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Christian Mumenthaler im Interview Swiss-Re-Chef: „Kein Mensch hat Spaß an einer neuen Police“

Christian Mumenthaler erklärt, wie Swiss Re den Verkauf von Versicherungen attraktiver machen will – und warum er dabei auf Partnerschaften mit Daimler und Ikea setzt.
30.11.2020 - 14:57 Uhr Kommentieren
Der Vorstandschef des zweitgrößten Rückversicherers der Welt, Swiss Re, sieht Potenzial in neuartigen Bündnissen mit Industriekonzernen.
Christian Mumenthaler

Der Vorstandschef des zweitgrößten Rückversicherers der Welt, Swiss Re, sieht Potenzial in neuartigen Bündnissen mit Industriekonzernen.

Frankfurt, München Der zweitgrößte Rückversicherer der Welt, die Swiss Re, will in den nächsten Jahren stark auf neuartige Bündnisse mit großen Industriepartnern setzen. „Ich kann mir vorstellen, dass in Partnerschaften mit Industriepartnern ein breites Geschäftsfeld steckt“, sagte Swiss-Re-Chef Christian Mumenthaler dem Handelsblatt.

Es werde nicht den gesamten Versicherungsmarkt einnehmen, aber auf diesem Feld bestünden enorme Wachstumsmöglichkeiten. Längerfristig sehe er viel Potenzial, betonte der Topmanager. Viele Unternehmen stünden unter Druck, von den Autoherstellern bis hin zu den Warenhäusern. „Wer Kundenkontakt hat, überlegt deshalb, welche anderen Services er anbieten kann“, sagte Mumenthaler.

Die Branche wendet sich auf der Suche nach neuen Erlösquellen damit immer entschlossener ihren wichtigen Industriekunden zu, um gemeinsam neue Geschäftsfelder aufzutun. So gründeten die Schweizer dieses Jahr mit dem Autokonzern Daimler eine Firma, um ab 2021 neue digitale Versicherungsangebote anzubieten.

Mit Ikea verkauft Swiss Re in den Schweizer Möbelhäusern zudem seit diesem Jahr Hausrats- und Privathaftpflicht-Versicherungen. Auch der wichtigste Swiss-Re-Rivale Munich Re arbeitet neuerdings mit dem Sportwagenhersteller Porsche sowie dem Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf zusammen, um Geschäftsmöglichkeiten beim Thema smarte Fabrik auszuloten.

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    „Der Kauf von Versicherungen ist für den menschlichen Verstand schwierig, weil wir uns dann mit negativen Gedanken beschäftigen und über Wahrscheinlichkeiten nachdenken müssen“, begründet Mumenthaler diese Hinwendung. „Kein Mensch setzt sich abends hin und hat Spaß daran, sich eine neue Police auszusuchen – darum haben es selbst coole und günstige digitale Versicherer so schwer“, sagte der Swiss-Re-Vorstandschef. „Wir versuchen deshalb, Versicherungen in ein anderes Produkt zu integrieren, das die Menschen gern kaufen.“ Das gehe natürlich auch in anderen Branchen als der Autobranche.

    Swiss Re habe mehr als „nur“ Kapitalstärke, so der Schweizer mit italienischem Pass. Seit Jahrzehnten sei die Branche Profi darin, Risiken einzuschätzen und zu verteilen. Dazu gehöre, diese Stärke auch wirksam einsetzen zu können. „Zu unserer Strategie gehört, neue innovative Produkte zu entwickeln.“

    Auch Übernahmen schloss der Vorstandschef nicht aus. Sollte sich eine interessante Übernahmegelegenheit ergeben, würde er sie sich in jedem Fall genau ansehen. Allerdings nicht in der Rückversicherung, da habe man schon die nötige Größe. „Allenfalls ist eine rein finanzielle Transaktion denkbar“, so Mumenthaler.

