Gier frisst Hirn: Mit Versicherungen Millionär werden
Fernsehstar: Das Leben von Skandalvertreter Mehmet Göker wurde verfilmt. Bild: Sternfilm
Foto: HandelsblattEiner der umstrittensten und erfolgreichsten Versicherungsverkäufer Deutschlands startet seit dieser Woche wieder durch. In seinen besten Zeiten arbeitete Mehmet Göker mit den Versicherern Allianz, Axa und Central zusammen. Dann folgte die Millionenpleite seines Strukturvertriebs, der MEG. In Deutschland laufen noch Prozesse gegen ihn, daher agiert Mehmet E. Göker nun von der Türkei aus. Seine Verkäufer rekrutiert er dabei auch über Facebook.
Auf der Pinnwand seiner persönlichen Facebook-Seite war seit dem 14. Januar dieser Eintrag mit seiner persönlichen Handy-Nummer zu lesen: „Meine Damen und Herren, am 23. Januar beginnt unsere Rookie-Runde, zwei Plätze für zwei außergewöhnliche Vertriebler sind noch frei.“ Rookie ist englisch und bedeutet Neuling, Anfänger oder Frischling. Im Profisport wird damit ein unerfahrener Sportler bezeichnet.
„Mehmet E. Göker ist wieder da“, stellt auch der Kasseler Filmemacher Klaus Stern auf seiner Internetseite fest. Stern hat den Film „Versicherungsvertreter“ über die erstaunliche Karriere von Göker gedreht. Dieser residiere derzeit an der türkischen Ägäisküste mit über 50 Mitstreitern. Die neue Firma aber sei nicht seine, beteuere er. Die „Göker Consulting Group“ gehöre seiner Mutter, er selbst sei dort nur Angestellter.
Auf eine Anfrage des Handelsblatts zu seinen neuen Aktivitäten reagierte Göker indessen nicht. Unter Versicherungsmanagern gelten Göker und seine MEG inzwischen als Paradebeispiel für ein Verkaufssystem, das nicht nur teuer war, sondern auch Kunden klar benachteiligt. Die Manager haben daraus gelernt: "Wir müssen Exzesse bei den Vertriebskosten verhindern", forderte Torsten Oletzky, Vorstandschef der Ergo Versicherungsgruppe im Handelsblatt.
Göker sieht dennoch weiter Chancen. Er braucht wieder Leute, die ihr bisheriges Leben hinter sich lassen und vor allem einen Wunsch haben: schnell reich zu werden. "Vier Jahre braucht ein Verkäufer, um an meiner Seite Millionär zu werden", ist einer der Sprüche, durch die er bekannt wurde. Es macht nichts, wenn seine Leute von der jeweiligen Materie wenig Ahnung haben. Hauptsache, sie finden Mittel und Wege, ihre Versicherung an den jeweiligen Kunden zu verkaufen. Göker greift dabei auf das Prinzip zurück, durch das er auch mit der MEG in Kassel groß geworden ist: Telefonverkauf von privaten Krankenversicherungen.
Der Vorteil: Mit dem Telefon kann er von überall her agieren. „Ein Jahr aus der Türkei arbeiten – leben und bei 30 Grad im Schnitt am Meer das Leben genießen und das mit ausreichend finanziellen Mitteln“, lockt er seine neuen Vertriebler.
Öffentlich zugänglich ist sein Facebook-Eintrag, der dem Handelsblatt als Kopie vorliegt, nicht mehr. Vor kurzem warb er jedoch noch ganz offen so weiter: Ab 2013 gebe es dann die Wahlmöglichkeit, entweder weiter aus der Türkei oder wieder aus Deutschland zu arbeiten. 28 Plätze seien bereits an Top-Vertriebler vergeben worden im Januar – und das bei über 200 Bewerbern.
