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Web Summit Europas Banken lassen den wichtigsten Tech-Kongress links liegen

In Lissabon trifft sich die Technologie-Elite. Die Finanzbranche ist eingeladen, hält sich aber im Abseits. So wird die digitale Zukunft ohne Europas Banken geplant.
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Auf der Technologie-Messe war nur Wirecard als einziger großer deutscher Finanzdienstleister mit einem Stand präsent. Quelle: Reuters
Web Summit in Lissabon

Auf der Technologie-Messe war nur Wirecard als einziger großer deutscher Finanzdienstleister mit einem Stand präsent.

(Foto: Reuters)

Lissabon Dann fällt auch noch das Kreditkarten-Lesegerät aus. „Ihr müsst mit Bargeld bezahlen“, ruft die Bedienung am Bierstand, einem der beliebtesten Orte auf dem Web Summit in Lissabon. „Cash only!“ Kollektives Seufzen in der Warteschlange. Es läuft nicht rund für die Finanzbranche auf Europas größter Technologiemesse – und das nicht nur am Bierstand.

Eigentlich ist der Web Summit ein voller Erfolg: 70.000 Teilnehmer sind in die portugiesische Hauptstadt gekommen, um die Digitaltrends der Zukunft zu erleben. Google, Amazon und Huawei versprühen Optimismus; Porsche, Siemens und SAP vertreten mit großen Auftritten den Tech-Standort Deutschland. Nur eine Branche bleibt blass: die der Banken und Zahlungsdienstleister.

Deutsche Bank und Commerzbank sucht man auf dem Web Summit vergebens. Auch die europäischen Kollegen von BNP, HSBC oder ING sind nicht vertreten. Selbst die Berliner Smartphone-Bank N26 fehlt. Als einziger deutscher Finanzkonzern ist Wirecard vor Ort, an dessen Stand vor allem der kostenlose Kaffee gut ankommt.

„Europa droht zurückzufallen“, mahnt Werner Hoyer, Präsident der Europäischen Investitionsbank, der Förderbank der EU, auf der Web-Summit-Bühne. „Wir liegen bei den Forschungsausgaben hinter anderen Teilen der Welt, bei der Förderung neuer Technologien und in der Finanzierung junger Unternehmen.“

Dass die großen Institute aus London, Frankfurt oder Paris nicht nach Lissabon gekommen sind, sagt viel aus über die Lage der europäischen Finanzbranche. Auf dem Web Summit ist ein eigener Bereich für sie vorgesehen: Messehalle zwei, „MoneyConf“ genannt. Doch fast alle Aussteller dort kommen aus der Peripherie des Kontinents, aus der Start-up-Szene, oder gleich aus Übersee. Die Großbanken kehren der Digitalwelt den Rücken.

Europas Banken spielen bei der Finanzierung keine Rolle mehr

Das hat Folgen: Als Finanzier für Tech-Innovationen spielen Europas Banken keine Rolle mehr. Das Geld für die Deals, die auf dem Web Summit geschlossen werden, kommt von Risikokapitalgebern, oft mit US-Hintergrund. Auch bei der Jagd um die IT-Talente und digitalaffinen Kunden der Zukunft fallen Europas Geldhäuser aus.

„Ich bin wegen Google da“, sagt ein junger Programmierer aus den Niederlanden, der gerade am Stand des Internetriesen einen Coding-Kurs mitgemacht hat. Ein Job bei einer Bank? „Nichts für mich“, so die knappe Antwort. Um die Ecke steht ein Teilnehmer mit einem Pappschild: „Do you trust your bank?“, steht darauf, „Vertrauen Sie Ihrer Bank?“ Die Frage ist rhetorisch gemeint. Wer „nein“ antwortet, wie die meisten hier, dem wird ein Besuch am Stand der alternativen Kryptowährung „Decred“ empfohlen.

