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Personen mit bestimmten Berufen oder Vorerkrankungen werden von vielen Versicherern abgelehnt.

(Foto: Imago/Westend61)

Versicherung So gibt es einen Berufsunfähigkeitsschutz auch ohne viele Fragen

Die Gesundheitsprüfung ist bei einer Berufsunfähigkeitspolice die größte Hürde. Es gibt aber auch Anbieter, die es nicht so genau nehmen.
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FrankfurtEs ist ein Szenario, an das viele gar nicht denken wollen: durch Krankheit oder Unfall plötzlich nicht mehr in seinem Beruf arbeiten zu können und dann mittellos zu werden. Das Risiko kann und sollte durch eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) abgesichert werden, die im Fall der Fälle eine Rente zahlt, raten Verbraucherschützer.

Trotzdem zögern viele, eine Police abzuschließen. Sie fürchten, wegen Vorerkrankungen keinen Vertrag zu bekommen oder dass die Versicherung wegen falscher Angaben zum Gesundheitszustand am Ende sowieso nicht zahlt.

Einige Anbieter reagieren, indem sie die Einstiegshürde senken und den Fragenkatalog zum Gesundheitszustand vor Vertragsabschluss stark verkürzen. Doch auch bei diesen Angeboten gibt es Nachteile – für die, die sie nutzen, aber auch für die anderen Versicherungsnehmer, die bei dem Anbieter schon eine Police abgeschlossen haben.

„Branchenweit sinkt das Neugeschäft im Bereich der Arbeitskraftabsicherung in den letzten Jahren, obwohl ein starker Preiswettbewerb unter den Anbietern herrscht“, beobachtet Michael Franke vom Analysehaus Franke & Bornberg.

Der größte „Showstopper“ seien dabei die Gesundheitsfragen. Diese umfassen oft mehrere Seiten. Selbst Makler wie Matthias Helberg aus Osnabrück finden die Fragen oft schwer zu verstehen oder sogar missverständlich. Hinzu kommt, dass Ärzte und Krankenkassen Diagnosen von Patienten manchmal manipulieren, um mehr zu verdienen.

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„Gesetzlich Versicherte sind gegenüber Privatversicherten im Nachteil, weil sie keinen Nachweis erhalten, was der Arzt abgerechnet hat“, warnt Angela Baumeister, Versicherungsberaterin aus Willich. Ihr Tipp: Holen Sie die Informationen bei den behandelnden Ärzten, der Krankenkasse oder der kassenärztlichen Vereinigung ein.

Versicherungsschutz kann erlöschen

Aktuelle Daten von Franke & Bornberg zeigen, dass knapp ein Drittel der Fälle, in denen sich die Assekuranz weigert, die BU-Rente zu zahlen, auf eine Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflichten zurückgeht. „Die Gesundheitsangaben beim Abschluss von Berufsunfähigkeitsversicherungen werden zu häufig aus dem Kopf gemacht. Dann ist die Chance für Versicherer relativ hoch, eine fehlende Angabe zu finden“, warnt Baumeister.

Der Branche sind die Schwierigkeiten rund um die Gesundheitsprüfung bewusst. Einige reagieren mit Aktionsangeboten, bei denen sie die Prüfung auf wenige Fragen beschränken, gleichzeitig aber auch die Höhe der BU-Rente auf 1000 oder 1500 Euro deckeln.

Dabei bieten viele eine Beitragsdynamik an, wodurch die Leistungen im Zeitablauf zumindest noch etwas steigen. „Mit solchen Aktionen, bei denen die Risikoprüfung aufgeweicht wird, versuchen Versicherer, ihre schwache Vertriebsbilanz auszugleichen“, meint Franke. Meist sind sie nur eine begrenzte Zeit verfügbar.

Makler Helberg zeigt auf seiner Internetseite eine Übersicht zu aktuellen BU-Aktionen mit verkürzter Gesundheitsprüfung (siehe Tabelle). Er selbst hat in den vergangenen Jahren schon eine dreistellige Zahl solcher Policen an seine Kunden vermittelt.

„Wer die Fragen korrekt beantwortet und die sonstigen Anforderungen erfüllt, kann über solche Aktionsangebote einen guten Teilschutz bekommen. Auch ein kompletter Schutz nur über die Kombination von Aktionsangeboten ist im Einzelfall möglich“, sagt Helberg.

Denn die abgespeckten Policen bieten Vorteile: Wo es keine Frage zum Beispiel zu bestimmten Erkrankungen oder gefährlichen Hobbys gibt, kann sie nicht falsch beantwortet werden. Oft sind die Abfragezeiträume zudem kürzer, so dass ältere Vorerkrankungen nicht angegeben werden müssen.

