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Versicherer Warum nicht alle Insurtechs in der Coronakrise gewinnen

Covid-19 stärkt digitale Geschäftsmodelle. Doch nicht alle Start-ups im Versicherungsbereich profitieren davon. Einige Firmen haben Existenzsorgen.
06.05.2020 - 14:15 Uhr Kommentieren
Digitalversicherer wollen innovative Produkte schneller auf den Markt bringen. Quelle: E+/Getty Images
Untersuchung beim Arzt

Digitalversicherer wollen innovative Produkte schneller auf den Markt bringen.

(Foto: E+/Getty Images)

Frankfurt Viele digitale Versicherungs-Start-ups, kurz Insurtechs, wollen sich in der Coronakrise als Gewinner positionieren. Die Heidelberger Firma Getsafe bringt eine digitale Unfallversicherung auf den Markt, der Frankfurter Versicherungsmanager Clark startet in Österreich, und der Münchener Krankenversicherer Ottonova wirbt für seinen neuen Premium-Economy-Tarif für preisbewusste Kunden.

Das Zurückfahren des öffentlichen Lebens hat der Insurtech-Szene neue Impulse gegeben. Digitale Services werden derzeit stärker angenommen als noch vor wenigen Monaten. Doch die Hoffnungen mancher Gründer, der Markt werde sich nun grundlegend über Nacht verändern, könnten sich als übertrieben erweisen.

Ottonova-Chef Roman Rittweger warnt vor zu großen Erwartungen: Versicherungen seien ein träges Geschäft. Hier gebe es auch vonseiten der Kunden keine Veränderungen im Sekundentakt. „Wir sehen die aktuellen Entwicklungen eher so, dass sie uns langfristig eine positive Perspektive bieten“, sagt Rittweger.

Zudem profitieren längst nicht alle Start-ups von der Krise. Manch einer sieht sogar manchen Erstversicherer unter den jungen Gründern im Nachteil. Rittweger sagt: „In der Krankenversicherung haben wir den Vorteil, dass diese zu den Policen gehört, die immer gebraucht werden.“

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    Insurtechs, die Reiseversicherungen, Kfz-Versicherungen oder Ähnliches verkaufen, dürften es dagegen derzeit schwerer haben. Auch die weitere Auslandsexpansion, die mehrere Start-ups angekündigt hatten, wird nicht mehr ganz so einfach zu realisieren sein.

    So ist das Bild durchaus geteilt. Positiver sehen Branchenbeobachter die Entwicklungen bei Insurtechs, die im B2B-Geschäft tätig sind, also beispielsweise Softwarelösungen für Versicherungskonzerne entwickeln.

    „Derzeit sehen viele große Versicherer deutlich, wo es noch hakt. Sie wollen verstärkt den Vertrieb digitalisieren, die Videoberatung vorantreiben und elektronische Unterschriften ermöglichen“, erklärt Fabian Nadler vom Digitalverband Bitkom. Insurtechs könnten sie hierbei gut unterstützen.

    Die größte Herausforderung für viele junge Digitalfirmen ist aber die Finanzierung. „Die Coronakrise wird nicht spurlos an den Insurtechs vorbeiziehen“, sagt Theresa Löwe vom New Players Network, einem Netzwerk für Start-ups aus dem Versicherungsbereich: „Einige haben wenig Rücklagen und leiden unter den einbrechenden Investitionen.“

    Während sich die Insurtech-Szene bis vor Kurzem noch über reges Interesse von großzügigen – auch ausländischen – Investoren habe freuen dürfen, würden „diese Finanzierungsrunden in diesem Jahr wohl kaum stattfinden“.

    Bereits im ersten Quartal 2020 zeigten sich die Auswirkungen von Covid-19 auf das Wirtschaftsgeschehen: Laut der Unternehmensberatung Willis Towers Watson beliefen sich die weltweiten Investitionen in Insurtech-Unternehmen auf lediglich 912 Millionen Dollar, das sind 54 Prozent weniger als im Vorquartal. Die größten Transaktionen gab es in den USA und in Indien. Deutsche Insurtechs bekamen kaum noch Geld.

