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Gier frisst HirnMit Versicherungen Millionär werden

Mit dem Strukturvertrieb MEG häufte Mehmet Göker Millionenschulden auf. Doch mit Versicherungen will der schillernde Verkäufer auch künftig Geld verdienen – wieder am Telefon, aber nicht in Kassel, sondern in der Türkei.Thomas Schmitt 25.01.2012 - 10:45 Uhr Artikel anhören

Fernsehstar: Das Leben von Skandalvertreter Mehmet Göker wurde verfilmt. Bild: Sternfilm

Foto: Handelsblatt

Einer der umstrittensten und erfolgreichsten Versicherungsverkäufer Deutschlands startet seit dieser Woche wieder durch. In seinen besten Zeiten arbeitete Mehmet Göker mit den Versicherern Allianz, Axa und Central zusammen. Dann folgte die Millionenpleite seines Strukturvertriebs, der MEG. In Deutschland laufen noch Prozesse gegen ihn, daher agiert Mehmet E. Göker nun von der Türkei aus. Seine Verkäufer rekrutiert er dabei auch über Facebook

Auf der Pinnwand seiner persönlichen Facebook-Seite war seit dem 14. Januar dieser Eintrag mit seiner persönlichen Handy-Nummer zu lesen: „Meine Damen und Herren, am 23. Januar beginnt unsere Rookie-Runde, zwei Plätze für zwei außergewöhnliche Vertriebler sind noch frei.“ Rookie ist englisch und bedeutet Neuling, Anfänger oder Frischling. Im Profisport wird damit ein unerfahrener Sportler bezeichnet. 

Gökers Welt: Provisionen und Versicherer
Der Finanzvertrieb MEG und dessen Ex-Chef Mehmet Göker gelten als Paradebeispiel dafür, wie Finanzunternehmen über Provisionen Anreize für Verkäufer setzen. Im Insolvenzbericht der MEG heißt es: „Anfang des Jahres 2009 hatten vier Versicherungsgesellschaften Provisionsvorschüsse gezahlt, die im Jahr 2009 und teilweise auch noch in 2010 abgearbeitet werden sollten.“ Insgesamt waren das 19,5 Millionen Euro. „Etwa zur Jahresmitte valutierten diese Vorschüsse noch in Höhe von 11,28 Millionen Euro und waren im Übrigen tatsächlich durch entstandene Provisionsansprüche abgearbeitet. Es wurden dann weitere Vorschüsse gezahlt unter teilweiser Verrechnung der noch nicht abgearbeiteten Vorschüsse.“
Insgesamt ergaben sich aus Vorschüssen 15,7 Millionen Euro an Forderungen der Versicherer an MEG. Diese Forderungen der Versicherungsgesellschaften erhöhten sich jedoch noch erheblich, weil viele der bereits verrechneten Provisionsansprüche der MEG storniert werden mussten. Überschlägig ist jedoch davon auszugehen, dass weitere ca. 15 Millionen Euro aus Stornierungen von den Versicherungsgesellschaften geltend gemacht werden können. Ingesamt schätzt der Insolvenzverwalter die Forderungen der Versicherer aus gezahlten Vorschüssen (ohne Axa) auf 21 Millionen Euro.
Die Allianz ist der drittgrößte private Krankenversicherer.Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 2 Millionen EuroForderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 1,7 Millionen Euro
Die Tochter des französischen Versicherers ist der viertgrößte private KrankenversichererFür 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 10 Millionen EuroForderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 7 Millionen EuroAXA ist in einer Stundungsvereinbarung vom 28.09.2009 mit allen ihren zum damaligen Zeitpunkt bestehenden Forderungen zur Vermeidung einer Überschuldung der MEG hinter alle anderen Forderungen von Gläubigern im Rang zurückgetreten ist. Ihre Forderung: 11 Millionen Euro.
Der fünftgrößte deutsche Krankenversicherer ist eine Tochter der Generali Deutschland. Die Gesellschaft arbeitet bevorzugt mit dem größten deutschen Finanzvertrieb zusammen, der DVAG.Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 8 Millionen EuroForderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 4 Millionen Euro
Consal arbeitete mit MEG. Die Gesellschaft gehört zu den Sparkassenversicherern. Die Bayerische Beamtenkrankenkasse AG und die Union Krankenkasse AG sind Teil der Versicherungskammer Bayern und bilden zusammen den siebtgrößten privaten Krankenversicherer. Sie sind unter dem Dach der Consal Beteiligungsgesellschaft AG vereint. Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss:  3,5 Millionen EuroForderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen:  1,5 Millionen Euro
Inter ist die Nummer 16 im Markt der privaten Krankenversicherer.Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 1,5 Millionen EuroForderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen:  1,5 Millionen Euro
Der zehngrößte Krankenversicherer gehört zum Konzern Alte Leipziger und wird immer wieder genannt. Der Filmemacher Klaus Stern etwa hatte eine Liste mit 120 Gesprächspartnern, die er nach und nach abarbeitete. Nur die Versicherungskonzerne wie Axa oder Hallesche wollten sich nicht äußern. „Die waren zu keinem Interview vor der Kamera bereit“, sagte er HNA Online zufolge. Die 5. Zivilkammer des Kasseler Landgerichts urteilte im September 2011, dass das Ex-MEG-Vorstandsmitglied Patrick Drönner nichts von zuvor kassierten Provisionen zurückzahlen muss. Die Hallesche Versicherung will laut HNA Online von dem ehemaligen MEG-Vorstand insgesamt 1,5 Millionen Euro an gezahlten Bonifikationen und Provisionvorschüssen zurückhaben.
Die Vertriebsgesellschaft Aragon AG hat nach Übernahme der Aktien der MEG dieser ein Darlehen ausgereicht in Höhe von 6,5 Millionen Euro und sich zur Besicherung dieses Darlehens den Datenbestand der MEG abtreten lassen.

