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Türkei Lira-Krise wird für türkische Banken zum Milliardenproblem

Viele türkische Konzerne können ihre Kredite nicht begleichen. Das bringt türkische Banken in Bedrängnis – und wird auch für Europas Geldhäuser teuer.
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Für die Banken der Schwellenländer wird 2019 ein herausforderndes Jahr. Quelle: dpa
Istanbuls Finanzviertel Levent

Für die Banken der Schwellenländer wird 2019 ein herausforderndes Jahr.

(Foto: dpa)

IstanbulJean Pierre Mustier gilt als Glücksfall für die lange angeschlagene Großbank Unicredit. Doch der Vorstandschef des italienischen Geldhauses musste seinen Investoren in dieser Woche eine bittere Pille präsentieren.

Unicredit musste im dritten Quartal fast 850 Millionen Euro auf die türkische Bank Yapi Kredi abschreiben, wie Mustier auf der Bilanzpressekonferenz diese Woche bekanntgab. „Wir stehen zu unserem Türkei-Engagement“, betonte der Chef zwar. Und ging sogar noch weiter: Mustier stellte klar, Unicredit würde notfalls noch mehr Geld nach Istanbul schicken.

Doch damit ist auch klar: Beteiligungen an türkischen Banken sind kein Selbstläufer mehr. Und für die Investoren könnte es noch teurer werden. Denn die wirtschaftlichen Aussichten der Türkei trüben sich zunehmend ein. Die Ratingagentur Moody’s rechnet für 2019 mit einem deutlichen Rückgang des Wirtschaftswachstums. Im ersten Halbjahr des kommenden Jahres könnte sogar eine Rezession das Land treffen.

Das trifft auch den Finanzsektor: Wegen der wirtschaftlichen Talfahrt bleiben türkische Banken auf einer immer größeren Anzahl wackliger Kredite sitzen. Das könnte neben Unicredit auch andere europäische Mutterhäuser treffen. Die Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) interessieren sich schon länger für den drastischen Wertverlust der Lira und die Situation der türkischen Tochterinstitute. Neben Unicredit sind die Großbanken BBVA aus Spanien sowie die französische BNP Paribas in der Türkei engagiert.

Die Türkei leidet wie viele andere Schwellenländer unter einem erstarkten US-Dollar. Dadurch investieren Anleger und große Fonds wieder vermehrt in den USA und weniger in den sogenannten Emerging Markets, zu denen neben der Türkei Brasilien, Argentinien oder auch Russland gehören.

Obendrein schreckte ein politischer Streit zwischen Ankara und Washington viele Investoren zusätzlich ab. Die türkische Lira verlor daraufhin zum US-Dollar besonders massiv an Wert.

Das Problem: Tausende türkische Unternehmen haben Kredite in der amerikanischen Währung aufgenommen, um ihr Wachstum zu finanzieren. Doch je schwächer die Lira gegenüber dem Dollar wurde, umso teurer wurden die Kredite. Alleine der türkische Energiesektor sitzt auf Krediten über 51 Milliarden Dollar, die zurückgezahlt werden müssen. Insgesamt haben türkische Unternehmen Verbindlichkeiten in einer Höhe, die fast einem Drittel des türkischen Bruttoinlandsprodukt entspricht: über 240 Milliarden Dollar.

Diese zurückzuzahlen wird zunehmend schwieriger. Insgesamt ist die Summe fauler Kredite nach Angaben der türkischen Zentralbank in diesem Jahr um 35 Prozent auf 16 Milliarden Dollar angestiegen. Das Verhältnis zu den bislang besicherten Krediten liegt zwar bei 3,2 Prozent und damit im grünen Bereich. Doch der rapide Anstieg führt bereits jetzt dazu, dass Mutterbanken wie Unicredit Geld in die Türkei schicken müssen.

Faule Kredite werden veräußert

Gar nicht erst hinzugezählt werden die Kredite von Unternehmen, die als Folge einer Insolvenz unter einen staatlichen Rettungsschirm geschlüpft sind. Nach Angaben der türkischen Tageszeitung „Sözcü“ soll es um mehrere tausend Firmen gehen. Die türkischen Banken wiederum wollen sich möglichst rasch von ihren Kreditrisiken trennen.

So gab die türkische ING-Bank Ende Oktober bekannt, ein Portfolio fauler Kredite im Wert von 533 Millionen Lira (rund 90 Millionen US-Dollar) für rund zehn Millionen Lira verkauft zu haben. Die türkische Denizbank verkaufte nach eigenen Angaben ein solches Portfolio mit einem Volumen von 67 Millionen Lira, Verkaufspreis unbekannt. Und die Sekerbank verkaufte Kredite im Wert von 92,5 Millionen Lira für 2,15 Millionen Lira.

Viele türkische Unternehmen müssen derzeit ihre Kredite umstrukturieren. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg geht es um 24 Milliarden US-Dollar. Doch das mindert nicht unbedingt die Kreditlast. Wegen der Inflation musste die türkische Zentralbank ihre Leitzinsen erhöhen, zuletzt um 6,25 Punkte auf 24 Prozent. Damit steigen auch die Zinsen für neue Kredite.

