Swiss-Re-Chef Christian Mumenthaler „Der Höhepunkt der Hurrikan-Saison kommt noch“

Der Vorstandschef des Rückversicherers Swiss Re über besonders risikoreiche Orte, China als Vorbild beim Klimaschutz und den Hype um künstliche Intelligenz.
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Der Klimawandel führt zu steigenden Schadenssummen. Quelle: action press
Auswirkungen des Taifuns „Mankhut“ in Hongkong

Der Klimawandel führt zu steigenden Schadenssummen.

(Foto: action press)

Monte Carlo
Vom Pavillon der Swiss Re beim großen Branchentreffen der Rückversicherer in Monaco fällt der Blick direkt auf den Jachthafen von Monte Carlo. Christian Mumenthaler hat dafür kaum einen Blick. Der Chef des zweitgrößten Rückversicherers der Welt nutzt die Zeit lieber für Kundengespräche und ein Interview mit dem Handelsblatt.

Herr Mumenthaler, im vergangenen Jahr tobte zu diesem Zeitpunkt der Wirbelsturm Irma, davor war es Harvey, Tage darauf Maria. Wie sehr beobachten Sie im Moment den Wetterbericht?
Sehr genau. Wir hatten in Japan gerade viel mehr Taifune als in den vergangenen Jahrzehnten. Normalerweise gibt es zwanzig in der Saison bis Ende September. Wir haben schon den 21., und die Saison läuft noch drei Wochen. Die Wissenschaft bestätigt uns, dass wir höhere Seetemperaturen haben, eine größere Frequenz von Hurrikans und in Europa besonders warme Sommer.

Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass es in diesem Jahr nach einem ereignisarmen ersten Halbjahr wieder zu schweren Schäden kommt?
Die Hurrikan-Saison geht bis in den Oktober hinein. So gesehen ist absolut mit dieser Möglichkeit zu rechnen. Wir erwarten, dass der Höhepunkt noch kommt.

Das Jahr 2017 brachte mit 340 Milliarden Dollar die größte Schadenssumme, die weltweit jemals für Naturkatastrophen anfiel. Ist das erst der Anfang einer Entwicklung mit noch viel höheren Schäden in den kommenden Jahren?
Es gibt mehrere unterschiedliche Entwicklungen. Die bedeutendste ist, dass die Weltwirtschaft wächst, dass die Menschen in die Städte ziehen und diese sich häufig am Rande eines Meeres befinden. Es gibt damit generell mehr versicherbare Werte an gefährlichen Orten. Dieser Trend wächst stärker als das weltweite Bruttosozialprodukt. Selbst wenn der gleiche Sturm nach mehreren Jahrzehnten an der gleichen Stelle wiederkäme, hätte er weit schlimmere Konsequenzen als damals. Hinzu kommt der Klimawandel, was in der Kombination zu steigenden Schadenssummen führen dürfte.

Ergibt sich durch dieses Szenario ein Billionenrisiko für die Wirtschaft?
Es gibt ja die Möglichkeit, sich anzupassen. Ich würde raten, dass sich alle Beteiligten – also die Städte, die Industrie, die Menschen – an die höhere Gefahr anpassen. Die wäre an vielen Orten durchaus versicherbar.

Passiert beim Kampf gegen den Klimawandel genug?
Viele Länder beschäftigen sich seit vielen Jahrzehnten mit dem Thema. Das ist ein langwieriger Prozess und wahrscheinlich zu langsam, gemessen am Ergebnis. Aber man sieht auch Fortschritte. China setzt zum Beispiel sehr stark auf grüne Energie und produziert mehr davon als die USA. Es herrscht meiner Meinung nach heutzutage fast überall Konsens, dass wir uns anpassen müssen.

Ist China damit mittlerweile ein Vorbild in diesem Bereich für die restliche Welt?
(Überlegt lange) China hat natürlich ein ganz anderes politisches System, sehr stark von oben nach unten getrieben und mit vielen Ingenieuren in der Regierung. Dort agiert man sehr rational, deswegen geschehen viele Sachen sehr schnell. Das gilt auch für schmerzhafte Entscheidungen. Man schließt beispielsweise Fabriken, die zu viel Treibhausgas produzieren. Die Regierung macht aber auch sehr viele Experimente. Es ist Fakt, dass sie schneller reagiert als unsere Demokratien.

