TV-Kritik Abrechnung mit Ackermann im ZDF: „Er war mit Sicherheit der Brandstifter“ der Finanzkrise

Eine ZDF-Doku rechnet mit dem ehemaligen Deutsche-Bank-Chef ab. Ackermann erscheint darin als skrupelloser „Brandstifter“ der Finanzkrise.
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Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Schauspielerin Maria Furtwängler und Kanzlerin Angela Merkel im Sommer 2007. Quelle: picture alliance / Eventpress
Bessere Zeiten

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Schauspielerin Maria Furtwängler und Kanzlerin Angela Merkel im Sommer 2007.

(Foto: picture alliance / Eventpress)

DüsseldorfZehn Jahre nach der Pleite der US-Großbank Lehman Brothers ist die Finanzkrise weiter allgegenwärtig. Bis heute treibt sie Banker, Beobachter und die Öffentlichkeit um, gilt je nach Lesart als systembedingter Ausrutscher oder Vorbote des nächsten großen Knalls. Klar ist: Wo das System versagte, trugen Menschen Verantwortung.

Viele derjenigen, die in den Jahren vor 2008 in leitender Position waren, haben sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Richard „Dick“ Fuld, der letzte Chef von Lehman Brothers, gründete eine Zehn-Mann-Beratungsfirma. Georg Funke, Ex-Chef der Münchner Pleitebank Hypo Real Estate, vermittelt Luxuswohnungen auf Mallorca.

Doch ein Top-Manager der großen Krise arbeitet bis heute beharrlich an seiner gesellschaftlichen Rehabilitierung: Josef Ackermann. Der Schweizer, der die Deutsche Bank von 2002 bis 2012 leitete, ist umtriebig wie eh und je. Seit 2014 ist er Aufsichtsratschef der größten Bank Zyperns. Gerade empfahl er den europäischen Großbanken Fusionen. Vor Kurzem bekräftigte er, die Deutsche Bank „gut aufgestellt“ an seine Nachfolger übergeben zu haben, und kritisierte gleich noch die aktuelle Leitung.

Spricht hier ein geläuterter Manager, der mit sich selbst im Reinen ist – oder doch ein ewiger Blender, der an seinem Ruf arbeitet? Eine ZDF-Dokumentation zeichnet mit der Hilfe von Akteuren aus den Krisenjahren die Rolle der Deutschen Bank nach und kommt zu einem deutlichen Urteil über ihren Ex-Chef.

„Er war mit Sicherheit der Brandstifter. Er war weder integer, noch war er anständig. Er war skrupellos und hat sich das Problem vom Hals gehalten“, urteilt Ingrid Matthäus-Maier über Ackermanns Rolle in der großen Krise. Die ehemalige Chefin der Staatsbank KfW erinnert sich immer noch sichtlich bewegt an die Krisensitzungen der Jahre 2007 und 2008. Bis heute gebe sie Ackermann nicht mehr die Hand, erklärt sie.

Pflichtschuldig handelt der Film die Vorgeschichte der Finanzkrise ab: Wie die Großbanken Kreditverträge für nicht liquide Immobilienkäufer bündelten, mit besseren Darlehen vermischten, so ein gutes Rating erzielten und schließlich die verbrieften Schrottkredite überall im Finanzmarkt verteilten.

Immer vorne dabei: die Deutsche Bank. Auch in Deutschland vergab sie freimütig Kredite, verkaufte die ausfallgefährdeten Darlehen weiter, wie die Dokumentation anhand eines Beispiels in Plauen nachzeichnet. Insgesamt 4,5 Milliarden Euro setzte die Bank allein auf dem deutschen Markt um, was einen Reingewinn von 900 Millionen Euro ergab. Das größte Rad drehte sie aber in den USA, wo zwischenzeitlich ein Kreditbündel über 100 Milliarden Dollar bei der New Yorker Zentrale lag.

Wie kam es dazu, dass die Deutsche Bank an vorderster Front mitzündelte? Die ZDF-Dokumentation fährt zwei prominente Kronzeugen auf: den ehemaligen und den aktuellen Chefvolkswirt des Instituts.

Thomas Mayer, Chefökonom bis 2012, erinnert sich an ein internes Treffen im Jahr 2005, als Deutsche-Bank-Analysten scharf vor der Gefahr der verbrieften Hypothekenkredite warnten und einen kommenden Crash prophezeiten. Die Antwort des Vorstands? Die Praxis sei längst im Mainstream angekommen, alle Wettbewerber machten es so. „Also ging es weiter wie gehabt“, sagt Mayer.