„Mehmet E. Göker ist wieder da“, stellt auch der Kasseler Filmemacher Klaus Stern auf seiner Internetseite fest. Stern hat den Film „Versicherungsvertreter“ über die erstaunliche Karriere von Göker gedreht. Dieser residiere derzeit an der türkischen Ägäisküste mit über 50 Mitstreitern. Die neue Firma aber sei nicht seine, beteuere er. Die „Göker Consulting Group“ gehöre seiner Mutter, er selbst sei dort nur Angestellter. 

Auf eine Anfrage des Handelsblatts zu seinen neuen Aktivitäten reagierte Göker indessen nicht. Unter Versicherungsmanagern gelten Göker und seine MEG inzwischen als Paradebeispiel für ein Verkaufssystem, das nicht nur teuer war, sondern auch Kunden klar benachteiligt. Die Manager haben daraus gelernt: "Wir müssen Exzesse bei den Vertriebskosten verhindern", forderte Torsten Oletzky, Vorstandschef der Ergo Versicherungsgruppe im Handelsblatt. 

Göker sieht dennoch weiter Chancen. Er braucht wieder Leute, die ihr bisheriges Leben hinter sich lassen und vor allem einen Wunsch haben: schnell reich zu werden. "Vier Jahre braucht ein Verkäufer, um an meiner Seite Millionär zu werden", ist einer der Sprüche, durch die er bekannt wurde. Es macht nichts, wenn seine Leute von der jeweiligen Materie wenig Ahnung haben. Hauptsache, sie finden Mittel und Wege, ihre Versicherung an den jeweiligen Kunden zu verkaufen. Göker greift dabei auf das Prinzip zurück, durch das er auch mit der MEG in Kassel groß geworden ist: Telefonverkauf von privaten Krankenversicherungen. 

Der Vorteil: Mit dem Telefon kann er von überall her agieren. „Ein Jahr aus der Türkei arbeiten – leben und bei 30 Grad im Schnitt am Meer das Leben genießen und das mit ausreichend finanziellen Mitteln“, lockt er seine neuen Vertriebler.