Für Teile Zentraleuropas wurden jüngst die wärmsten Monate April und Mai seit dem Jahr 1881 gemessen. Das dürfte zu massiven Ernteausfällen in diesem Jahr führen. Haben Sie hierzu bereits erste Erhebungen, wie hoch die Schäden ausgefallen sind?
Das ist noch zu früh. Besonders heiß war es auch schon im Sommer der Jahre 2013 und 2015. Die Temperaturen sind in den vergangenen 30 Jahren generell in Europa stark gestiegen. Die Folgen sind leider in solchen Jahren eine höhere Sterblichkeit alter Menschen und Schäden in der Landwirtschaft. Aber der Schaden wird für Rückversicherer nie so hoch sein wie bei einem Hurrikan.

„Es ist Fakt, dass China schneller reagiert als unsere Demokratien.“ (Bild: Swiss Re)
Christian Mumenthaler

„Es ist Fakt, dass China schneller reagiert als unsere Demokratien.“ (Bild: Swiss Re)

Vor allem aus der Landwirtschaft kommt in solchen Fällen schnell der Ruf nach dem Staat. Kann man das versicherungstechnisch nicht anders lösen?
Klar kann man das versichern. Aber jedes Land hat ein anderes System. Leider kaufen viele Leute keinen Versicherungsschutz, obwohl sie wissen, dass sie es tun sollten. Zum Teil auch aus dem Glauben, dass der Staat hilft, wenn was passieren sollte. In Kalifornien zum Beispiel sind rund 13 bis 15 Prozent der Menschen gegen Erdbeben versichert. Sie könnten es sich mehrheitlich leisten, es gibt aber eine Aversion gegen Versicherungen.

Was wäre die Lösung?
Wenn in einigen Regionen immer der Staat eingreifen muss, dann muss man sich überlegen, ob vielleicht nicht auch der Staat Versicherungen kaufen sollte.

Brauchen die Rückversicherer nicht gelegentlich Großschäden wie im vergangenen Jahr, allein zur Daseinsberechtigung?
Es wäre natürlich besser, wenn es nie mehr Katastrophen auf der Welt gäbe. Aber sie passieren. Oft ist jahrelang nichts, dann verdient die Branche Geld. Danach kommt der große Schock wie 2017, und die Branche zahlt. Alles in allem ist dies ein sehr bewährtes System.

Lange stützte man sich bei der Vorhersage von Naturkatastrophen auf historische Zeitreihen. Wie sehr hilft heute die Digitalisierung dabei, die Gefahren besser einschätzen zu können?
Ich denke, dass die Digitalisierung in den nächsten Jahren vor allem ein Erstversicherungsthema sein wird, denn dort liegt das größte Potenzial. Im Vergleich dazu sind Rückversicherer spezialisierter und besitzen weniger standardisierte Prozesse. Bei den Erstversicherern ist aber das Hauptproblem, dass sie zum Teil Tausende alte IT-Systeme betreiben, welche zuerst abgelöst werden müssen. Das führt zu einer allgemeinen Verzögerung, bis der Konsument die neue digitale Welt in der Versicherung zu spüren bekommt.

Welche Summe müssen Sie dafür investieren?
Unsere IT-Landschaft haben wir über die letzten zehn Jahre schon massiv vereinfacht. Bezüglich der neuen Technologien ist man aus Marketinggründen immer wieder mal versucht, eine Zahl herauszugeben. Wir aber wollen das vermeiden. Es gibt auch viel zu viel Hype um die neuen Technologien. In der Realität wird vieles künftig nicht viel anders sein als in den vergangenen 20 Jahren. Die Innovation wird ständig beschleunigt, aber es gibt keinen fundamentalen Bruch.

Haben Sie Beispiele dafür?
Das Thema künstliche Intelligenz wird – jedenfalls im Moment – noch überschätzt.

Das müssen Sie jetzt aber erklären.
Mir macht Sorgen, dass sich ein Narrativ etabliert hat, bei dem sich die Diversität der Meinungen extrem eingeengt hat. Man hat sich eingeschossen auf ein Szenario, in dem Menschen und all ihre Arbeiten durch Maschinen ersetzt werden und es zum Beispiel einen von KI gesteuerten automatischen Luft-, Schienen- und Straßenverkehr gibt.