Der türkische Präsident Erdogan will, dass die heimischen Banken weiter billige Kredite vergeben und so das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Anleger befürchten jedoch, dass es so zu einer Überhitzung kommen könnte.

Die Banken selbst wollen sich zu den Problemen nicht konkret äußern – vielleicht, weil sie ahnen, die Sache aussitzen zu können: Denn grundsätzlich steht der türkische Finanzsektor gut da. In den ersten neun Monaten dieses Jahres verdienten türkische Finanzinstitute im Schnitt 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Einlagen bei türkischen Banken stiegen sogar um 31 Prozent.

Die Banken verleihen allerdings immer weniger Geld. Und jedem ist klar, dass die wirtschaftlichen Aussichten Gift sind für das Bankwesen eines Land, das auf ständiges Wachstum angewiesen ist. Wie schwer es um die türkischen Banken steht, zeigt ein Blick an die Börse.

Anleger verlieren das Vertrauen und trennen sich von den Anteilsscheinen der großen türkischen Banken. Der „Borsa Istanbul Banking Index“, der 13 Finanzwerte umfasst, sank in diesem Jahr um 29 Prozent, während die 100 größten börsennotierten türkischen Firmen vergleichsweise geringe 17 Prozent einbüßten.

Europäische Kredite für türkische Firmen

Insgesamt arbeiten im türkischen Bankensektor rund 208.000 Menschen in 50 Instituten. Europäische Banken besitzen nicht nur Anteile an türkischen Banken, sie vergeben auch direkt Kredite an türkische Firmen.

Banken aus Spanien haben einer Untersuchung der Berenberg-Bank zufolge rund 81 Milliarden Euro an Darlehen in der Türkei vergeben, französische Banken rund 35 Milliarden Euro, italienische Banken etwa 19 Milliarden. Bei deutschen Banken sind es rund 21 Milliarden Euro. Doch Vertreter der deutschen Geldhäuser in der Finanzmetropole Istanbul betonen, dass die ausländischen Banken eher auf eine solide Finanzierung achten als die heimischen Institute. Letztere trifft die drohende Wirtschaftskrise daher besonders hart.

Ein Sorgenkind vieler Banker ist der türkische Bausektor. Er ist stark gewachsen: Ein Großteil des türkischen Wirtschaftswunders der vergangenen 15 Jahre wurde auf Baustellen erarbeitet. Inklusive des Immobiliengeschäfts war die Baubranche im vergangenen Jahr für 15,7 Prozent der türkischen Wirtschaftsleistung verantwortlich. Das ist fast so viel, wie das gesamte produzierende Gewerbe beiträgt.

Alleine in Istanbul werden derzeit Dutzende Bauprojekte umgesetzt, darunter neue Hochhäuser, ein zweiter Kanal parallel zum Bosporus, ein neuer Hafen und sogar ein neuer Flughafen, der einmal der größte der Welt werden sollte. Doch die Verkaufszahlen für Wohn- und Gewerbeeinheiten gehen zurück: um 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Wenn ein Kredit im Spiel ist, werden die Preise sogar um 29 Prozent billiger, weil die Zinsen so stark angestiegen sind.

Lagen die Zinsen für Hauskredite im September 2017 noch bei durchschnittlich 12,9 Prozent, so sind sie inzwischen auf 29 Prozent angestiegen. „Auch wenn es niemand offiziell zugeben will, so wird wohl ein Teil dieser Großprojekte für eine lange Zeit unterbrochen werden oder gar komplett gestoppt“, meint der Ökonom und Wirtschaftsberater Attila Yesilada aus Istanbul.

Der Flughafen ist inzwischen wie geplant in einer ersten Ausbaustufe eröffnet, doch keiner weiß, wie schnell es dort mit dem Bau weitergeht. Der neue Hafen im zentralen Stadtteil Kabatas ist halbfertig: Es fehlt das Geld für den Weiterbau. „Die großen Unternehmen erhalten zwar regelmäßig Bauaufträge“, erklärt ein Projektentwickler, der nicht genannt werden möchte, „aber sie haben überhaupt kein Geld, um die Projekte zu verwirklichen“.

Das türkische Finanzministerium hat das Problem inzwischen erkannt. Finanzminister Albayrak kündigte bereits im Sommer an, alle Projekte auf Wirtschaftlichkeit zu untersuchen und notfalls zu stoppen. Das trifft zum Beispiel auch den Neubau des Hauptquartiers des türkischen Geheimdienstes MIT.

Nicht nur werden Großprojekte inzwischen überprüft. Außerdem will der Staat den Banken unter die Arme greifen – wenn auch indirekt: Baufirmen können ihre leerstehenden Immobilien zum reduzierten Preis an den Staat verkaufen. 70 Prozent der Kaufsumme gehen einer Ministerialvorlage zufolge an die kreditgebende Bank.

Unter anderem mit diesem Trick unterstützt die Regierung unter Präsident Erdogan die heimischen Banken und ihre in- wie ausländischen Anteilseigner. Diese Großzügigkeit ist freilich teuer erkauft: Bezahlen muss sie der türkische Steuerzahler.

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