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Auf den Kopf gestellt

Die Deutsche Bank richtet sich strategisch neu aus – und will zurück zu den Gründungswurzeln.

(Foto: Reuters)

Strategische Neuausrichtung Die Deutsche Bank steht vor einer Zeitenwende

Am Sonntag stellt der Aufsichtsrat wohl die Weichen für einen radikalen Umbau des Instituts. Das sind die wichtigsten Fragen zum Sanierungsprojekt Deutsche Bank.
Update: 06.07.2019 - 13:22 Uhr Kommentieren

Frankfurt Am Wochenende wird es aller Voraussicht nach soweit sein: Am Sonntag dürfte der Aufsichtsrat der Deutschen Bank über einen radikalen Umbau abstimmen. Vorstandschef Christian Sewing will die frühere Paradedisziplin, den Wertpapierhandel, deutlich verkleinern und dafür stärker auf stabilere Geschäftsbereiche wie die Transaktionsbank oder auf das Privatkundengeschäft setzen.

Bereits am Freitag teilte das Institut mit, dass der Leiter der Unternehmens- und Investmentbank, Garth Ritchie, das Unternehmen zum 31. Juli verlassen werde. Bis Ende November werde er die Bank beraten. Nach seinem Rücktritt werde Christian Sewing im Vorstand die Verantwortung für die Unternehmens- und Investmentbank übernehmen.

„Endlich!“, werden wohl viele Großaktionäre und Finanzaufseher zu der strategischen Neuausrichtung des Finanzinstituts sagen, die seit vielen Monaten auf härtere Schnitte in der Investmentbank und vor allem im Wertpapierhandel drängen.

Dabei war die Investmentbank einmal die Vorzeigesparte des Instituts. Doch nach der Finanzkrise und der anschließenden Offensive der Regulierer fand der Bereich nie zu seiner einstigen Stärke zurück. Stattdessen sorgten die Investmentbanker mit Skandalen und Milliardenstrafen für Schlagzeilen.

In den vergangenen beiden Quartalen hat die Sparte sogar Geld verloren und insgesamt einen Verlust vor Steuern von 390 Millionen Euro angehäuft. Verantwortlich dafür war vor allem ein Einbruch im Wertpapierhandel.

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende wird die Deutsche Bank verlassen. Quelle: Dominik Pietsch für Handelsblatt
Garth Ritchie

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende wird die Deutsche Bank verlassen.

(Foto: Dominik Pietsch für Handelsblatt)

Der jetzt anstehende Umbau wäre eine Zeitenwende. Die Frankfurter würden sich endgültig vom Anspruch verabschieden, in der Top-Liga globaler Investmentbanken mitzuspielen. Es wäre das Ende einer Strategie, die 1989 mit dem Kauf der Londoner Bank Morgan Grenfell begann.

Stattdessen würde sich die Bank sehr viel stärker auf das Geschäft mit Unternehmenskunden konzentrieren, so wie bei der Gründung im 19. Jahrhundert. Der Strategiewechsel ist nach Meinung der meisten Experten längst überfällig. In nur fünf Jahren hat die Deutsche Bank über 70 Prozent ihres Börsenwerts verloren. Nach der abgeblasenen Fusion mit der Commerzbank und dem Absturz des Aktienkurses auf ein historisches Tief unter sechs Euro, dürfte Sewing nicht mehr viele Chancen für einen Strategiewechsel bekommen.

Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten zum Sanierungsprojekt Deutsche Bank:

Wie wird die neue Strategie aussehen?

Kernpunkt des Projekts ist die Umstrukturierung der Investmentbank und der dahinterstehenden Infrastrukturbereiche. Außerhalb Europas will das Institut seine Aktienhandels- und Zinshandelsgeschäfte deutlich schrumpfen oder sogar komplett schließen.

So wollen Sewing und seine Vorstandskollegen laut Insidern den US-Aktienhandel auf ein Minimum reduzieren und auch den Handel mit Staatsanleihen zusammenstreichen. Lange Jahre war der Wertpapierhandel nicht nur der strategische Kern der Deutschen Bank - sondern auch ihr Erfolgsgarant. 2006, auf dem Höhepunkt des Booms, sorgten die Händler noch für Einnahmen von 13 Milliarden Euro.