So verdiente Mehmet Göker mit Provisionen Millionen
„Bericht zur ersten Gläubigerversammlungim Insolvenzverfahren MEG AGAmtsgericht Kassel Az. 661 IN 381/09vorgelegt vom InsolvenzverwalterDr. Fritz WesthelleRechtsanwaltFachanwalt für Insolvenz- und Arbeitsrecht“ Quelle: Insolvenzbericht
Mehmet Göker wurde am 2. April 1979 geboren. Die Ursprünge der MEG gehen auf ein Einzelunternehmen zurück, das durch nach seiner Ausbildung zum Versicherungskaufmann bei der DKV am 01.04.2003 gegründet wurde. Er firmierte unter der Bezeichnung “MEG Versicherungsspezialist e. K.“ und übte laut Handelsregistereintragung die Tätigkeit als Makler von Versicherungen und Bausparverträgen aus.
Das Geschäftsmodell war anfangs so: Die für Göker tätigen, selbständigen Vermittler erwarben Kundenkontakte bzw. Kundendaten („Leads“). Dabei handelt es sich um Kundendaten speziell aus den Bereichen Versicherungen, Finanzierungen und Geldanlagen, die von diesen Vertriebsagenturen insbesondere auf Internetplattformen generiert werden.Der jeweilige Mitarbeiter reichte den Antrag bei der MEG e. K. ein. Danach floss - je nach den vereinbarten Konditionen mit dem Versicherer - die Abschlussprovision an die MEG e. K. In der Regel verblieben zwischen 25 - 35 Prozent der Provision eines jeden Vertrages bei der MEG e. K.
Umsatzerlöse erstes Halbjahr 2003: gut 77.000 Euro, Gewinn: ca. 24.000 Euro.Bilanz für 2004: Umsatz von ca. 109.000 Euro. Tatsächlich beliefen sich die vereinnahmten Provisionen auf ca. 513.000 Euro. Die Differenz hängt damit zusammen, dass die Provision im Verkauf von privaten Krankenversicherungen erst nach Ablauf einer Stornofrist von 12 Monaten endgültig verdient ist. Die Gewinn- und Verlustrechnung ergab einen Fehlbetrag in Höhe von gut 98.000 Euro.
Bis Ende 2004 entwickelte sich das Geschäft der MEG e. K. positiv, zumal das Unternehmen gemessen an den Umsatzzahlen einen relativ geringen Kostenapparat hatte. Letztlich hielt jeder einzelne Vertriebsmitarbeiter den Kontakt zu dem Kunden und stand für Fragen zu dem jeweiligen Versicherungsvertrag zur Verfügung. Die MEG e. K. verfügte bereits in kurzer Zeit über eine feste Vertriebsstruktur. Es gab in der oberen Vertriebsebene einige Organisationsdirektoren, unter denen sich weitere Vertriebsmitarbeiter formierten, die zuvor von den Organisationsdirektoren angeworben wurden.
Ende 2005 verfügte die MEG e. K. über gut 40 selbständige Mitarbeiter. Der Führungsstab wurde um mehrere Organisationsdirektoren erweitert, die selbst mindestens drei bis sechs neue Vertriebsmitarbeiter anzuwerben hatten. Nach Auskunft eines ehemaligen Vertriebsmitarbeiters habe bereits zu dieser Zeit die Qualität der Vertragsabschlüsse gelitten, da auch ungelernte selbstständige Mitarbeiter angeworben wurden.
Im Jahr 2005 flossen Provisionen von ca. 2,6 Millionen Euro. Es wurde ein Gewinn von knapp 52.000 Euro errechnet, demgegenüber lagen die Entnahmen des Inhabers, saldiert mit den Einlagen, bei ca. 490.000 Euro. 2005 wurde erstmals ein gebrauchter Ferrari zum Kaufpreis von 77.900 Euro angeschafft. Insgesamt wurden in diesem Jahr für ca. 178.000 Euro Investitionen in den Fuhrpark vorgenommen.
Die MEG e. K. bot den Vertriebsmitarbeitern Ende 2005 / Anfang 2006 die Möglichkeit an, die Leads direkt über die MEG e. K. zu erwerben. Die Beratung und der Verkauf der Versicherungen erfolgte in der Regel per Telefon, so dass die Kosten bei den Vertriebsmitarbeitern im Rahmen gehalten werden konnten. Neben der Vertriebsstruktur versuchte die MEG e. K. daneben auch, eine eigene Betriebsstruktur aufzubauen für Nachbereitung und Verwaltung der abgeschlossenen Verträge aufzubauen.
