Tarifpolitik Neuer Anlauf im Tarifstreit bei Versicherern

Die Fronten sind in der Versicherungsbranche verhärtet. Verdi bewegt sich aber in Details.

BERLIN. Im Tarifkonflikt der privaten Versicherungswirtschaft hat die Gewerkschaft Verdi den Arbeitgebern in einigen Detailfragen Verhandlungsbereitschaft signalisiert. „Wir können uns vorstellen, die Anwendung des bisherigen Arbeitszeitkorridors zu erleichtern“, sagte Vorstandsmitglied Uwe Foullong dem Handelsblatt. Auch bei den tarifvertraglichen Vorschriften zur Samstagsarbeit schließe er „einige Modifikationen“ nicht aus.

Damit deuten sich zwar erstmals einige mögliche Kompromisslinien in dem für Branchenverhältnisse ungewöhnlich harten Tarifstreit an. Ob die Gewerkschaft und der Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen (AGV) ihren Konflikt noch vor Weihnachten beilegen können, bleibt aber schwer absehbar. Eine Verlängerung von Arbeitszeiten lehne Verdi ebenso strikt ab, wie eine Öffnung des Samstags als Regelarbeitstag, betonte Foullong. Zudem sei das bisher vorliegende Gehaltsangebot der Arbeitgeber für die 180 000 Innendienstmitarbeiter der Branche „völlig inakzeptabel“.

Am Mittwoch, drei Tage vor Heiligabend, findet die vierte Verhandlungsrunde in Hamburg statt. In der vorangegangenen Runde Ende November hatten die Arbeitgeber Gehaltserhöhungen in zwei Stufen von 0,9 und 0,6 Prozent für die Zeit bis 2008 angeboten. Da Verdi auf andere Anliegen der Arbeitgeber kaum eingegangen sei, habe es „keinen Spielraum für ein höheres Angebot gegeben“, sagte AGV-Hauptgeschäftsführer Jörg Müller-Stein. Verdi fordert ein Plus von 4,5 Prozent. „Die Versicherungswirtschaft ist keine Krisen-, sondern eine Zukunftsbranche“, sagte Foullong. Zudem halte Verdi daran fest, Vereinbarungen über eine Beschäftigungsgarantie zu treffen.

Die Arbeitgeber haben ihr Gehaltsangebot unter anderem davon abhängig gemacht, dass sie mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit erhalten. Forderungen nach einer pauschalen Verlängerung der Wochenarbeitszeit von bisher 38 Stunden sind zwar offenbar vom Tisch. Allerdings drängt die Branche weiter darauf, eine 1996 eingeführte Korridor-Regelung deutlich zu erweitern. Danach kann die Wochenarbeitszeit bisher für einzelne Beschäftigte auf bis zu 42 Stunden verlängert werden, falls der Betriebsrat zustimmt. Diesen Rahmen wollen die Arbeitgeber auf bis zu 48 Stunden erweitern. Dies lehnt Verdi ebenso wie andere Formen der Arbeitzeitverlängerung ab.

Allerdings ist der bisherige Korridor an strenge Kriterien geknüpft. Danach dürfen Arbeitszeiten einer Mitarbeitergruppe nur in dem Maß verlängert werden, wie sie für eine andere verkürzt werden. Dabei müssen Teilzeitkräfte mit weniger als 20 Wochenstunden aber bei der Berechnung außen vor bleiben, besagt eine weitere Zusatzvorschrift. Diese könnte Foullong zufolge geändert werden. Verdi hat hier eine starke Verhandlungsposition: Gelingt keine Einigung, läuft die alte Regelung zum Jahresende ersatzlos aus.

Viel Zündstoff lieferte bisher zudem die Arbeitgeberforderung, Arbeit an Samstagen zu erleichtern. Dabei gehe es gar nicht darum, den Samstag zu einem regulären Arbeitstag zu machen, sagte Müller-Stein. Allerdings müsse es den Unternehmen möglich sein, für einzelne Abteilungen Arbeitszeitmodelle durchzusetzen, nach denen auch am Samstag zuschlagfrei gearbeitet werden kann. „Das Kundenverhalten stellt nun einmal neue Anforderungen, beispielsweise an Servicebereitschaften und EDV-Spezialisten“, so Müller-Stein.

Bisher legt der Tarifvertrag fest, dass Samstagsarbeit nur in Verbindung mit Gehaltszuschlägen von bis zu 25 Prozent vereinbart werden darf. Solange der Samstag als Ausnahme definiert bleibe, lasse Verdi über Änderungen im Detail mit sich reden, erläuterte Foullong.

Hart umstritten ist indes weiter die Verdi-Forderung, die Unternehmen tarifvertraglich zum Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen zu verpflichten. „Ein Arbeitgeberverband kann keine Verpflichtung eingehen, die seine einzelnen Mitgliedsunternehmen einlösen müssten“, betont Müller-Stein.

Vor den Verhandlungen am Mittwoch will Verdi mit Protestaktionen und Streiks weiteren Druck machen. Insgesamt haben sich nach Gewerkschaftsangaben im Verlauf der Tarifrunde bisher rund 20 000 Beschäftigte an Protesten beteiligt.

Tarifpolitik im Umbruch

Radikaler Umbau: Ein starker Umbruch in der Branche überlagert die Tarifrunde. Beispiel Allianz: Sie baut eine neue Deutschland-Holding und verkauft Policen via Internet. Die Beschäftigten fürchten Personalabbau. Konkrete Pläne hat die Hamburg-Mannheimer: Sie will 1 400 Stellen streichen.

Große Wirkung: Streiks und Proteste werden damit auch durch Konflikte in den Firmen verstärkt. Zudem bröckelt der Flächentarif: Die Sparkassenversicherung Sachsen trat aus dem Arbeitgeberverband aus und schloss mit der christlichen Gewerkschaft DHV im Mai einen Haustarif.

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