    Lesen Sie hier das ganze Interview:

    Herr Mumenthaler, die Welt scheint nach der Ankündigung von drei Corona-Impfstoffen aufzuatmen. Wie groß ist Ihr Optimismus?
    Ich bin optimistisch, was die Entwicklung der Impfstoffe angeht. Es ist sicher am oberen Ende von dem, was zu erwarten war, dass wir nun gleich mehrere Mittel in der Erprobung haben. Normalerweise ist die Chance für einen Durchbruch beim Impfstoff eins zu hundert – und es gab um die 160 Kandidaten. Allerdings bedeutet das trotzdem, dass wir noch mehrere Monate durchhalten müssen.

    Noch rollt eine zweite Welle der Pandemie durch Europa. Auch die Schweiz hat es schwer getroffen. Wie schwierig wird der Winter?
    Die Antwort fällt für jedes Land in Europa etwas anders aus. Aber bei den Maßnahmen hat die Politik aus dem letzten Frühling gelernt, wie die Wirtschaft möglichst wenig in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Ich rechne damit, dass wir die Situation in diesem Winter mit weniger strengen Maßnahmen als im letzten Frühling unter Kontrolle bekommen werden. Aber wir müssen diszipliniert bleiben und versuchen, einen Jo-Jo-Effekt bei den Maßnahmen zu vermeiden.

    Im Sommer sprachen Sie noch davon, dass wir uns auf eine längere Phase des „kalten Krieges“ gegen das Virus einstellen müssen. Kriegt Europa im Frühjahr die Kurve?
    Meine Hoffnung ist, dass wir mit disziplinierten Maßnahmen und dann auch mit Impfungen die Situation unter Kontrolle kriegen und im zweiten Halbjahr 2021 bereits ein weitgehend normales Leben führen können.

    Swiss Re selbst stellt sich nach neun Monaten auf drei Milliarden Dollar an Schäden durch die Corona-Pandemie ein. Haben Sie die Auswirkungen durch Corona anfangs unterschätzt?
    Nein, ganz im Gegenteil. Wir haben schon sehr früh die Risiken eingeschätzt und als einer der Ersten in der Branche sehr hohe Rückstellungen im zweiten Quartal vorgenommen. Damals waren viele sehr überrascht. Inzwischen haben zahlreiche Wettbewerber nachgezogen. Die Unsicherheiten sind immer noch sehr groß, aber wir glauben, dass wir den Großteil der Schadenereignisse bereits hinter uns haben.

    Strategisch haben Sie dennoch neue Schritte unternommen. So schloss Swiss Re eine Partnerschaft mit dem deutschen Autobauer Daimler, mit dem Techkonzern Alphabet und mit dem chinesischen Anbieter Ping An. Was versprechen Sie sich davon?
    Unser Kerngeschäft ist der Risikotransfer, wo wir mit über 1000 Erstversicherern zusammenarbeiten. Diese Kunden stehen teilweise unter enormem Digitalisierungsdruck. Deshalb arbeiten wir auch daran, unsere Kunden zu unterstützen, indem wir Risikowissen teilen und Partnerschaften eingehen.

    Mal konkret: Was bedeutet das für Ihre Partnerschaft mit Daimler?
    Mit Daimler wollen wir in einem Gemeinschaftsunternehmen volldigitale Auto- und Mobilitätsversicherungsprodukte entwickeln. Wir möchten eine Plattform kreieren, die Versicherungsprodukte in den Autokaufprozess integriert und somit eine einheitliche Kundenerfahrung schafft. Wir starten 2021 in Frankreich und planen in den kommenden Jahren, weitere Märkte in und außerhalb von Europa zu erschließen.

    Warum mischen Sie das Geschäft nicht allein auf?
    Der Kauf von Versicherungen ist für den menschlichen Verstand schwierig, weil wir uns dann mit negativen Gedanken beschäftigen und über Wahrscheinlichkeiten nachdenken müssen. Kein Mensch setzt sich abends hin und hat Spaß daran, sich eine neue Police auszusuchen – darum haben es selbst coole und günstige digitale Versicherer so schwer.

