Verräterische Mails Exzesse vor der Finanzkrise: „Herr, steh uns bei in unserem verdammten Betrug“

Während der Aufarbeitung der Finanzkrise kamen brisante E-Mails ans Licht. Sie geben einen Einblick in die Exzesse, die zur Krise geführt haben.
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Investmentbanken bezahlten vor der Finanzkrise Ratingagenturen dafür, sie mit guten Bewertungen zu versehen. Quelle: dpa
Bestnote AAA

Investmentbanken bezahlten vor der Finanzkrise Ratingagenturen dafür, sie mit guten Bewertungen zu versehen.

(Foto: dpa)

New YorkEs war eine gut geölte Maschinerie, die Banken, Finanzierer und Ratingagenturen in den Boom-Jahren 2006 und 2007 aufrecht erhielten. Doch die schwere Finanzkrise, die darauf folgte, bahnte sich längst an. Die vergangenen zehn Jahre haben E-Mails zutage gefördert, die tief blicken lassen.

„Wir bewerten jeden Deal“, beschwerte sich ein Analyst der Ratingagentur Standard and Poor’s im April 2006. „Auch wenn er von Kühen strukturiert worden wäre, wir würden ihn trotzdem bewerten.Die E-Mail ging um die Welt. Die überparteiliche Aufklärungskommission Financial Crisis Inquiry Commission war bei ihrer Arbeit auf sie gestoßen. Sie beschreibt in wenigen Worten ein System, das Banken und Hypothekenfinanzierer genauso angeheizt haben wie die Ratingagenturen.

„Die Ratingagenturen schaffen ein immer größeres Monster – den CDO Markt“, sorgt sich ein anderer Mitarbeiter von Standard and Poor’s im Dezember 2006. Gemeint sind damit verbriefte Hypothekenkredite, sogenannte Collateralized Debt Obligations, die im großen Stil von den Ratingagenturen bewertet und an Investoren verkauft wurden. „Lass uns hoffen, dass wir alle wohlhabend sind und in Rente, wenn dieses Kartenhaus zusammenbricht.“

Und ein anderer: „Herr, steh uns bei in unserem verdammten Betrug… Dies ist der dümmste Ort an dem ich je gearbeitet habe. Wie du weißt hatte ich Probleme zu erklären, wie wir auf diese Zahlen gekommen sind, schließlich gibt es keine Wissenschaft, die dahinter steht.“

In der Zeit vor der Finanzkrise strukturierten Investmentbanken komplizierte Finanzprodukte und bezahlten Ratingagenturen dafür, sie mit guten Bewertungen zu versehen. Dann wurden sie an Investoren aus der ganzen Welt verkauft.

Auch bei der Ratingagentur Moody’s machten sich die Mitarbeiter Sorgen über dieses System. Das Unternehmen hatte selbst gesagt, dass ein Wertpapier, das mit der Bestnote AAA bewertet wird, eine Krise „ähnlich der Großen Depression in den USA überleben sollte.“ Doch viele Mitarbeiter erkannten früh, dass dies nie der Fall sein würde. Top-Bewertungen gaben sie trotzdem aus. Auf Ansage von Vorgesetzten wurden Produkte abgenickt. Das Geschäft schien einfach zu lukrativ, um es abzulehnen.

Moody’s zahlte im vergangenen Jahr 864 Millionen Dollar Strafe für die Praktiken vor der Finanzkrise. Standard and Poor’s zahlte zwei Jahre zuvor rund 1,4 Milliarden Dollar.

Die Banken waren unterdessen mit ihren eigenen Tricksereien beschäftigt. Lehman Brothers etwa engagierte sich vor der Pleite besonders stark im sogenannten Repo-Markt und wandte dort einen Trick an, um vor den Quartalszahlen die wahre Verschuldungsquote zu verschleiern. „Repo 105“ wurde dieser in der damals viertgrößten Investmentbank genannt.

Top-Manager wussten jedoch Bescheid. Der damalige operative Vorstand, Bart McDade, nannte Repo 105 im Juni 2008, drei Monate vor der Pleite, „eine weitere Droge, nach der wir süchtig sind“. Der oberste Controller, Martin Kelly, räumte ein, dass die Transaktionen nur dazu da seien, „um die Bilanz besser aussehen zu lassen“.

Bei der kleineren Investmentbank Bear Stearns versuchten zwei Manager, die Investoren noch bei Laune zu halten, obwohl sie selbst längst erkannt hatten, dass ihre internen Hedge-Fonds keine Chance mehr hatten. Matt Tannin schickte E-Mails von dem privaten Konto seiner Frau an die private Adresse seines Kollegen Ralph Cioffi. „Das sieht ziemlich hässlich aus. Wenn wir glauben, dass die Berechnungen der Analysten auch nur annähernd stimmen, sollten wir die Fonds jetzt schließen“, räumte er im April 2007 ein.

Am folgenden Tag jedoch machten beide wieder Stimmung bei den Investoren. „Im Großen und Ganzen glauben wir, dass sowohl der Markt für strukturierte Kredite als auch der Subprime-Markt weiter in Takt sind“, versicherten sie Investoren während einer Telefonkonferenz. Die Hedgefonds von Cioffi und Tannin fuhren am Ende so hohe Verluste ein, dass sie Bear Stearns schließlich zu Fall brachten. Die Investmentbank wurde am 14. März an die Großbank JP Morgan Chase notverkauft. Cioffi und Tannin kamen straffrei davon. Eine Jury urteilte 2009, dass sie keinen Wertpapierbetrug begangen hätten.

Goldman Sachs dagegen musste 2010 eine Strafe von 550 Millionen Dollar zahlen, um eine Klage der Börsenaufsicht SEC außergerichtlich beizulegen. Der Anleihe-Händler Fabrice Tourre, der sich in E-Mails an seine Freundin den „Fabelhaften Fab“ nannte, hat nach Ansicht einer Jury Anleger getäuscht, darunter auch die deutsche IKB.

Konkret ging es um ein Wertpapier-Geschäft namens „Abacus“. Tourre hatte den Käufern verschwiegen, dass die zugrundeliegenden Hypothekenpapiere von Hedgefonds-Milliardär John Paulson ausgesucht wurden, der auf den Verfall des Häusermarktes wettete.

„Ich fühle mich nicht wirklich schlecht“, schrieb Tourre an seine Freundin. „Der wahre Sinn meines Jobs ist, Kapitalmärkte effizienter zu machen und den US-Verbrauchern einen effizienteren Weg zu bieten, um sich zu verschulden und sich zu finanzieren. Hier ist also ein bescheidener, nobler und ethischer Grund für meinen Job. Ich finde es selbst beeindruckend, wie gut ich mich selbst davon überzeugen kann.“

Die Investmentbank räumte zwar ein, Fehler in ihren Marketing-Materialen gemacht zu haben, musste sich jedoch nicht offiziell schuldig bekennen. Tourre wurde in einem separaten Verfahren bestraft.

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