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Talanx-Chef Leue über Zukäufe „Ich setze nicht alles auf eine Karte“

Talanx-Chef Torsten Leue spricht im Interview über mögliche Akquisitionen, den Umbau des chronisch defizitären Industriegeschäfts und seine Sorge über einen No-Deal-Brexit.
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Seit Mai 2018 leitet er die Talanx-Gruppe. Quelle: Talanx AG
Torsten Leue

Seit Mai 2018 leitet er die Talanx-Gruppe.

(Foto: Talanx AG)

FrankfurtTorsten Leue dürfte sich seinen Start leichter vorgestellt haben. Im Mai vergangenen Jahres übernahm der 52-Jährige den Chefsessel des Versicherungskonzerns Talanx. Fünf Monate später muss der neue Vorstandschef der drittgrößten deutschen Versicherungsgruppe die erste Gewinnwarnung aussprechen.

Doch rechtzeitig vor der Präsentation der vorläufigen Jahreszahlen am Donnerstag kann Leue erste Fortschritte auf dem Weg zur Sanierung der defizitären Feuerversicherung melden. „Wir sind weiter als gedacht“, sagte er dem Handelsblatt. Ziel sei es gewesen, bis 2020 die Preise im betreffenden Bestand um 20 Prozent anzuheben. „Bis heute haben wir schon 87 Prozent der geplanten Preiserhöhungen durchgesetzt, was sicherlich ein gutes Zwischenergebnis darstellt – aber eben auch nicht mehr.“

Das im vergangenen Jahr aus dem Börsenindex für mittelgroße Firmen MDax in den Kleinwerteindex SDax abgestiegene Unternehmen hatte im vergangenen August angekündigt, die Sparte einer Sanierung zu unterziehen. Die Feuerversicherung steht für rund ein Fünftel der Beiträge im für Talanx wichtigen Industriegeschäft.

Der Hannoveraner Versicherer, zu dem der Rückversicherer Hannover Rück sowie der Industrieversicherer HDI Global zählen, hat damit bereits ein Jahr früher als geplant sein Ziel fast erreicht, die Preise im Bestand deutlich anzuheben.

Branchenweit verdienen die deutschen Assekuranzen in der Industrieversicherung derzeit kein Geld: der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft spricht von einer Kosten-Schadenquote von 137 Prozent, was bedeutet, dass die Versicherer mehr Geld für Schäden ausgeben als sie an Beiträge einnehmen.

Als Grund dafür sieht Leue, dass insbesondere die deutsche Industrie inzwischen mit ihren weltweiten Lieferketten vernetzter sei denn je.

Größere Übernahmen im Stil des Konkurrenten Axa, der für rund zwölf Milliarden Euro 2018 den Industrieversicherer XL Catlin gekauft hat, fasst der neue Vorstandschef nicht ins Auge. „Wir haben ungefähr fünf Milliarden Euro, die wir für eine potenzielle Übernahme einsetzen könnten, ohne unseren Großaktionär, den HDI V.a.G., zu verwässern“, sagte Leue. Der Mehrjahresplan der Talanx, der eine steigende Rendite in den nächsten Jahren vorsieht, fuße auf organischem Wachstum.

„Aber wenn sich eine Gelegenheit bietet, die unseren Renditevorgaben entspricht, würden wir sie natürlich wahrnehmen“, betonte der Topmanager, der seit Mai letzten Jahres an der Spitze des Unternehmens steht.

Am Donnerstag legt der Konzern aus Hannover seine vorläufigen Zahlen für das abgelaufene Jahr vor. Talanx hatte Mitte Oktober wegen mehrerer Großschäden sowie einer ungewöhnlich starken Häufung kleinerer Schäden in der industriellen Sachversicherung seine Prognose gekappt.

In den ersten neun Monaten rutschte die Industriesparte in die roten Zahlen und verbuchte einen operativen Verlust von 32 Millionen Euro. In allen anderen Geschäftsbereichen konnte Talanx zulegen.