Die MEG AG wurde am 13.07.2006 im Handelsregister des Amtsgerichts Kassel unter Nummer HRB 13995 eingetragen. Das Grundkapital betrug seinerzeit und bis zur Erstellung des Insolvenzberichts 50.000 Euro. Der Umsatz schnellt 2006 auf ca. 13,95 Millionen Euro hoch, vervielfacht sich also gegenüber den Einnahmen von 2,6 Millionen Euro im Vorjahr. Bei Gründung hatte die MEG AG ca. 40 Mitarbeiter, zum Jahresende 2006 waren über 150 Mitarbeiter beschäftigt. Von Ende 2007 bis Anfang 2008 gründete die Gesellschaft Zweigniederlassungen unter der glei-chen Firma in München, Bielefeld, Stuttgart, Würzburg, Hamburg und Cottbus. Später kamen noch hinzu Berlin, Düsseldorf-Ratingen, Frankfurt-Eschborn, Hannover, Lübeck und Mannheim. Geplant war die Eröffnung weiterer Standorte in Dortmund, Dresden, Frankfurt/Oder, Lüneburg und Nürnberg.
Der „Vertrieb“ war streng strukturiert und hierarchisch angelegt. Unterhalb des Vertriebsvorstandes waren Mitglieder des Vorstandes angesiedelt, die wiederum für eine bestimmte Zahl von Vertriebsdirektoren verantwortlich waren. Unterhalb der Vertriebsdirektoren waren „Orga-Direktoren“ angesiedelt, die eigene Vertriebstruppen von bis zu dreißig Vertriebsmitarbeitern führten. Die Entlohnung erfolgte von oben nach unten. Bei Abschluss eines Vertrages schüttet die jeweilige Versicherung bis zu 15 Monatsbeiträge als Abschlussprovision an die MEG AG aus. Durchschnittlich waren es ca. 14,43 Monatsbeiträge (bei Gewichtung der sechs sog. „Premium-Versicherungen“, mit denen die größten Umsätze erzielt wurden). Bei dem Vertriebsmitarbeiter, der für den Abschluss verantwortlich war, kamen hiervon bei selbständig Tätigen zwischen 6,5 und 8 Monatsbeiträgen an, bei angestellten Mitarbeitern zwischen 1,75 und 4,25 Monatsbeiträgen.
2007 führte aus rechtlicher Sicht die aufgekommene Frage der Scheinselbständigkeit der für die Gesellschaft tätigen Vertriebsmitarbeiter zu wesentlichen Veränderungen innerhalb der Vertriebsstrukturen der Gesellschaft. Zu dieser Zeit waren ca. 300 Vertriebsmitarbeiter für die MEG AG tätig. Die Frage der Scheinselbständigkeit war letztlich auch Anknüpfungspunkt für die Strafverfolgungsorgane und Sozialversicherungsträger, Ermittlungsverfahren gegen die Verantwortlichen des Unternehmens wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und der Unterschlagung von Sozialabgaben einzuleiten. Dies führte im April 2007 zu Durchsuchungen des Firmengebäudes und auch von Privatwohnungen einzelner Vorstandsmitglieder und weitergehender Ermittlungen insbesondere gegen Mehmet Göker.
Am Ende des gegen Mehmet Göker insoweit eingeleiteten Strafverfahrens wurde er bei einem angenommenen täglichen Nettoverdienst von 1.000 Euro zu einer Gesamtgeldstrafe von 720.000 Euro verurteilt. Letztlich stellte die Rentenversicherung am Ende ihrer Ermittlungen fest, dass die von der Gesellschaft als Vertriebsmitarbeiter eingesetzten Personen deren Direktionsrecht unterlagen, in den Betrieb der Insolvenzschuldnerin eingegliedert und der Gesellschaft gegenüber weisungsgebunden waren.
Zu Beginn des Jahres 2008 hatte die MEG AG die meisten der bislang für sie selbständig tätigen Mitarbeiter nach und nach in abhängige Beschäftigungsverhältnisses übergeleitet. Die Konditionen mit den Mitarbeitern waren allerdings unterschiedlich vereinbart. So konnte zum Beispiel ein Mitarbeiter bei einem Grundgehalt von 4.000,00 EUR noch zusätzliche Einnahmen durch Provisionen erzielen. Auf diese Weise mussten sogar die Auszubildenden im Vertrieb ihre Ausbildungsgehälter „ins Verdienen bringen“. Wer also keine Provisionen erarbeitete, bekam letzten Endes nicht einmal seine Ausbildungsvergütung.
Insbesondere durch vorschussweise ausbezahlte Provisionen einzelner Versicherungsgesellschaften in Millionenhöhe gelang es der MEG AG, sich als weiterhin wachsendes Unternehmen darzustellen. Die Vorauszahlungen auf noch abzuschließende Versicherungsverträge erfolgten bereits im Gründungsjahr der Gesellschaft im Jahr 2006, danach bis in das Jahr 2009 hinein jeweils zu Beginn eines Jahres.
