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Tim Albrecht im Interview DWS-Aktienchef Deutschland: „Es kann noch mal schlimmer werden“

Der Fondsmanager sagt eine Rezession in Deutschland voraus. Die fragile Lage an den Aktienmärkten schreibt er instabilen politischen Verhältnissen zu.
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DWS-Aktienchef Tim Albrecht: „Es kann noch mal schlimmer werden“ Quelle: Christof Mattes/WirtschaftsWoche
DWS-Manager Tim Albrecht

Im vergangenen Herbst wollte er zur Berenberg Bank wechseln, entschied sich dann jedoch um.

(Foto: Christof Mattes/WirtschaftsWoche)

Frankfurt Tim Albrecht, bekannter Fondsmanager und Aktienchef Deutschland, Österreich und Schweiz der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS, findet die derzeitige Ruhe an den Aktienmärkten trügerisch: „Die Unsicherheit ist groß an den Märkten“, sagte er im Interview mit dem Handelsblatt. Die Situation habe sich seit dem Jahresanfang verschlimmert – und schon damals habe es düster ausgesehen, was die großen politischen Konfliktherde angehe.

Für erstaunlich hält der Fondsmanager, dass der deutsche Leitindex Dax derzeit gut zehn Prozent im Plus liegt. „Denn die Hoffnungen auf eine baldige Lösung im Handelsstreit und darauf, dass dieser nur eine kleine Konjunkturdelle auslöst und sich die Aktienmärkte im zweiten Halbjahr erholen, haben sich ja zerschlagen.“ Der Handelsstreit sei eher weiter eskaliert, diese Unsicherheit belaste die Realwirtschaft.

Die Geldpolitik könne die Wirtschaft kaum mehr stabilisieren: „Deren Munition ist so gut wie aufgebraucht.“ In Europa sei der Einlagenzins seit Jahren negativ, Banken gäben ihn an ihre Firmenkunden und teilweise private Kunden weiter.

Auch weitere Maßnahmen wie Staatsanleihekäufe würden nicht mehr viel helfen, so Albrecht. „Firmen leiden in der Euro-Zone nicht unter Kapazitätsknappheit, die durch günstiges Geld entschärft werden könnte. Es schadet inzwischen sogar eher.“

Eine Krise in der Breite wie vor gut zehn Jahren nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers sieht er aber nicht kommen. Den deutschen Leitindex Dax sieht der DWS-Mann daher am Ende des Jahres in etwa auf heutigem Niveau – wenn der Handelsstreit nicht weiter eskaliere, aber auch nicht gelöst werde.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Albrecht, die Investoren sind nervös, wenngleich die Aktienmärkte wieder stabiler wirken nach dem heftigen Kursrutsch seit Anfang August. Wo stehen wir denn bei Dax und Co.?
Die Ruhe trügt. Die Unsicherheit ist groß an den Märkten. Eigentlich hat sich die Situation seit dem Jahresanfang nur verschlimmert – und schon damals sah es düster aus, was die großen politischen Konfliktherde rund um den Handelskrieg zwischen den USA und China, um Italien und um den Brexit angeht. Es ist im Grunde erstaunlich, dass der deutsche Leitindex Dax überhaupt gut 2000 Punkte gestiegen ist, bevor er fast die Hälfte dann wieder abgab, und noch immer gut zehn Prozent im Plus liegt. Denn die Hoffnungen auf eine baldige Lösung im Handelsstreit und darauf, dass dieser nur eine kleine Konjunkturdelle auslöst und sich die Aktienmärkte im zweiten Halbjahr erholen, haben sich ja zerschlagen. Der Handelsstreit ist eher weiter eskaliert, diese Unsicherheit belastet die Realwirtschaft.

Rechnen Sie mit einer Rezession in Deutschland?
Ja, wir erwarten wie viele eine leichte technische Rezession, also dass das Bruttoinlandsprodukt nach dem zweiten Quartal auch im laufenden Quartal schrumpft. Im verarbeitenden Gewerbe erleben wir definitiv rezessive Tendenzen, auch eine Gewinnrezession. Der Arbeitsmarkt hält sich noch recht stabil, auch wenn schon erste Unternehmen berichten, dass Leiharbeiter entlassen werden müssen.