Für das Gesamtjahr peilt Talanx ein Konzernergebnis von rund 700 Millionen Euro an, das 2019 auf rund 900 Millionen Euro steigen soll. Die Dividende soll in diesem Jahr mindestens das Vorjahresniveau erreichen. Für 2017 hatte Talanx je Aktie 1,40 Euro ausgeschüttet. Haupteigner von Talanx ist der Haftpflichtverband der Deutschen Industrie (HDI), ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit. Talanx selbst ist wiederum Mehrheitseigner des weltweit viertgrößten Rückversicherers Hannover Rück.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Leue, Großbritannien schlittert auf einen Chaos-Brexit zu, China und die USA könnten im März die nächste Stufe im Handelskrieg zünden. Wie gefährlich ist die Politik derzeit für die deutsche Wirtschaft und die hiesigen Versicherer?
Die wirtschaftlichen Risiken werden größer, da die Psychologie im Allgemeinen einen großen Einfluss auf die Märkte hat. Daher sollten die Folgen nicht unterschätzt werden, selbst wenn die direkten wirtschaftlichen Auswirkungen auf die deutschen Versicherer in einem ersten Schritt wahrscheinlich nicht allzu groß sein werden. Die Versicherungswirtschaft läuft dem volkswirtschaftlichen Zyklus normalerweise etwas zeitversetzt hinterher und wird erst in einem potenziellen wirtschaftlichen Abschwung in der Versicherungstechnik und in der Kapitalanlage durch die Finanzmarktturbulenzen stärker betroffen sein.

Müssen deutsche Versicherte mit Konsequenzen rechnen, wenn die Insel die EU ohne Deal verlässt?
Nein, da muss sich niemand Gedanken machen. Wir haben uns gut vorbereitet und werden in jedem Szenario, auch im „No Deal“-Fall, unseren Kunden weiter in Großbritannien Versicherungsschutz bieten.

Die Märkte sind seit Monaten sehr beunruhigt. Könnte ein No-Deal-Brexit die Aktienmärkte in Turbulenzen bringen?
Das ist schwierig vorhersehbar. Die Märkte antizipieren alle möglichen Konstellationen und reagieren von Nachricht zu Nachricht unterschiedlich. Die Nervosität und damit auch die Volatilität sind allerdings deutlich spürbar. Unsere strategische Positionierung am Kapitalmarkt ist, dass wir das Marktrisiko bei der Talanx besonders niedrig halten. Konkret heißt das, dass wir eine sehr konservative Geldanlagepolitik verfolgen. Unsere Aktienquote liegt unter einem Prozent bezogen auf den gesamten Kapitalanlagebestand.

Wir sind weiter als gedacht. Bis heute haben wir schon 87 Prozent der geplanten Preiserhöhungen durchgesetzt.

In Ihrem ersten Jahr an der Spitze der Talanx gab es eine Gewinnwarnung, die Aktie verlor vom Allzeithoch von 37,55 Euro kurz vor Ihrem Antritt deutlich auf mittlerweile rund 33 Euro, und ihr Platz im MDax ist weg. Hatten Sie sich Ihren Start einfacher vorgestellt?
Das Jahr war ereignisreich. Wir haben uns neue, ambitionierte Ziele gegeben und unsere Strategie überarbeitet. Wir wollen unser Konzernergebnis bis 2022 gemessen am Gewinn pro Aktie jedes Jahr um durchschnittlich mindestens fünf Prozent steigern. Zugleich wollen wir jedes Jahr eine erhöhte Eigenkapitalrendite von 800 Basispunkten über dem risikofreien Zins erreichen. Zudem haben wir eine kulturelle Weiterentwicklung eingeleitet, die bisher recht vielversprechend verläuft.

Das spiegelt der Börsenkurs aber noch nicht wider.
Die Entwicklung unseres Börsenkurses sehe ich eher als langfristig an. Entscheidend ist, dass wir unsere Ziele erreichen und damit das Vertrauen der Investoren bestätigen. Und da sind wir optimistisch. Dass die Talanx im Wesentlichen aufgrund des geringen Streubesitzes und des damit verbundenen niedrigeren Handelsvolumens im SDax gelistet ist, hat bisher kaum Auswirkungen auf das Interesse an unserer Aktie und damit auf den Kursverlauf gehabt.

Sie wollen die Talanx schneller und agiler machen und streben einen Kulturwandel im Unternehmen an. Was heißt das denn konkret?
Wir möchten die Talanx kulturell weiterentwickeln und unsere Stärken ausbauen. Wir sind sehr dezentral und damit unternehmerisch aufgestellt, atmen aber trotz unserer Größe als Konzern mit rund 22.000 Mitarbeitern den Geist des Mittelstands. Unsere Kultur ist durch Kostenführerschaft geprägt, was sich bereits in drei von vier Geschäftsfeldern widerspiegelt. Wir erhöhen die Profitabilitätsziele sogar noch, indem sich die Geschäftsbereiche noch stärker fokussieren und wir unser Kapitalmanagement effizienter durchführen.

Und wo bleibt da der Kulturwandel?
Wir müssen agiler werden – eine lernende Organisation, die den Kunden in den Fokus stellt, um mehr Gewinn zu erzielen. Am Ende sollen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiter mit viel Spaß zur Arbeit gehen, was sich automatisch positiv auf unsere Kunden auswirken wird.

