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Visa-Chef Kelly im Interview „Die Realität ist: Bargeld ist extrem teuer“

Alfred Kelly mag kein Bargeld. Als Chef des Kreditkarten-Konzerns Visa scheint das logisch. Doch wie sieht er die Zukunft des mobilen Bezahlens?
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Der Visa-Chef bereitet den Konzern auf das Internet der Dinge vor.
Alfred Kelly

Der Visa-Chef bereitet den Konzern auf das Internet der Dinge vor.

New York Im New Yorker Büro von Alfred Kelly hängt ein ungewöhnliches Schild. „Männer sind vom Mars, Frauen sind von Visa“ steht darauf, die Abwandlung eines populären Sachbuchtitels, dem zufolge die Männer vom Mars und die Frauen von der Venus sind. Das Schild war ein Geschenk seiner Marketing-Chefin. Es soll Visa-Chef Kelly daran erinnern, dass Frauen nicht nur bisweilen anders ticken als Männer, sondern auch für die meisten Kaufentscheidungen verantwortlich sind.

Herr Kelly, wie viele Kreditkarten haben Sie als Visa-Chef in Ihrem Geldbeutel?
Ich habe drei bei mir, aber ich besitze sechs, und ich rotiere ab und zu. Früher, als ich bei American Express gearbeitet habe und wir tatsächlich Karten herausgegeben haben, hatte ich über 31 Karten oder so. Damit habe ich alle verrückt gemacht. Ich wollte die gleiche Erfahrung haben wie unsere Kunden. Aber hier, als Netzwerk-Betreiber, haben wir 16.000 verschiedene Finanzinstitute, mit denen wir zusammenarbeiten. Das wäre sehr schwierig. Und als US-Bürger könnte ich natürlich keine Karten aus einem anderen Land bekommen.

Und haben Sie auch Bargeld bei sich?
Sehr wenig. Ich bin immer frustriert, wenn ich in Situationen komme, in denen ich Bargeld benutzen muss. Trinkgeld im Hotel ist so ein Fall. Manchmal verzichte ich auf die Hilfe eines Hotelpagen, weil ich kein Bargeld bei mir habe. Ich spiele im Sommer gerne Golf, und den Golfjungen kann man auch nur Trinkgeld in bar geben. Und in Deutschland letztens war ich auch wieder in so einer Situation.

Das müssen Sie erzählen!
Ich war mit einem Kollegen in einem Restaurant, und der Kellner wies uns darauf hin, dass er nur Bargeld nimmt. Also schaute ich in meinen Geldbeutel und hatte nur 20 Euro dabei. Also habe ich deutlich weniger bestellt. Und ich weiß nicht, ob das deutschen Restaurants und Einzelhändlern immer so bewusst ist: Viele Kunden, die aus anderen Teilen der Welt in die Europäische Union kommen, sind es nicht gewöhnt, größere Mengen Bargeld bei sich zu haben. Und wenn man auch Karten annimmt, kann man mehr Umsatz machen.

Technologiekonzerne wie Uber gewöhnen uns an automatisches Bezahlen. Man steigt einfach aus dem Auto aus, ohne seine Kreditkarte zücken zu müssen. Amazon hat in seinem Supermarkt Kassen gleich ganz abgeschafft. Wie lange werden wir Plastikkarten noch als Zahlungsmittel brauchen?
Ich denke, noch eine ganze Weile. Aber das liegt nicht an Visa. Uns ist es egal, auf welchem Träger die 16-stellige Nummer gespeichert ist, die Zahlungen ermöglicht. Das kann ein Stück Plastik sein oder Ihre Bluse oder Ihr Smartphone. Wichtig ist nur, dass diese 16-stellige Nummer von Geräten gelesen werden und Ihnen zugeordnet werden kann. Intern sprechen wir heute eher von Bezahlinformationen als von Karten. Aber die Realität ist: Visa ist das größte Zahlungsnetzwerk mit 3,3 Milliarden Karten. Die werden nicht so schnell verschwinden.

