Versicherer Die Branche der Getriebenen

Später als andere Wirtschaftszweige hat die Digitalisierung die Versicherungsbranche erfasst. Vorbereitet ist sie darauf nicht. So löst der Wandel eine Erosion aus, die das Gesicht der Branche nachhaltig ändern wird.
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Onlinevermittler, branchenspezifische Start-ups, Vergleichsportale und Autohersteller drängen sich zwischen Versicherer und ihre Kunden. Quelle: dpa
Digitale Welt

Onlinevermittler, branchenspezifische Start-ups, Vergleichsportale und Autohersteller drängen sich zwischen Versicherer und ihre Kunden.

(Foto: dpa)

Bergisch GladbachFranzosen gelten als Meister der abwägenden Formulierung. Doch wenn es um die Zukunft der eigenen Branche geht, lässt Thomas Buberl, der neue deutsche Chef des französischen Versicherungsriesen Axa, jede Diplomatie vermissen. „Wir nehmen uns in der Branche eigentlich nur noch als Getriebene wahr“, sagte der erste Deutsche an der Spitze eines französischen Konzerns am Rande einer Versicherungstagung, die die „Süddeutsche Zeitung“ am Mittwoch in Bergisch-Gladbach veranstaltete. „Getrieben vom Kostendruck, dem Umbau ins Digitale, der Zinskurve und neuen Wettbewerbern wie Google.“ Die bisherigen Platzhirsche wie die Allianz mit ihren 85 Millionen Kunden, der fast 150.000 Menschen in 70 Ländern beschäftigt – bald nur noch Dinosaurier von gestern? Der Gedanke ist  eine Horrorvision für die großen Versicherungskonzerne, der inzwischen nicht nur in der Axa-Zentrale in Paris hektische Betriebsamkeit ausgelöst hat.

Lange galt die Versicherungsindustrie als vergleichsweise beschauliches Terrain, das sich gegen rapide Veränderungen zu schützen wusste. Als „eine der letzten Bastionen des 19. Jahrhunderts“ bezeichnete der 46-jährige Leiter der Geschäftssparte Digital Partners von Munich Re, Andrew Rear, die Branche jüngst. Doch mit dieser Idylle ist es vorbei. Im Tempo des vom Internet-Pioniers Elon Musk geplanten Hyperloop bringen täglich neue Herausforderer die bisher so übersichtliche Welt der Assekuranzen in Unordnung und versuchen, sich einen Teil von deren bisheriger Wertschöpfungskette anzueignen.

Diese Versicherer sind systemrelevant
Aegon
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Insgesamt stuft der Financial Stability Board weltweit neun Versicherer als systemrelevant ein. Weil sich das FSB nicht dazu durchringen kann, auch Rückversicherer auf die Liste setzen, sucht man die Namen von Branchengiganten wie Warren Buffetts Berkshire Hathaway oder Munich Re vergeblich. Das Board führt die Liste ohne spezielle Reihenfolge, dementsprechend sind die Assekuradeure alphabetisch geordnet. Den Anfang macht die niederländische Aegon. 1983 gegründet, verwaltet der Konzern aus Den Haag 477 Milliarden Dollar an Vermögen. (Quelle: Financial Stability Forum)

Allianz
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Die Allianz mit Hauptsitz in München ist der einzige deutsche Versicherungskonzern, den das Financial Stability Board als systemrelevant einstuft. Und das aus gutem Grund: Mit einem verwalteten Vermögen von 928 Milliarden US-Dollar ist der 1890 gegründete Konzern in mehr als 70 Ländern der Welt vertreten – und ist damit der zweitgrößte Versicherer Europas.

AIG
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Die American International Group (AIG) wurde 1919 gegründet, hat ihren Sitz in New York und beschäftigt weltweit rund 66.000 Mitarbeiter. Aktien der AIG notieren an der NYSE in der Wall Street und in Tokio. Die Amerikaner managen 514 Milliarden Dollar.

