Vermögensverwaltung So könnte künstliche Intelligenz die Fondsbranche revolutionieren

Nur wenige Vermögensverwalter arbeiten bislang mit künstlicher Intelligenz – und die Erfolgsbilanz ist durchwachsen. Fans sehen in der Technologie jedoch großes Potenzial.
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Der Einsatz der von künstlicher Intelligenz in der Fondsbranche ist noch in einem frühen Stadium.
Künstliche Intelligenz (Symbolbild)

Der Einsatz der von künstlicher Intelligenz in der Fondsbranche ist noch in einem frühen Stadium.

FrankfurtDie Vision ist jahrhundertealt: Schon Ernst Theodor Amadeus Hoffmann erzählte Anfang des 19. Jahrhunderts die Geschichte eines intelligenten und sprachbegabten Automaten. Der Schriftsteller der Romantik konnte nicht ahnen, wie sehr die künstliche Intelligenz die Welt gut 200 Jahre später tatsächlich in ihren Bann ziehen wird. Das gilt auch für die Vermögensverwaltung, wo Algorithmen künftig bessere Anlageergebnisse bringen sollen als der menschliche Manager.

So lautet das Ziel, das heute mehr denn je realistisch erscheint. Gestiegene Rechnerleistung und immer mehr Daten erweitern den Spielraum rasant. Die künstliche Intelligenz soll in der Fondsbranche längst nicht mehr nur numerische Finanzzahlen aus Bilanzen oder Berichten herauslesen.

Der Einsatz der Algorithmen geht weit darüber hinaus: So werden Textdaten oder Satellitenbilder eingesetzt, das Internet und soziale Medien nach relevanten Daten durchforstet und sogar Handschriften oder Stimmen von Firmenchefs auf möglicherweise kursrelevante Charakteristika untersucht.

„Es geht immer um Mustererkennung“, sagt Günter Jäger, Gründer des Vermögensverwalters Plexus Investments in Liechtenstein. Euphorie hat sich breitgemacht. Und mit dem Kürzel „KI“ schmücken sich viele Geldverwalter gerne. „Es ist ein Hype, manchmal auch nur ein Marketinggag“, meint Murat Ünal, Chef von Sonean, einer Firma für Netzwerkanalyse. Teilweise werben Verwalter mit einer mehr als humanoiden Intelligenz, wenn sie lediglich klassische quantitative Verfahren einsetzen — nichts Neues also.

Das gilt etwa für Ansätze, bei denen der Computer Firmen mit attraktiven Bilanzdaten und guten Bewertungsrelationen bei den Wertpapierkursen sucht. „Ich vermute, dass einige Verwalter Künstliche-Intelligenz-Einsatz für sich reklamieren, während sie nur regelbasierte, klassische Statistik verwenden, was man auch mit Excel-Tabellen schafft“, beobachtet Pablo Hess, Fondsmanager beim Verwalter Tungsten Capital Management.

Hedgefonds als Vorreiter

Die Anbieter brauchen auf diesem Feld doppelte Expertise. Es geht um Wissen über die Finanzmärkte und um Technologiekenntnisse. In dieser Schnittmenge arbeiten seit langer Zeit die wenig transparenten Hedgefonds, die mit speziellen Handelsstrategien Ertrag erzielen wollen, möglichst unabhängig von den Trends an den Finanzmärkten. Sie haben viele Wissenschaftler in ihren Reihen.

„Der Einsatz der Technologie ist noch in einem frühen Stadium, wächst aber jeden Tag“, beobachtet Mohammad Hassan, Researchleiter bei der Hedgefonds-Datenbank Eurekahedge in Singapur. Die Konzepte sind sehr unterschiedlich. „Manche setzen das nur teilweise im Handel ein, lassen das Investment und das Risikomanagement in menschlichen Händen, andere wieder lagern den gesamten Prozess fast vollständig an die Maschine aus“, erläutert Hassan.