Und das alles hängt an dem von Donald Trump angezettelten Handelskonflikt?
Die berühmten kurzen Beine politischer Börsen sind länger geworden: Allen voran belastet der Handelskonflikt zwischen den USA und China – die Wirtschaft der wichtigsten Absatzmärkte für die exportstarken deutschen Unternehmen schwächelt. Nach Einschätzung der Firmen stottert die Weltkonjunktur inzwischen auf allen Zylindern. Es fehlt ein echter positiver Impuls für die Weltwirtschaft.

Und wie stark belasten Europas Probleme?
Der Stress in Europa nimmt zu: Die Chancen, stabile Wahlergebnisse zu bekommen, schwinden offenbar – der Brexit und die Regierungskrise in Italien dokumentieren die Destabilisierung. Das sind mehrere Tropfen, die das Fass zum Überlaufen bringen.

Anleger hoffen ja weiterhin auf die Notenbanken ...
Auf die Geldpolitik kann man nicht mehr setzen: Deren Munition ist so gut wie aufgebraucht. In Europa ist der Einlagenzins seit Jahren negativ, Banken geben es an ihre Firmenkunden und teilweise an private Kunden weiter. Und auch weitere Maßnahmen des billigen Geldes wie Staatsanleihekäufe helfen nicht mehr viel. Firmen leiden in der Euro-Zone nicht unter Kapazitätsknappheit, die durch günstiges Geld entschärft werden könnte. Es schadet inzwischen sogar eher.

Grafik

Inwiefern das?
Sparer werden real, also nach Abzug von Inflation, enteignet. Pensionskassen bekommen Schwierigkeiten durch den Niedrigzins. Und Firmen berichten, dass in allen Branchen und auch in ganz Europa der Technologie- und Strukturwandel gehemmt wird durch die expansive Geldpolitik: Durch immer neue Finanzierungsrunden wird das eine oder andere Unternehmen am Leben gehalten. Preiserhöhungen sind schwer umzusetzen, weil es noch Firmen gibt, die mit billigen Angeboten zu überleben versuchen und ihre Marktanteile verteidigen wollen. Das wirkt negativ auf die gesamte Wirtschaft.

Könnte da Ausgabenpolitik helfen? Bundesfinanzminister Olaf Scholz hat schon Andeutungen gemacht, dass die Bundesregierung dazu bereit wäre.
Das könnte hier und da etwas helfen, etwa bei Infrastruktur- oder Bildungsprojekten, kann aber kein Allheilmittel für die Wirtschaft sein. Außerdem müssen solche Maßnahmen erst mal umgesetzt werden. Solange nur geredet wird, könnte das sogar zu einer unerwünschten Starre führen. Denn Konsumenten machen, bis eine Förderungsmaßnahme beschlossen ist, erst mal gar nichts. Im Heizungsbau etwa gibt es jetzt schon solche Sorgen, nachdem CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer die Diskussion über eine Abwrackprämie für Ölheizungen angestoßen hat.

Halten Sie denn jetzt einen höheren Anteil Liquidität in Ihren Fonds, etwa wie zur Zeit der Finanzkrise 2008?
Nein. Wir erleben zwar die ersten Tendenzen einer Krise, aber nicht in der Breite wie vor gut zehn Jahren: Es gibt keine Schockstarre bei den Unternehmen, Orders werden nicht massiv storniert, Banken kürzen Finanzierungen nicht. Wenn wir eine tiefe Rezession erwarten würden, würden wir vielleicht zehn Prozent Liquidität halten, um das Fondskapital zu schützen.

Ausländische Investoren machen ja einen großen Bogen um Europa. Wo sehen Sie den Dax und den Euro Stoxx 50 am Jahresende?
Etwa auf dem heutigen Niveau, wenn es keine weitere Eskalation, aber auch keine echte Lösung gibt – und die Aktienkurse können noch heftig weiter schwanken. Je nach Zuspitzung oder Entspannung der Lage kann sich der Dax zwischen 9000 Punkten bei einem ungeordneten Brexit und einer Eskalation im Handelsstreit und 13.000 Punkten bei einer echten Einigung zwischen den USA und China bewegen.

„Wir setzen stärker auf Versicherungen“
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  • Der heutige DAX Kursindex (ohne Zurechnung der Dividenden) liegt noch ca. 20% unter den Höchstwerten vom Jahr 2000. Seit damals summiert sich die Inflation auf ca. 30%.
    Damit der heutige Gesamtwert der DAX - Unternehmen mit jenem von 2000 vergleichbar wird, müsste der Dax noch um rund 50% zulegen.
    Der Unternehmenswert der DAX – Familie ist für mich momentan niedrig bewertet.

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