Versicherungsbranche Investoren zahlen hohe Summen für die Technologie der Insurtechs

Versicherungs-Start-ups sind im Aufwind und ziehen immer mehr Kapital an. Die Investoren haben es vor allem auf das Wissen der Technologiepioniere abgesehen.
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Bei den neuen Finanzierungsrunden sammeln Insurtechs teilweise dreistellige Millionenbeträge ein. Quelle: adam121 - stock.adobe.com
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Bei den neuen Finanzierungsrunden sammeln Insurtechs teilweise dreistellige Millionenbeträge ein.

(Foto: adam121 - stock.adobe.com)

FrankfurtSie nennen es das neue „Einhorn“: Das Start-up „One Insurance“ sammelt derzeit Geld bei Investoren ein. Und die trauen dem jungen Unternehmen anscheinend eine große Zukunft zu. Für eine Minderheitsbeteiligung sind sie bereit, eine dreistellige Millionensumme auf den Tisch zu legen.

Damit wird One zum besagten Einhorn: So werden im Bankerjargon junge, nicht börsennotierte Tech-Start-ups bezeichnet, deren Firmenbewertung die Marke von einer Milliarde Dollar übersteigt. One ist ein digitaler Sachversicherer mit Sitz in Berlin und Vaduz, Liechtenstein, ein sogenanntes Versicherungs-Start-up – kurz Insurtech.

Es ist ein neuer Milliardenmarkt. Nachdem in den vergangenen Jahren Finanz-Start-ups („Fintechs“) im Fokus der Investoren standen, erleben jetzt ihre kleinen Schwestern aus der Versicherungsbranche einen Boom. Weltweit wächst der Insurtech-Sektor stark. Laut einer Studie von Capgemini ist das Investitionsvolumen von 2014 bis 2017 im Schnitt um 36,5 Prozent jährlich gestiegen.

Deutschland hinkte dabei zwischenzeitlich noch etwas hinterher. In diesem Jahr aber gewinnt der Markt mit mehreren Millioneninvestitionen deutlich an Fahrt und steuert mit der aktuell laufenden Finanzierungsrunde neue Rekorde an.

One sammelt das frische Kapital unter der Führung des Schweizer Mutterunternehmens Wefox ein, das selbst als digitaler Versicherungsmakler aktiv ist. Für One ist es die sogenannte B-Runde, das heißt die zweite. Gestartet war man mit zehn Millionen Euro. Zu den ersten Geldgebern gehörte der US-Hollywoodstar Ashton Kutcher. Die aktuell laufende Akquise sei eine der größten B-Runden Europas, heißt es in Züricher Finanzkreisen. Das Portal Gründerszene hatte erstmals im Juni von einem Investment in Höhe von mindestens 180 Millionen Dollar in Wefox berichtet.

Nun erfuhr das Handelsblatt, dass das Geld primär der Wefox-Tochter One zugutekommen soll. Der digitale Versicherer will die Bewertung nicht kommentieren und auch keine Details zur Investitionssumme nennen. One-Mitgründer Alexander Huber bestätigte aber gegenüber dem Handelsblatt: „Noch im vierten Quartal wird One einen dreistelligen Millionenbetrag bei Investoren über die Wefox Group einsammeln.“

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One hat eine europäische Versicherungslizenz und ist als Ableger des Versicherungsmaklers Wefox erst in diesem Jahr gestartet. Die Berliner bieten eine komplett digitale, kombinierte Hausrat- und Haftpflichtversicherung an. „Seit dem Start im Februar haben wir mehr als 40.000 Neukunden gewonnen und sind damit das schnellst wachsende Insurtech Europas“, erklärt Huber.

One würde damit den Trend verstärken, der sich in diesem Jahr zeigt: „Das Finanzierungsklima für deutsche Insurtechs hat sich spürbar aufgehellt. Waren die Investoren im letzten Jahr noch zögerlich, werden derzeit Rekordmarken geknackt“, beobachtet Simon Nörtersheuser, Insurtech-Experte und Geschäftsführer von Policen Direkt, der überdies den „Insurtech-Radar“ herausgibt.

Er spielt damit auf die drei deutschen Insurtechs Clark, Coya und Simplesurance an, die in diesem Jahr bisher zusammen 94 Millionen Dollar frisches Wagniskapital einsammelten (siehe Grafik). Simplesurance kam dabei sogar schon zweimal zum Zug.