Grafik

Hedgefonds sind daher die erste Anlaufstelle, wenn es um eine vorläufige Bilanz der Anlageergebnisse geht. Die bisherigen Resultate sind gemischt. Laut Eurekahedge lieferten Ansätze mit künstlicher Intelligenz einige Jahre gute Erträge, auch im Vergleich zum Durchschnitt aller Hedgefonds (siehe Grafik). Der Vorsprung ist allerdings geschrumpft und ist in diesem Jahr zum ersten Mal zu einem Verlust geworden – bis Ende August lag das Minus bei 2,6 Prozent.

„Aktien und Anleihen sind im Februar schnell eingebrochen, die Kursschwankungen waren größer, da sind Programme doppelt auf dem falschen Fuß erwischt worden“, sagt Vincent Weber vom Verwalter Prime Capital. Es geht auch um die Frage, inwieweit Algorithmen sich an ein unbekanntes Umfeld anpassen können, das sie nicht kennen. „Einige Strategien waren zu stur auf steigende Märkte gepolt, auch Trump mit seinen Markt beeinflussenden Tweets gab es früher nicht, und eine mögliche, echte Zinswende ist ebenso ein neues Regime“, erläutert Hess von Tungsten.

Gemischte Erfahrungen

Mindestens ein Opfer ist bekannt. Anfang September berichteten Insider, Sentient Investment Management in San Francisco werde seinen mit künstlicher Intelligenz gesteuerten Aktienfonds schließen. Er habe in diesem Jahr noch keinen Gewinn erzielt. Die Protagonisten schreckt das nicht. Günter Jäger denkt schon einen Schritt weiter.

Der Chef der Liechtensteinischen Firma Plexus Investments plant einen Luxemburger Spezialfonds für ausgewählte Anleger, die in einige Strategien einsteigen können, die von künstlicher Intelligenz getrieben sind. „Wahrscheinlich schaffen wir das noch dieses Jahr“, sagt Jäger. Im klassischen, regulierten Fondsmarkt mit Produkten für typische Privatanleger sind entsprechende Angebote noch selten. Als Vorreiter in Deutschland versucht sich Hendrik Leber, Chef der Anlagefirma Acatis.

Nach etwas über einem Jahr lautet die vorläufige Bilanz des „AI Global Equities“ von Manager Kevin Endler: „Wir wollten Mehrertrag und haben ihn bisher noch nicht.“ Im Mai legte die Firma den „AI Buzz US Equities“ mit dem kanadischen Geldmanager Jamie Wise auf, dessen Anlagen in US-Aktien auf der Auswertung von Aktienkommentaren aus Internetquellen und sozialen Medien beruhen. In Nordamerika zumindest hat Wise damit in den vergangenen Jahren den breiten Aktienmarkt geschlagen.

Sehr gemischte Erfahrungen hat auch Tungsten-Experte Hess mit seinem schon einige Jahre bestehenden Fonds „Trycon“ gemacht. Der wird von mehreren Künstliche-Intelligenz-Strategien gesteuert und legt in vielen Märkten an. Im vergangenen Jahr fuhr er einen leichten Verlust ein, in diesem Jahr war es bisher ein Minus von acht Prozent. Die wirklich Überzeugten lassen sich auch von Reinfällen nicht abschrecken. Dazu gehört Bastian Lechner.

Der Chef von Catana Capital hatte im Frühjahr vergangenen Jahres einen Künstliche-Intelligenz-Fonds geschlossen. „Das Volumen war zu klein, und die Kosten haben uns aufgefressen“ sagt er. Jetzt geht er mit dem „Data Intelligence Fund“ für Aktien ins Rennen, der im November aufgelegt werden soll. Im Frühjahr will Lechner einen börsengehandelten Indexfonds für deutsche Aktien folgen lassen, bei dem die künstliche Intelligenz ebenfalls die Titel auswählt.

Hier würde der Schriftsteller E. T. A. Hoffmann staunen. Sein Automat war eine Holzpuppe. Heute ist algorithmische Intelligenz gefragt. Aber: „Ohne Menschen geht es immer noch nicht“, meint Joanne Hannaford, Chef-Programmiererin von Goldman Sachs. „Und das gilt wohl auch für die Zukunft.“

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