Die gesamte Investmentbank inklusive des Beratungsgeschäfts und einiger anderer Bereiche verdiente gut sechs Milliarden Euro vor Steuern. Zum Vergleich: 2018 schrumpften die Einnahmen der Händler auf 7,5 Milliarden Euro. Und der Vorsteuergewinn der gesamten Investmentbank brach auf 530 Millionen Euro ein.

Bei Sewings Umbauplänen spielt auch eine Bad Bank eine Rolle, in die das Institut bis zu 50 Milliarden Euro an risikogewichteten Aktiva packen könnte, die künftig nicht mehr zum Kerngeschäft gehören. Dabei wird es sich voraussichtlich um lang laufende Derivate handeln. Die Auslagerungspläne beträfen etwa 15 Prozent der gesamten risikogewichteten Aktiva des Instituts.

Als weitere Maßnahme will das Geldhaus in Zukunft viel stärker auf das sogenannte Transaction Banking setzen. In diesem Geschäftsbereich, zu dem Zahlungsverkehr, Handelsfinanzierung und Wertpapierdienstleistungen gehören, zählt die Deutsche Bank nach wie vor zur Weltspitze.

Auf der Hauptversammlung kürte Sewing dieses Geschäftsfeld gar zum Herzstück des Instituts. Die Sparte soll vor allem in Asien wachsen und enger mit dem Währungs-, Zins- und Kreditgeschäft verbunden werden. Schon jetzt trägt die Transaktionsbank 30 Prozent zu den Erträgen der Firmenkunden- und Investmentbanking-Sparte bei. Ihre Rendite auf das materielle Eigenkapital liegt ebenso wie bei der Fondstochter DWS bei mehr als zehn Prozent.

Die gesamte Investmentbank kam 2018 dagegen nur auf eine Rendite von knapp einem Prozent. Analysten gehen seit Langem davon aus, dass der Wertpapierhandel bei der Deutschen Bank tiefrote Zahlen schreibt. Allerdings gibt es dort auch Bereiche, die die internen Rendite-Anforderungen erfüllen und an denen die Bank deshalb festhalten will. Das gilt zum Beispiel für die Währungsplattform und das Geschäft mit Unternehmensanleihen.

Die neue Strategie wird sich wohl auch in einer neuen Organisationsstruktur widerspiegeln. Informationen aus Finanzkreisen zufolge will die Bank das Geschäft mit den großen Unternehmenskunden genau wie die Transaktionsbank aus der Investmentbank herauslösen und in einen neuen Bereich mit dem Namen Corporate auslagern.

In diesem Bereich würde auch ein Teil des Geschäfts mit Firmenkunden, das bislang noch im Privatkundengeschäft liegt aufgehen. In der Investmentbank bliebe das Handelsgeschäft und die Beratung von Fusionen und Wertpapierplatzierungen. Über die neue Struktur hatte zuerst die Süddeutsche Zeitung berichtet.

Wie schmerzhaft werden die Einschnitte?

Nach Informationen aus Finanzkreisen würde der Umbau wohl zwischen 15.000 und 20.000 Jobs kosten, das wäre gemessen an der aktuellen Mitarbeiterzahl von 91.500 maximal jeder fünfte Job. Allerdings ist unklar, auf welchen Zeitraum sich die Zahlen beziehen. Bereits im vergangenen Jahr hat die Bank rund 7.000 Stellen gestrichen. Der Abbau werde wohl über mehrere Jahre gestreckt, heißt es in Finanzkreisen So ließen sich auch die Kosten für Abfindungen, Vorruhestandslösungen und Sozialpläne kapitalschonend verteilen. Neben dem Investmentbanking werden wohl vor allem in der Infrastruktur und den Zentralbereichen der Bank viele Jobs wegfallen.

Wie wird die neue Führung aussehen?

