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Stephen Scherr Goldman-Sachs-Finanzchef: „Europa braucht mindestens eine starke Bank in der Region“

Der Finanzchef der US-Bank über die Risiken des Handelsstreits mit China, den europäischen Bankenmarkt und warum das Finanzhaus ins Geschäft mit Kreditkarten einsteigt.
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Goldman Sachs: Finanzchef Stephen Scheer im Interview Quelle: Michael Bucher/WSJ
Stephen Scherr

Der CFO von Goldman Sachs will Finanz-Technologien bestmöglich für seine Zwecke nutzen.

(Foto: Michael Bucher/WSJ)

New York Goldman Sachs arbeitet mit Nachdruck am Ausbau des Privatkundengeschäfts. Nachdem die US-Investmentbank im August gemeinsam mit Apple eine Kreditkarte auf den Markt gebracht hat, sollen weitere Kooperationen folgen, „sowohl bei Kreditkarten als auch bei anderen Produkten“, sagte Finanzchef Stephen Scherr im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Goldman Sachs gründete bereits 2016 die Online-Bank Marcus, die im Zentrum der Privatkundenstrategie steht und im vergangenen Jahr auch in Großbritannien an den Markt ging. Das Kreditkartengeschäft schreibt derzeit noch rote Zahlen, soll in den kommenden Jahren jedoch profitabel werden, so Scherr.

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Insgesamt will die Bank mit dem Einsatz von neuen Technologien bei ihren Kunden punkten. „Im Investmentbanking etwa geben wir unseren Kunden Werkzeuge an die Hand, um Aktien- und Anleiherückkäufe effizienter zu gestalten, und zwar direkt an ihren Firmenrechnern“, erklärt der Finanzchef. Auch in Deutschland könne die Bank davon profitieren, dass sich viele Unternehmen angesichts der Digitalisierung neu aufstellen. Im Aktienhandel hätten Goldman, aber auch JP Morgan Chase und Morgan Stanley zuletzt vermehrt Kunden aus Europa gewonnen.

Die Lage in den USA bleibe vor allem wegen des anhaltenden Handelsstreits mit China angespannt. „Wir befinden wir uns in einer schwierigen Zeit: Die Stimmung deutet auf eine Rezession hin, aber die zugrunde liegenden Daten zeigen das noch nicht“, sagte Scherr. „Oft ist es jedoch so, dass die schlechte Stimmung am Markt dann schließlich auf die Daten durchschlägt.“ Es sei für Banken generell schwierig, durch dieses Umfeld zu navigieren.

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Herr Scherr, wir diskutieren in diesen Tagen vermehrt über Rezessionsrisiken in den USA. Wie besorgt sind Sie, dass die längste Expansion aller Zeiten bald zu Ende gehen könnte?
„Sorge“ ist vielleicht zu viel gesagt. Dennoch befinden wir uns in einer schwierigen Zeit: Die Stimmung deutet auf eine Rezession hin, aber die zugrunde liegenden Daten zeigen das noch nicht. Oft ist es jedoch so, dass die schlechte Stimmung am Markt dann schließlich auf die Daten durchschlägt.

Weil die Unternehmen aus Angst vor einer Rezession nicht so viel investieren und nicht so viele Stellen schaffen?
Genau. Unternehmen verschieben dann ihre Expansionspläne oder fahren die Produktion zurück. Das führt zu einem niedrigeren Beschäftigungsniveau, was wiederum zur Folge haben kann, dass die Menschen weniger konsumieren oder weniger neue Kredite aufnehmen. Nichts davon wird gegenwärtig jedoch durch harte wirtschaftliche Indikatoren ausgelöst.

Was drückt auf die Stimmung? Tweets aus dem Weißen Haus?
Wenn es um die Stimmung an den Märkten geht, hatten politische Äußerungen bisher mehr Gewicht als die wirtschaftlichen Daten. Ein Handelsumfeld, das von geopolitischen Themen dominiert wird, ist für Banken wie unsere schwierig zu navigieren. Hinzu kommt: Im August wurde wie immer weniger gehandelt als in anderen Monaten, daher gab es übertriebenere Reaktionen auf politische Entwicklungen, was die Märkte noch unberechenbarer gemacht hat.

