Finanzprodukt Lebensversicherung

Der italienische Versicherungskonzern Generali verkauft die Policen von rund vier Millionen Kunden an einen Lebensversicherungs-Abwickler.

(Foto: dpa)

Verkauf von Lebensversicherungsverträgen Was der Rekord-Deal von Generali für die Verbraucher bedeutet

Bis zum Generali-Deal mit dem Abwickler Viridium haben nur kleine Bestände an Lebensversicherungen den Besitzer gewechselt. Die Verkäufe sehen viele skeptisch. Zu Recht?
3 Kommentare

FrankfurtEs ist eine Zäsur für die Branche. Der italienische Versicherungskonzern Generali verkauft seine stillgelegte deutsche Tochter Generali Leben mit rund vier Millionen Kunden an den Lebensversicherungs-Abwickler Viridium. Es ist der bislang größte Deal dieser Art in Deutschland.

Im Kern geht es um die Zukunft der bereits stillgelegten Generali Leben. Der Verkauf hatte sich bereits vor Monaten abgezeichnet. Die Generali Leben hält 4,2 Millionen Verträge und knapp 42 Milliarden Euro an Kapitalanlagen. Viele Kunden sorgen sich jetzt um ihre Verträge.

Das Handelsblatt beantwortet die sieben wichtigsten Fragen zum Thema „Run Off“. So wird das Einstellen des Geschäfts in der Branche intern genannt.

Was ist ein „Run-off“?

Wenn sich eine Versicherungsgesellschaft entscheidet, in einen solchen Run-off zu gehen, betreibt sie kein Neugeschäft mehr. Sie führt die bestehenden Verträge aber zu Ende. So reduziert sich mit der Zeit der Bestand, bis er nach einiger Zeit ganz ausgelaufen ist.

Das Problem hierbei ist: Die Bestände schrumpfen, die Kosten für die Verwaltung dieses Bestandes aber nicht. Da für die Versicherer die Verwaltung eines immer kleineren Bestands teuer wird, wollen viele ihre Bestände verkaufen. Mehrere Versicherer haben bereits Veräußerungen geprüft und teilweise realisiert.

Ein solcher Verkauf geschlossener Bestände galt in Deutschland jedoch lange als Tabu. Bis zum Deal der Generali hatten nur eine Handvoll kleiner Bestände den Besitzer gewechselt: So verkaufte die Arag Lebensversicherung an die Frankfurter Leben, hinter der die chinesische Fosun und die BHF-Bank stehen. Einige Versicherer wie der Branchenriese Ergo hatten einen solchen Schritt erwogen, die Pläne aber wieder aufgegeben – wegen negativer Resonanz in Politik und Öffentlichkeit und weil die Kaufangebote deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben waren.

Welche Auswirkungen hat ein Verkauf für die Kunden?

Grundsätzlich ändert sich nichts für die Kunden. So oder so laufen deren Verträge bis zum Ende weiter – inklusive der garantierten Leistungen. Auch Bewertungsreserven und weiteres Vermögen bleiben im Kollektiv erhalten. Dennoch fürchten Verbraucherschützer langfristig negative Folgen für die betroffenen Kunden.

„Da die Gewinnung von Neukunden keine Rolle mehr spielt, dürfte sich auch das Interesse an den Bestandskunden verringern“, warnte der Chef des Bundes der Versicherten, Axel Kleinlein. Der Renditegedanke stehe im Vordergrund. Der Verkauf von Altpolicen an spezialisierte Abwickler hat auch Kritik von Politikern ausgelöst.

Verbraucher müssten sich bei einem Verkauf ihrer Lebensversicherung an Abwicklungsspezialisten nach Einschätzung von Versicherungsmathematikern jedoch nicht unbedingt Sorgen machen. „Eine schlecht gemachte hausinterne Abwicklung der Altbestände kann unter Umständen für Kunden schwieriger sein als ein Verkauf“, sagte jüngst Guido Bader, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV).

Warum wollen Versicherer ihre alten Policen loswerden?

Die Branche hat in Altverträgen der klassischen Lebensversicherung Renditen von bis zu vier Prozent versprochen, die sie angesichts der seit zehn Jahren vergleichsweise niedrigen Zinsen kaum mehr erwirtschaften kann. Die Finanzaufsicht Bafin fordert zudem hohe Rückstellungen für die langfristigen Zinsgarantien. Das bindet viel Kapital.

Manche Unternehmen haben das Neugeschäft mit kapitalbildenden Lebensversicherungen darum inzwischen eingestellt, so auch die Generali Leben. Neue Kunden nimmt sie also ohnehin nicht mehr an.

Die Vertreter der Generali Leben wechselten dieses Jahr zum Finanzvertrieb DVAG, an dem die Generali beteiligt ist.

Generali Leben ist von der Niedrigzinsphase stärker betroffen als ihre deutschen Schwesterfirmen Cosmos-Direkt und Aachen-Münchener Leben. Diese hatten sich schon früher auf fondsgebundene und Risiko-Lebensversicherungen konzentriert, weil diese kapitalschonender sind. Generali Leben hingegen hat sich in den vergangenen zwei Jahren stark auf Kostensenkungen und Kapitalmanagement konzentriert.

