Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Steven Barg im Interview Goldman-Sachs-Banker über lautstarke Aktionäre: „Leises Vorgehen ist effektiver“

Der Goldman-Sachs-Investmentbanker Steven Barg erklärt, warum Aktionäre immer mehr Einfluss auf Unternehmen haben – und wie sie sich dabei selbst schaden.
Kommentieren
Goldman-Sachs-Banker: „Leises Vorgehen ist effektiver“ Quelle: Bernd Roselieb für Handelsblatt
Steven Barg

Der Goldman-Sachs-Banker sieht sich als Mittler zwischen Management und kritischen Investoren.

(Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt)

FrankfurtSteven Barg ist Topmanager der Investmentbank Goldman Sachs und hat eine spezielle Aufgabe: Er bringt kritische Investoren und Unternehmen an einen Tisch, um Streit möglichst schon im Keim zu ersticken – bevor er auf der Hauptversammlung eskaliert. Solche geräuschlosen Lösungen sind nach der Erfahrung des 57-jährigen Kapitalmarktprofis die beste Methode, um den Firmenwert zu steigern.

Herr Barg, viele Vorstände sind noch immer überrascht, wenn ihre Investoren die Stimme erheben und Änderungen fordern. Ist das nicht ein bisschen naiv?
Viele Berater, die sogenannte Verteidigungsmandate gegen Investoren erhalten, haben eine juristische Ausbildung. Sie empfehlen, Burggräben auszuheben, dort Krokodile freizulassen und Mauern hochzuziehen. Sie denken, so könne man aktive Anteilseigner fernhalten – eine seltsame Annahme. Als Eigentümer haben die Investoren doch ein Recht mitzubestimmen, wie das Unternehmen geführt wird. Wichtig ist, eine Balance zwischen den verschiedenen Interessengruppen zu finden.

Viele Manager sehen einflussreiche Investoren aber als Feinde an.
Genau. Viele Führungskräfte fürchten, dass ihr Einfluss auf die Geschicke ihres Unternehmens schwindet, wenn sie sich zu sehr auf die Forderungen der Aktionäre einlassen. Gleichzeitig haben sie einen Informationsvorsprung gegenüber den Investoren, kennen die Kostenstruktur oder planen den Eintritt in neue Märkte. Da vermitteln wir. Wir arbeiten für die Unternehmen, aber wir kennen die meisten Investoren seit Jahrzehnten und sie vertrauen uns.

Wie verändert der wachsende Einfluss der Investoren die Unternehmenslandschaft?
Im aktuellen Marktumfeld drängen Aktionäre auf unkomplizierte Geschäftsmodelle statt auf Konglomerate. Das führt tendenziell zu Aufspaltungen, wie etwa bei Siemens oder auch den Versorgern RWE und Eon. Im Finanzsektor ist es übrigens umgekehrt: Niedrigzinsphase und Konkurrenzkampf führen zu Konsolidierung und damit zu größeren Instituten. Hier geht es um die kritische Masse und um Synergien angesichts des Technologiewandels.

Woher kommt es, dass die Investoren so viel lauter und kritischer geworden sind?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Einmal hat die Konsolidierung unter den börsennotierten Unternehmen in den USA dazu geführt, dass sich die Zahl der Aktien in den vergangenen zwölf Jahren halbiert hat. Das heißt, es gibt viel weniger Möglichkeiten, gute Investments für ein diversifiziertes Portfolio zu finden. Deshalb behalten Investoren die Aktien und setzen sich mit dem Management auseinander, selbst wenn sie überhaupt nicht damit einverstanden sind, wie das Unternehmen geführt wird. Diesen Trend sehen wir auch in Europa.

Vor allem aktiv gemanagte Fonds erhöhen dabei den Erfolgsdruck auf die Vorstände.
Ja, weil sie stärker unter Druck geraten, sich mit höheren Renditen von den immer beliebteren und kostengünstigen passiven Indexfonds abzuheben. Die wenigsten aktiven Manager schlagen die Indizes und sind damit ihre deutlich höheren Gebühren wert. Wenn Investoren dann nicht das Gefühl haben, dass ihre Forderungen gehört werden, steigt die Frustration und sie schlagen eine härtere Gangart ein.