Wie sehen Ihre Kunden die Lage?
Als Risikomanager müssen wir natürlich sowohl auf die Stimmung als auch auf die Wirtschaftsdaten achten, und es zeigt sich ein uneinheitliches Bild: Der US-Verbraucher bleibt positiv gestimmt. Auch die Unternehmen setzen weiter auf Wachstum. Die Marktteilnehmer hingegen sind vorsichtiger geworden. Das macht es nicht einfacher.

Wie stellen Sie als Finanzchef die Bank auf solche Zeiten ein?
Wir müssen natürlich die Marktbewegungen ständig im Auge behalten. Mir steht eine breit aufgestellte Risikoabteilung zur Verfügung, die jede Situation beurteilt. Ich weiß, wo Schwachstellen liegen und wie wir uns bei Bedarf absichern müssen. Wir haben dabei alle Vermögensklassen und alle Regionen auf der Welt im Blick. Schauen Sie sich an, was in Hongkong und in Argentinien passiert. Wir haben langjährige Erfahrung, wenn es darum geht sicherzustellen, dass die Bank auch bei unerwarteten Marktbewegungen richtig aufgestellt ist – das gilt sowohl für unsere Vermögenswerte in der Bilanz als auch für die Liquidität und die operativen Risiken, denen wir begegnen.

Dann gibt es auch noch die Möglichkeit eines ungeordneten Brexits. Oder bereitet Ihnen das keine Sorgen mehr?
Der Brexit ist ein ziemlich großes Risiko. Der Unterschied ist: Wir wissen schon lange, dass er bevorsteht, und wir sind nun für alle möglichen Szenarien vorbereitet, egal, wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich sie sein mögen. Die Frage ist eigentlich nicht mehr, wie gut vorbereitet man ist, sondern wie die Pläne umgesetzt werden.

Und wie weit sind Sie?
Wir haben in Frankfurt eine europäische Bank gegründet, die bereits Kunden in der EU betreut. Wir haben zusätzlichen Büroraum angemietet. In den vergangenen drei Jahren ist unsere Mitarbeiterzahl dort um fast zwei Drittel gestiegen. Das hat nicht nur mit dem Brexit zu tun, sondern auch damit, dass wir uns in Europa breiter aufstellen, um näher bei unseren Kunden zu sein. Außerdem haben wir Vorkehrungen getroffen, um mehr Mitarbeiter nach Frankfurt zu bringen, falls nötig.

Auch in Deutschland wächst die Angst vor einer Rezession. Wie laufen die Geschäfte dort für Sie?
Unser Geschäft profitiert von einigen tief greifenden Trends in Deutschland. Viele Unternehmen stellen sich angesichts der Digitalisierung neu auf, um sich auf Wachstumsfelder der Zukunft zu konzentrieren, außerdem birgt der Technologiewandel im Bankenbereich neue Chancen für Kooperationen. Insgesamt gesehen ist Deutschland die stärkste Volkswirtschaft innerhalb Europas, aber auch besonders stark globalen Trends wie dem Handelsstreit mit China ausgesetzt. Daher beobachten wir die Entwicklungen in Deutschland genau, auch wenn wir den Markt als relativ robust einschätzen.

Angesichts der anhaltenden Schwäche der Deutschen Bank und anderer europäischer Institute ist es wahrscheinlich einfacher, Marktanteile zu gewinnen, oder?
Das kommt wirklich darauf an, über welche Geschäftsbereiche wir sprechen. Wenn es um den Aktienhandel in Europa geht, beobachten wir, dass Kunden von europäischen zu amerikanischen Banken wechseln, vor allem zu uns, zu JP Morgan und zu Morgan Stanley. Das passiert jedoch schon seit einer Weile und hat nicht zwingend mit der Lage bei der Deutschen Bank zu tun.

Und wie sieht es beim Anleihehandel aus?
Dort sehen wir das weniger stark. Und lassen Sie mich das ganz deutlich sagen: Es wäre falsch zu glauben, dass eine US-Bank oder eine Gruppe von US-Banken europäische Institute überflüssig macht. Wir sind mittlerweile seit drei Jahrzehnten in Deutschland aktiv und haben unser Geschäft immer weiter ausgebaut. Aber auch wenn Unternehmen in Europa mehr Geschäft mit US-Banken machen: Sie brauchen mindestens eine starke europäische Bank vor Ort.

