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Verschärfte Kontrolle der Finanzaufsicht Vom Gewinnbringer zum Sorgenkind – Niedrigzinsen setzen Lebensversicherern zu

Viele Anbieter können die Versprechen der Lebensversicherungen nicht mehr halten. Jetzt beobachtet sogar die Finanzaufsicht die Versicherer genauer.
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Zinsen auf Rekordtief – So legen Sie Ihr Geld zukunftssicher an

Frankfurt, Berlin, München Gabriel Bernadino ist kein Mann der spitzen Worte. Doch der Portugiese, der Vorsitzender der europäischen Versicherungsaufsicht Eiopa ist, wählt seine Worte vor wenigen Tagen deutlich. „Ich kann nicht ausschließen, dass in Zukunft – je nachdem, wie sich die Leitzinsen entwickeln – einige Firmen in Schwierigkeiten geraten können“, sagte der Chef der EU-Behörde in Frankfurt. „Aber wir haben die Instrumente, um auf eine solche Situation zu reagieren und zu verhindern, dass Kunden die Leidtragenden sind.“

Es ist eine vielsagende Prognose über die Zukunft der Branche – die jetzt durch einen Regierungsbericht zur Lage der hiesigen Lebensversicherer zusätzliche Munition erhält. Demnach stehen 34 der 84 deutschen Anbieter unter verschärfter Kontrolle der Finanzaufsicht Bafin.

Die deutsche Versicherungsbranche sieht sich gleichwohl nicht im Fokus. „Nicht jedes Land hat so hohe Solvenzquoten wie Deutschland“, betont GDV-Präsident Wolfgang Weiler. Und auch im Bundesfinanzministerium, das den Bericht erstellt hat, hält man die Assekuranzen zumindest aktuell nicht für bedroht.

„Die Überwachung durch die Bafin ist genau dafür da, dass sich die Bürger in unserem Land auf die Sicherheit ihrer Lebensversicherung verlassen können“, sagte Finanzstaatssekretär Wolfgang Schmidt dem Handelsblatt. Die Überwachung habe sich bewährt, und sie sei weiterhin nötig: „Natürlich sind Niedrigzinsen generell ein Problem für die Branche.“

Auch wenn es keine Existenzkrisen gibt – zu kämpfen hat die deutsche Branche gleichwohl. Wie sehr, das macht derzeit die Generali Deutschland deutlich. Giovanni Liverani ist nicht zu beneiden. Voraussichtlich in wenigen Wochen will der Deutschlandchef der Versicherung verkünden, ob die Italiener sich von bis zu vier Millionen Lebensversicherungen trennen – es wäre der größte Deal dieser Art in Deutschland bisher.

Im Kern geht es um die Zukunft der bereits stillgelegten Generali Leben. Sie hält 4,2 Millionen Verträge und knapp 42 Milliarden Euro an Kapitalanlagen, doch finanziell sind die Verträge angesichts der Niedrigzinsen für die Italiener zum Ballast geworden.

Vom Prunkstück zum Auslaufmodell: Lange war die klassische Lebensversicherung der Deutschen liebstes Finanzprodukt. 88 Millionen Lebensversicherungen gibt es hierzulande. Doch weil die überwiegende Mehrheit dieser Altverträge mit teuren Zinsgarantien ausgestattet ist, erwägen immer mehr Anbieter, sich davon zu trennen.

Die Skepsis in Politik und bei Verbrauchern ist jedoch groß. „Die Bundesregierung wird das Thema weiter intensiv beobachten und behält sich vor, erforderlichenfalls gesetzliche Regelungen vorzuschlagen“, heißt es im Evaluierungsbericht der Regierung. Zwar betont die SPD-Versicherungsexpertin Sarah Ryglewski, dass diese Evaluation „keinesfalls ein Schockbericht“ sei.