Umsatzerlöse:2006: 11,18 Millionen Euro2007: 33,3 Millionen Euro2008: 53,7 Millionen EuroBis August 2009: 48,5 Millionen Euro Jahresüberschuss:2006: - 2.294.333,592007: 280.589,822008: 3.118.472,94Bis August 2009: -418.022,29
Sowohl die Mitarbeiter der MEG AG als auch die mit der MEG AG zusammen arbeitenden Versicherungsgesellschaften verloren immer mehr das Vertrauen in Herrn Göker, da er die Versprechungen, die er abgab, nicht einhielt. Hierneben äußerte der Aufsichtsrat immer deutlicher seinen „Unmut“ über die Alleingänge des Herrn Göker, da er trotz früherer Ermahnungen des Aufsichtsrats noch immer ohne die vorherige Zustimmung der zuständigen Organe Privatentnahmen vornahm. So wurden Privatentnahmen des Vorstandsvorsitzenden und Alleinaktionärs Göker verzeichnet in Höhe von ca. 1,3 Millionen Euro für die Begleichung privater Steuerschulden, 400.000 Euro für die Restzahlung der Türkeivillen und 100.000 Euro für Kreditkartenverbindlichkeiten aus einer Reise nach Las Vegas. Ferner wurden Erlöse aus Verkäufen von MEG - Fahrzeugen in Höhe von ca. 60.000 Euro an Göker privat bemängelt, ohne dass ein ordnungsgemäßer Kasseneingang vermerkt werden konnte.
In dem Protokoll über die Sitzung des Aufsichtsrats vom 12.08.2009 wurde festgestellt, dass die MEG AG unter der Führung des Vorstandsvorsitzenden Göker zu lange Zeit zu großen Wert auf personelles Wachstum des Vertriebs und den bloßen Umsatz gelegt habe. Im Gegenzug sei es versäumt worden, die Qualität der Mitarbeiter und des Maklergeschäftes ausreichend zu beachten. Mit der Häufung von aufgedeckten Fällen der Urkundenfälschung trat die immer mehr zurückgehende Qualität der Leistungen der Vertriebsmitarbeiter nunmehr immer deutlicher zum Vorschein und führte dazu, dass die Versicherungsgesellschaften auf Distanz zur MEG AG gingen. Letztlich führte die in der Führungsebene der MEG AG eingetretene Krise dazu, dass Göker am 11. September 2009 seine Ämter niederlegte und seinen Arbeitsplatz bei der MEG AG räumte. Die Geschäfte übernahm ab diesem Zeitpunkt das Vorstandsmitglied Michael Kopeinigg.
Um die MEG AG aus der bedrohlichen finanziellen Schieflage zu bringen, führte Kopeinigg eine Vielzahl von Gesprächen mit den Versicherungen mit dem Ziel, zerstörtes Vertrauen wieder aufzubauen. Hierneben verhandelte er mit diversen Beteiligungsgesellschaften über eine mögliche Beteiligung an der MEG AG. Auf Initiative der AXA, die eine Beteiligung an der Aragon AG hält, wurden sodann Übernahmeverhandlungen geführt, die nach relativ kurzer Prüfungsphase seitens der Aragon AG mit Anteilskaufvertrag vom 25.09.2009 zu Ende gebracht wurden. Sämtliche Aktien des Herrn Göker wurden an die Aragon AG verkauft, was umso bemerkenswerter ist, als dieser zuvor seine Aktien zur Besicherung von aufgenommenen Darlehen der Insolvenzschuldnerin verpfändet hatte. Der Kaufpreis belief sich auf 1,00 Euro. Für den Fall, dass es gelingen sollte, in einem der folgenden Geschäftsjahre mindestens 5 Millionen Euro Gewinn vor Steuern zu erzielen, wurden weitere Zusatzkaufpreise versprochen, die sich im Höchstfall auf 8 Millionen Euro belaufen hätten.
Obwohl die Aragon AG 6,5 Mio. Euro in das Unternehmen einbrachte, mussten deren Vorstände nach nicht einmal 5 Wochen erkennen, dass die Zahlungsunfähigkeit der MEG  nicht zu verhindern war. In Folge dessen wurde der Darlehensvertrag am 27.10.2009 seitens der Aragon AG gegenüber der MEG AG wegen eingetretener Zahlungsunfähigkeit fristlos gekündigt. Danach blieb keine andere Möglichkeit als der nunmehr schriftlich festgeschriebenen Zahlungsunfähigkeit Rechnung zu tragen und das Insolvenzverfahren zu beantragen.