Wann wird das Bargeld verschwinden?
Auch das wird noch eine ganze Weile dauern. Aber wir sehen derzeit drei Faktoren, die Bargeld weniger attraktiv machen. Erstens: Der Onlinehandel ist sicher ein wichtiger Treiber. Niemand hat einen Weg gefunden, Bargeld in einen Computer, ein iPad oder ein Smartphone zu stopfen. Zweitens: Auch Regierungen sind aktiv geworden.

Nehmen Sie Indien als Beispiel. Hier hat die Regierung Schritte unternommen, um die Bargeldnutzung zurückzufahren. Vor zwei Jahren wurden die zwei größten Geldscheine des Landes aus dem Umlauf genommen. Das hat Leute dazu gezwungen, Kreditkarten zu benutzen. Ich habe mich letztens mit dem ägyptischen Präsidenten Sisi getroffen. Ägypten ist ein Land mit vielen Subventionsprogrammen. Die Regierung überlegt nun, eine Art Prepaid-Karte auszugeben. Regierungen erkennen, dass Bargeld graue Wirtschaftsbereiche schafft und ihnen dadurch Steuerzahlungen entgehen.

Und der dritte Faktor?
Banken und Einzelhändler erkennen zunehmend, dass Bargeld extrem teuer ist. Ich höre manchmal, Kreditkarten seien teuer. Aber die Realität ist: Bargeld ist extrem teuer. Es ist schwer, eine genaue Summe zu berechnen. Aber man muss Bargeld sicher aufbewahren, zählen, transportieren ... Das kostet.

Ist es die Mission von Visa, uns in eine bargeldlose Welt zu bringen?
Ich sage immer, Cash Inc. ist unser größter Wettbewerber. Das ist ein Unternehmen, das so natürlich nicht existiert. Aber es veranschaulicht die Tatsache, dass 7,6 Milliarden Menschen auf der Welt heute noch Bargeld nutzen. Jedes Jahr wechseln Bargeld und Schecks im Wert von mehreren Billionen Dollar den Besitzer. Es ist also keine Frage, dass wir hier mitmischen wollen. Bargeld ist ein größerer Wettbewerber für uns als Mastercard.

In ein paar Jahren werden vielleicht unsere Kühlschränke automatisch für uns einkaufen. Wie wird das die Form des Bezahlens verändern?
Das Internet der Dinge ist einer der großen Wachstumsfaktoren der nächsten 10 bis 15 Jahre. Hersteller von Haushaltsgeräten, Autos und Büroausrüstung werden Prozessoren in ihre Produkte einbauen, die sich mit dem Internet verbinden können und so Einkaufen in Echtzeit möglich machen. Sie könnten dann in Ihrem Zuhause Zugang zu vier oder fünf verschiedenen Einkaufsmöglichkeiten haben: dem Kühlschrank, Ihrer Waschmaschine, Ihrem Fernseher … und all diese Geräte werden kein Bargeld verwenden, sondern eine 16-stellige Zahl, eine Zahlungsberechtigung, die Ihnen zugeordnet werden kann.

Ihr Unternehmen gehört zu den fünf stärksten Marken der Welt. Wenn der Akt des Bezahlens verschwindet, was macht das mit Visa als Marke?
Es ist extrem wichtig für uns, dass unsere Marke relevant bleibt, auch dann, wenn man nicht mehr mit einer Plastikkarte bezahlt, sondern das Zahlungsmittel im Smartphone oder im Kühlschrank eingebaut ist. Deshalb haben wir einen ganz eigenen Sound, ein animiertes Logo und eine Vibration erarbeitet, die den Kunden signalisiert, dass die Transaktion erfolgreich war, und zwar mit dem Gütesiegel von Visa. Und wir werden weiter daran arbeiten, um unsere Marke relevant zu halten. Der Rest unseres Jobs wird sich nicht wesentlich verändern.

Wie meinen Sie das?
Nun, Sie brauchen auch im Internet der Dinge ein Finanzinstitut, das Ihnen Zahlungen ermöglicht. Und das wird immer wettbewerbsintensiv sein. Wir wollen, dass so viele Banken und Fintechs wie möglich Produkte ausgeben, die mit dem Visa-Netzwerk funktionieren. Die Form des Bezahlens ändert sich, aber die Dynamik bleibt die gleiche. Sie wollen immer noch ein Produkt, das für Sie funktioniert, und mit einer Marke, der Sie vertrauen. Vertrauen wird in einer digitalen Welt, in der alles im Hintergrund abgewickelt wird, noch wichtiger werden.

