Vorstand Michael Mandel im Interview Commerzbank droht Dax-Abstieg – „Wir werden hart kämpfen“

Die Commerzbank könnte aus dem Dax absteigen. Privatkundenvorstand Mandel spricht über Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Strategie und die Zukunft des Instituts.
Kommentieren
„Ob wir unsere Ziele erreichen, liegt allein in unserer Verantwortung.“ Quelle: Bernd Roselieb für Handelsblatt
Michael Mandel

„Ob wir unsere Ziele erreichen, liegt allein in unserer Verantwortung.“

(Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt)

FrankfurtAls Fan von Werder Bremen hat Michael Mandel in den vergangenen Jahren häufiger seine Leidensfähigkeit unter Beweis stellen müssen. Denn die Zeiten, in denen die Fußballmannschaft aus seiner Geburtsstadt um große Titel mitspielte, liegen schon einige Zeit zurück. Diese Erfahrung dürfte dem Privatkundenchef der Commerzbank geholfen haben, auch das blamable Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland in diesem Sommer zu verarbeiten. Das deutsche Vorrundenaus war für Mandel sogar doppelt bitter, weil die Commerzbank als DFB-Sponsor bei der Gewinnung neuer Privatkunden auf Rückenwind von der WM gesetzt hatte.

Herr Mandel, wie stark hat Sie das frühe deutsche WM-Aus als Fan und DFB-Sponsor geärgert?
Man gewinnt und man verliert zusammen. Das ist so im Sport. Aber als Fußballfan war ich natürlich enttäuscht, weil ich der Mannschaft einfach mehr zugetraut habe und gerne noch zwei Wochen länger Spiele mit deutscher Beteiligung geschaut hätte. Als Sponsor waren wir davon betroffen, weil wir unsere Werbekampagne mit der Nationalmannschaft früher beenden mussten als erhofft.

Ist wegen der miesen WM Ihr Ziel in Gefahr, von Oktober 2016 bis Ende 2020 zwei Millionen neue Privatkunden zu gewinnen?
Ob wir unsere Ziele erreichen, liegt allein in unserer Verantwortung. Wir sind nach wie vor auf Kurs – auch für unser Zwischenziel, bis Jahresende netto eine Million Neukunden zu erreichen. Für dieses Ziel werden wir hart kämpfen. Wir werden unsere Werbebudgets jetzt im zweiten Halbjahr gezielt für neue Kampagnen einsetzen – unter anderem für unser kostenloses Girokonto und Ratenkredite. Darüber hinaus hat die Comdirect nach dem Verkauf der Tochter Ebase mehr Mittel zur Verfügung, um in zusätzliches Kundenwachstum zu investieren.

Muss Comdirect jetzt einen größeren Beitrag zur Neukundenzahl liefern als ursprünglich geplant? Manche Analysten sähen das kritisch, weil Comdirect-Kunden im Schnitt weniger Ertrag abwerfen als Commerzbank-Kunden.
Ich freue mich, dass die Comdirect einen guten Lauf hat. Und wir haben immer gesagt, dass wir zusammen von Oktober 2016 bis Ende 2020 netto zwei Millionen Neukunden in Deutschland gewinnen wollen. Aber klar ist auch, dass wir bei der Filialbank im zweiten Halbjahr bei der Kundengewinnung im Filialgeschäft deutlich zulegen müssen.

Das WM-Aus war für Sie zuletzt nicht die einzige negative Nachricht. Die Commerzbank-Aktie hat seit Jahresbeginn rund 30 Prozent ihres Wertes verloren. Im Herbst droht sie aus dem Leitindex Dax zu fliegen. Drückt das auf die Stimmung?
Es geht nicht um Stimmung, es geht um Haltung. Die Bedeutung der Bank für die deutsche Realwirtschaft ist groß. Wir haben allen Grund, selbstbewusst zu sein. Im vergangenen Jahr hat die Commerzbank-Aktie auch wegen Übernahmefantasien und Hoffnungen auf eine baldige Leitzinserhöhung kräftig zugelegt. Beide Szenarien sind nicht eingetreten, was sicherlich auch einen Teil der Verluste in diesem Jahr erklärt.

Durch einen Dax-Abstieg könnte die Commerzbank-Aktie noch weiter unter Druck geraten.
Darüber werde ich nicht spekulieren. Unsere Aufgabe ist es, sich auf das operative Geschäft zu konzentrieren. Wir verfolgen eine Strategie, die langfristig Wert für die Bank schaffen und den Kurs nach oben bringen soll. Dass das nicht innerhalb von anderthalb Jahren gelingt, war von Anfang an klar.