Aber es gibt doch bereits Beispiele in der Praxis mit durchaus erstaunlichen Ergebnissen.
Wenn man sich den Stand der Technologie betrachtet, dann ist das sehr ernüchternd. Es gibt gute Ergebnisse beim Spielen von Schach oder Go oder bei der Bildverarbeitung im medizinischen Bereich oder der Gesichtserkennung. Also überall da, wo man viele Trainingsdaten hat und der Output nicht ganz präzise sein muss. In den allermeisten Bereichen der Versicherungs-Wertschöpfungskette gibt es aber sehr limitierte Erfolge. Das bestätigen auch unsere Kunden. Es herrscht generell eine große Ernüchterung. Die Realität ist meilenweit davon entfernt, dass es Maschinen gibt, die bereits jeden Job eines Menschen übernehmen könnten. Ich gehe schon davon aus, dass es weitere Fortschritte geben wird in gewissen Gebieten, in vielen anderen dagegen nicht.

Mit dieser Aussage gehören Sie im Moment aber eher zu einer Minderheit.
(Lacht) Das ist okay. Wir experimentieren in diesem Bereich schon sehr viel. Wer aber, so wie wir, die bescheidenen Erfolge sieht, der fragt auch mal die anderen. Und wer dort etwas tiefer geht, der merkt schnell: Da ist auch noch nicht viel.

Nun werden Ihnen Anhänger der Technik entgegenhalten, dass der Fortschritt unausweichlich kommt.
Für die nächsten zehn Jahren bin ich skeptisch. Lediglich in der Medizin sehe ich großes Potenzial.

Gerade für die Versicherungsbranche müssten sich doch enorme Verbesserungen ergeben. Ist technischer Fortschritt hier wegen der veralteten Systeme nicht dringend nötig?
Ja, aber das hat nichts mit künstlicher Intelligenz zu tun. Viele Versicherer leiden heute darunter, dass sie Hunderte oder gar Tausende alter System haben, welche alle unterhalten werden müssen. Da gibt es also schon mit heutigen Technologien enorme Einsparpotenziale. Mit neueren Technologien und zusätzlichen Daten kann man beinahe alle Aspekte der Versicherung verbessern. Da passiert im Moment auch sehr viel. Das hat aber mit KI wenig zu tun, auch wenn der Begriff sehr populär ist.

Als Schlüssel zum Erfolg gilt es, die gewaltig wachsende Datenflut aufzuarbeiten und so nutzbar zu machen. Wie wollen Sie diese Aufgabe bewältigen?
Im Vergleich zur KI ist die bessere Ausnutzung der Datenflut ein essenzielles Thema. Aus Daten werden wir sehr viele Effizienzen herausholen und Neues lernen. Einer der vier Pfeiler unserer digitalen Strategie ist es, eine Art Datensee zu schaffen, zu dem alle Abteilungen Zugriff haben. Jeder auf seiner Stufe mit den entsprechenden Nutzungsrechten. Ich sehe da großes Potenzial.

In diesem Jahr gab es lange Spekulationen über eine Beteiligung der japanischen Technologie-Holding Softbank an Swiss Re, ehe die Gespräche ergebnislos beendet wurden. Warum hat es am Ende nicht geklappt
Die Kombination hatte reizvolle Aspekte, deswegen liefen die Verhandlungen auch so lange. Wir waren vor allem an den innovativen digitalen Aspekten interessiert, nicht so sehr an einer bedeutenden Beteiligung ihrerseits an der Swiss Re. Letztlich ist man freundlich auseinandergegangen.

Hätte es nicht einen gewissen Charme gehabt, wenn eine weltweit führende Kapitalsammelstelle und ein Technologieriese zusammengefunden hätten?
Fundamental ist da was dran. Ob man sich aber so stark mit nur einem Partner einlassen sollte, ist fraglich. Aber dass man natürlich nach neuen Möglichkeiten sucht, Versicherungen über andere Kanäle effizienter zu vertreiben, ist eine reizvolle Idee. Die ist hier im Haus nicht gestorben. Eine Zusammenarbeit muss es nicht unbedingt mit einem Technologiekonzern geben. Eher mit Konzernen mit Produkten, die von den Kunden gerne gekauft werden und bei denen eine mitgelieferte Versicherung Sinn machen würde. Heute verkaufen Agenten Versicherungsprodukte an Kunden, weil Versicherungen nicht gekauft werden, sondern verkauft werden müssen. Deshalb entstehen hohe Kosten

Das klingt, als würde mittlerweile über Branchengrenzen hinweg jeder mit jedem reden. Was ist hier in Zukunft noch zu erwarten?
Die Grenzen brechen auf. Der wirtschaftliche Druck und die Innovation öffnet viele Firmen für etwas Neues. Es ist eine sehr anregende Zeit.

Herr Mumenthaler, vielen Dank für das Interview.

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