Versicherungen und Spaß: Sind Sie sicher, dass das problemlos zusammenpasst?
Ja. Der Kunde sieht Versicherungen bisher als ein erklärungsbedürftiges Produkt an, womit er sich nicht täglich intensiv beschäftigen will. Es gibt wenige Momente, in denen der Vertrag für den Kunden interessant wird: beim Abschluss der Versicherung und im Schadensfall. In diesen beiden Momenten müssen die Abläufe sowie das Produkt künftig wesentlich einfacher, verständlicher und freundlicher sein. Unser agiler Weg im Veränderungsprozess kann sehr viel Spaß und Befriedigung für Kunden sowie Mitarbeiter bedeuten.

Keine Mega-Übernahme geplant. Quelle: Franz Bischof/laif
Talanx-Zentrale in Hannover

Keine Mega-Übernahme geplant.

(Foto: Franz Bischof/laif)

Im Industriegeschäft dürfte der Spaßfaktor bei Ihnen derzeit überschaubar sein. Das Geschäft ist – wie auch bei vielen anderen Versicherern – chronisch defizitär. Was läuft da schief?
Wir verdienen in der industriellen Sachversicherung und dort hauptsächlich in der Feuerversicherung branchenweit nach Daten des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft mit einer geschätzten Schaden-Kosten-Quote von 137 Prozent derzeit versicherungstechnisch kein Geld. Insbesondere die deutsche Industrie ist inzwischen mit ihren weltweiten Lieferketten vernetzter denn je. Wenn Sie in einem Werk in den USA einen Produktionsstillstand haben, hat das erhebliche Auswirkungen auf viele andere Lieferanten der Kunden und führt zu Folgeschäden, die der Versicherungsmarkt künftig noch besser risikoadäquat bepreisen muss. Bei uns macht die industrielle Sachversicherung etwa 20 Prozent des Portfolios in der Industrieversicherung aus.

Haben Sie die internationale Vernetzung der Industrie unterschätzt?
In der weichen Marktphase mit fallenden Preisen, die seit einigen Jahren anhält, wurden diese Folgeschäden nicht ausreichend in der Produktpreisgestaltung berücksichtigt. Es gilt zukünftig, den Datenaustausch über die Lieferkette mit unseren Kunden zu intensivieren, um dann einen risikogerechten Preis durchzusetzen.

Im vergangenen Sommer kündigten Sie an, die zur Industrieversicherung zählende Feuersparte einer Sanierung zu unterziehen. Wie weit sind Sie auf diesem Weg?
Wir sind weiter als gedacht. Unser Ziel ist es, bis 2020 die Preise im betreffenden Bestand um 20 Prozent anzuheben. Bis heute haben wir schon 87 Prozent der geplanten Preiserhöhungen durchgesetzt, was sicherlich ein gutes Zwischenergebnis darstellt – aber eben auch nicht mehr.

Sie haben für 2019 ein Konzernergebnis von 900 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Sind in dieser Prognose die Fortschritte im Industriegeschäft bereits komplett berücksichtigt – oder haben Sie noch Raum für positive Überraschungen?
Wir stehen zu unserer Prognose und rütteln nicht daran.

Die Allianz denkt derzeit über ein Zusammenrücken ihres Industrieversicherers mit dem Kreditversicherer Euler Hermes nach. Könnte das ein Vorbild für die Talanx sein?
Wir haben keinen eigenen Kreditversicherer. Was wir allerdings haben, ist das chancenreiche Spezialversicherungsgeschäft der HDI Global Specialty. Hier haben wir zwischen unserem Rückversicherer Hannover Rück und unserem Industrieversicherer HDI Global die Kräfte in einem Joint Venture gebündelt.

Der Markt ist in Bewegung. Die Axa kaufte 2018 für zwölf Milliarden Dollar den Industrieversicherer XL Catlin. Wäre eine solche Großakquisition auch für Talanx machbar?
Wir haben ungefähr fünf Milliarden Euro, die wir für eine potenzielle Übernahme einsetzen könnten, ohne unseren Großaktionär, den HDI V. a. G., zu verwässern. Ich würde den Gesamtbetrag aber eher nicht auf eine Karte setzen.

Zuletzt liebäugelten Sie offen mit Zukäufen im Ausland. Haben Sie derzeit konkrete Übernahmeziele im Auge?
Nein. Unser Mehrjahresplan fußt auf organischem Wachstum. Aber wenn sich eine Gelegenheit bietet, die unseren Renditevorgaben entspricht, würden wir sie natürlich wahrnehmen.

Herr Leue, vielen Dank für das Gespräch.

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