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US-Investmentbank Skandal um malaysischen Staatsfonds stürzt Goldman Sachs in Image-Krise

Der Skandal um den Staatsfonds 1MDB schafft Goldman Sachs neue Probleme. Analysten fürchten, dass die Affäre nicht nur finanziell schmerzhaft werden könnte.
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Der neue Goldman-Chef kämpft um den Ruf der Firma. (Foto Februar 2017) Quelle: Bloomberg
Bloomberg-Interview mit David Solomon

Der neue Goldman-Chef kämpft um den Ruf der Firma. (Foto Februar 2017)

(Foto: Bloomberg)

New YorkSeinen Start als Chef der Investmentbank Goldman Sachs hat sich David Solomon sicher anders vorgestellt. Schon Monate vor der Amtsübergabe hat der langjährige Goldman-Manager seine Strategie ausgearbeitet, wie er das Wall-Street-Haus umkrempeln will, und erste Personalentscheidungen getroffen. Der Machtwechsel vom langjährigen Goldman-Boss Lloyd Blankfein auf den früheren Chef der Investmentbank schien vorbildlich vorbereitet.

Doch jetzt werden beide von der Vergangenheit eingeholt. Goldmans Rolle im Betrugsskandal um den malaysischen Staatsfonds 1MDB sorgte in den vergangenen Tagen für immer neue, unliebsame Schlagzeilen. Anfang November wurde bekannt, dass die US-Staatsanwaltschaft Klage gegen zwei Goldman-Sachs-Banker und einen dubiosen malaysischen Geschäftsmann eingereicht hatte.

Einer der beiden, der deutschstämmige Tim Leissner, hat sich bereits schuldig bekannt, Gelder gewaschen und ausländische Regierungsmitarbeiter bestochen zu haben. Der andere, Roger Ng, wurde in Malaysia festgenommen. Solomon muss nun eine schwere Imagekrise bekämpfen und Investoren auf mögliche hohe Strafzahlungen vorbereiten.

Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden Bankern vor, gemeinsam mit Geschäftsmann Jho Low knapp drei Milliarden Dollar aus dem Staatsfonds entwendet zu haben. Mit einem Teil dieser Summe sollen sie sich selbst bereichert haben.

Der andere Teil soll dazu genutzt worden sein, Bestechungsgelder an Beamte in Malaysia und Abu Dhabi zu bezahlen, wie aus den vergangene Woche veröffentlichten Gerichtsunterlagen hervorgeht. Low soll mit seinen Beziehungen zu den obersten Entscheidern den Plan orchestriert haben. Er ist untergetaucht und wird in China vermutet.

Malaysia fordert Rückzahlung

Goldman stellt sich auf „erhebliche Strafzahlungen und andere Sanktionen“ ein, wie das Wall-Street-Haus einen Tag nach der Bekanntgabe der Klagen in einer Pflichtmitteilung an die Börsenaufsicht mitteilte. Ex-Bankchef Blankfein soll Low mindestens einmal begegnet sein, und zwar im Jahr 2009, berichten US-Medien übereinstimmend.

Unklar sei, ob 2013 ein zweites Treffen stattgefunden hat oder ob Low damals nur auf der Gästeliste stand. Die Bank wollte dies nicht kommentieren. Goldman hat in den Jahren 2012 und 2013 in drei Schritten Anleihen im Wert von 6,5 Milliarden Dollar für 1MDB begeben und dadurch rund 600 Millionen Dollar an Gebühren kassiert. 

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Der malaysische Finanzminister Lim Guan Eng erwartet, dass die Bank diese Summe in voller Höhe zurückerstattet. Das machte er in einem Interview klar. Die Goldman-Aktie brach am Montag um 7,5 Prozent ein, deutlich mehr als andere Banken in einem schwachen Markt.

Damit ist der Kurs 2018 um knapp 20 Prozent gefallen. Am Dienstag lag die Aktie im frühen New Yorker Handel gut ein Prozent im Plus.