„Die intensivierte Aufsicht ist ein Hinweis darauf, dass das System der Aufsicht funktioniert“, sagte sie dem Handelsblatt. „Dass die Kosten aber noch zu hoch sind, zeigt der Bericht ebenfalls. Deshalb wollen wir darauf hinwirken, dass die Provisionen sinken.“

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) reagierte dagegen alarmiert auf den Bericht aus Berlin. „Es könnte passieren, dass Versicherer unter die gesetzliche vorgeschriebene Eigenkapitalquote fallen. Wenn dann nicht innerhalb weniger Monate für ausreichend Kapital gesorgt wird, droht die Abwicklung“, sagte der Experte des VZBV, Lars Gatschke, dem Handelsblatt.

Erst Anfang Mai meldeten die Lebensversicherer zwar wieder im Schnitt solide Solvenzquoten, die die finanzielle Wetterfestigkeit beschreiben, an die Aufsicht. Im Vergleich zur ersten Erhebung vor einem Jahr war die Kapitalausstattung sogar gestiegen. Doch die Branche kann bei der klassischen Lebensversicherung die ursprünglich versprochenen Renditen kaum mehr erwirtschaften.

Immer geringere Erträge für Kunden

Zusammen mit schärferen Eigenkapitalregeln und tendenziell sinkenden Gewinnen führt dies dazu, dass sich die Kunden in den vergangenen Jahren auf immer geringere Erträge einstellen mussten. Der Gesetzgeber hat der Branche dafür vor vier Jahren auch mit einer Neuregelung der Überschussbeteiligung den Weg geebnet – was der Bundesgerichtshof am Mittwoch grundsätzlich billigte.

Um die hohen Zusagen für Altverträge in der Zinsflaute abzusichern, müssen die Lebensversicherer seit 2011 zudem einen Kapitalpuffer aufbauen. Das setzt sie allerdings weiter unter Druck. So ist allein im vergangenen Jahr dieser Topf auf insgesamt 60 Milliarden Euro gestiegen.

Die Politik kommt der Branche nun weiter entgegen und will die Belastungen aus dem Zinspuffer reduzieren. Das Bundesfinanzministerium will die Versicherer entlasten, indem die Zinszusatzreserve (ZZR) langsamer steigen soll als bisher. „Die Garantien sind damit bereits zu einem erheblichen Teil abgesichert“, heißt es in dem Papier.

In diesem Jahr kämen weitere 18 Milliarden Euro hinzu. Nun soll die Berechnungsformel geändert werden, sodass die ZZR in kleineren Schritten steigt. Die Finanzaufsicht Bafin dringt seit Langem darauf.

Im Gegenzug will die Regierung die milliardenschweren Provisionen deckeln, die die Lebensversicherer jedes Jahr für die Gewinnung neuer Kunden ausgeben, um „Fehlanreize zu vermeiden“, wie es heißt. „Die Abschlusskosten sind nur um fünf Prozent zurückgegangen“, kritisiert das Finanzministerium in seinem Bericht. Doch wie hoch die Begrenzung ausfallen soll, sagt die Regierung nicht.

Für den Versicherungsexperten Dean Goff besteht kein Anlass für Panikmache. Der Geschäftsführer des Policen-Analysehauses Partner in Life (PiL), das sich als einen der größten professionellen Versicherungsnehmer in Deutschland sieht, beschwichtigt.

„Wir besitzen nicht nur die Geschäftsberichtszahlen der vergangenen 15 Jahre, sondern auch die Entwicklung der Guthaben und Prognosen zu Tausenden Verträgen seit dieser Zeit“, betont Goff. Demnach gebe es nur „einige sehr wenige Versicherer“, die Hilfe benötigten, die sie hinsichtlich der Bildung von Reserven und Rückstellungen aber bekämen.

Völlige Entwarnung gibt Goff für die Branche nicht. „Ein Anhalten der Niedrigzinsphase auf dem derzeitigen Niveau über weitere fünf Jahre hinaus kann einige Lebensversicherer an oder gar über die Grenze der Belastbarkeit hinausführen“, warnte er. Es ist eine Sorge, die derzeit offensichtlich nicht allein den schwäbischen Versicherungsmanager Goff umtreibt.

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