    „In den letzten drei Wochen des Quartals ist das Deal-Geschehen praktisch eingebrochen, es floss nur noch so viel Kapital in Insurtechs weltweit wie in den ersten drei Tagen des Quartals“, sagt Niki Winter, Digitalisierungsexperte bei Willis Towers Watson. Insbesondere hätten sich die Versicherer und die Rückversicherer, die klassisch in Insurtechs in späteren Phasen mit größeren Kapitalsummen investieren, ziemlich stark zurückgehalten.

    Nadler vom Bitkom sagt: „Einige Firmen bekommen von ihren Bestandsinvestoren noch Geld, andere haben ein echtes Liquiditätsproblem und könnten pleitegehen.“ Man werde vermutlich auch gute junge Firmen aufgrund der Krise verlieren, ergänzt Löwe: „Wir hoffen, dass die zahlreichen Wirtschaftshilfen ausreichend Unterstützung bieten.“ Unter anderem hat die Bundesregierung eine Förderung von Start-ups in Höhe von zwei Milliarden Euro auf den Weg gebracht.

    Eine Marktkonsolidierung bei Insurtechs sei aber schon länger zu erwarten gewesen, betont Nadler: „In den letzten Jahren kamen viele Finanzierungsrunden zustande, ohne dass jedes Unternehmen ein valides Geschäftsmodell vorweisen konnte. Start-ups mit klar erkennbaren Erlösstrategien werden für Investoren gerade jetzt umso attraktiver.“

    Getsafe-Gründer Christian Wiens bleibt daher positiv gestimmt, bis Ende des Jahres eine weitere Finanzierungsrunde abschließen zu können: „Wir haben große Gesellschafter, auf die wir uns verlassen können, und sind trotz des schwierigen Marktumfelds in Gesprächen mit neuen Investoren.“ Zu den bestehenden Investoren von Getsafe zählen Earlybird und Commerz Ventures.

    Doch aus der Sicht von Hypoport-Chef Ronald Slabke gibt es in der deutschen Insurtech-Szene große Unterschiede: „Einige Firmen haben gute technische Lösungen entwickelt, bei denen es sich in der Zukunft zeigen wird, ob sich damit ein profitables Geschäftsmodell aufbauen lässt. Bei manch anderen Unternehmen versucht in erster Linie ein inspirierender Gründer, Kunden, Geschäftspartner und Investoren zu überzeugen.“

    Bei Start-ups gehöre Klappern zwar zum Handwerk. Das allein werde auf Dauer aber nicht reichen, ist Slabke überzeugt. Zu Hypoport gehört neben dem Finanzdienstleister Dr. Klein auch die Tochter Smart Insurtech, die eine internetbasierte B2B-Plattform zur Beratung, zum Tarifvergleich und zur Verwaltung von Versicherungspolicen bietet.

    Echte Innovationen fehlen

    Auch Bitkom-Branchenexperte Nadler vermisst echte Innovationen: „Insurtechs haben der ganzen Versicherungsbranche in den letzten Jahren einen echten Digitalisierungsschub verpasst – direkt und indirekt. Noch gab es aber keine disruptive Veränderung, wie wir sie aus anderen Branchen kennen.“ Er spielt damit beispielsweise auf das iPhone an, das in der Mobiltelefonie zu einer komplett neuen Produktkategorie geführt hat.

    In Deutschland werden viele Versicherungen immer noch über Makler abgeschlossen. Auch die meisten Digitalversicherer denken in Sparten wie Sach- und Lebensversicherungen. Und es gibt kaum Überlegungen, zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Preise anzubieten, was etwa im Onlineshopping längst üblich ist. Es gibt also noch Potenzial für neue Ideen.

    Digitalversicherer wie Getsafe, Lemonade und One bieten zwar eine übersichtlich gestaltete App. „Sie haben aber oft noch nicht die Frage beantwortet, warum die Kunden zu ihnen kommen sollen“, ergänzt Nadler. Verbraucher kündigen nicht sofort ihre bestehende Versicherung, nur weil ihr Anbieter keinen Chatbot bietet.