Der malaysische Premierminister Mahathir Mohamad legte ebenfalls am Dienstag nach. „Es gibt Beweise dafür, dass Goldman Dinge getan hat, die falsch waren“, sagte er dem Börsensender CNBC. Die Compliance-Systeme der Bank „funktionieren nicht besonders gut“.

Ob Goldman künftig von Geschäften in seinem Land ausgeschlossen werden könnte, ließ er jedoch offen. Er wolle zunächst das Ergebnis der Untersuchungen abwarten. Die Urteilsverkündung für Leissner, den einstigen Chef des Südostasien-Geschäfts, wird für Dezember erwartet.

Nicht nur in Malaysia und in den USA laufen im Zusammenhang mit 1MDB Korruptions- und Geldwäscheuntersuchungen, sondern auch in der Schweiz, Singapur und möglicherweise auch in anderen Ländern. Wie aus Gerichtsdokumenten hervorgeht, soll noch ein weiterer Goldman-Partner in den Skandal verstrickt sein. Medienberichten zufolge wurde er mittlerweile suspendiert.

Leissner hatte bei seinem Schuldbekenntnis auch ein schlechtes Licht auf die Unternehmenskultur von Goldman Sachs geworfen. Er habe immer wieder gegenüber der Compliance-Abteilung bestritten, dass Low eine Rolle in den 1MDB-Deals gespielt habe, räumte er ein.

Doch das sei „sehr übereinstimmend mit der Kultur von Goldman Sachs, Fakten vor bestimmten Mitarbeitern aus der Compliance- und Rechtsabteilung zu verheimlichen“, sagte Leissner Ende August vor Gericht in Brooklyn. Das Protokoll wurde jedoch erst am vergangenen Freitag veröffentlicht.

In der Anklage heißt es, die Geschäftskultur bei Goldman, insbesondere die in Südostasien, sei darauf fokussiert, Deals abzuschließen. „Gelegentlich ist dieses Ziel gegenüber einem ordentlichen Ablauf der Compliance-Mechanismen priorisiert worden.“

Jho Low gilt als schillernder Finanzjongleur. In New York schaffte er es mit seinen ausschweifenden Partys als „mysteriöser malaysischer Geldverschwender“ in die Klatschpresse. Für eine Party während der Fashion-Week soll er vor ein paar Jahren in einem exklusiven Club 160.000 Dollar bezahlt haben.

Der Staatsfonds 1MDB wurde mit dem Ziel aufgesetzt, Investitionen in die malaysische Wirtschaft zu fördern. Doch durch Low und seine Komplizen ging ein großer Teil des Geldes über verschiedenste Kanäle schließlich in Luxusgüter aller Art: millionenschweren Schmuck, Luxusimmobilien, Kunst.

Es ist natürlich sehr schmerzhaft zu sehen, dass zwei ehemalige Goldman-Mitarbeiter so unverfroren unsere Vorschriften und die Gesetze gebrochen haben. David Solomon, CEO Goldman Sachs

Zu Lows Kunstsammlung zählen Medienberichten zufolge Werke von Claude Monet und Mark Rothko. Er soll zudem der anonyme Käufer sein, der 2015 Picassos Werk „Die Frauen von Algier“ für einen Rekordpreis von 179 Millionen Dollar ersteigert hat. Low, 1981 geboren, soll beste Verbindungen zu den wichtigsten Entscheidern seines Landes gehabt haben.

So soll er den größten Betrugsskandal in der jüngeren Geschichte orchestriert haben. Weil er die Nähe zu Hollywoodstars wie Leonardo DiCaprio suchte, finanzierte er zudem dem Film „The Wolf of Wall Street“, in dem es ironischerweise um Betrügereien und Exzesse in Amerikas Finanzwelt geht.

