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Andrej Kostin

„Josef Ackermann war ein großartiger Investmentbanker.“

(Foto: dpa)

VTB-Chef im Interview Russischer Top-Banker Andrej Kostin: „Jeder hat Angst vor den Sanktionen“

Der Chef der zweitgrößten russischen Bank VTB über die Krise der Finanzbranche, die Folgen der westlichen Sanktionen und seine Hochachtung für die Deutsche Bank.
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„Josef Ackermann war ein großartiger Investmentbanker.“ Quelle: dpa
Andrej Kostin

„Josef Ackermann war ein großartiger Investmentbanker.“

(Foto: dpa)

Berlin Vor dem Interview mit dem Handelsblatt reicht Andrej Kostin im VTB-Tower in Moskau Pralinen mit dem Porträt von Präsident Putin. Der Chef der Bank, an der der russische Staat die Mehrheit hält, ist bekennender Fan des Präsidenten.

Kostin gilt aber auch als sehr offener Kritiker einer Branche, die nach wie vor in der Krise steckt. VTB hat viele Probleme, die Kostin vor allem auf die westlichen Sanktionen gegen Russland zurückführt. Weil es zu wenig Interesse ausländischer Investoren gebe, wachse der Einfluss des russischen Staats auf den Finanzsektor weiter, konstatiert der Banker im Interview.

Viele westeuropäische Banker würden aber vielleicht trotzdem gerne mit Kostin tauschen. Während die Banken in der Euro-Zone mit einer Zementierung der Minuszinsen der Europäischen Zentralbank kämpfen, liegt der Leitzins in Russland bei stolzen 6,5 Prozent. Für das laufende Jahr strebt die VTB einen Gewinn von umgerechnet 2,8 Milliarden Euro an, das würde für eine Eigenkapitalrendite von zwölf Prozent reichen. Werte, von denen Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing oder sein Kollege Martin Zielke von der Commerzbank nur träumen können.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Kostin, die Aktie der VTB-Bank hat in den vergangen drei Jahren rund 40 Prozent an Wert verloren. Wie bewerten sie diese Entwicklung?
Wir sind nicht zufrieden. Ich glaube jedoch nicht, dass wir im Moment viel besser abschneiden können. Aus zwei Gründen: wegen der verschärften Regulierung und der Sanktionen, die eine große Belastung für den Aktienmarkt sind.

Aktuell ist der Sanktionsdruck wahrscheinlich geringer, aber immer noch beträchtlich, weil niemand weiß, ob sich die Lage zum Schlechten oder zum Besseren entwickelt. Da der Bankensektor ein Hauptziel der amerikanischen Sanktionen war, werden sie immer ein Damoklesschwert bleiben.

Ihr Konkurrent, die Sberbank, an der der Staat ebenfalls die Mehrheit hält, schneidet an der Moskauer Börse deutlich besser ab.
Trotzdem könnte auch deren Performance ohne die Sanktionen viel besser sein. Der Sberbank geht es besser, weil sie immer noch ein Monopol hat. Das russische Bankwesen ist immer noch gespalten – nicht in staatliche Banken und private Banken. Sondern in die Sberbank im Vergleich zu allen anderen Banken.

Sie ist zu groß und beherrscht in vielen Bereichen den Markt. Ich will den Erfolg ihrer Manager damit gar nicht schmälern. Sie haben schon früh die Bedeutung neuer Technologien erkannt. Dennoch hatte die Sberbank von Anfang an einige Vorteile. Deshalb ist es aus dieser Sicht nicht so einfach, mit ihr zu konkurrieren. Aber wir versuchen es.

Und wie erfolgreich sind Sie dabei?
Vor drei Jahren haben wir keinen Gewinn gemacht. Dieses Jahr erwarten wir 200 Milliarden Rubel (umgerechnet 2,8 Milliarden Euro). Das reicht für eine Eigenkapitalrendite von zwölf Prozent. Wir hoffen, dass wir in zwei bis drei Jahren diesen Wert auf 15 Prozent steigern können.

Das wäre eine gute Rendite angesichts des nicht sehr freundlichen Umfelds mit der immer strengeren Regulierung, darunter die neuen Kapitalanforderungen und Rückstellungen, die die russische Zentralbank verlangt, und die den profitabelsten Teil des Bankgeschäfts belastet: das Privatkundengeschäft.

Hat die Zentralbank nicht gute Gründe für ihre Eingriffe?
Gründe sind ja immer da (lacht). Aber wir sind der Meinung, dass wir nicht in einer Phase sind, in der eine strengere Regulierung auf dem Privatkundenmarkt nötig wäre. Wir glauben, dass der Markt mehr vertragen könnte.

Aber die Zentralbank hat begonnen, das Geschäft mit Krediten an Privatkunden abzukühlen. Die Banken sollen sich stärker auf Kredite für die Realwirtschaft, auf Unternehmensinvestitionen konzentrieren. Aber das ist Nonsens. Wenn wir die Kreditvergabe an Privatkunden reduzieren, bedeutet dies nicht, dass die Banken den Unternehmen mehr Kredite gewähren.