Was versprechen sich die Käufer davon?

Für die Generali Leben haben sich neben Viridium auch andere Spezial-Abwicklungsplattformen wie Frankfurter Leben und Athene interessiert. Die Abwicklungsfirmen setzen dabei auf effiziente Bearbeitung und Größenvorteile – weshalb der große Bestand von Generali Deutschland viel Interesse fand.

Denn erst ab einer großen Menge an Verträgen lassen sich die angestrebten Synergieeffekte realisieren. Und da die Firmen kein Neugeschäft anstreben, können sie sich auch den teuren Vertrieb sparen. „Jeden Vertrag, den wir als Viridium übernehmen, halten wir auf Punkt und Komma ein“, versprach Viridium-Chef Heinz-Peter Roß vergangenen Herbst im Handelsblatt-Interview.

Munich-Re-Chef Joachim Wenning brach jüngst eine Lanze für die professionellen Aufkäufer von Lebensversicherungsbeständen. „Ich bedaure, dass spezialisierte Run-off-Anbieter in der Öffentlichkeit teilweise so verteufelt werden“, sagte Wenning Ende April. Die Munich-Re-Tochter Ergo baut jedoch, auch wegen der öffentlichen Empörung über einen möglichen Verkauf, für ihren internen Run-off auf ein anderes Modell. Zusammen mit dem IT-Konzern IBM wollen die Düsseldorfer eine Plattform aufbauen, über die später auch Bestände anderer Versicherer verwaltet werden können – ohne sie zu übernehmen.

Können Versicherer einfach die Bestände verkaufen, ohne ihre Kunden zu fragen?

Ja, das dürfen sie. Aber der Gesetzgeber hat für einen Verkauf sehr hohe Hürden aufgebaut. Ein solcher Inhaberwechsel ist nur unter Mitwirkung der Finanzaufsicht Bafin möglich, die auch die Interessen der Kunden im Auge hat. „Uns ist es wichtig, zu sagen: Hier wird kein Inhaberwechsel stattfinden, ohne dass die Bafin sich davon überzeugt, dass das ordnungsgemäß, seriös und auch sicher erfolgt“, sagte Anfang des Jahres der oberste Versicherungsaufseher Frank Grund.

Ein Inhaberwechsel sei jedoch nicht per se gut oder schlecht. Es komme sehr auf die Umstände des Einzelfalls an, auf das Geschäftsmodell. Zudem könnte die mitunter bessere Technik, modernere IT-Systeme der Abwickler auch Kostenvorteile generieren, die dann auch nach den Regularien den Kunden zum Teil zugutekommen müssen. Die Aufsicht schreibt den Verwaltern außerdem vor, mindestens 90 Prozent ihres Kapitalgewinns an die Versicherungsnehmer weiterzugeben.

Soll man seinen alten Lebensversicherungsvertrag jetzt lieber kündigen?

Experten raten davon dringend ab. Denn gerade Altverträge sind mit ihren hohen garantierten Zinsen oft ertragsstark. Verträge vor 2005 sind in der Auszahlung außerdem steuerfrei. Verbraucher sollten unbedingt im Einzelfall prüfen, wie ertragsstark ihr Vertrag ist, riet darum jüngst Annabel Oelmann, Chefin der Verbraucherzentrale Bremen. Die Verbraucherzentrale Bremen bietet dazu ein schriftliches Gutachten an, das eine Entscheidungsgrundlage bietet. Verbraucher sollen so Klarheit darüber bekommen, was sie von ihrem Vertrag bis zum Vertragsablauf erwarten können und wie sie Verträge anpassen oder optimieren können.

Auch Generali-Konzernbetriebsratschef Ulrich Effenberg, der sich gegen einen Verkauf gewehrt hatte, rät den Kunden: „Bloß nicht kündigen!“ Eine Kündigung sei meist die schlechteste Option. „Egal, in welche Richtung es bei der Generali auch geht: Behalten Sie die Police.“ Es handele sich um hochverzinste Lebensversicherungen, die deutlich mehr Rendite böten, als Kunden derzeit am Markt finden könnten.

Wer passt auf die Interessen der Kunden auf?

Die Bafin muss jede Übertragung von Versicherungsbeständen genehmigen. Sie überwacht anschließend auch die Käufer, die den gleichen Regeln unterliegen wie vorher der Verkäufer. Frank Grund, oberster Aufseher für das Versicherungswesen, sieht die Rolle seines Hauses dabei eindeutig aufseiten der Kunden. Die Aufsicht werde die Belange der Versicherten wahren – nicht nur in finanzieller Hinsicht. „Je größer der Bestand, desto strikter die Anforderungen an mögliche Käufer.“