Viele Analysten zweifeln jedoch auch, dass die Bank ihr für 2020 ausgegebenes Ertragsziel von über 9,8 Milliarden Euro erreichen kann.
Analysten und Investoren sehen, dass wir beim Kundenwachstum und beim Geschäftsvolumen auf Kurs sind. Und es ist ein fairer Punkt zu sagen, dass wir am Ertragswachstum noch arbeiten müssen. Eine Wachstumsstrategie ist keine Einbahnstraße, wo es automatisch immer weiter nach oben geht. Wir müssen immer schauen, wo wir stehen, und wenn notwendig nachsteuern.

„Deutsche Banken hinken internationalen Großbanken längst hinterher“

Wie wollen Sie im Privatkundengeschäft denn nachsteuern? Ihre Sparte soll im Rahmen der Strategie den Großteil der zusätzlichen Erträge einfahren – geplant sind 1,1 bis 1,3 Milliarden Euro. Davon sind Sie trotz eines Ertragsanstiegs von sieben Prozent im ersten Halbjahr weit entfernt.
Die Margen, die wir aktuell im Kredit- und Wertpapiergeschäft sehen, stehen unter Druck. Das bedeutet, dass wir unser Geschäftsvolumen deutlicher steigern müssen, um unsere Ertragsziele zu erreichen. Konkret: Wir wollen mehr Assets reinholen und die zum Teil niedrigen Margen so kompensieren.

Und die Chancen, dass wir das schaffen, stehen nicht schlecht. Beim Geschäftsvolumen, den Assets under Control, haben wir unser Ziel von 385 Milliarden Euro für das laufende Jahr schon nach sechs Monaten übertroffen. Dazu zählen Kredite, Einlagen und das Wertpapiervolumen.

Warum setzt die Bank nicht stärker bei der Preisgestaltung an und verlangt wie die meisten anderen Banken Gebühren für das Girokonto?
Es wird weiter ein kostenloses Girokonto geben. Aber ich kann nicht ausschließen, dass wir einen Teil der Mehrkosten, die wir im Wertpapiergeschäft wegen neuer Regulierungsmaßnahmen stemmen, an unsere Kunden weitergeben müssen.

Sie wollen also erst neue Kunden anlocken – und ihnen dann peu à peu mehr Geld abknöpfen?
Sie unterschätzen unsere Kunden. Unsere Kunden wollen, dass wir ihre Finanzprobleme lösen. Erfüllen wir diese Erwartung, verdienen wir auch Geld. Klar ist das kostenlose Girokonto für unsere Kunden eine Art Einstiegsprodukt. Aber die eigentliche Arbeit, die Beratung, fängt dann erst an. Künftig werden wir die Kunden dabei auf Angebote, die für sie interessant sein könnten, noch zielgerichteter hinweisen.

Wie soll das funktionieren?
Wir führen in den nächsten Wochen Dynamics ein. Vereinfacht gesagt ist das ein Analysetool, mit dem wir vorhandene Kundendaten gezielter und damit besser für die Beratung nutzen können. Unsere Mitarbeiter erhalten so die notwendigen Informationen, um ihren Kunden im richtigen Moment die richtigen Angebote zu unterbreiten. Das wird zu einer Verbesserung unserer Beratung führen.

Welche Daten und Handlungsempfehlungen werden dem Berater bei Dynamics denn angezeigt?
Stimmt der Kunde zu, nutzen wir unter anderem Daten aus Beratungsgesprächen sowie aus dem digitalen Haushaltsbuch. Dadurch können wir zum Beispiel sehr gut sehen, ob er an seinem Wohnort zu viel Miete bezahlt. Falls ja, bekommt der Berater einen Hinweis, auf den Kunden zuzugehen und mit ihm über eine mögliche Baufinanzierung zu sprechen. Statt seinen Vermieter finanziert er dann sein Eigentum.

Die Daten haben Sie doch bisher auch schon. Was bringt die Plattform Neues?
Die Plattform verbindet erstmals die Daten aus allen Kanälen, zum Beispiel dem Onlinebanking und der Filialbank miteinander. Das ist bisher nicht der Fall. Das unterstützt auch die Mitarbeiter in unserem Kundencenter bei der telefonischen Beratung. Kunden erhalten in allen Kanälen gezielter die passenden Angebote.