Warum nicht?
Der Grund, die Kreditvergabe an Unternehmen nicht zu erhöhen, liegt darin, dass viele von ihnen überschuldet sind. Zum Beispiel in der Zementindustrie, im Bausektor oder auch im Kohlebergbau. Und einige Unternehmen sind nicht transparent genug.

Welche Strategie verfolgt die VTB in diesem Umfeld?
Das zentrale Thema ist die Digitalisierung, da im Bankgeschäft neue Technologien schneller als in anderen Bereichen eingeführt werden. Seit vielen Jahren wird über selbstfahrende Autos gesprochen, aber auf der Straße sieht man heute noch nicht viel davon. Im Bankgeschäft werden dagegen täglich neue Technologien eingeführt. Immer mehr Menschen nutzen Mobiltelefone oder das Internet für Finanzgeschäfte.

In Westeuropa machen junge technologiegetriebene Finanzfirmen, sogenannte Fintechs, den Banken Konkurrenz. Wie sieht das auf ihrem Heimatmarkt aus?
In Russland nicht so sehr. Die führenden Banken haben hier genug Geld, um das Know-how zu kaufen oder Start-ups im Finanzsektor zu übernehmen. Wir versuchen, mit unseren neuen digitalen Technologien anderen voraus zu sein und andere Branchen zu durchdringen. Wir möchten ein Ökosystem schaffen, in dem unsere Dienstleistungen in den Bereichen Verkehr, Handel und anderen Bereichen genutzt werden.

Das Hauptproblem sind also immer noch Sanktionen?
Ja, zumindest teilweise. Die VTB ist aufgrund der Sanktionen völlig von Auslandsfinanzierungen abgeschnitten. Aber wir haben genug Dollar, Euro und Rubel und konzentrieren uns mehr auf lokale Finanzierung. Wir sind nicht mehr auf ausländische Finanzressourcen angewiesen.

Ist Russlands Banksystem trotz der Sanktionen stabil?
Ja, das ist es. Obwohl wir mit 450 Banken immer noch zu viele Institute haben. Die meisten von ihnen sind zu klein und können mit den neuen Vorschriften der Zentralbank nicht Schritt halten. Einige sind immer noch nicht transparent genug. Die Zentralbank hat in den vergangenen Jahren einen riesigen Geldbetrag von rund fast 50 Milliarden Dollar investiert, um das System zu stabilisieren. Sie wird die Situation unter Kontrolle halten.

Was bedeutet das konkret?
Umgerechnet 50 Milliarden Dollar wurden für bankrotte Banken ausgegeben, hauptsächlich in Form direkter Kapitalspritzen und Zahlungen durch Einlagensicherungssysteme. Insgesamt ist das Bankensystem stabil. Es gibt nicht jetzt nicht mehr nur VTB oder Sberbank, die vom Staat oder der Zentralbank kontrolliert werden. Die Zentralbank hält nun auch die Mehrheit der Bank Otkrytie.

Der staatliche Einfluss im Finanzsektor wird also immer stärker.
Ja, und es gibt daran viel Kritik. Aber ich denke, das ist das geringere von zwei Übeln. Die Zentralbank hatte nicht viel Auswahl, und der Staat und die Notenbank wollen auch Bankanteile verkaufen. Tatsächlich aber ist das Bankgeschäft heutzutage aufgrund der verschärften Regulierung kein attraktives Geschäft weltweit.

In Russland wird die Situation weiter durch Sanktionen beeinflusst. Ohne diese Hindernisse wäre die VTB vollständig privatisiert worden. Wir haben den Prozess 2007 begonnen, jetzt liegt der Streubesitz bei 39 Prozent, und wir hätten ihn damals noch deutlich ausweiten können. Heute ist das unmöglich.

Wegen der westlichen Sanktionen? Es könnte andere Käufer geben, zum Beispiel aus China.
Jeder hat Angst vor den Sekundärsanktionen der USA. Das Lustige ist, dass die russische Regierung bereits existierende Aktien verkaufen könnte, sie unterliegen keinen Sanktionen, nur neue Aktien. Die Regierung könnte also die restlichen 61 Prozent der VTB verkaufen, aber die Anleger haben keinen großen Appetit.

Wir müssen also auf das Ende der Sanktionen warten. Noch sind russische Vermögenswerte stark unterbewertet, aber wenn die Sanktionen aufgehoben werden, werden die Preise sehr schnell steigen.

Wo sehen sie außer den Sanktionen noch Probleme?
Unsere Wirtschaft wächst so langsam wie die in Europa. Die offizielle Prognose für 2019 liegt unter zwei Prozent. Der Bankensektor wächst immer noch schneller als die Wirtschaft im Allgemeinen. Aber das bescheidene Wirtschaftswachstum beschränkt die Möglichkeiten für Banken.

Den europäischen Banken geht es aber noch schlechter als den russischen, weil die Regulierung noch stärker zunimmt. Es ist ein Katz- und Mausspiel wie in der Zeichentrickserie Tom und Jerry: Die Zentralbanken drängen die Banken, weniger Risiko einzugehen und mehr Kapital bereitzustellen, und die Banken versuchen genau das Umgekehrte.