Im Gegenzug müssen die Versicherungsnehmer bestimmte Bedingungen erfüllen. Der BU-Schutz der LV 1871 richtet sich zum Beispiel speziell an Studenten, Azubis und Berufseinsteiger, die höchstens 35 sind, die noch keine andere Police abgeschlossen haben. Andere Anbieter, wie die Allianz, wollen nur Mitglieder bestimmter Verbände.

Bei der Barmenia wiederum können sich sogar Bauarbeiter oder Krankenpfleger absichern, die sonst wegen ihres Berufsrisikos große Schwierigkeiten haben, einen günstigen BU-Schutz zu bekommen. Voraussetzung hier: Sie sind höchstens 35. Außerdem gilt das Angebot nur bei speziellen Anlässen wie Heirat, Geburt eines Kindes oder Berufseinstieg. Der HDI wiederum lässt sich die wenigen Gesundheitsfragen mit einer Wartezeit von fünf Jahren „bezahlen“.

Auch Verbraucherschützer finden lobende Worte. „Eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist für jeden sinnvoll, trotzdem haben viele keine. Diese Angebote zeigen Wege auf, die Versicherungsdichte zu erhöhen“, sagt Peter Grieble, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Er hat auch die Risikopersonen mit bestimmten Vorerkrankungen im Blick. „So ist eine Absicherung teilweise auch für diejenigen möglich, deren Gesundheitszustand normalerweise für einen Versicherungsschutz nicht ausreichend ist.“

Der Verbraucherschützer warnt jedoch davor, die verkürzte Gesundheitsprüfung auf die leichte Schulter zu nehmen. „Auch wenn die Versicherer nur wenig Fragen stellen, haben sie sich gerade dabei etwas gedacht“, sagt Grieble. Und Makler Helberg ist aufgefallen: „Auch bei wenigen, verkürzten Fragen kann es Knackpunkte in der Formulierung geben – zum Beispiel wenn nach unbegrenzten Zeiträumen oder Beschwerden ohne ärztliche Behandlung gefragt wird.“

Der Bund der Versicherten (BdV) sieht die Aktionsangebote wegen der niedrigen BU-Renten eher kritisch. „Solche Verträge können eigentlich nur für Personen sinnvoll sein, die bei vollständigen Gesundheitsfragen keine BU-Versicherung mehr bekommen können“, meint BdV-Sprecherin Bianca Boss.

Sie rät dazu, immer erst Angebote zu Verträgen mit „normalen“ Gesundheitsfragen und Konditionen und vor allem tatsächlich bedarfsgerechter BU-Rente mit Erhöhungsoption einzuholen. Gebe es Bedenken wegen der Gesundheitsfragen, sollten Betroffene über einen Versicherungsberater oder Makler eine „anonyme Risikovoranfrage“ stellen.

Für die Lebenssicherung sollte man zusätzlich vorsorgen

Dass die BU-Rente aus den Aktionsangeboten in der Regel nicht ausreicht, den Lebensstandard zu sichern, sieht auch Grieble als Wermutstropfen. „Wer kann, sollte seinen Schutz anderweitig noch ergänzen“, lautet seine Empfehlung. „Wer diese Möglichkeit nicht hat, erhält immerhin eine kleine Absicherung“, so der Verbraucherschützer. Hier sollte seiner Meinung nach der Staat einspringen, um auch den Bedarf für diese Gruppen zu gewährleisten.

Aus Sicht von Franke gibt es zwei Seiten der Medaille: Zum einen seien solche Aktionsangebote einzelnen Verbrauchern, die anderweitig keinen BU-Schutz bekämen, durchaus zu empfehlen. Gleichzeitig aber sieht er jedoch auch Gefahren für das Versicherungskollektiv: „Wenn man ein Element der Kalkulation aufweicht, kann das nicht ohne Folgen bleiben“, warnt der Experte.

Bei den ohnehin schon geringen Margen drohe dann eine Absenkung der Überschussbeteiligung der Versicherer, so dass Kunden – auch die, die über eine reguläre Risikoprüfung ins Kollektiv gekommen sind – höhere Beiträge zahlen müssten.

Im schlimmsten Falle könnten Versicherungsunternehmen sogar in Schieflage geraten. „Wir sehen daher Aktionen mit vereinfachter Gesundheitsprüfung kritisch und werten diese gegenüber den anderen Kunden als unfair“, urteilt Franke.

Auch Helberg warnt, dass der Versicherer sich beim Risiko durch die verkürzten Fragen verkalkulieren könnte und das sich auch auf sein Verhalten im Leistungsfall auswirkt, er also eher versucht, Leistungen zu verwehren. „In unserer Praxis haben wir aber bisher nicht festgestellt, dass wenig Gesundheitsfragen automatisch zu einer höheren Anzahl von Leistungsfällen führen“, betont der Makler.

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