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Versicherer R+V forciert das Digitalgeschäft – und baut auf die Hilfe von Start-ups

Der genossenschaftliche Versicherer baut sein Portfolio an Apps aus – und will mit digitalem Versicherungsverwalter Insurtechs Konkurrenz machen.
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Der Wiesbadener Versicherer baut sein digitales Angebot deutlich aus. Quelle: dpa
R+V Versicherung

Der Wiesbadener Versicherer baut sein digitales Angebot deutlich aus.

(Foto: dpa)

Wiesbaden Nobert Rollinger, macht aus seiner Strategie keinen Hehl. „Wir sehen die Digitalisierung vor allem als Wachstumschance“, gab der Chef des genossenschaftlichen Versicherers R+V, die zu den Volks- und Raiffeisenbanken zählt, bereits vor gut einem Jahr als Marschrichtung aus. Nun folgen der Ankündigung weitere konkrete Schritte. So baut der Wiesbadener Versicherer sein digitales Angebot deutlich aus.

Im Mai starten die Genossen einen neuen, bisher namenlosen, digitalen Versicherungsmanager, den die Versicherung in Zusammenarbeit mit dem Start-up Friendsurance entwickelt hat. R+V-Kunden können darin ihre Versicherungsverträge, auch die von anderen Anbietern, überblicken und managen, sagte Rollinger diesen Mittwoch in Wiesbaden auf der Bilanzpressekonferenz. Die von Friendsurance entwickelte Technik ermögliche es zudem, die Nutzer darauf hinzuweisen, wenn sich ihr Portfolio noch optimieren lasse.

Die Traditionsversicherer werden damit immer mehr vom Gejagten zum Jäger. In den vergangenen Jahren haben viele Insurtechs den Markt deutlich aufgemischt und einigen etablierten Anbietern Kunden abspenstig gemacht. Doch nun schlagen die großen Anbieter zurück und bauen ihre digitalen Angebote deutlich aus – teilweise mit Hilfe der Startups aus der Branche.

Zumindest testweise bietet die R+V Versicherung seit Anfang des Jahres noch eine App an: „Wilhelm“ ist ein digitaler Versicherungsmakler, der Insurtechs wie Clark Konkurrenz machen soll und Versicherungen von insgesamt 160 Versicherern vermittelt, also nicht nur Produkte der R+V.

Nicht jeder in der Genossenschaftsgruppe ist von dieser Idee begeistert. Doch die erste Resonanz bei den Kunden fällt gut aus, wie Rollinger sagte. Es gebe bereits rund 500 Kunden. Erst im Sommer solle jedoch entschieden werden, ob das Projekt dauerhaft fortgesetzt werden soll.

Dennoch ist „Wilhelm“, wie die R+V Versicherung die neue App in Anlehnung an Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen genannt hat, ein Testprojekt. Bundesweit probieren derzeit 13 Pilotbanken die neue App aus. Raiffeisen gilt als einer der Erfinder der genossenschaftlichen Kreditinstitute.

Insurtech als Technikgeber

Den Aufbau von Wilhelm hat die R+V finanziert – doch hinter der Technik steht das Insurtech Clark. Das Startup stellt seine Software zur Verfügung. Für die Auswahl und Darstellung der Versicherungsprodukte sei indes R+V selbst verantwortlich. In der Branche sind solche Lösung nicht unüblich. Die Fachleute sprechen bei solchen Kooperationen gerne von einem White Label Angebot, weil der Technikgeber dem Käufer sein Produkt quasi mit einem weißen Label überlässt, auf das dieser seinen Namen packen kann. So arbeitet der Versicherer Signal Iduna bei einigen Produkten ebenfalls mit dem Startup Element zusammen.

Wilhelm ist allerdings ein Novum für die Organisation der Genossenschaftsbanken. Denn die neue Plattform bricht mit einem Prinzip, das die Finanzverbünde der Genossenschaftsbanken eigentlich befolgen: Sie vertreiben fast ausschließlich Finanzprodukte aus der eigenen Gruppe. Im Fall der genossenschaftlichen Häuser also zum Beispiel Versicherungen von R+V und Fonds von Union Investment.