    Versicherungen zählen nicht zu den interessantesten Produkten. Wie wollen Sie das ändern?
    Wir versuchen deshalb, Versicherungen in ein anderes Produkt zu integrieren, das die Menschen gern kaufen. Das geht natürlich auch in anderen Branchen als der Autobranche. Nicht alle Policen werden künftig so angeboten werden. Aber ich denke, es ist einen Versuch wert.

    „Wir haben mehr als ,nur‘ Kapitalstärke“

    Wie weit kann das gehen?
    Nun, recht weit. Wir haben unsere eigene digitale White-Label-Plattform iptiQ, mit der wir beispielsweise auch schon mit Ikea in der Schweiz und in Singapore Haushaltsversicherungen anbieten. Ikea hat dieses Produkt sehr geschickt in das gesamte Kauferlebnis integriert, und ich kann mir vorstellen, dass dies die Hürde reduziert, eine Police zu kaufen – weil man der Marke schon vertraut.

    Wie wichtig kann dieses Geschäft mit Industriepartnern für Swiss Re werden?
    Noch stehen wir am Anfang, und neue Produkte zu entwickeln ist immer zeitaufwendiger, als man denkt. Aber längerfristig sehe ich viel Potenzial. Ich kann mir vorstellen, dass in Partnerschaften mit Industriepartnern ein breites Geschäftsfeld steckt. Es wird nicht den gesamten Versicherungsmarkt einnehmen, aber bei einer Plattform wie iptiQ bestehen enorme Wachstumsmöglichkeiten – da bin ich mir sicher.

    Ihre Erstversicherungs- und Industriekunden dürften nicht alle begeistert sein, dass Sie sich plötzlich indirekt in ihr Geschäftsfeld einmischen. Gab es bereits verärgerte Reaktionen?
    Ja, ansatzweise haben wir auch schon solche Hinweise bekommen. Aber meine Antwort ist immer: Dann arbeitet doch mit uns zusammen. Bei iptiQ arbeiten wir auch mit vielen Erstversicherern zusammen. Statt Hunderte von Millionen selbst zu investieren, können sie die iptiQ-Plattform nutzen, um in die neuen Märkte oder Geschäftsfelder einzusteigen. Denn der größte Werttreiber ist der Zugang zu Kunden – und den haben Erstversicherer.

    Grafik

    Ihr Rivale Munich Re arbeitet mit Porsche und Trumpf bei der smarten Fabrik zusammen. Erfindet sich die Branche gerade neu?
    Nun, man muss bedenken, welche Stärken ein Rückversicherer wie Swiss Re hat. Wir haben mehr als „nur“ Kapitalstärke. Seit Jahrzehnten sind wir in der Branche Profis darin, Risiken einzuschätzen und zu verteilen. Und wir überlegen natürlich, wie wir diese Stärke auch wirksam einsetzen können. Zu unserer Strategie gehört, neue innovative Produkte zu entwickeln.

    Hat die Coronakrise dabei zu einer neuen Offenheit und gegenseitigem Interesse geführt?
    Das Interesse war bereits vor der Krise vorhanden. Viele Unternehmen stehen unter Druck, von den Autoherstellern bis hin zu den Warenhäusern. Wer Kundenkontakt hat, überlegt deshalb, welche anderen Services er anbieten kann. Das ist ein Megatrend, denn der Druck ist in vielen Industrien groß genug.

    Hinter vielen neuen Ansätzen der Branche steckt die Idee der Plattform-Ökonomie. McKinsey erwartet, dass bis 2030 mehr als 30 Prozent der Beitragseinnahmen für Sach- und Unfallversicherungen so generiert werden. Ist das realistisch?
    Ich finde solche Prognosen immer problematisch. An erster Stelle steht für mich der Kundennutzen. Bei Fahrzeugherstellern ist offensichtlich, dass Versicherungen gut dazupassen. Eine abstrakte Aussage für alle Branchen zu treffen ist allerdings schwierig.