Der große Vorstandsumbau in der Führungsetage der Deutschen Bank hat bereits begonnen. Als erster wird der seit Monaten umstrittene Chef der Unternehmens- und Investmentbank Garth Ritchie zum Ende dieses Monats seinen Posten aufgeben. Weitere Top-Personalien könnten am Sonntag folgen. Aber bei dem Umbau geht es Insidern zufolge nicht nur um den Austausch von Personen, sondern auch um eine neue Führungsstruktur.

Die Bank denke darüber nach, die operative Führung der künftig vier Geschäftsbereiche unterhalb des Vorstands aufzuhängen, erfuhr das Handelsblatt aus Finanzkreisen. Eine endgültige Entscheidung darüber sei allerdings noch nicht gefallen, und es sei unklar, ob das bis Sonntag gelingen werde.

Ritchie, der auch stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Geldhauses ist, hatte auf der Hauptversammlung Ende Mai zusammen mit Regulierungsvorständin Sylvie Matherat das schlechteste Ergebnis eingefahren. Nur gut 61 Prozent der Aktionäre stimmten für seine Entlastung. Neben der schwachen Peformance der Unternehmens- und Investmentbank ärgerten sich die Investoren vor allem über seine hohe Vergütung und eine millionenschwere Sonderzahlung. Ritchie war der Top-Verdiener im Vorstand, obwohl er laut Geschäftsbericht bei der Erreichung seiner Ziele am schlechtesten abschnitt.

Matherat gilt ebenfalls als akut gefährdet. Ihr wird vorgeworfen, nicht schnell und entschieden genug auf neue Geldwäscheaffären reagiert zu haben. Es wird für Sonntag eine Verkündung erwartet, dass sie gehen muss. Asienvorstand Werner Steinmüller, dessen Vertrag im kommenden Jahr ohnehin ausläuft, könnte nach Informationen aus Finanzkreisen früher aufhören. Darüber hinaus kämpft Privatkundenchef Frank Strauß offenbar um seinen Job. Insidern zufolge ist sein Verhältnis zum Vorstandschef angespannt – auch sein Abgang könnte am Sonntag verkündet werden.

Bankchef Sewing wird im Vorstand selbst die Verantwortung für die Unternehmens- und Investmentbank übernehmen, teilte die Deutsche Bank mit. Sollte nach Ritchie auch Strauß seinen Abschied nehmen, säße im Vorstand kein Manager mehr mit direkter Verantwortung für einen der vier Geschäftsbereiche. Was bedeuten würde, dass die operative Führung künftig unterhalb des Vorstands angesiedelt wäre. Die operative Führung der neuen geschrumpften Investmentbank könnten Mark Fedorcik oder Yanni Pipilis übernehmen, heißt es in Finanzkreisen.

Als Favoritin für die Nachfolge von Matherat gilt Karin Dohm, die aber wohl auch nicht im Vorstand sitzen würde. In der Corporate Bank könnte Stefan Hoops, bislang Leiter der Transaktionsbank ,operativ eine wichtige Rolle spielen, heißt es. Hoops gilt als enger Vertrauter von Sewing. Der hauseigene Vermögensverwalter DWS würde weiterhin von Asoka Wöhrmann, geleitet der nicht im obersten Führungsgremium sitzt.

Sollte es der Bank gelingen, die angedachte Struktur bis zur Aufsichtsratssitzung am Sonntag festzuzurren, würde der Vorstand deutlich verkleinert, von neun auf fünf Mitglieder. Dort säßen neben dem Vorstandschef vor allem die Verantwortlichen für die Zentralbereiche: Sewings zweiter Stellvertreter und Chief Administrative Officer Karl von Rohr, Risiko-Vorstand Stuart Lewis, Chief Operating Officer Frank Kuhnke und Finanzvorstand James von Moltke.

Wie finanziert die Bank den Umbau?

Als Faustregel gilt in der Bankenbranche: Die Restrukturierungskosten betragen zunächst einmal 100 bis 150 Prozent der jährlichen Einsparungen. Finanzkreise schätzen, dass der Umbau die Deutsche Bank drei bis fünf Milliarden Euro kosten wird.

