Instituten Marktanteile streitig machen oder sie gleich ganz vom Spielfeld verdrängen. Selbstbewusst preisen sie ihre einfach zu bedienende Software und intuitiven Smartphone-Apps, über die Nutzer Geld investieren, Kredite beantragen und Versicherungen abschließen können.

Dabei wollen sie transparenter und günstiger sein als traditionelle Firmen. Auch die Immobilienbranche haben sie erobert. Und wenn sie nicht um Endkunden buhlen, wollen sie die altmodischen Finanzhäuser fit für die digitale Welt machen.

Leiser Rückzug

Am Anfang trommeln sie laut, doch wenn Fintechs den Markt verlassen, passiert das häufig geräuschlos. Für größere Aufmerksamkeit sorgten lediglich die Pleiten einiger Firmen, die sogenannte P2P-Zahlungen ermöglichten: Über die Smartphone-Apps von Cookies, Cringle und Lendstar konnten Nutzer einander Geld senden und Rechnungen teilen, ohne die Kontodaten der anderen zu kennen.

Alle drei haben Insolvenz angemeldet. Die Teams von Cookies und Cringle schlüpften beim schwedischen Zahlungsdienstleister Klarna und der Direktbank DKB unter. Die Lendstar-App wird von E-Pay weiterbetrieben.

Lendstar-Gründer Christopher Kampshoff sieht für das Aus seiner Firma heute mehrere Gründe: „Wir sind 2012 als ein Pionier im Bereich mobiles Bezahlen gestartet und waren damit einfach zu früh.“ Bei den Kunden war das Thema offenbar noch nicht angekommen, und die Banken hätten sich noch nicht an Kooperationen mit Fintechs getraut. Das größte Problem für ihn und die anderen Fintech-Anbieter war aber die Offensive der Sparkassen und Volksbanken.

Sie starteten jeweils eigene Handy-zu-Handy-Zahlsysteme – und nutzen gemeinsam „Kwitt“. „Angesichts der Reichweite der Banklösungen haben wir von Investoren kein neues Geld mehr bekommen“, sagt Kampshoff, der inzwischen beim Insurtech Wefox angeheuert hat.

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Die Finanzierung ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. „Mit Geld kann man vieles kompensieren und sich beispielsweise fehlende Expertise einkaufen“, sagt Demgensky. Geld sei aber nie der einzige Grund fürs Scheitern, meint Manuel Peters, ein Fintech-Gründer, der eigentlich anders heißt, sich aber nicht öffentlich zur Pleite vor wenigen Jahren äußern will. „Das ist wie in einer Ehe, da streitet man sich immer mal. Aber wenn Geldsorgen dazukommen, bricht schnell die Krise aus“, sagt er.

Was Peters aus der Pleite gelernt hat: „Man sollte das Geld schon einwerben, bevor man es dringend braucht.“ Wer zu knapp kalkuliert, laufe Gefahr, dass er die Kapitalgeber um einen Vorschuss bitten muss. Das könne zusätzliche Firmenanteile kosten.

Weltweit hatten professionelle Geldgeber im ersten Quartal 2019 laut dem Analysehaus CB Insights 13 Prozent weniger Kapital in Fintechs gesteckt als im Vorquartal. In Europa nahm das Interesse aber zu. Gleiches gilt nach einer Analyse des Datenexperten Peter Barkow für Deutschland. Hiesige Finanz-Start-ups haben in den ersten drei Monaten dieses Jahres 686 Millionen Euro Kapital eingesammelt. Das sind 77 Prozent mehr als im vierten Quartal 2018 – ein neuer Rekord.

Zahl der „Zombie-Fintechs“ steigt

Die Zahl der Investments ist von 33 auf 26 pro Quartal gesunken. Statt ihr Geld breit zu streuen, setzen Investoren größere Summen auf ein paar Stars der Branche – allen voran zuletzt die Smartphone-Bank N26, die Anlageplattform Weltsparen und das Versicherungs-Start-up Wefox mit Finanzierungsrunden zwischen 100 und 260 Millionen Euro. „Dass die Anzahl der Finanzierungsrunden zurückgeht, ist kein negatives Zeichen. Der Markt wird einfach reifer“, sagt Andreas Haug, Mitgründer des Risikokapitalgebers E-Ventures.

Mit 70 gescheiterten Fintechs waren die meisten im Bereich Finanzierung aktiv. Dazu zählten Fintura, ein Vergleichsportal für Mittelstandskredite, die Kreditplattform Innolend und Trustbills, eine Auktionsplattform für Handelsforderungen. Auf Platz zwei landeten Proptechs, also Start-ups in der Immobilienbranche. In diesem Segment stellten neben Lendus, einem Marktplatz für Immobiliendarlehen, noch 52 weitere ihr Geschäft ein.

