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Versicherungswirtschaft Die Tech-Giganten entwickeln sich für Versicherer zu einer Bedrohung

In Zukunft werden Versicherer mit Amazon, Google und Co. konkurrieren. Kampflos überlassen sie den großen Tech-Konzerne den Markt aber nicht.
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Allianz-Chef Oliver Bäte äußerte bereits im vergangenen Jahr Sorgen vor dem Einfluss großer Tech-Konzerne. Quelle: dpa
Allianz-Fahnen

Allianz-Chef Oliver Bäte äußerte bereits im vergangenen Jahr Sorgen vor dem Einfluss großer Tech-Konzerne.

(Foto: dpa)

Frankfurt Oliver Bäte hat Respekt vor den einflussreichen Tech-Konzernen. „Ich mache mir sehr große Sorgen wegen Amazon und anderen großen Digitalunternehmen“, warnte der Allianz-Chef bereits im Januar 2018 auf einer Podiumsdiskussion. Gut anderthalb Jahre später belegt eine neue Studie der Unternehmensberatung KPMG, dass die Bedenken des Konzernbosses nicht aus der Luft gegriffen sind.

Digitale Ökosysteme der großen Technologie- und Internetkonzerne würden das Komposit-Privatkundengeschäft in Deutschland – also die wichtigen Sach- und Unfallversicherungen – in den nächsten Jahren entscheidend prägen und bald einen Großteil der Gewinne beanspruchen, heißt es in der Untersuchung, die am Montag in Frankfurt vorgestellt wurde. Der Wettbewerb in dem Segment werde sich dadurch deutlich verschärfen, sagen die Experten voraus.

Amazon, Google und Co. sind dabei, nach vielen anderen Branchen auch in der Versicherungswirtschaft zu einem gefährlichen Wettbewerber aufzusteigen. „Wir gehen davon aus, dass sich der Markt in den nächsten zehn Jahren zweiteilen wird“, schätzt Hendrik C. Jahn, Partner der Prüfgesellschaft KPMG. Zum einen bleibe es bei einem klassischen Privatkunden-Versicherungsmarkt, bei dem die Produkte über die bekannten Kanäle vertrieben würden.

„Dieser Markt dürfte jedoch auf ein Volumen von 31 bis 32 Milliarden Euro schrumpfen“, glaubt Jahn. Zum anderen werde jedoch ein neuer Markt entstehen, in dem die untersuchten Versicherungsprodukte mehr oder weniger transparent über digitale Ökosysteme – also digitale Plattformen – vertrieben werden. Dieser Markt werde 2030 vermutlich ein Volumen von vier bis fünf Milliarden Euro ausmachen.

Dabei dürfte die Wachstumsdynamik in den Ökosystemen allerdings erheblich höher sein, nämlich bei über 15 Prozent im Jahr 2030. Nach Einschätzung von KPMG ist die Versicherungsbranche für die Technologieriesen aufgrund der im Vergleich zu deren Kerngeschäft geringen Profitabilität bei den Assekuranzen zwar nicht so attraktiv wie häufig angenommen. Das Volumen im Versicherungsgeschäft jedoch sei einfach zu groß, als dass die Technologiekonzerne es ignorieren könnten.

Die Tech- und Internetkonzerne dürften darum genau hinschauen, welcher Teil der Wertschöpfungskette und des Versicherungsgeschäfts am attraktivsten sei, so die Experten. Denn bereits jetzt macht nicht jeder Versicherer in dem Segment auch Profit. In den vergangenen fünf Jahren ist es zudem laut KPMG-Analyse nur wenigen Kompositversicherern gelungen, nachhaltig profitablen Wert zu schaffen.

Die 56 untersuchten Kompositversicherer hätten in den Jahren 2012 bis 2017 eine durchschnittliche versicherungstechnische Prämienrendite von fünf Prozent pro Jahr erwirtschaftet. Die Spanne reiche dabei jedoch von minus zehn bis zu rund 19 Prozent Plus. Vor allem die Gruppe der sehr großen Versicherer mit über zwei Milliarden Euro Bruttoprämienvolumen und die Gruppe der kleinen, spezialisierten Versicherer mit unter 250 Millionen Euro schnitten dabei besser als der Markt ab.