„Wir wussten genau, dass der Markt für minderwertige Hypotheken zusammenbrechen würde. Wir wussten nur nicht genau, wann. Wir glaubten den Experten, die sagten, bis zum Absturz dauert es ein bis zwei Jahre“, erklärt David Folkerts-Landau, der heutige Chefvolkswirt der Bank. „Wer zu früh aussteigt, verliert seinen angestammten Platz. Wer zu spät aussteigt, viel Geld. Die Management-Entscheidung war: Wir müssen im Spiel bleiben.“

Der Antreiber an der Spitze, das ist für die ZDF-Dokumentation klar, war Josef Ackermann. Seine Ambition war grenzenlos: Binnen weniger Jahre sollte die traditionsreiche, immer auch etwas langweilige deutsche Großbank in den Club der drei größten Banken der Welt katapultiert werden. Dafür musste der Gewinn stark steigen – 25 Prozent Eigenkapitalrendite gab Ackermann als Ziel aus.

„Die Expansion der Deutschen Bank ab 2003 in den Handelsbereichen konnte die Bank mit ihrer Infrastruktur gar nicht bewältigen“, sagt Folkerts-Landau heute. Möglich wurde das schuldenfinanzierte Wachstum, bei dem die Bank mit riesigen Hebeln arbeitete, erst durch ihre vermeintliche Unantastbarkeit. „Die Amerikaner sagten: Das ist die Deutsche Bank, was soll der Deutschen Bank schon passieren“, so Folkerts-Landau.

Im Jahr 2007 neigte sich die Party dem Ende zu. Die Situation am Finanzmarkt wurde toxisch, weil niemand mehr das Ausfallrisiko der Hypothekenpapiere einschätzen konnte und sich die Banken kein Geld mehr leihen wollten. Das erste Opfer war die deutsche IKB. Die einst grundsolide Industriekreditbank aus Düsseldorf, erfahren in der Mittelstandsfinanzierung, hatte sich in den Jahren vor der Krise immer stärker auf dem US-Hypothekenmarkt engagiert und unter ihrem Chef Stefan Ortseifen schließlich verzockt.

Bis 2007 hatte die Deutsche Bank ihr noch bereitwillig Schrottpapiere verkauft. Als die IKB jedoch in Schieflage geriet und Hilfe brauchte, strich ihr Deutsche-Bank-Chef Ackermann über Nacht die Kreditlinie. Ex-KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier glaubt: „Er hat diese Krise erst selber ausgelöst, um dann die anderen Beteiligten zu treiben, dass sie die Krise lösen, und zwar ohne dass die Privaten bluten. Wir fühlten uns erpresst als KfW-Vorstand, insbesondere von Ackermann.“ Binnen 24 Stunden habe die KfW-Spitze entscheiden müssen, die IKB vor allem mit Staatsgeld zu retten.

Warum agierte der Deutsche-Bank-Chef so gnadenlos? Der ehemalige Sparkassen-Präsident Heinrich Haasis vermutet, Ackermann habe mit der Rettung der IKB ein Exempel statuieren wollen, um die wachsenden Zweifel an der Solidität seines Instituts zu zerstreuen. Frei nach dem Motto: Für die Deutsche Bank haftet auch in der Krise der deutsche Staat.

Ackermann kaufte sich und seinem Institut dadurch Zeit. Noch im Februar 2008 wähnte er sich auf dem Höhepunkt des Erfolgs, feierte seinen 60. Geburtstag auf Einladung von Angela Merkel (CDU) im Kanzleramt. Dabei wusste Ackermann längst um die gefährliche Schieflage des ganzen Systems.

Wie reagierte der Deutsche-Bank-Chef, als sich die Krise mit der Lehman-Pleite 2008 zuspitzte? Die ZDF-Dokumentation erhebt einen schweren Vorwurf: Um seinen eigenen Kopf zu retten, agierte der Topbanker demnach zunehmend als Blender.

So zeichnet der Film anhand von Dokumenten der US-Notenbank Fed nach, wie die Deutsche Bank heimlich schon früh Staatskredite in Anspruch nahm. 76 Milliarden Dollar lieh sich die Bank Anfang 2008 in den USA. Offiziell vertuschte sie jedoch alle Probleme, zahlte in den Krisenjahren 71 Milliarden Dollar an Boni aus. Und während die Großbanken in den USA zwangsteilverstaatlicht und mit Steuerzahlergeld rekapitalisiert worden – ein Grund für ihre heutige Stärke –, erklärte Ackermann, er würde sich schämen, Staatsgeld anzunehmen.