Welchen Einfluss haben die immer größeren passiven Investoren, die mit ihren Fonds lediglich Indizes nachbilden? Die drei größten Vermögensverwalter der Welt, also Blackrock, Vanguard und State Street, managen den Großteil des weltweiten Vermögens in passiven Fonds mit einem Volumen von rund 14 Billionen Dollar. Gemeinsam halten sie immerhin 6,8 Prozent der Aktien aus dem Dax.
Ihr Einfluss ist nicht zu unterschätzen. Alle drei der von Ihnen genannten Gesellschaften bauen die Abteilungen, die sich mit guter Unternehmensführung befassen, deutlich aus. Denn worin unterscheiden sich die Investoren? Nicht in ihren Gebühren, die haben sie alle nahezu auf null gesenkt. Sie stellen ihr besonders aktives Engagement bei ihren Beteiligungen heraus – sie nennen das Stewardship.

Gibt es dabei Unterschiede in den verschiedenen Regionen?
Ja, neben verschiedenen rechtlichen Rahmenbedingungen gibt es kulturelle Unterschiede. So denken asiatische Unternehmen in Dekaden, US-amerikanische Investoren in Quartalen. Die Europäer liegen irgendwo dazwischen. Diese Ungleichgewichte sorgen für Probleme. In Deutschland war es vor dreißig Jahren noch sehr ruhig.

Als die Dax-Konzerne noch in der sogenannten Deutschland AG verflochten waren, hielten vor allem einheimische Investoren die Aktien. Das hat sich spätestens mit der Finanzkrise 2008 geändert. Internationale Investoren kauften sich verstärkt in die größte und robusteste Wirtschaft der Euro-Zone ein. Damit wurden die Konzernmanager mit eher angelsächsisch denkenden Investoren konfrontiert, die häufig die eigene Art der Unternehmensführung für die richtige halten.

Welche Fehler der Unternehmen bringen die Investoren am meisten auf die Barrikaden? 
Vor allem schauen Aktionäre auf Fehlallokationen des Kapitals, etwa wenn ein Unternehmen zu viel für eine Übernahme bezahlt hat oder zu viel Geld in Forschung und Entwicklung steckt. Wann immer die Börsenbewertung leidet und ein Unternehmen zu niedrig bewertet ist, beschweren sich die Aktionäre.

Schaden sich die Großanleger nicht selbst, wenn sie ihrem Unmut auf Hauptversammlungen öffentlich Luft machen und angeschlagene Unternehmen damit destabilisieren?
Das wirkt hilflos. Leises Vorgehen ist meiner Ansicht nach am effektivsten. Nehmen Sie zum Beispiel den Fall des Hedgefonds Elliott und dessen Investment in SAP vor ein paar Wochen. Da hat der Einstieg des neuen Investors offensichtlich nicht zu Konflikten geführt. Der Aktienkurs hat sich sehr gut entwickelt. Hier geht es zwar um einen Hedgefonds, aber das Prinzip gilt für alle aktiven Fondsmanager.

Welche Themen werden Investoren künftig besonders beschäftigen?
Da gibt es mehrere. Ein Führungsteam funktioniert am besten, wenn es aus ausreichend unterschiedlichen Menschen besteht: nach Kultur, Geschlecht und selbstverständlich Expertise. Das gilt für den Vorstand wie für den Aufsichtsrat, in beiden Gremien brauchen wir eine deutlich bessere Mischung. Und die Anhäufung von Ämtern macht keinen Sinn: Selbst der talentierteste Manager kann meiner Meinung nach nicht mehr als vier Aufsichtsratsmandate effektiv ausüben, ein Vorstandschef wahrscheinlich nicht mehr als zwei.

Herr Barg, vielen Dank für das Interview.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Steven Barg im Interview - Goldman-Sachs-Banker über lautstarke Aktionäre: „Leises Vorgehen ist effektiver“

0 Kommentare zu "Steven Barg im Interview: Goldman-Sachs-Banker über lautstarke Aktionäre: „Leises Vorgehen ist effektiver“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.