Sewing und seine Kollegen wollen dennoch versuchen, den Umbau ohne Kapitalerhöhung zu stemmen. Zum einen wird durch die geplanten Einschnitte im Investmentbanking Kapital freigesetzt, zum anderen verhandelt die Bank Finanzkreisen zufolge mit den Aufsehern darüber, ihre Kernkapitalquote vorübergehend zu senken.

Ende des ersten Quartals lag die Quote bei 13,7 Prozent, eine zeitweise Senkung in Richtung von 13 Prozent sei möglich, heißt es. Damit würde die Bank noch immer deutlich über den regulatorischen Vorgaben liegen. Außerdem versucht die Bank, Geschäfte, die sie in Zukunft nicht mehr betreiben will, nicht einfach zu schließen sondern sie verhandelt auch über Verkäufe und Joint Ventures.

Insgesamt dürften die Umbaukosten aber so hoch ausfallen, dass die Frankfurter in diesem Jahr erneut in die roten Zahlen rutschen. 2018 gelang der Bank nach drei Verlustjahren in Folge erstmals wieder ein kleiner Gewinn.

Worauf warten die Investoren?

Neben den Details des Umbauplans wollen die Investoren vor allem wissen, welche Renditeziele die Bank wie schnell erreichen kann, und wie schnell die Kostenbasis durch die Restrukturierung schrumpft. Ursprünglich hatte Christian Sewing für Ende dieses Jahres eine Eigenkapitalrendite von vier Prozent versprochen. Ein Ziel, das mit der tiefgreifenden Restrukturierung obsolet ist. Die meisten Analysten hatten dieses Ziel aber ohnehin bereits lange vor den Umbauplänen für illusorisch gehalten.

Wo liegen die Risiken?

Der Umbau birgt die Gefahr, dass die Bank auf Jahre mit sich selbst beschäftigt ist – und das in einem Marktumfeld, das sich noch einmal zu verschlechtern droht.

Ursprünglich hatte Christian Sewing den Investoren bis 2021 eine Rendite auf das materielle Eigenkapital von rund zehn Prozent versprochen – allerdings unter der Voraussetzung, dass die Europäische Zentralbank ihre Geldpolitik normalisiert. Doch jetzt droht das Gegenteil einzutreten, die EZB hat nicht nur die Zinswende auf unbestimmte Zeit verschoben, die Geldpolitik dürfte sogar noch lockerer werden.

Der Bundesverband deutscher Banken geht davon aus, dass noch tiefere Minuszinsen die heimischen Geldhäuser erneut hunderte von Millionen Euro kosten werden. Gleichzeitig sprechen die jüngsten Daten für eine deutliche Abkühlung der Konjunktur, die die Kreditausfallraten in die Höhe treiben könnte.

Außerdem hat die europäische Bankenaufsicht gerade ihre Schätzung für den zusätzlichen Kapitalbedarf für die neue, noch strengere Regulierung veröffentlicht. Die Aufseher beziffern die Kapitallücke auf 135 Milliarden Euro, betroffen wären vor allem globaltätige Großbanken wie die Deutsche Bank.

Ein weiteres Risiko für die Frankfurter sind ihre Bonitätsnoten. Die Ratingagentur Fitch hat ihr Urteil erst vor kurzem gesenkt. Das langfristige Emittentenrating der Bank steht nun bei „BBB“, am unteren Ende des Bereichs, mit dem ein Unternehmen als solider Schuldner gilt. Moody’s bewertet den Ausblick für das Rating derzeit mit „Negativ“. Weitere Herabstufungen würden die Deutsche Bank im Vergleich zu ihren internationalen Konkurrenten weiter zurückwerfen.

Für sein Sanierungsprojekt darf Sewing also kaum mit dem Rückenwind der Märkte rechnen. Der Spielraum für Fehler und Rückschläge ist gering.

Mehr: Mit Ritchies Weggang beginnt bei der Deutschen Bank der große Vorstandsumbau. Weitere Manager werden wohl folgen.

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