Erwarten Sie eine Konsolidierung auf dem europäischen Markt?
Einige Banken haben ihre Stellung im Markt verbessert, zum Beispiel die BNP Paribas. Es gibt Banken, die im Wettbewerbsumfeld relevanter sind als andere. Amerikanische Finanzhäuser sind hier aber eher Beobachter als Teilnehmer. Interessant ist die Frage, ob Europa wirkliche Fortschritte bei der Kapitalmarktunion erzielt. Nur dann kann eine Konsolidierung wirklich stattfinden. Im Moment ist das sehr schwierig.

Goldman hat im August zum ersten Mal eine Kreditkarte herausgegeben, gemeinsam mit Apple. Das ist ein großer Schwenk für ein Institut, das vor allem als Investmentbank bekannt ist. Wie läuft es an?
Der Start ist gut verlaufen, aber es ist noch sehr früh. Wir haben die Plattform vor dem Hintergrund gebaut, dass es eine sehr große Anzahl von Apple-Kunden in den USA gibt, über 100 Millionen. Natürlich wird nicht jeder eine Kreditkarte wollen, aber wir sind darauf eingestellt, dass es sich hier um ein Skalengeschäft handelt.

Noch ist es ein Verlustgeschäft. Wann erwarten Sie, mit Kreditkarten profitabel zu sein?
Wir sind nicht davon ausgegangen, dass wir vom ersten Tag an profitabel sind. Aber mittel- bis langfristig wird es ein aus Renditesicht attraktives Geschäft werden. Wir haben natürlich erst einmal die Kosten für die Entwicklung der Plattform, die wir ja von null an aufgebaut haben. Auch das Betreiben der Plattform bringt Kosten mit sich, und wir müssen Rückstellungen bilden. Aber wenn das Geschäft einmal voll aufgebaut ist, werden die Margen auch steigen, also werden wir Geduld haben.

Wie passt das Kreditkartengeschäft in die Strategie von Goldman Sachs?
Wir haben ja schon 2016 damit angefangen, unser Privatkundengeschäft aufzubauen, zunächst mit der Onlinebank Marcus. Heute hat diese Strategie zwei Säulen. Die eine ist Marcus, eine Plattform, auf der wir verschiedene Produkte anbieten: Einlagen, Kredite, Finanzberatung.

Und die zweite Säule?
Wir nehmen die Technologie, auf der Marcus basiert, und nutzen sie für Partnerschaften mit anderen Unternehmen. Es wird neben Apple eine Reihe weiterer Kooperationen geben, sowohl bei Kreditkarten als auch bei anderen Produkten.

Es gibt schon seit einer Weile Gerüchte, dass Sie mit Marcus auch in Deutschland starten wollen. Haben Sie da ein Update für uns?
Gerade wenn es um Einlagen geht, hängt das Timing auch von der Geschäftsstruktur in einem Markt ab. Historisch bedingt liegt ein großer Teil unserer Vermögenswerte in Großbritannien. Das wird sich in den kommenden Jahren jedoch ändern. In Deutschland werden wir mittelfristig wachsen. Und damit wird zweifelsohne unser Finanzierungsbedarf steigen. Deutschland ist ja ein Land der Sparer, das macht den Markt attraktiv.

Alle großen Banken befinden sich gerade in einem technologischen Wandel. Wo ist Goldman in diesem Prozess?
Technologie zieht sich durch alle Teile unserer Bank, nicht nur bei Marcus und bei der Apple-Karte. Im Investmentbanking etwa geben wir unseren Kunden Werkzeuge an die Hand, um Aktien- und Anleiherückkäufe effizienter zu gestalten, und zwar direkt an ihren Firmenrechnern. Wir bauen auch eine neue Plattform für das Transaktionsbanking auf, die es für Unternehmen einfacher macht, Einlagen und Zahlungen rund um die Welt zu verwalten.

Sehen Sie Goldman als ein Technologieunternehmen?
Meiner Meinung nach sind wir kein Technologieunternehmen. Ich weiß, das klingt jetzt vielleicht überraschend. Aber die Wahrheit ist: Wir sind ein Finanzinstitut. Und unser Ziel ist es, Technologie bestmöglich für unsere Zwecke zu nutzen. Das macht uns zu einem besseren Institut, aber nicht zu einem Tech-Unternehmen.