Aus dem Payment-Bereich gaben 29 Firmen auf – neben Cookies und Co. auch die Bezahl-App Avuba. Bei den Insurtechs, den Start-ups im Versicherungsbereich, verschwanden 22 – zum Beispiel das Portal Passt24, das Makler und Vertreter vermittelte. Im Geldanlagesegment scheiterten 20 Firmen, darunter die Plattform Cashboard. Elf Firmen hatten sich auf Dienstleistungen rund um den Bitcoin oder die Blockchain spezialisiert, so etwa Coyno.

Die Zahlen von PwC umfassen nur Firmen, die ihr Geschäft eingestellt haben. Etliche weitere Fintechs sind durch Fusionen und Übernahmen vom Markt verschwunden oder haben zumindest ihre Eigenständigkeit verloren. So übernahm der digitale Vermögensverwalter Moneyfarm den Frankfurter Konkurrenten Vaamo. Die Zinsplattform Deposit Solutions schnappte sich Savedo, und der Finanzdienstleister Figo fusioniert gerade mit Finreach Solutions, in dem schon Moneymap aufgegangen war.

Zudem beobachten Branchenkenner eine steigende Zahl sogenannter „Zombie-Fintechs“. „Es gibt sie noch, aber sie machen de facto nichts mehr“, sagt Peters.

Eine der Ursachen für ausbleibenden Erfolg ist das bloße Kopieren von Geschäftsmodellen bereits aktiver Start-ups. „Etliche gescheiterte Firmen waren Me-too-Fintechs“, sagt Berater Demgensky. Eine große Hürde ist auch die Kundenakquise.

Finanzen seien Vertrauenssache, sagt Corinna Sander, Leiterin Strategie und Innovation bei Union Investment. „Im Alleingang wird es einem unbekannten Fintech nur schwer gelingen, sich nachhaltig im Markt zu positionieren.“ Wer auf Privatkunden zielt, muss viel Geld für Marketing ausgeben.

Nicht zuletzt deshalb setzen viele Fintechs auf Kooperationen mit großen Firmen, richten sich an Geschäftskunden oder agieren als Technologiedienstleister für traditionelle Finanzinstitute. Doch eine Erfolgsgarantie ist auch das nicht. Laut PwC richteten sich 48 Prozent der gescheiteren Fintechs an End- und 44 Prozent an Geschäftskunden. Die übrigen konnten nicht klar zugeordnet werden.

Wichtige Investoren

Etablierte Firmen wollen zudem vor der Zusammenarbeit Referenzen sehen – erfolgreich abgeschlossene Projekte oder namhafte Investoren. Letztere sind für die Start-ups beinahe eine Überlebensgarantie, nur elf Prozent der gescheiterten Fintechs hatten Risikokapitalgeber im Boot. „Professionelle Investoren bringen meist Struktur in ein Start-up, sie fragen regelmäßig die Fortschritte ab und achten darauf, dass sich die Gründer nicht verzetteln“, erklärt Demgensky. Oftmals treiben sie den Marktstart voran.

Die erste Version, die Kunden testen können, ist häufig ein sogenanntes Minimum Viable Product – ein „minimal überlebensfähiges Produkt“, das später erweitert wird. Wie minimalistisch die Gründer sein sollten, hängt vom Einzelfall ab. Haug rät in der Finanzbranche zu Sorgfalt statt Schnelligkeit. Fehlerbehaftete Produkte könnten die Kunden auch verschrecken.

Hinzu kommt: Wer als Erster am Markt ist, kann nicht aus Fehlern der anderen lernen. Insbesondere bei regulierungspflichtigen Geschäften kann das ein Nachteil sein. Wer sich daran wagt, muss viel Zeit und Geld in Grundlagenarbeit stecken, während nachkommende Anbieter günstig partizipieren. Hierzulande gelten die Markteintrittsbarrieren als besonders hoch. „Die Finanzaufsicht Bafin legt die Gesetze in vielen Fällen am schärfsten aus“, meint PwC-Berater Demgensky.

Die Ungleichheit zwischen den Ländern Europas sieht Chris Bartz, Vorsitzender des Fintech-Rats, kritisch: „Es ist immer noch schwierig, ein Geschäftsmodell grenzüberschreitend aufzubauen, weil die Regeln häufig von Land zu Land verschieden sind und man unterschiedliche Lizenzen für das gleiche Geschäft braucht.“ Kampshoff fordert ein europäisches Patentrecht, mit dem sich innovative technische Prozesse besser schützen lassen.

Trotz der Marktaustritte sieht Demgensky kein Ende der Fintech-Begeisterung. „Banken können nicht mehr ohne Fintechs“, sagt er. Wegen ihrer Größe seien sie teils nicht so schnell und kreativ wie die Start-ups. Fintech-Experte Bartz sieht das Scheitern als Teil des Innovationszyklus: „Für den Markt ist es wichtig, dass viele Ideen ausprobiert werden“, betont er. In Deutschland werde eine Firmenpleite noch immer zu sehr als Niederlage gewertet. Dabei sei das eine wichtige Erfahrung und kein Makel.

Mehr: Risikokapitalgeber Andreas Haug ist bei Smartphone-Banken „sehr skeptisch“. Warum lesen Sie hier.

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