Ärger vor dem Jubiläum

Das ist ganz sicher nicht das Umfeld, in dem sich die Bank gern sehen will. Der Skandal kratzt an dem Ruf des Instituts, das im kommenden Jahr sein 150-jähriges Jubiläum feiert. Goldman pflegt seit Jahren enge Beziehungen zur US-Regierung in Washington. In der Krise 2008 war der frühere Goldman-Chef Henry Paulson Finanzminister. In der aktuellen Regierung von US-Präsident Donald Trump stammt Finanzminister Steven Mnuchin ebenfalls von Goldman. Blankfeins ehemalige Nummer zwei, Gary Cohn, war bis März Trumps Wirtschaftsberater.

Der Skandal um 1MDB „erweckt den Eindruck, dass Goldman Sachs in Wahrheit zwei verschiedene Banken sind: eine, die sich an die Regeln hält, und eine die Geld verdient“, kritisiert der unabhängige Bankenanalyst Chris Whalen. Er hält es für wahrscheinlich, dass sich auch andere Regulierungsbehörden den Fall anschauen werden.

Klagen der Aktionäre könnten ebenfalls folgen. Bislang wurden nur Goldman-Mitarbeiter angeklagt, nicht jedoch die Bank selbst. Eine Kanzlei aus New Orleans kündigte am Dienstag eine eigene Untersuchung an und rief Goldman-Aktionäre auf, Kontakt aufzunehmen. Wie teuer der Skandal werden könne, sei derzeit nicht kalkulierbar, warnten die Analysten von Keefe, Bruyette & Woods. Es sei jedoch möglich, dass Goldman die 600 Millionen Dollar an Gebühren zurückgeben müsse.

„Es ist natürlich sehr schmerzhaft zu sehen, dass zwei ehemalige Goldman-Sachs-Mitarbeiter so unverfroren unsere Vorschriften und die Gesetze gebrochen haben“, räumte David Solomon vergangene Woche in einem Interview mit dem Informationsdienst Bloomberg ein. „Wir nehmen die Sache extrem ernst und arbeiten weiter mit den Behörden zusammen, die den Fall untersuchen.“

Als früherer Chef der Investmentbanking-Sparte ist Solomon angetreten, um langfristige persönliche Beziehungen zwischen Bankern und Kunden wieder stärker in den Vordergrund zu stellen. Blankfein hat seine Karriere im Handelsgeschäft gemacht, einem Bereich, der nach der Finanzkrise deutlich weniger lukrativ geworden ist.

Nun jedoch muss sich Solomon um das schwer angeschlagene Image der Bank kümmern und neue Wege finden, die Compliance zu stärken. Solomons Vorgänger Blankfein, der noch bis Ende des Jahres Goldmans Verwaltungsratschef ist, hatte Leissner und Ng vergangene Woche als Einzeltäter abgestempelt: „Diese Typen sind unseren Schutzmaßnahmen ausgewichen und haben uns angelogen. So etwas kann immer mal passieren.“ Das Justizministerium muss nun entscheiden, ob es dieser Darstellung zustimmt oder auch gegen die Bank vorgehen will.

Auch ohne den Skandal hätte Solomon genug zu tun. Sein neuer Finanzchef Stephen Scherr hat Anfang November eine groß angelegte Überprüfung aller Geschäftsbereiche angekündigt. Im Frühjahr will die Bank dann mitteilen, in welche Bereiche sie stärker investieren möchte und in welche nicht. Guy Moszkowski vom Analysehaus Autonomous Research geht davon aus, dass das Institut unter anderem den Handel mit festverzinslichen Wertpapieren, Devisen und Rohstoffen zurückfahren könnte.

Der Bereich konnte nach der Finanzkrise nicht zu alter Stärke zurückfinden, auch weil neue Regulierungsvorschriften bestimmte Produkte deutlich unattraktiver machen. An dem Plan, bis 2020 fünf Milliarden Dollar an zusätzlichen Erträgen zu generieren, hält Goldman fest. Derzeit befinde man sich bereits über Plan, sagte Scherr.

Doch dieser Erfolg wird durch den Skandal in Malaysia überschattet. Die Analysten von Keefe, Bruyette & Woods gehen davon aus, dass die Affäre so lange auf dem Börsenkurs von Goldman lasten wird, „bis die Bank mehr Informationen preisgibt, aber das kann dauern“.

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