Der heutige Chefökonom Folkerts-Landau erklärt dazu: „Ich war bei dieser Telefonkonferenz dabei, als Joe [Ackermann] diesen Satz sagte. Es war eine der egozentrischsten politischen Entscheidungen, die ich je von einem leitenden Banker gesehen habe. Wenn wir das Geld genommen hätten, wäre Joe seinen Job wohl losgeworden. Aber das hatte er offenbar so nicht vorgesehen.“

Erst durch die Taschenspielertricks Ackermanns, durch sein Vertuschen und Vertagen der Probleme während der Krisenjahre, sei verhindert worden, dass die Bank rechtzeitig aufgeräumt habe. „Das war so ein schwerer politischer Fehler. Es ist einfach völlig unverständlich, wie ein hochrangiges Mitglied der Finanzindustrie diese Entscheidung treffen konnte“, sagt Folkerts-Landau an die Adresse des früheren Bankchefs.

Das ist ein hartes Urteil – und ein bequemes, entlastet es doch zahlreiche andere Entscheidungsträger von ihrer Verantwortung. Die Frage, die der Film nicht stellt, ist: Warum ließen sich so viele hochrangige Persönlichkeiten von Ackermann und seiner Bank blenden? Welche Schuld haben sie auf sich geladen? „Er konnte ja charmant sein“, erklärt Matthäus-Maier im Interview über Ackermann. Als Begründung für die eigene Urteilsschwäche reicht das nicht aus. Dass der Film mit keiner besseren Antwort aufwartet, ist sein größtes Problem.

Daneben leistet sich die Dokumentation kleinere Schwächen. Dass Folkerts-Landau als Kronzeuge nicht unabhängig ist, sondern die Rolle ausfüllt, die ihm seine vorgeblich geläuterte Großbank heute zuweist, wird nicht thematisiert. Auch die US-Großbanken, die mit den Verbriefungen begonnen hatten, kommen unverständlicherweise nur am Rande vor. Und dass Ackermann zwar ein Renditeziel, aber kein „Umsatzziel“ von 25 Prozent ausgegeben hat, wie im Film erklärt wird – geschenkt.

Statt sich für das Klein-Klein der Zahlen zu interessieren, lassen die ZDF-Macher lieber Zeitzeugen und Akteure zu Wort kommen. Und das ist, bei aller Detailkritik, die richtige Entscheidung.

Das Fazit von Ex-Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) fällt deutlich aus: „Wenn Sie sich die aktuelle Situation der Deutschen Bank anschauen, ganz übern Berg, um es höflich zu sagen, sind sie immer noch nicht. Deswegen hätten sie früher mit ein bisschen mehr Demut vielleicht ein bisschen von den großen Schäden, die eingetreten sind, vermeiden können.“

Für die Zukunft erwarten die Insider Unschönes. So sagt Folkerts-Landau: „Ich wäre überrascht, wenn wir in den nächsten drei bis fünf Jahren nicht wieder eine sehr schwere Krise erleben würden.“ Schon heute würden mehr Derivate als vor der Finanzkrise gehandelt, sei die Branche süchtig nach billigen Krediten.

Am Ende des Films ist klar, dass, wenn „das System“ versagt, immer auch Menschen versagt haben. Und auch wenn viele im Vorfeld der Finanzkrise so dachten und handelten wie er: Einer der Hauptverantwortlichen ist Josef Ackermann. Dieser Schuld kann er nicht entgehen, selbst wenn er wie in diesem Fall alle Interviewanfragen ablehnt.

Das Bild, das der Film „Geheimakte Finanzkrise“ von Ackermann zeichnet, ist grobkörnig. Ein Zerrbild ist es nicht.

  • „Geheimakte Finanzkrise“: Mittwoch, 12. September, 22.45 Uhr im ZDF
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7 Kommentare zu "TV-Kritik: Abrechnung mit Ackermann im ZDF: „Er war mit Sicherheit der Brandstifter“ der Finanzkrise"

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  • Nicht nur Ackermann war der "Brandstifter". Die DB wollte eben in der Topliga mitspielen und wurde ebenfalls zusammen mit AIG und anderen Großbanken mitgerissen. Nur haben
    die amerikanischen Banken dieses Desaster im Zusammenspiel mit der FED und US-Politik besser überstanden als die europäischen Großbanken. Insbesonders in Deutschland hat auch die Politik versagt, auch unter dem damaligen Finanzminister. Anstatt "aufzuräumen" hat man hier zu Lande die weichere Gangart eingeschlagen. Hier hat die deutsche Politik
    versagt! Und aktuell? Die nächste Krise kommt, aber dann noch gewaltiger.