Die Nutzung neuer Technologien in der Finanzindustrie ist auch gepaart mit Stellenabbau. Wie sehen Ihre Mitarbeiter diesen Wandel?
Unser Ziel ist es, das Geschäft auszubauen. Technologie hilft uns dabei, unsere Mitarbeiter für kreativere Aufgaben einzusetzen. Es geht nicht darum, ganze Teams überflüssig zu machen. Die IT ersetzt bei uns nicht die Mitarbeiter am Schalter, weil wir gar keine Schalter haben.

Aber Technologie kann auch Anleihehändler ersetzen.
Es ist aber etwas anderes, als zu sagen: Ich schließe 100 Filialen. Der graduelle Wandel hin zu Handelsplattformen, der die traditionelle Rolle des Anleihehändlers überflüssig machen könnte, ist sehr viel langsamer und erstreckt sich über einen größeren Zeitraum.

Begeben sich die Großbanken in eine Art Wettrüsten um die beste Technologie? 
Das ist möglich. Man sollte nicht unterschätzen, was für ein Vorteil es ist, wenn man ein System von Grund auf neu bauen kann, statt ein altes zu reparieren. Goldman ist derzeit ein Innovator, der die Alteingesessenen aufrüttelt. In der Position bin ich gerne.

Aber in ein paar Jahren könnte ein anderes Institut kommen, das Sie mit einer neuen Technologie überholt.
Das ist möglich. Darum ist es wichtig, dass wir agil bleiben.

Was heißt das genau?
Die Systeme müssen sich neuen und andersartigen Datensätzen anpassen können, von denen wir heute noch nicht einmal genau wissen, wie diese aussehen werden. Sie müssen also so konzipiert werden, dass das möglich ist.

Im August haben sich mehr als 180 Unternehmen dazu verpflichtet, ihren Erfolg nicht mehr nur am Ertrag für die Aktionäre zu messen, sondern etwa auch die Auswirkungen auf Mitarbeiter, Gemeinden und die Umwelt miteinzubeziehen. Auch Goldman gehört zu den Unternehmen. Was wird sich bei der Bank ändern?
Bei uns gilt dieser Ansatz schon seit einer Weile. Wir haben zwei globale Programme, bei denen wir Gründerinnen und kleine Unternehmen unterstützen. Wir haben erst vor Kurzem ein Team für nachhaltige Investitionen gegründet, das unseren Kunden beim sogenannten Impact-Investing hilft, aber auch bei der Finanzierung nachhaltiger Projekte. Ich glaube, dass das auch gut für die Aktionäre ist.

Aber was passiert, wenn ein Deal zwar große Renditen verspricht, aber zum Beispiel schlecht für die Umwelt wäre? Würden Sie auf die Einnahmen verzichten? 
Auf jeden Fall. Das haben wir auch schon in vielen Fällen getan. Wir bewerten solche Dinge, bevor wir uns entscheiden, einen Deal zu machen. Das ist gar keine Frage.

Die Ermittlungen zum Betrugsskandal rund um den malaysischen Staatsfonds 1MDB dauern an. Im August wurden 17 Goldman-Manager in Malaysia angeklagt. Wann kann Goldman den Fall abschließen?
Wir wollen weiter eine globale Lösung finden, und wir arbeiten hart daran, genau das zu erreichen.

Zwei ehemalige Goldman-Manager sind im Gefängnis, das Justizministerium hat strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet. Wirkt sich das auf das Geschäft aus?
Ich sehe nicht, dass das spürbar auf unser Geschäft durchschlägt. Aber natürlich kann ich nur über unsere aktuellen Kunden sprechen. Auf jeden Fall haben wir direkt zu Beginn ein Team zusammengestellt, das sich voll auf das Thema konzentriert, damit sich alle anderen Mitarbeiter weiterhin auf das Geschäft mit unseren Kunden fokussieren können.

Herr Scherr, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Goldman Sachs steigt mit Apple ins Kreditkartengeschäft ein. Der Schritt wirkt auf den ersten Blick riskant, könnte sich langfristig aber auszahlen.

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