Aviva
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Gleich mehrere britische Konzerne gelten laut FSB als systemrelevant: Aviva, die bis 2002 noch CGNU hießen, gehören zu den fünf größten Erstversicherern der Welt. Aviva verfügt über ein Gesamtvermögen von 574 Milliarden Dollar und beschäftigt etwa 30.000 Mitarbeiter weltweit.

Axa
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Die Axa-Gruppe mit Sitz in Paris ist mit 166.000 Mitarbeitern in 64 Ländern der Welt vertreten und knackt mit einem Gesamtvermögen von 1022 Milliarden Dollar die Billionen-Schallmauer. Axa hat mehr als 100 Millionen Kunden und gilt als größter Versicherungskonzern der Welt.

MetLife
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Der US-amerikanische Konzern Metropolitan Life Insurance Company, besser bekannt als MetLife, ist der größte Anbieter von Lebensversicherungen in den USA. Das Unternehmen wurde 1868 gegründet und beschäftigt etwa 70.000 Mitarbeiter. Laut aktuellem Quartalbericht kommen die New Yorker auf 952 Milliarden Dollar unter ihren Fittichen.

Ping An Insurance
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Der chinesische Ping An Insurance ist der einzige als systemrelevant erachtete asiatische Versicherer. Ping An wurde 1988 gegründet und ist Hong Kong und Shanghai gelistet. Zu der Holding gehören verschiedene Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor. Die Chinesen verzeichnen ein erfolgreiches Jahr mit starkem Wachstum, gemanagt werden knapp 690 Milliarden Dollar.

So ist aus dem einst so ruhigen Kosmos eine Welt im Tumult geworden. Onlinevermittler, branchenspezifische Start-ups, Vergleichsportale und Autohersteller drängen sich plötzlich zwischen die unter der Nullzinsphase ächzenden Firmen und ihre Kunden. Statt 40-seitiger Formulare und biederer Vertreter bieten die neuen Angreifer smarte App-Lösungen und jede Menge Know-how im Umgang mit Technologie und Big Data, was  vor allem der jüngeren Klientel zunehmend gefällt.

So nimmt Buberl kein Blatt vor dem Mund. „Wir sollten aufpassen, dass unsere Branche nicht durch neue Firmen von außen aufgemischt wird“, warnte der Axa-Chef. So würden Firmen wie Cisco, Philips und Google hohe Summen investieren, um in Geschäftsfeldern wie der Krankenversicherung neue Lösungen anzubieten, um an die Endkunden heranzukommen. Es ist eine Sorge, die auch andere Größen der Versicherungsindustrie umtreibt. „Ich habe im Silicon Valley ein Start-up getroffen, das mir ganz selbstbewußt erklärt hat, dass es plant, uns innerhalb von sechs bis sieben Jahren komplett zu substituieren“, erzählt ein Manager eines milliardenschweren Konzerns aus vertraulichen Gesprächen.

Es ist eine Kampfansage, die in den Konzernzentralen der großen Versicherer inzwischen durchaus ernst genommen wird. Allianz, Ergo und Munich Re haben zur Aufholjagd geblasen und wollen schneller und besser für ihre Kunden werden. Digitalisierung heißt das Zauberwort, die Kundenbeziehung soll künftig viel stärker im Mittelpunkt stehen. So geht die Ergo-Versicherungsgruppe im September mit einer reinen Digitalmarke an den Start. Unter dem Namen „Nexible“ bieten die Düsseldorfer demnächst Versicherungen an, die nur per PC, Handy oder Tablet abgeschlossen werden können. „Wir erleben ein Zeitalter explosionsartiger Innovationen“, betonte Ergo-Boss Markus Riess. Nexible sei eine Antwort auf die Herausforderungen, die die hohe Geschwindigkeit der Umwälzung mit sich bringe.

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