Öffentlich zugänglich ist sein Facebook-Eintrag, der dem Handelsblatt als Kopie vorliegt, nicht mehr. Vor kurzem warb er jedoch noch ganz offen so weiter: Ab 2013 gebe es dann die Wahlmöglichkeit, entweder weiter aus der Türkei oder wieder aus Deutschland zu arbeiten. 28 Plätze seien bereits an Top-Vertriebler vergeben worden im Januar – und das bei über 200 Bewerbern. 

Die zehn größten Finanzvertriebe 2011
Provisionen 2009: 1,1 Milliarden EuroProvisionen 2010: 1,07 Milliarden EuroProvisionen 2011: 1,1 Milliarden Euro Quelle: Cash-Online
Provisionen 2009: 529 Millionen EuroProvisionen 2010: 547 Millionen EuroProvisionen 2011: 561 Millionen Euro
Provisionen 2009: 479 Millionen EuroProvisionen 2010: 472 Millionen EuroProvisionen 2011: 498,5 Millionen Euro
Provisionen 2009: 312 Millionen EuroProvisionen 2010: 289 Millionen EuroProvisionen 2011: 284 Millionen Euro
Provisionen 2009: 202 Millionen EuroProvisionen 2010: 197 Millionen EuroProvisionen 2011: 222 Millionen Euro
Provisionen 2009: 96 Millionen EuroProvisionen 2010: 120 Millionen EuroProvisionen 2011: 161 Millionen Euro
Provisionen 2009: 80 Millionen EuroProvisionen 2010: 83 Millionen EuroProvisionen 2011: 88 Millionen Euro
Provisionen 2011: 72,6 Millionen Euro
Provisionen 2011: 60,4 Millionen Euro
Provisionen 2009: 33 Millionen EuroProvisionen 2010: 37 Millionen EuroProvisionen 2011: 39,3 Millionen Euro