    Hat die Versicherungsbranche gegen die großen Technologiekonzerne, die längst Plattformen aufgebaut haben, überhaupt eine Chance?
    Ich bin da sehr zuversichtlich. Die großen Technologiekonzerne sind an einer Zusammenarbeit interessiert, selbst wollen sie eher nicht direkt einsteigen. Das ist finanziell für sie nicht attraktiv. Die Technologiekonzerne sehen sich eher als Zulieferer für Werbung und Marketing – und verdienen damit bereits sehr gutes Geld.

    Die Kunden werden sich ihre Infos und Dienstleistungen nicht auf zehn verschiedenen Plattformen suchen wollen. Braucht es nicht eine gemeinsame Anstrengung Europas, um den Vorsprung der USA und Chinas einzuholen?
    Das ist eine philosophische Frage. Ich bin nicht sicher, ob Europa das kulturell bedingt hinbekommen würde.

    „Die Hälfte der neuen Prämien soll in den nächsten zehn Jahren aus Asien kommen“

    Die USA haben unter Trump China quasi den Wirtschaftskrieg erklärt. Wird sich das unter Biden ändern?
    China hat in der Technologie enorme Fortschritte gemacht. Einige chinesische Technologiekonzerne gehören in puncto Innovation zur Weltspitze. Das liegt auch an den Rahmenbedingungen, zum Beispiel bezüglich Daten, die bei uns so nicht akzeptiert würden. Die Spannung zwischen China und den USA wird auch unter Biden anhalten. Die Diskussionen dürften aber rationaler geführt werden.

    Experten erwarten, dass es besonders in Asien in den nächsten zehn Jahren die größten Wachstumsmöglichkeiten für Versicherer gibt. Hat der Markt dort bei Ihnen oberste Priorität?
    Ganz klar! Die Hälfte der neuen Prämien soll in den nächsten zehn Jahren aus Asien kommen. China steht da natürlich besonders im Zentrum. Wir sind dort seit Jahrzehnten präsent und kennen die Märkte gut. In China sind wir die Nummer eins unter den ausländischen Rückversicherern und sind dort in den vergangenen zehn Jahren stark gewachsen.

    Wettbewerber sprechen inzwischen offen darüber, dass sie die Krise auch als Chance für mögliche günstige Übernahmeziele sehen. Sehen Sie sich ebenfalls um?
    Wir denken immer über Zukäufe nach. In der Rückversicherung sind wir aber schon in allen Ländern sehr groß. Eine Übernahme im Rückversicherungsbereich wäre also nicht strategisch. Allenfalls ist eine rein finanzielle Transaktion denkbar.

    Die Branche ächzt nicht nur unter den Folgen der Pandemie, sondern auch der Niedrigzinsen. Stellen Sie sich wegen der Hilfspakete auf weitere zehn Jahre Nullzins in der Euro-Zone ein?
    Ja, die niedrigen Zinsen werden uns noch lange begleiten. Wenn die Renditen sinken, müssen wir eine höhere Prämie von unseren Kunden verlangen. In der Praxis ist es aber psychologisch immer schwierig, die Preise zu erhöhen. Aber wir sind da sehr strikt.

    Sie äußerten im Frühjahr die Hoffnung, dass die Coronakrise zu vermehrter Solidarität in Europa führen wird. Hat sich diese Hoffnung in Ihren Augen erfüllt?
    Nicht wirklich. Es gab zu Beginn der Pandemie enorme Defizite – in der Art und Weise, wie Europa auch rein emotional gegenüber besonders stark betroffenen Ländern wie Italien reagiert hat. Auf der Kommunikationsebene ist einiges kaputtgegangen. Wir müssen aufpassen, dass sich einzelne Länder sowie Teile der Bevölkerung, vor allem die Jugend, nicht abgehängt fühlen. Die Geduld ist da limitiert. Die soziale Rechnung wird erst noch präsentiert werden.

    Herr Mumenthaler, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Hannover-Rück-Chef Henchoz: „Die Rückversicherer müssen effizienter werden“

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