Verstaatlichung vor zehn Jahren Fannie Mae und Freddie Mac – einst Sorgenkinder, heute Gewinngaranten

Die US-Hypothekenfinanzierer wurden vor zehn Jahren verstaatlicht, um den Häusermarkt zu stabilisieren. Heute hingegen füllen sie die Staatskasse.
Kommentieren
Im Zuge der Krise konnten viele Amerikaner ihre Hypotheken nicht mehr bedienen. Die Hypothekenfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae mussten verstaatlicht werden – dieser historische Tag jährt sich nun zum zehnten Mal. Quelle: AP
Haus in Indianapolis

Im Zuge der Krise konnten viele Amerikaner ihre Hypotheken nicht mehr bedienen. Die Hypothekenfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae mussten verstaatlicht werden – dieser historische Tag jährt sich nun zum zehnten Mal.

(Foto: AP)

New YorkHenry Paulson konnte seine Anspannung nicht verbergen, als er am 7. September 2008 vor die Kameras trat. Es war ein Sonntag, der damalige Finanzminister der USA hatte überraschend die Presse eingeladen, um eine historische Entscheidung zu verkünden.

Die Regierung des damaligen Präsidenten George W. Bush werde ab Montag die strauchelnden Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac verstaatlichen, teilte Paulson mit. Es sei wichtig, den Instituten eine „Auszeit“ vom Aktienmarkt zu geben, um sie zu rekapitalisieren und den schwer angeschlagenen Häusermarkt des Landes zu stabilisieren.

Dieser historische Tag jährt sich am Freitag zum zehnten Mal. Mittlerweile lässt sich feststellen: Der Schritt hat sich finanziell gelohnt. Aus den einstigen Sorgenkindern Fannie Mae und Freddie Mac sind längst Gewinngaranten geworden.

Eigentlich sollte die Verstaatlichung nur vorübergehend sein. Doch die Regierung unter Präsident Barack Obama schaffte es nicht, die nötigen Reformen auf den Weg zu bringen. Auch sein Nachfolger Donald Trump hat scheinbar keine Eile. Die zusätzlichen Milliarden in der Staatskasse kann er nach umfangreichen Steuersenkungen zudem gut gebrauchen.

Doch mit dem Nichtstun entstehen neue Risiken. Zumal die Standards für die Vergabe von Hypotheken, die nach der Krise deutlich angezogen wurden, wieder sinken. „Zwar ist das nicht mit der Situation vor der Krise zu vergleichen“, heißt es in einer aktuellen Studie zu den Folgen der Finanzkrise, die die Großbank JP Morgan am Donnerstag veröffentlichte. Dennoch sei klar erkennbar, dass Fannie und Freddie wieder vermehrt Hypotheken von Kreditnehmern aufkaufen, die nur ein geringes Einkommen haben.

Der Hypothekenfinanzierer ist mittlerweile gesundet. Quelle: Reuters
Zentrale von Freddie Mac in McLean, Virginia

Der Hypothekenfinanzierer ist mittlerweile gesundet.

(Foto: Reuters)

Zwischen dem Höhepunkt 2006 und dem Tief 2012 sind die Häuserpreise in den USA um 27 Prozent gefallen. Danach ging es wieder deutlich nach oben: Heute liegen die Preise im Schnitt elf Prozent über dem Allzeithoch von 2006, zeigt der S&P-CoreLogic-Case-Shiller-Index – und das, obwohl sich der Markt in einigen Regionen wie Las Vegas und Phoenix noch nicht wieder vollständig erholt hat.

Seitdem die US-Notenbank auch die Zinsen wieder anhebt, steigen damit auch die Hypothekenraten. Sollten die Institute erneut in die Verlustzone rutschen, wären die Steuerzahler wieder in der Pflicht. Doch Reformen sind kompliziert, erst recht in einem tief gespaltenen Washington. Es lauern Gefahren, die irgendwann wieder zum ernsthaften Problem werden könnten.

Auch in Europa bereitet der Immobilienmarkt Sorgen. Daniele Nouy, die oberste Bankenaufseherin der Europäischen Zentralbank (EZB), glaubt, dass die nächste Krise im europäischen Finanzsystem vom Häusermarkt ausgehen könnte. „Was könnte die nächste Krise verursachen? Ich weiß es nicht, aber ich vermute, es könnte der Immobilienmarkt sein,“ sagte Nouy in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview mit der lettischen Nachrichtenagentur Leta. Auch in Deutschland warnt die Bundesbank seit längerem vor Preisübertreibungen in Großstädten.

Verbrieft, verkauft, verzockt

Spätestens seit der Finanzkrise steht der Immobilienmarkt unter besonderer Beobachtung, so viel ist klar. Die Verstaatlichung von Fannie und Freddie jedenfalls war eine enorm mutige Entscheidung. Die beiden Hypothekengiganten hielten oder garantierten jede zweite Hypothek auf Eigenheime in den USA.

Um ihren staatlichen Auftrag zu erfüllen, Häuser für Amerikaner erschwinglich zu machen, kauften sie den Banken im großen Stil Hypotheken ab, verbrieften diese zum Teil und verkauften sie an Hedgefonds und andere Investoren weiter.

Zusammen hatten Fannie und Freddie damals Hypothekenpapiere in Höhe von rund 5000 Milliarden Dollar emittiert. „Sie sind so groß und so verwoben mit unserem Finanzsystem. Sollte auch nur eines von den beiden Instituten Pleite gehen, würde das großes Chaos an den Finanzmärkten hier bei uns zu Hause und rund um den Globus verursachen“, stellte Paulson klar.

Die Aktienkurse von Fannie und Freddie hatten fast ihren gesamten Wert verloren. Es häuften sich die Verluste, weil die oft hoch-überschuldeten Hausbesitzer ihre Hypotheken nicht mehr bedienen konnten. Die Konsequenzen sind vielerorts bis heute zu spüren.

Ausgerechnet Paulson, der ehemalige Chef der Investmentbank Goldman Sachs, musste so einen Schritt verkünden. Er war erst zwei Jahre zuvor von der Wall Street in die republikanisch geführte Regierung gewechselt, die eigentlich für Deregulierung und freie Märkte stand.

Dieser Schritt tat besonders dem amerikanischen Steuerzahler weh: In den ersten Jahren unter staatlicher Führung mussten Fannie und Freddie knapp 200 Milliarden Dollar Steuergelder in Anspruch nehmen. Bis 2012 zahlten sie zehn Prozent Dividende an das Finanzministerium. Seitdem überwiesen sie fast ihre gesamten Gewinne und haben so bis heute gut 280 Milliarden Dollar zurückgezahlt – bleibt also ein Plus von 80 Milliarden Dollar für die Staatskasse.

Eine Reform sei 2019 angedacht, kündigte Finanzminister Steven Mnuchin im April an. Dann wird auch ein neuer Aufseher für den Häusermarkt im Amt sein, den Trump im Januar ernennen wird. Im Weißen Haus dürfte angesichts der soliden Gewinne der beiden Hypothekengiganten niemand darüber klagen, wenn sich der Zeitplan nach hinten verschiebt.

Startseite

Mehr zu: Verstaatlichung vor zehn Jahren - Fannie Mae und Freddie Mac – einst Sorgenkinder, heute Gewinngaranten

0 Kommentare zu "Verstaatlichung vor zehn Jahren: Fannie Mae und Freddie Mac – einst Sorgenkinder, heute Gewinngaranten"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%