Göker: „Wer zur Elite will, muss sich für diese qualifizieren.“ Nicht reden, handeln, laute die Devise. Er fordert seine Interessenten wie früher bei der MEG auf, etwas Außergewöhnliches aus ihrem Leben zu machen. Und macht dabei keinen Hehl, dass es stressig wird: „Die Anforderungen sind mental enorm.“
Das alles entspricht ganz seinem Verkaufsmotto: „Der Gewinner ist immer Teil einer Lösung. Der Verlierer ist immer Teil eines Problems. Sei ein Gewinner. Beginne jetzt!“
Wer ist dieser Mann, der in seinen besten Zeiten für fünf der zehn größten deutschen privaten Krankenversicherer gearbeitet hat? Heute wollen Allianz, Axa, Central, Bayerische Versicherungskammer und Alte Leipziger/Hallesche nichts mehr von ihm wissen und höchstens ihre Millionen-Vorschüsse zurück. Doch vor einigen Jahren waren sie froh, dass Göker ihnen viel Geschäft gebracht hat. Das heißt: Kunden, die private Krankenversicherungen abgeschlossen haben.
Dabei passierten schier unglaubliche Geschichten. Eine davon erzählt Göker im Interview: „Ich hatte auf dem Privatkonto 12 Millionen Euro. Ich bin bin 30 geworden, da kam ein großer Versicherer und sagt: Wir haben ein Geburtstagsgeschenk für Sie. Ich mache den Karton auf und da waren vier Kilogramm Gold drin im Wert von 120.000 Euro. Ich frage: Was soll ich damit? Keine Ahnung! Dann bin ich zur Bank gegangen, habe es verkauft und mir einen Pool gebaut.“
Wie sein System funktionierte, hat der Kasseler Filmemacher Klaus Stern dokumentiert. Der 79 Minuten lange Streifen läuft derzeit ungewöhnlich erfolgreich in Kassel. Seit dem 7. November haben ihn mehr als 8400 Menschen in einem Kino gesehen. Am 18. Februar läuft er auf der Berlinale und ab dem 8. März ist der Film bundesweit zu sehen.
So hohes Interesse ist sehr ungewöhnlich für einen Dokumentarfilm. Stern ist es jedoch in dem Film gelungen, die schillernde Karriere von Göker gut nachzuzeichnen. Selbst Göker fühlt sich getroffen: „Der Film ist sehr gut geworden, außergewöhnlich und hart, aber fair. Der Spruch „Gier frisst Hirn“ hat auf mich hundertprozentig gepasst. Aber ich habe daraus gelernt.“
Gökers Einstellung beschreibt Stern so: Er wollte mehr als „nur einen Krümel vom Kuchen abhaben“. Mit 25 habe Göker mit dem Vertrieb privater Krankenversicherungen am Telefon seine erste Million verdient. Großzügige Provisionen, verschwenderische Incentive-Reisen und Ferraris gehören zu den Annehmlichkeiten der ranghöheren Mitarbeiter. Die selbstherrlichen Jubel-Veranstaltungen der Firma hätten Pomp und grotesken Ritualen nichts zu wünschen übrig gelassen.
Mehmet E. Göker war laut Stern der alleinige Herrscher in diesem Imperium, das 2009 über 1.000 Mitarbeiter beschäftigt habe. Bis zu 8.000 Euro habe die MEG AG für den Abschluss einer privaten Krankenversicherung kassiert. Auf seinem Höhepunkt sei MEG der zweitgrößte Vermittler von privaten Krankenversicherungen in Deutschland gewesen.
Göker sei umgeben gewesen von hörigen Gefolgsleuten, die sich auch mal eben das Firmenlogo für die Ewigkeit aufs Handgelenk tätowieren ließen. MEG sei nicht nur Arbeitgeber gewesen, sondern „ein Lebensstil“, stellt der Film fest. „Das Versicherungsgeschäft ist kein Ringelpiez mit Anfassen", sagt Göker dazu. "Man weiß, worauf man sich einlässt. Mein Führungsstil ist zwar hart, aber herzlich.“ Wenn einer mal etwas nicht versteht, müsse man eben manchmal etwas lauter werden.
Kritiker sähen im Verkaufssystem der MEG schlicht ein betrügerisches Schneeballsystem, stellt der Film fest. Aktuell habe Mehmet Göker 21 Millionen Euro private Schulden.
Gökers Mitleid für seine Ex-Partner hält sich indes in Grenzen: „Es gab Gesellschaften, die sehr gierig waren. Diese Gesellschaften haben gesagt, wir machen einen Anreiz: Wir zahlen Ihnen den Bonus im Januar für das erwartete Geschäft bis Dezember, das dann kommt. Kriegen wir dann mehr?“