Schalten wir zentral eine Kampagne zur Baufinanzierung, dann sind die Streuverluste sehr hoch. Denn viele Kunden brauchen eine solche Finanzierung im Moment der Werbung gar nicht. Künftig werden wir das bei bestimmten Themen individueller, also kundengenauer steuern. Wenn wir wissen, dass ein Kunde keine Baufinanzierung braucht, dann sprechen wir ihn auch nicht auf Immobilienkredite an.

Die Commerzbank auf den Spuren von Google?
Nein. Mit Google würde ich uns nicht vergleichen. Wir handeln nicht mit Daten. Wir nutzen sie für unsere Beratung. Dieser Nutzung muss der Kunde explizit zustimmen. Und auf Transaktionsdaten, mit denen man sehen könnte, was Kunden kaufen, greifen wir grundsätzlich nicht zu.

Laut der Beratungsfirma BCG werden die Erträge im deutsche Privatkundengeschäft bis 2021 nur um ein Prozent wachsen – verglichen mit 5,3 Prozent global. Warum wird die Commerzbank nicht stärker in anderen Ländern aktiv, die schneller wachsen und höhere Margen aufweisen?
Unser Heimatmarkt im Privatkundengeschäft ist Deutschland. Wir wissen, dass dieser Markt stagniert. Deshalb liegt unser Fokus auch darauf, Marktanteile zu gewinnen. Aktuell sind wir bei acht Prozent – da gibt es noch viel Luft nach oben. Zudem sind wir mit unserer Tochter mBank bereits international unterwegs – in Polen, der Slowakei und Tschechien. Da kann es durchaus noch Möglichkeiten geben.

Spielen Sie damit auf die Pläne von Commerzbank und mBank an, eine neue europäische Digitalbank zu gründen?
Sie kennen unsere Antwort. Wir haben zu dem Thema noch keine Entscheidung getroffen.

Sind Zukäufe für Sie auch eine Option?
Zu unserer Strategie gehört es, zu wachsen. Dass wir das auch anorganisch können, haben wir mit der Übernahme von Onvista durch die Comdirect gezeigt.

Was halten Sie von einer Fusion der Privatkundensparten von Commerzbank und Deutscher Bank? Viele Großaktionäre könnten sich das perspektivisch durchaus vorstellen.
Gerüchte kommentiere ich nicht. Wir haben eine klare Strategie, mit der wir den Wert der Commerzbank steigern wollen. Und ich arbeite mit viel Leidenschaft daran, dass uns das gelingt.

Die Commerzbank hat ihre Strategie gerade erst modifiziert und baut unter dem Stichwort „Campus 2.0“ gerade ihre Zentrale grundlegend um. Warum?
Wir haben im Herbst 2016 angefangen, IT-Spezialisten und Fachleute aus den verschiedenen Segmenten in unserem Campus in Teams zusammenzubringen, um gemeinsam an neuen Angeboten und Produkten zu arbeiten. Das hat super funktioniert. Deshalb möchten wir das Konzept jetzt auf die Zentrale übertragen. Dadurch werden wir schneller.

Was bedeutet das für die Organisation?
Es soll 15 Key Areas mit 53 Teams, sogenannten Clustern, geben. Wir haben gerade die Projektorganisation aufgesetzt, um die Details zu erarbeiten. Das machen wir jetzt, dann sprechen wir mit den Gremien. Das Ergebnis werden wir anschließend kommunizieren.

Im September steht die jährliche Strategiesitzung von Vorstand und Aufsichtsrat an. Der neue Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann schaut sich seit Monaten alles genau an und stellt viele Fragen. Rechnen Sie nach „Commerzbank 4.0“ und „Campus 2.0“ mit weiteren Veränderungen?
Bleiben wir erst mal beim Hier und Jetzt. Wir haben eine genaue Vorstellung davon, in welche Richtung wir die Bank entwickeln wollen. Und mit „Campus 2.0“ zeigen wir, dass wir den Mut haben, auf diesem Weg auch notwendige Veränderungen vorzunehmen.

Herr Mandel, vielen Dank für dieses Gespräch.

Startseite

Mehr zu: Vorstand Michael Mandel im Interview - Commerzbank droht Dax-Abstieg – „Wir werden hart kämpfen“

0 Kommentare zu "Vorstand Michael Mandel im Interview: Commerzbank droht Dax-Abstieg – „Wir werden hart kämpfen“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%