    Einen Pluspunkt bei den Digitalversicherern sieht er aber in den schnelleren Produktzyklen: „Digitale Player können oftmals innerhalb von wenigen Wochen neue Produkte auf den Markt bringen. Große Versicherer brauchen dafür teilweise immer noch ein bis zwei Jahre.“

    Große Innovationen könnten aus Nadlers Sicht künftig aus dem B2B-Bereich kommen, durch Insurtechs, die mit Versicherungskonzernen zusammenarbeiten. Auch das New Players Network hebt hervor, dass die Anzahl von Technologieunternehmen, die den Versicherungsprozess vermeintlich „nur“ unterstützen, zunehme. Viele Start-ups digitalisieren einzelne Teile der Prozesskette – etwa bei der Produktentwicklung, dem Underwriting oder dem Schadenmanagement.

    Gerade im Schadenmanagement ist derzeit Bewegung, auch weil die dominante Rolle des Vertriebs von Policen in den Hintergrund rückt. Standardisierte Versicherungen werden künftig oftmals nur noch ein Beiprodukt sein, etwa wenn Möbelhändler wie Ikea nebenbei auch Hausratversicherungen verkaufen.

    Versicherer nehmen daher andere Bereiche wie eben das Schadenmanagement stärker in den Blick. Claimsforce-Chef Nils Mahlow erklärt: „Immer noch wechseln viele Kunden nach einem Schaden ihre Versicherung, weil sie sich schlecht behandelt fühlen. Das wollen wir ändern.“

    Auch das New Players Network merkt an, dass neue Player im Schadenmanagement vielfach an alten Baustellen basteln: „Die fehlende Kundenzentrierung und die unkomfortablen Prozesse der Versicherer öffnen neuen Wettbewerbern noch immer Tür und Tor.“ Auch wenn die Schadendiagnose durch Künstliche Intelligenz (KI) und Big Data auf ein neues Level gehoben wird, eine Disruption fehlt bislang wohl auch hier.

    Digitale Schadenermittlung als Geschäft

    Claimsforce setzt mit seiner Technologie bei den Schäden an, die die Versicherer nicht vom Schreibtisch aus bearbeiten können. Etwa ein Viertel der gemeldeten Schäden muss von einem Sachverständigen begutachtet werden, erklärt Mahlow. Versicherer nutzen hierfür eigene Experten sowie große externe Sachverständigenorganisationen. „Da diese Sachverständigenorganisationen überwiegend keinen Fokus auf der Entwicklung von innovativen Technologien haben, können sie auf unsere Software zurückgreifen“, so Mahlow.

    Auch die Versicherer selbst bauen ihre Expertise im automatisierten Schadenmanagement aus: Die Allianz gab Anfang März bekannt, zusammen mit ihrer Einheit für digitale Investitionen eine Mehrheitsbeteiligung an Control Expert erwerben zu wollen.

    Die bereits 2002 gegründete Firma digitalisiert die Schadenabwicklung im Automobilbereich mithilfe von KI. „Durch die Zusammenarbeit mit Control Expert werden wir künftig die Kfz-Schäden deutlich schneller regulieren können“, sagte Jochen Haug, Schadenvorstand bei der Allianz Versicherung, bei der Verkündung der Transaktion.

    Für besonders erfolgversprechend hält Nadler vom Bitkom indes Geschäftsmodelle, die sich mit den Möglichkeiten durch die neuen PSD2-Schnittstellen beschäftigten. Laut der Zweiten EU-Zahlungsdienstrichtlinie müssen Banken regulierten Drittanbietern auf Wunsch ihrer Kunden Zugriff auf Zahlungskonten gewähren. „Dadurch sind auch Vertriebskooperationen zwischen Banken und Versicherern wieder mehr in den Fokus gerückt“, so Nadler.

    Insurtechs können hier bei der Umsetzung helfen. Ein Beispiel ist der digitale Versicherungsmanager, den die R+V-Versicherung Kunden der Genossenschaftsbanken in Zusammenarbeit mit Friendsurance anbietet. Auch die Deutsche Bank kooperiert mit dem Berliner Insurtech. Comdirect bietet seinen Kunden einen digitalen Versicherungsordner. Kooperationspartner ist hier die JDC Group.

    Mehr: Maschmeyer-Start-up erwartet Auslese in der Insurtech-Szene

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