Nörtersheuser glaubt, dass sich die Goldgräberstimmung in Deutschland fortsetzen wird. Insurtechs mit ausgereiften Produkten oder spektakulären Wachstumszahlen könnten nun deutlich leichter frisches Kapital gewinnen. Der Grund dafür: „Das Vertrauen der Investoren wächst durch die zunehmende Zahl an Kooperationen mit Versicherern oder Banken“, so der Experte. Und: „Neben betriebswirtschaftlichem Know-how überzeugen mehr und mehr Gründer mit Expertise im Versicherungswesen.“

Ausländische Geldgeber bevorzugt

Bei One beispielsweise gehört Stephan Ommerborn, langjähriger Manager der Zurich-Versicherung, zum Gründungsteam. Bei Coya, die Ende September mit einer digitalen Hausratpolice gestartet sind, sitzt mit Thomas Münkel ein Ex-Manager der Allianz und der Aachen-Münchener-Versicherungsgruppe auf dem Chefsessel. Bei dem digitalen Makler Clark, über den alle Versicherungsverträge in einer App verwaltet werden können, gehört Marco Adelt zum Management. Der hatte zuvor jahrelang Versicherungsunternehmen beraten. Und auch der Versicherungsvermittler Simplesurance hat einen Ex-Zurich-Manager im Führungsteam: Dominik Bark.

Auffällig ist: Das Geld kommt aktuell eher aus dem Ausland. „Das liegt zum einen an der deutschen Investorenkultur mit vergleichsweise geringeren finanziellen Mitteln, aber auch daran, dass die Start-ups nach Geldgebern suchen, mit deren Expertise und Netzwerk sie ihre Internationalisierung vorantreiben können“, erklärt Nörtersheuser.

Auch One will von Deutschland aus jetzt schnell in neue Märkte vordringen. „Das Geld soll unter anderem verwendet werden, um im vierten Quartal in die Schweiz und ab dem ersten Quartal 2019 nach Österreich und Spanien zu expandieren“, offenbart Gründer Huber.

In Deutschland gibt es mittlerweile über 100 Insurtechs, die auch von den etablierten Versicherern genau beobachtet werden. Während Banken Fintechs eine längere Zeit als Konkurrenten angesehen haben, haben die Versicherer die Berührungsängste zu den digitalen Herausforderern schnell abgelegt. Fast alle wollen laut der Capgemini-Studie in irgendeiner Weise mit Insurtechs zusammenarbeiten, primär allerdings im Produktvertrieb und bei Serviceprozessen, ein Drittel interessiert sich aber auch für Akquisitionen.

Doch dabei rennen sie bei den Insurtechs derzeit keine offenen Türen ein. Coya holte sich Geld von Paypal-Gründer Peter Thiel und dem Risikokapitalgeber E.ventures. Bei Clark stiegen der Fintech-Investor Portag3 Ventures und der Fond White Star Capital ein. Bei One wurden zuletzt von der Nachrichtenagentur Reuters der Vision Fund der japanischen Softbank als möglicher Geldgeber ins Spiel gebracht.

Lediglich bei Simplesurance ist Allianz X, die strategische Investmentgesellschaft des Münchener Versicherungskonzerns, schon längere Zeit beteiligt, und in der letzten Runde kam auch der japanische Versicherer Tokio Marine zum Zug.

„Die Start-ups scheuen häufig noch deren Einstieg, weil sie um ihre Unabhängigkeit fürchten und die Übernahme durch den Versicherer als Exit programmiert erscheinen könnte, was wiederum andere Investoren abschreckt“, gibt Nörtersheuser eine Erklärung. Deutlich interessanter für die Start-ups seien Rückversicherer, „da sie nicht mit eigenen Produkten konkurrieren, sondern allein den Risikoschutz stellen“, so der Experte.

Doch auch Rückversicherer begnügen sich nicht zwangsläufig nur mit einer Beteiligung. Der weltgrößte Rückversicherer Munich Re, der bereits an über 25 Insurtechs beteiligt ist, zeigte jüngst, dass er bei besonders überzeugenden Start-ups auch mal zugreift. Die Münchener übernahmen vor wenigen Wochen das Software-Start-up Relayr.

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