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Telemedizin Warum französische Patienten mit ihrem Arzt chatten dürfen – und deutsche nicht

Frankreichs Versicherer haben die Zeichen der Zeit erkannt und machen Telemedizin zum Geschäftsmodell. Deutsche Wettbewerber zögern hingegen noch.
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Die Telemedizin soll vor allem in Gegenden mit Ärztemangel helfen.
Arzt-Chat des französischen Anbieters Qare

Die Telemedizin soll vor allem in Gegenden mit Ärztemangel helfen.

Paris/MünchenAm Anfang stand das Heimweh: „Wir hatten französische Kunden im Ausland, die gerne mit einem französischen Arzt sprechen wollten“, erinnert sich Corinne Guillemin, Direktorin beim Versicherer Axa France, an die Ursprünge der Telemedizin. Mittlerweile ist aus dem privaten Wunsch ein Geschäftsmodell geworden: Die französische Sozialversicherung erstattet den Patienten die Kosten für den Arzt-Chat, wohl als erste der Welt.

Für Ludovic Cohen von der Allianz Frankreich gibt es drei gute Gründe für Telemedizin: Sie biete eine Lösung für Regionen mit einem Mangel an niedergelassenen Ärzten. Sie verringere die Überlastung der Notfallambulanzen durch Patienten, die ihren Hausarzt nicht erreichen. Und sie trage zu schnellerer Behandlung bei und verhindere so, dass Krankheiten verschleppt werden und der Zustand des Patienten sich verschlechtert.

Schon heute dürfen Ärzte Rezepte per Telemedizin ausstellen; für Krankschreibungen gilt das noch nicht. Als Grundsatz gilt: Ein Patient muss in den letzten zwölf Monaten seinem Arzt einen Besuch abgestattet haben, damit der Chat zulässig ist.

In Frankreich gibt es zwar eine solidarische Krankenversicherung für alle, doch wer keine zusätzliche private Versicherung („mutuelle“) hat, bleibt auf einem großen Teil der Kosten sitzen. Die „mutuelles“ waren früher genossenschaftlich organisiert, sind heute aber meist fest in der Hand privater Versicherer.

Diese nutzen Telemedizin, um sich von der Konkurrenz abzuheben. „Axa hat angefangen“, gesteht man bei der Allianz neidlos zu. Der Frankreichableger des deutschen Versicherungsriesen sei etwas zurückhaltender.

Das hat seine Gründe. Der Arztbesuch per Bildschirm ist eine große Chance, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen und sich zu profilieren. Aber es lauern auch Fallstricke. „Wir fürchten, dass es zur ‚Uberisierung‘ der Medizin kommt, die solidarische Versicherung zerstört wird“, bemängelt ein Vertreter des Ärzteverbands in Anspielung auf den US-Chauffeurvermittler Uber. Denkt man an den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, bieten sich noch kompliziertere Perspektiven.

Die französische Axa legt Wert darauf, „dass alles nur in Abstimmung mit den Ärzten läuft“, betont Guillaume Borie, globaler Innovationschef des Versicherers. Doch gebe es die alte Befürchtung der Ärzte, „in Abhängigkeit von den Versicherern zu geraten“.

Ihr Misstrauen weckte etwa die Tatsache, dass Axa wie Allianz eigene festangestellte Ärzte haben. Axa France bietet fünf Millionen Kunden einen Service, der über die Grundversorgung hinausgeht: Sie können rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche mit Axa-Ärzten aus 30 verschiedenen Disziplinen sprechen. Die Zusatzkosten wurden in die Prämie integriert.

Mittel gegen Ärztemangel

Das Angebot geht noch weiter: Stellt der Tele-Doc fest, dass der Patient ins Krankenhaus muss, macht er die Akte fertig und schickt sie an die Aufnahme. Der Patient kann entscheiden, wo er eingewiesen werden will: Axa informiert über Klinikqualität und -kosten. In der Region Hauts-de-France, die besonders unter Ärztemangel leidet, startet 2019 ein Pilotversuch: Patienten können ein Zentrum mit Arzthelfern aufsuchen, die einen Arzt per PC zuschalten.

Axa probiert darüber hinaus mit seinem Start-up Qare ein neues Geschäftsmodell aus: Für 29 Euro im Monat bietet Qare Telemedizin an und übernimmt sogar den Transport von Medikamenten.

Ein anderes Modell sei noch interessanter, sagt Innovationschef Borie: Unternehmen schließen Gruppenversicherungen ab und stellen eine spezielle Software für die gesicherte Kommunikation zwischen Arzt und Patient gegen eine monatliche Gebühr bereit.

„Das gesamte Gesundheitssystem hat Interesse daran, dass Telemedizin breit genutzt wird“, glaubt auch Cohen von der Allianz. Diese spare Kosten, obwohl jede Telekonsultation so bezahlt werde wie ein normaler Arztbesuch.

In Deutschland ist man noch nicht so weit wie in Frankreich. Das sogenannte „Fernbehandlungsverbot“ wird zwar gelockert: Die Bundes-Ärztekammer hat sich bereits dafür ausgesprochen, in der Bundesregierung setzt sich Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für eine Anpassung ein.

Mit dem Münchener Start-up Ottonova gibt es einen Anbieter, der Telemedizin über den Umweg einer Kooperation mit dem Schweizer Unternehmen Eedoctors ermöglicht. Die Videosprechstunden ermöglichen in der Schweiz zugelassene und ansässige Ärzte. Die Wettbewerbsbehörde hat jedoch Klage wegen der Bewerbung der Telemedizin eingereicht.

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