Die digitale Welt wird vor allem von großen Konzernen wie Amazon, Google, Apple und Paypal dominiert. Sind das Freunde oder Feinde für Sie?
Ich will, dass Visa so offen ist wie möglich. Ich will, dass wir mit jedem sprechen, der das weltweite Bezahlsystem für Verbraucher und Unternehmen besser machen kann. Vom ersten Tag an gab es in diesem Netzwerk mehrere Spieler. Keine Bank, kein Kreditkartenanbieter, kein Tech-Konzern kann das alleine machen. Dafür ist die Welt zu groß und komplex, und Risiken und Betrug zu managen ist abschreckend.

Aber je digitaler das Bezahlen geworden ist, desto mehr Konkurrenten sind auch dazugekommen.
Und das ist gut so. Es gibt viele Unternehmen, die Kunden auf neue Weise erreichen, und sie helfen uns allen dabei, Transaktionen zu gewinnen, die zuvor in bar abgewickelt wurden. Das ist alles gut für uns. Wir sind in Europa in den digitalen Zahlungsanbieter Klara investiert. Der bietet unter anderem an, eine teure Anschaffung in mehrere kleine Zahlungen aufzuteilen. Für mich ist das ein echter Mehrwert.

Amazon gibt eine Visa-Kreditkarte heraus und ist damit ein wichtiger Kunde von Ihnen. Gleichzeitig könnte der Onlinehändler selbst immer stärker ins Bankgeschäft einsteigen und zum Beispiel eigene Konten anbieten. Bereitet Ihnen das Sorgen?
Wir haben eine großartige Beziehung zu Amazon. Der Konzern ist ein sehr wichtiger Kunde und Partner, und wir werden alles tun, was wir können, um Amazons Geschäft auszubauen, denn damit bauen wir auch unseres weiter aus. An Amazon fasziniert mich, dass das Unternehmen so fokussiert auf den Verbraucher ist. Es geht darum, unser Leben einfacher zu machen. Aber ich glaube nicht, dass Amazon uns vorschreiben will, wie wir bezahlen sollen.

Aber Amazon ist groß. Könnte der Konzern nicht darauf drängen, dass Sie die Gebühren senken?
Egal, in welcher Branche Sie arbeiten, die Leute wollen immer, dass es noch günstiger geht. Und Sie finden wahrscheinlich nur wenige CEOs auf der Welt, die nicht Druck auf ihr Preis- oder Gebührenmodell spüren. Ich sage meinem Team immer: Wir können diese Diskussionen nicht stoppen, daher müssen wir uns auf das konzentrieren, was wir den Kunden bieten. Wir müssen gute Partner sein, die wertvolle Einblicke und Werkzeuge liefern, dann sind die Leute weniger geneigt, die Gebühren anzusprechen.

Bargeld ist ein größerer Wettbewerber für uns als Mastercard. Alfred Kelly

Wie stehen Sie zu Bitcoin und anderen Kryptowährungen: Bedrohung oder Chance?
Wir wollen in jeder Art von Transaktion eine Rolle spielen. Bislang haben wir keine Nachfrage von unseren Kunden gesehen, mit Kryptowährungen zu bezahlen oder bezahlt zu werden – und auch nicht vom Konsumenten. Aber wir arbeiten mit einer Handvoll Banken in verschiedenen Märkten zusammen, die ihren Kunden die Möglichkeit anbieten, Kryptowährungen in konventionelle Währungen umzuwandeln.

Und wie steht es mit der Blockchain-Technologie?
Wir sehen die Blockchain als vielversprechend an und nutzen diese Technologie für unsere Geschäftskunden, wenn es um große, grenzüberschreitende Zahlungen geht. Und wir sehen uns an, ob noch weitere neue Blockchain-Lösungen Sinn für unser Geschäft und unsere Kunden ergeben.