Glücklicherweise haben wir für Russland immer noch einen relativ hohen Leitzins von 6,5 Prozent, was für die Wirtschaft akzeptabel ist und es uns ermöglicht, eine hohe Marge von gut drei Prozent zu erzielen. Das wäre unmöglich, wenn wir wie in Europa Negativzinsen hätten.

Macht die russische Regierung genug, um die Wirtschaft anzukurbeln?
Die Regierung zieht Geld aus dem System ab, indem sie mehr Steuern erhebt, mehr Geld in die staatlichen Reservefonds legt, Gold kauft oder Dollar in Rubel umwandelt. Jetzt hat die Regierung immerhin nationale Projekte ins Leben gerufen, mit denen in den nächsten drei bis fünf Jahren enorme Investitionen in Infrastruktur, Bildung und andere sozial wichtige Bereiche fließen.

Was könnte die Regierung darüber hinaus tun?
Ich habe dem Finanzminister, der Vorsitzender unseres Aufsichtsrats ist, vorgeschlagen, die Steuern für Menschen mit niedrigem Einkommen und für kleine und mittlere Unternehmen zu senken. Der Minister war sehr unglücklich, weil er glaubt, dass die Regierung nichts ändern sollte.

Interessanterweise erhöht sie aber die Steuern, die Ausgaben indes nicht. Wir haben einen hohen Haushaltsüberschuss, und das Steueraufkommen wächst viel schneller als die Staatsausgaben. Der Finanzminister will eine Verbilligung von Krediten, die Zentralbank ist jedoch vorsichtig.

Warum ist das so?
Die Notenbank befürchtet einen Anstieg der Inflation. Meiner Meinung nach kann der Leitzins innerhalb der nächsten zwei Jahre auf 5,5 bis sechs Prozent sinken, nicht stärker. In Russland wird es kein billiges Geld für die Banken geben wie in Europa oder Amerika. Das ist sicher. Das begrenzt Wachstumsimpulse für die Wirtschaft. Kurzfristig sind Steuersenkungen nicht realistisch, daher besteht die einzige Möglichkeit darin, die Staatsausgaben zu erhöhen. Das wäre der Motor für wirtschaftliches Wachstum.

Inwieweit ist Russland von Entwicklungen in Europa wie Negativzinsen oder dem Brexit betroffen?
Nicht so stark. Der Brexit wird Russland nicht sehr beeinflussen.

Auch nicht ihren Ableger VTB Capital in London?
Wir haben dort 160 Mitarbeiter und 2,5 Milliarden Dollar in unserer Bilanz. Wir haben bereits einen Teil der Aktivitäten in die europäische Zentrale der VTB in Frankfurt verlagert. Dort haben wir mit 215 Mitarbeitern bereits mehr als in London. Nach dem Zusammenschluss der europäischen Aktivitäten der VTB im Jahr 2017 haben wir unsere Belegschaft in Deutschland verdoppelt.

In Frankfurt haben wir die VTB Direktbank, sie unterhält 170.000 Konten mit Einlagen von rund drei Milliarden Euro. Insgesamt verwalten wir dort drei Milliarden von Privatkunden der VTB Direktbank und eine Milliarde von Firmenkunden der VTB Bank (Europe) SE.

Wie wollen Sie in Deutschland wachsen?
Das ist schwierig, auch die Deutsche Bank hat Probleme in ihrer Heimat. Wir arbeiten hauptsächlich mit deutschen Tochtergesellschaften der größten russischen Unternehmen sowie mit Firmen aus GUS-Staaten, die in Deutschland präsent sind. Wir finanzieren den russisch-deutschen Handel im Umfeld der Sanktionen. Es ist wichtig, in Europa präsent zu sein. Wir erwarten ein moderates Wachstum unseres Kundenstamms in Deutschland.

Sie haben die Deutsche Bank erwähnt. Wie sehen sie das größte deutsche Bankhaus?
Amerikanische und englische Journalisten fragen mich oft, ob wir mit der Deutschen Bank zusammengearbeitet haben. Natürlich haben wir es getan, und wir tun es noch immer. Und dann sagen diese Journalisten, dass die Deutsche Bank auch mit US-Präsident Donald Trump zusammengearbeitet hat und es deshalb eine Verbindung zwischen VTB und Trump geben muss. Auf die Frage, warum das so sein sollte, lautet die Antwort dieser Kritiker: „Weil beide mit der Deutschen Bank zusammengearbeitet haben.“

Im Ernst, das ist ihre Logik. Mein verstorbener Sohn hat dort zehn Jahre lang gearbeitet. Und ich hatte eine ganz besondere Beziehung zum ehemaligen Vorstandschef, Herrn Ackermann, der meiner Meinung nach ein großartiger Investmentbanker war. Er war ein ziemlicher Star in der Bank. Und im Investmentbanking war die Deutsche Bank tatsächlich unser Lehrer. Es ist bedauerlich zu sehen, was jetzt mit der Deutschen Bank passiert.

Herr Kostin, vielen Dank für das Interview.

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