„Jedes fünfte Unternehmen hat es im Untersuchungszeitraum nicht geschafft, einen positiven Wertbeitrag zu erzielen“, lautet das Fazit von Frank Ellenbürger, KPMG-Bereichsvorstand Insurance. „Das zeigt ganz deutlich: Versicherer werden im sich verschärfenden Wettbewerb innerhalb von Ökosystemen umso mehr auf Effizienz, Produktivität, Produktinnovation und Vertriebsausbau achten müssen.“

Für die Assekuranzen tut sich damit eine neue Baustelle auf. Denn der Vormarsch der digitalen Ökosysteme bedeutet für die Branche eine neue Konkurrenz.

So wird nach den Vorhersagen der KPMG das von Ökosystemen betroffene Komposit-Privatkundengeschäft, was Kfz-, Gebäude-, Hausrat-, Unfall- und Cyber-Policen umfasst, von derzeit rund 35 Milliarden Euro Prämieneinnahmen zwar bis 2030 nur geringfügig auf 36 bis 37 Milliarden Euro ansteigen. Internetbasierte Ökosysteme würden lediglich zehn bis 15 Prozent dieses Volumens ausmachen, dafür aber rund ein Drittel des Profitpools für sich beanspruchen, so die Experteneinschätzung.

Versicherer wehren sich gegen digitale Angreifer

Kampflos überlassen die großen Versicherer den Markt allerdings nicht den digitalen Angreifern. Die Allianz startet beispielsweise bis Ende des Jahres einen neuen paneuropäischen Direktversicherer, und entwickele selbst „neue Online-Geschäftsmodelle mit Produktkonzepten, die über Plattformen Dritter und weitere Ökosysteme angeboten werden sollen“, wie Digitalvorstand Ivan de la Sota im Frühjahr sagte.

Der französische Rivale Axa bringt sich ebenfalls in Stellung. „Auch europäische Unternehmen hätten Stärken“, betonte Konzernchef Thomas Buberl im Dezember vergangenen Jahres- und verwies darauf, dass die Axa 80 Prozent des Umsatzes schon jetzt außerhalb von Frankreich mache. „Das Geheimnis liegt in der Verbindung von online und offline“, glaubt Buberl.

Nicht jeder Versicherer müsste nun als Reaktion unbedingt Teil eines Ökosystems werden, beschwichtigt auch KPMG-Partner Markus Heyen. Es werde weiter Kunden geben, die im klassischen Sinne Versicherungen kaufen würden. „Unsere Hypothese ist allerdings, dass sich das Käuferverhalten langfristig deutlich verändern und der Zugang zu Ökosystem-Daten ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil sein wird“, sagt Heyen voraus.

Diejenigen, die die größeren Chancen in diesem neuen Ökosystem sehen, müssen sich fragen, wer sie sein wollen: der Orchestrator oder ein Zulieferer. So könnten sich unterschiedliche Partner zusammenschließen, um ihre digitalen Angebote zu vernetzen und passgenau zusammenzustellen. „Für die Versicherungsbranche ist das Chance und Risiko zugleich,“ so der KPMG-Partner Heyen.

Wie groß die Veränderung für viele Versicherer am Ende sein könnte, darüber macht sich Stefan Knoll, Chef der Deutschen Familienversicherung, keine Illusionen. „Ich glaube, dass Künstliche Intelligenz und die gesamte Digitalisierung für den größten Umbruch in der Menschheitsgeschichte sorgen werden – und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Versicherungswirtschaft von diesem massiven Veränderungsprozess verschont bleibt“, sagte er bereits vor einem Jahr voraus.

„Ich bin sicher, dass es in Zukunft vorzugsweise Versicherungen geben wird, die nicht mehr über Vermittler abgeschlossen werden.“ Insbesondere einfache Versicherungen würden in Zukunft vor allem über eine Website, über Alexa oder Google Home abgeschlossen. Für die rund 200.000 Versicherungsvermittler in Deutschland ist das alles andere als eine gute Nachricht.

Mehr: Die Allianz-Versicherung lässt die Fusion zwischen ihrer Großkundensparte AGCS und dem Kreditversicherer Euler Hermes platzen. Lesen Sie hier die Hintergründe.

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