Erfahrungen mit Abwicklern in Deutschland gibt es über einen längeren Zeitraum noch nicht. In Deutschland sind in den vergangenen Jahren lediglich Bestände mit mehreren 100.000 Verträgen verkauft worden. Seither gab es nur wenige Beschwerden von Kunden. In Großbritannien ist das anders. Dort wurden vor mehr als zehn Jahren Bestände verkauft. Kunden beschweren sich dort über einen teils sehr ruppigen Umgang der Abwickler und einen Service, der immer schlechter wurde.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Verkauf von Lebensversicherungsverträgen - Was der Rekord-Deal von Generali für die Verbraucher bedeutet

3 Kommentare zu "Verkauf von Lebensversicherungsverträgen: Was der Rekord-Deal von Generali für die Verbraucher bedeutet"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • ….. Nachschlag: Hier kann sich der deutsche Michel kaum wehren...
    irgendjemand wird ja am Ende auf den nicht eintreibbaren Schulden sitzenbleiben... (das, was man nicht "weginflationieren" kann; schöne Grüße an die Sparbuchsparer-Fraktion.. schon mal ein herzliches Dankeschön für Euren Beitrag zur volkswirtschaftlichen Genesung..:-))

    … aber auch als Immobilienbesitzer lauert die ein oder andere schlaflose Nacht (man bedenke die "Instrumente" des Fiskus/Staates: Zwangshypothek, Grundsteuer, vermehrte Beteiligung an Straßensanierungen.. interessant ist, wenn es auf die ganze Gemeinde umgelegt wird; das öffnet viel Fantasie für begierliche Stattkämmerer..)

    Bleiben Aktien, Gold, und sonstiger Preziosen... bin gespannt, was Vater Staat sich da ausdenkt …
    Ach ja: Da wäre dann noch das Bargeldverbot.... (ist vielleicht ein bisschen viel Themenvielfalt auf einmal, ich sehe da jedenfalls Zusammenhänge...)
    Egal wie: Von den Harzern und Minijobbern ist nicht mehr viel zu holen. Und die oberen 2-5% können halbwegs flüchten… und jetzt Quizfrage: WER BLEIBT ÜBRIG...…..???

  • @Herr O. Schunck
    "Bundesfinanzministerium sieht Gefahren bei 34 Lebensversicherern"
    Wer rechnen kann, sieht die Gefahren: Es gibt keine Zinsen und die Lebensversicherer sollen 4% zahlen.... geht wohl nicht!

    Das Vertrauen der Versicherungsnehmer zu Generali wird auf eine harte Probe gestellt.
    Was soll so eine "Abwicklung" letztendlich bringen?
    Kein Versicherungsnehmer wird wohl daraus keine Vorteil haben - wie sieht es mit den Nachteilen letztendlich aus - Wer ist eigentlich Viridium???? Welche Anteile haben der Finanzinvestor Cinven und die Hannover Rück????
    Die Generali macht sowas wie eine "bad insurance" vergleiche "bad bank" - sie lagert Risiken aus.

  • Ich staune.... noch am 27.6.2018 stand im Handelsblatt folgende Schlagzeile:
    "Bundesfinanzministerium sieht Gefahren bei 34 Lebensversicherern".... der geneigte Leser lasse sich das genüsslich auf der Zunge zergehen: 34 von 84 Versicherungen sind laut HANDELSBLATT-Bericht (!!!) gefährdet.

    Interessanterweise spricht der Autor von einem Drittel... ich komme da eher auf 40% (...klingt aber nicht so gut; liegt ja zu nahe an der Hälfte...…:-))

    Meine Vermutung geht eher in die Richtung, dass allen in der Branche die alten Verträge auf den Nägeln brennen und man lieber heute als morgen die "Bomben" aus den Büchern rausbekommen will. Wenn ich mir vorstelle, dass vermutlich rund 30% der Bevölkerung über 40 die "gute alte KV" (Kapitallebensversicherung) als einen wesentlichen Baustein zur Altersvorsorge nutzt, dann hat das eine echte politische Brisanz. Eine ausfallende kleinere Versicherung wird die Branche vielleicht noch hinter verschlossenen Türen selbst abwickeln. Lustig wird es, wenn der "Systemausfall" grösser wird...

    Die Banken haben die - mittlerweile "vergifteten" - Staatsanleihen früherer Tage ( bestimmt gerne aus südlichen europäischen Gefilden...nur Vermutung) schön an die EZB weitergegeben..... die Versicherungsbranche stand nicht ganz so im Rampenlicht, aber das Problem schwelt...

    Ich frage mich, wie soll das funktionieren: Alte Verträge aus den 90ern mit 3-4% Garantie waren gegenfinanziert mit Staatsanleihen, die garantiert eher mit 5-6% Zinsen daherkamen. Die KLV-Verträge laufen heute noch. Die auslaufenden Staatsanleihen (sofern sie denn überhaupt voll bedient werden) müssen heute mit Anleihen unterhalb des Garantiezinses der alten Verträge gegenfinanziert werden...

    Wem das zu akademisch ist; einfach mal die eigene Police checken... (ich gebe offen zu, meine "Überschussbeteiligung", die eh nie garantiert war hat sich fast in Luft aufgelöst...d.h. rund 20-25%
    der Summe, die für 20 Jahre recht solide avisiert wurde ist weg!)

    Könnt gerne lachen....

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%