Schwellenländer: Indiens größter Börsengang ist für Millionen Kleinanleger eine Enttäuschung
Das Papier beendete den ersten Handelstag mit einem Minus von acht Prozent.
Foto: BloombergBangkok. Der größte Börsengang in Indiens Geschichte war für Millionen Kleinanleger eine Enttäuschung: Die Aktie des indischen Versicherungsriesen Life Insurance Corporation of India (LIC) beendete den ersten Handelstag am Dienstag mit einem Minus von acht Prozent im Vergleich zum Ausgabepreis.
Mangalam Ramasubramanian Kumar, der Vorsitzende des Staatskonzerns, machte die gestiegene Verunsicherung unter Investoren für das schwache Debüt verantwortlich. „Die Märkte waren nervös, aber wir erwarten, dass es wieder aufwärtsgeht“, sagte er.
Die LIC zählt nach eigenen Angaben gemessen an den eingenommenen Prämien zu den fünf größten Lebensversicherern der Welt. Indiens Regierung hatte für den früheren Monopolisten noch zu Jahresbeginn eine Bewertung von umgerechnet rund 160 Milliarden Dollar angestrebt, musste ihre Preisvorstellung bei dem Anteilsverkauf aber angesichts der Marktreaktionen rund um den Ukrainekrieg und die Zinswende deutlich zurücknehmen.
Statt der ursprünglich geplanten fünf Prozent brachte sie deshalb nur 3,5 Prozent der Anteile an die Börse und konnte dafür 2,7 Milliarden Dollar einnehmen. Die Marktkapitalisierung liegt nach dem Kursrutsch am ersten Handelstag bei knapp über 70 Milliarden Dollar.
Dominante Stellung an Indiens Versicherungsmarkt
Eine Werbeoffensive zum Börsengang zielte auf Kleinanleger ab, die Anteilsscheine mit einem Preisnachlass erwerben konnten. Das Interesse an dem Unternehmen, das in Indien über einen der bekanntesten Firmennamen verfügt, war groß: Die LIC-Aktie war fast dreifach überzeichnet. Analysten rieten den Käufern, sich von dem Minus zum Handelsstart nicht abschrecken zu lassen.
Wer über einen Anlagehorizont von mindestens einem Jahr verfüge, dürfte nun eine gute Gelegenheit haben, weitere Anteile günstig nachzukaufen, kommentierte Ajit Mishra, Analyst des Finanzdienstleisters Religare aus Neu-Delhi. „Langfristig wird die LIC wahrscheinlich gut für die Vermögensbildung sein.“
Der Optimismus der Marktbeobachter basiert auf der dominanten Stellung des Konzerns im indischen Versicherungsmarkt: Das Unternehmen kontrolliert rund zwei Drittel der Branche und hat damit gute Chancen, von dem erwarteten Wachstum des Gesamtmarkts zu profitieren. Für Skepsis sorgte jedoch, dass die LIC in den vergangenen Jahren stetig Marktanteile an die private Konkurrenz verlor. Zudem zeigten sich Investoren über den Einfluss der Regierung auf Geschäftsentscheidungen besorgt.
Die IPOs indischer Staatskonzerne waren für Anleger in der Vergangenheit oftmals ein schlechtes Geschäft: Von den 21 Staatsbetrieben, die seit 2010 an der Börse gelistet wurden, notiert nach einer Analyse des Finanzdienstes Bloomberg immer noch die Hälfte unter dem Ausgabepreis.
Doch auch private Start-ups, die in Indien in den vergangenen Monaten aufsehenerregende Börsengänge hinlegten, brachten Investoren hohe Verluste: Das Fintech Paytm, das im November zwei Milliarden Dollar einsammelte, hat seither zwei Drittel seines Werts verloren. Der Essenslieferdienst Zomato ist 55 Prozent im Minus.
Insgesamt schlägt sich der indische Aktienmarkt im globalen Vergleich aber trotz Rücksetzern nach wie vor gut. Der Leitindex Sensex ist in den vergangenen zwölf Monaten um fast zehn Prozent gestiegen.