  • "Am 4. Mai 2011 begann in New York ein Prozess gegen die Deutsche Bank und deren Tochter MortgageIT, die die Bank 2007 erst kurz vor der Finanzkrise erworben hatte" siehe Wikipedia.
    ... später wurden 7,2 Mrd Dollar fällig....
    Das Versagen der deutschen Bank liegt in der Übernahme der MortageIT - das hat zu den Problemen geführt.
    Ähnliches gilt für Bayer - Monsanto oder Münchner Rück - American Re.
    Deutsche Firmen sollten keine amerikanischen übernehmen - jene sind zu teuer und zuwenig werthaltig.

  • Was den Inhalt des Films betrifft, bin ich ganz der Meinung des Kommentars von Herrn Walde.
    Josef Ackermann sein damaliges Verhalten vorzuwerfen, ist der Versuch, einem Fuchs im Hühnerstall beizubringen, Ruhe zu bewahren.

    Was mich an dem Film allerdings auch gestört hat, ist die überbordende "Screentime" des Autors. In so gut wie jeder Einstellung ist er präsent und wird geradezu als Hauptdarsteller inszeniert. Meiner Meinung nach würde es einer sachlich seriösen Dokumentation gut zu Gesicht stehen, wenn sich der Macher nicht ganz so in den Vordergrund drängen würde. Scheinbar hinterlassen die Einladungen der Deutschen Bank auf deren "Teppichboden-Etage" (auch in der vorherigen Doku des Autors) Spuren auf dem Ego.

  • MERKEL hat IHM sogar den Geburtstag ausrichten lassen und ER war des Öfteren ihr
    Berater, ein Wolf im Schafspelz, gewissermassen. Dieser SUPERTRICKSER (Bankster
    wäre Zuviel) hat mit seinem Kumpel BREUER die Deutsche Bank ruiniert. Ein NICHTS
    für die gestandenen Schweizer Bänker. So wird ER auch behandelt und das ist gut so.

  • Es ist die Politik die versagt hat und die Finanzkriese mit ermöglicht hat.
    Anstatt Kontrolle der Banken, feierte 2008 Ackermann seinen 60. Geburtstag auf Einladung von Angela Merkel (CDU) im Kanzleramt.
    Die Politik machte sich gemein mit den Banken speziell mit der DB und J. Ackermann.
    Auch das gejammere von Ex-KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier, die Rechtswesen studiert hat und als FDP Mitglied den Job bei der KfW erhielt, zeigt doch auch wie unfähig die Politik ist.
    Herr J. Ackermann war selbstverständlich in der Pflicht jeglichen Schaden von der DB abzuwenden. Wenn naive Politiker dann glauben, Wirtschaft sein ein Ponyhof, so ist das ihre einfältige Sichtweise. Wirtschaft ist ein knallhartes Geschäft und nur der Bessere überlebt.
    Deshalb haben die Politiker die Pflicht die Spielregeln/Rahmenbedingungen vorzugeben, nicht aber sich mit den Wirtschaftsakteure gemein zu machen und schon garnicht mitzuspielen als Laien, wie z.B Ingrid Matthäus-Maier von der FDP.

  • Im Mai 2007 betrug die Marktkapitalisierung der Deutschen Bank noch mehr als 65 Mrd.
    Davon ist nichts mehr übrig, Null! Seither zahlten die Aktionäre 32,9 Mrd. über Kapitalerhöhungen ein. Davon sind heute noch 20 Mrd. übrig.
    Das sind die Folgen der Erfolge von Hr. Ackermann, er hat die Marktkapitalisierung puvlerisiert.

  • Ackermann hat sehr frühzeitig vor den Asset-Backed-Securities gewarnt und die Probleme genau beschrieben.
    Wenn man sich eine Fabrik vorstellt, war er es, der den roten Not-Aus Knopf drückte. Er war es, der noch schlimmeres verhinderte.
    Die Lehmann-Pleite, der Auslöser der Finanzkrise, ist eine amerikanische Geschichte. Die Regierung konnte sich nicht zur Rettung durchringen. Es handelt sich aus meiner Sicht um ein Versagen und eine Fehleinschätzung der amerikanischen Regierung.

    Ackermann als Brandstifter zu bezeichnen ist links populistisch und schlichtweg falsch!

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