Doch offensichtlich verfolgte man in Wiesbaden mit Sorge, dass junge Startups wie Clark der R+V Versicherung vor allem junge, internetaffine Kunden abspenstig machen. So nutzt Wilhelm zwar das Wissen von Clark, zugleich wollen die Genossen mit der neuen App jedoch den Insurtechs, also den Versicherungs-Start-ups, stärker Paroli bieten.

Rollinger kann sich den Vorstoß erlauben, denn wirtschaftlich steht die R+V Versicherung gut da. So nahm die Assekuranz 2018 erneut mehr Beiträge ein als im Vorjahr. Die Beitragseinnahmen stiegen konzernweit um 5,2 Prozent auf mehr als 16,1 Milliarden Euro. Damit wuchs die Versicherung deutlich stärker als der Markt.

Insgesamt schloss der Versicherer das zurückliegende Geschäftsjahr mit einem Beitragsvolumen von 16,9 Milliarden Euro ab, ein Plus von 5,2 Prozent im Vergleich zu 2017. Die Zahl der Kunden kletterte um rund 200.000 auf insgesamt 8,6 Millionen.

Der Konzerngewinn ging allerdings wegen steuerlicher Effekte sowie einem schwachen Aktienjahr deutlich auf 448 Millionen Euro zurück, nach 795 Millionen Euro im Vorjahr. R+V arbeitet nach den Bilanzregeln IFRS, die deutlich stärker nach Marktwert bilanzieren. So habe der Börsenabsturz im Dezember der Gruppe allein 100 Millionen Euro in den Büchern gekostet.

Dennoch sehen sich die Wiesbadener weiter auf Kurs. Rollinger erklärte, der Wiesbadener Versicherer sei auch in das laufende Jahr gut gestartet. Das Beitragsvolumen habe im ersten Quartal mit 4,9 Milliarden Euro auf dem Niveau des Vorjahres gelegen.

Für das Gesamtjahr peilt die R+V Versicherung erneut ein Wachstum über dem Marktdurchschnitt an. Man sei „auf einem sehr guten Weg“, das wirtschaftliche Ziel bis zum 100-jährigen Jubiläum des Unternehmens 2022 zu erreichen. Bis dahin sollen die Beitragseinnahmen auf 20 Milliarden Euro wachsen.

„Wachstum durch Wandel“

Dafür will die R+V-Versicherung in den kommenden Jahren ihr Onlinegeschäft weiter forcieren und setzt bei den Kunden zunehmend auch auf Videoberatung und neue Produkte. Rollinger setzt auf einen deutlichen Ausbau der Angebotspalette sowie eine noch stärkere Verknüpfung von persönlicher und digitaler Beratung.

So testen die Wiesbadener eine neue Mitglieder-Privatpolice, bei der die Mitglieder einer Genossenschaftsbank ein Kollektiv bilden, das bei gutem Schadensverlauf auch bis zu zehn Prozent der Prämien zurückerhalten kann.

Mit einem Programm namens „Wachstum durch Wandel“ will der Versicherer künftig den Fokus mehr auf Digitalisierung und nachhaltige Kundenzufriedenheit legen. Mit dem Programm wolle das Unternehmen seinen Geschäftserfolg auch „in Zeiten eines sich rasant verändernden Umfeldes“ fortsetzen, betonte Rollinger. Dass der Topmanager der wachsenden Konkurrenz der Start-ups das Feld nicht kampflos überlassen will, machte Rollinger bereits vor knapp zwei Jahren deutlich.

„Notfalls werden wir sie kopieren“, sagt der Vorstandschef damals bei einer Diskussion in Frankfurt zum Wettbewerb mit den Insurtechs. „Im Kopieren war die Versicherungsindustrie schon immer gut.“ So dauere es im besten Fall nur wenige Monate, bis das Unternehmen selbst mit seinen Programmierern bestimmte Applikationen und Angebote von manchen jungen Wettbewerbern mit eigenen Produkten kontern könnte.

„Wenn wir wollen, können wir auch schnell“, lautet seine Kampfansage. Der neue digitale Versicherungsmanager sowie die App Wilhelm sind die ersten Beweise, dass dies mehr als leere Worte sind.

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