Göker: „Wer zur Elite will, muss sich für diese qualifizieren.“ Nicht reden, handeln, laute die Devise. Er fordert seine Interessenten wie früher bei der MEG auf, etwas Außergewöhnliches aus ihrem Leben zu machen. Und macht dabei keinen Hehl, dass es stressig wird: „Die Anforderungen sind mental enorm.“ 

Das alles entspricht ganz seinem Verkaufsmotto: „Der Gewinner ist immer Teil einer Lösung. Der Verlierer ist immer Teil eines Problems. Sei ein Gewinner. Beginne jetzt!“ 

Wer ist dieser Mann, der in seinen besten Zeiten für fünf der zehn größten deutschen privaten Krankenversicherer gearbeitet hat? Heute wollen Allianz, Axa, Central, Bayerische Versicherungskammer und Alte Leipziger/Hallesche nichts mehr von ihm wissen und höchstens ihre Millionen-Vorschüsse zurück. Doch vor einigen Jahren waren sie froh, dass Göker ihnen viel Geschäft gebracht hat. Das heißt: Kunden, die private Krankenversicherungen abgeschlossen haben. 

Dabei passierten schier unglaubliche Geschichten. Eine davon erzählt Göker im Interview: „Ich hatte auf dem Privatkonto 12 Millionen Euro. Ich bin bin 30 geworden, da kam ein großer Versicherer und sagt: Wir haben ein Geburtstagsgeschenk für Sie. Ich mache den Karton auf und da waren vier Kilogramm Gold drin im Wert von 120.000 Euro. Ich frage: Was soll ich damit? Keine Ahnung! Dann bin ich zur Bank gegangen, habe es verkauft und mir einen Pool gebaut.“

Wie sein System funktionierte, hat der Kasseler Filmemacher Klaus Stern dokumentiert. Der 79 Minuten lange Streifen läuft derzeit ungewöhnlich erfolgreich in Kassel. Seit dem 7. November haben ihn mehr als 8400 Menschen in einem Kino gesehen. Am 18. Februar läuft er auf der Berlinale und ab dem 8. März ist der Film bundesweit zu sehen.  

So hohes Interesse ist sehr ungewöhnlich für einen Dokumentarfilm. Stern ist es jedoch in dem Film gelungen, die schillernde Karriere von Göker gut nachzuzeichnen. Selbst Göker fühlt sich getroffen: „Der Film ist sehr gut geworden, außergewöhnlich und hart, aber fair. Der Spruch „Gier frisst Hirn“ hat auf mich hundertprozentig gepasst. Aber ich habe daraus gelernt.“

Gökers Einstellung beschreibt Stern so: Er wollte mehr als „nur einen Krümel vom Kuchen abhaben“. Mit 25 habe Göker mit dem Vertrieb privater Krankenversicherungen am Telefon seine erste Million verdient. Großzügige Provisionen, verschwenderische Incentive-Reisen und Ferraris gehören zu den Annehmlichkeiten der ranghöheren Mitarbeiter. Die selbstherrlichen Jubel-Veranstaltungen der Firma hätten Pomp und grotesken Ritualen nichts zu wünschen übrig gelassen.

Mehmet E. Göker war laut Stern der alleinige Herrscher in diesem Imperium, das 2009 über 1.000 Mitarbeiter beschäftigt habe. Bis zu 8.000 Euro habe die MEG AG für den Abschluss einer privaten Krankenversicherung kassiert. Auf seinem Höhepunkt sei MEG der zweitgrößte Vermittler von privaten Krankenversicherungen in Deutschland gewesen.

Göker sei umgeben gewesen von hörigen Gefolgsleuten, die sich auch mal eben das Firmenlogo für die Ewigkeit aufs Handgelenk tätowieren ließen. MEG sei nicht nur Arbeitgeber gewesen, sondern „ein Lebensstil“, stellt der Film fest. „Das Versicherungsgeschäft ist kein Ringelpiez mit Anfassen", sagt Göker dazu. "Man weiß, worauf man sich einlässt. Mein Führungsstil ist zwar hart, aber herzlich.“ Wenn einer mal etwas nicht versteht, müsse man eben manchmal etwas lauter werden.

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Kritiker sähen im Verkaufssystem der MEG schlicht ein betrügerisches Schneeballsystem, stellt der Film fest. Aktuell habe Mehmet Göker 21 Millionen Euro private Schulden.

Gökers Mitleid für seine Ex-Partner hält sich indes in Grenzen: „Es gab Gesellschaften, die sehr gierig waren. Diese Gesellschaften haben gesagt, wir machen einen Anreiz: Wir zahlen Ihnen den Bonus im Januar für das erwartete Geschäft bis Dezember, das dann kommt. Kriegen wir dann mehr?“

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