Wie sicher sind die Kreditkarten? In den USA wurden vor drei Jahren alle Karten mit einem Chip aufgerüstet, den es in Europa schon etwas länger gibt.
Der Chip hat Betrugsfälle um 75 Prozent reduziert, wenn der Kunde persönlich im Laden kauft. Allerdings haben die Betrüger nun die Onlinewelt für sich entdeckt, und unsere Branche hat noch viel Arbeit vor sich, um Betrugsfälle in der E-Commerce-Welt zu stoppen.

Wie lässt sich das lösen?
Wir führen gerade die Weiterentwicklung des branchenweiten Standards 3-D Secure ein – auch 3DS 2.0 genannt. Dabei können wir bei verdächtigen Transaktionen zehn Mal so viele Informationen abfragen wie bisher. Zum Beispiel: Haben Sie ein Produkt schon einmal von Ihrem Smartphone oder Ihrem Laptop gekauft? Ist der Betrag ungewöhnlich hoch? Wir können auch den Standort Ihres Smartphones abfragen. Wenn wir wissen, dass Sie in Brooklyn wohnen und vier Mal im Jahr in Frankfurt sind, können wir Zahlungen einfacher genehmigen. Wir arbeiten daran, diesen Standard im kommenden Jahr nach Europa zu bringen.

Sie erheben also noch mehr Daten über mich?
Ich weiß, die Deutschen sind sehr sensibel, wenn es um ihre Daten geht. Vielleicht sogar mehr als in anderen Teilen der Welt. Aber viele Kunden, egal, wo auf der Welt, sind hin und wieder besorgt, was die Sicherheit ihrer Daten angeht. Wir sind da sehr sensibilisiert. Wir versuchen, nicht nur die Gesetze einzuhalten, sondern noch mehr zu tun. Die Daten, die wir haben, müssen wir extrem gut sichern und sparsam und schlau nutzen.

Wie nutzen Sie denn unsere Daten?
Grob gesagt, auf drei verschiedene Arten. Erstens: Um Sie vor Betrug zu schützen, wie gerade erklärt. Diese Daten teilen wir mit niemandem. Zweitens: Wir nutzen Daten anonymisiert und aggregiert, um Einzelhändlern Einblicke in das Verhalten ihrer Kunden zu geben. Nehmen wir Karstadt. Wir können zeigen, wie viel Prozent der Kunden nur im Laden kaufen und wie viele sowohl im Laden als auch online shoppen. Das könnte dem Unternehmen ein Signal geben, wie es sein Onlinegeschäft verbessern könnte. Aber niemand kann diese Käufe auf Sie zurückführen. Ihr Name kommt dabei nie vor.

Und drittens?
Bei Kundenprogrammen, wenn die Kunden uns die Erlaubnis geben. Wir haben zum Beispiel eine Kooperation mit Uber. Sie speichern Ihre Visa-Karte in Ihrem Uber-Konto. Und wenn Sie an der Upper East Side aus dem Auto steigen, bekommen Sie ein Angebot auf Ihr Smartphone, dass ein Einzelhändler in der Nachbarschaft ein Angebot für Sie hat. Aber wie gesagt: Dem haben Sie vorher zugestimmt. Vermutlich, weil Sie glauben, dass Sie davon profitieren.

Visa ist in fast allen Ländern der Welt vertreten. Das gibt Ihnen einzigartige Einblicke in internationale Handelsströme. Wie besorgt sind Sie in diesen Tagen über den Handelsstreit zwischen den USA und China?
Ich will gar nicht in die Diskussion einsteigen, ob Zölle gut oder schlecht sind. Aber wenn Sie den Preis eines Produktes für die Endkunden erhöhen und diese dann weniger kaufen, dann ist das schlecht für die Wirtschaft. Unser Geschäft hängt sehr vom Konsumentenvertrauen ab, von geringer Arbeitslosigkeit und einer starken Volkswirtschaft. Es hängt auch davon ab, dass die Welt sicher ist und ob Leute gern in den Flieger steigen, um sich andere Orte anzuschauen. Aber wenn sie sich nicht willkommen fühlen und sich um ihren Einwanderungsstatus sorgen, dann ist das nicht gut für uns.

Herr Kelly, vielen Dank für das Interview.

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