Auch die „MoneyConf“-Bühne beherrschen Tech- und Internetfirmen. „Wir arbeiten unter Hochdruck am Bezahlen der Zukunft“, sagt etwa Alyssa Cutright, Leiterin Global Payments beim Onlinehändler Ebay. „Es ist digital, mobil, datengetrieben und kundenzentriert“, so ihre Prognose.

Werner Vogels, Technikvorstand von Amazon, erklärt: „Kunden wollen auf unterschiedlichen Wegen bezahlen, je nach Land digital oder weiter per Bargeld. Amazon muss alle Zahlungsarten abdecken.“ Eine eigene Kryptowährung brauche es hierfür nicht unbedingt, so Cutright und Vogel unisono, man werde die Entwicklung rund um Libra aber beobachten. Facebooks Krypto-Coin wird auf der „MoneyConf“-Bühne breit diskutiert. Banken als Zahlungspartner spielen im Diskurs hingegen keine Rolle mehr.

Gefragt sind vielmehr neue Spieler wie Yapstone aus den USA. Yapstone ist ein spezialisierter Zahlungsdienstleister, der Onlinehändlern ein Komplettpaket an Transaktionsdiensten zur Verfügung stellt. Mussten Pioniere wie der Onlinehändler Ebay oder der Fahrdienstleister Uber ihre Bezahlverfahren noch selbst programmieren, erhalten neue Onlineplattformen von Yapstone ein Komplettpaket.

Transaktionen von 450 Milliarden Dollar

„Wir identifizieren die Kunden, schließen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung aus und übernehmen die Abwicklung aller Zahlungen“, erklärt Chef Tom Villante. Yapstone hat vergangenes Jahr Transaktionen über 18 Milliarden Dollar abgewickelt. Der Pionier im Markt, Paypal, kam da bereits auf rund 450 Milliarden Dollar.

Trifft man auf dem Web Summit überhaupt noch Banker, dann sehen sie aus wie Benjamin Jones. Der junge Brite trägt Nickelbrille und T-Shirt und ist Vorstandschef der Berliner Krypto-Bank Bitwala, die neben dem Girokonto auch Bitcoin-Konten anbietet. Bitwala will nicht mehr nur Nerds und Krypto-Fans anlocken, sondern auch traditionelle Bankkunden.

„Wir sind die Bank der Zukunft“, verspricht Jones. „Kunden können bei uns schnell und einfach zwischen Euro- und Bitcoin-Konten hin- und herwechseln, bald kommt Ethereum dazu“, die zweitgrößte Kryptowährung. Weitere Schritte seien geplant, etwa ein attraktiv verzinstes Angebot, das in Zeiten von Null- und Negativzinsen zum Marketingschlager werden könnte. Die klassischen Banken, die regelmäßig bei Bitwala anrufen und nach Kooperationen fragen, werden vertröstet. „Die direkte Kundenbeziehung ist uns am wichtigsten“, so Jones.

Haben klassische Banken den Anschluss an die Digitalwelt also bereits verpasst? Nicht unbedingt, zeigt ein Beispiel aus Portugal. Ausgerechnet Crédito Agrícola (CA), eine traditionsreiche, 109 Jahre alte Genossenschaftsbank, die in vielen portugiesischen Dörfern noch Filialen betreibt und mit dem gleichnamigen Pariser Institut nichts zu tun hat, zeigt auf dem Web Summit stolz ihr Zukunftsprojekt. Moey heißt die Digitalbank, die CA vor kurzem gestartet hat.

Moey hat in kürzester Zeit rund 20.000 Kunden gewonnen und setzt auf Banking per Smartphone. „In der App können die Kunden ihre kompletten Finanzen managen. Bald werden wir auch Versicherungen anbieten und andere Dienstleistungen“, verspricht CA-Direktor Jorge Almeida Gonçalves. Moey gibt es nur in Portugal, eine europäische Expansion ist derzeit nicht geplant. „Wir müssen erst einmal unsere Filialkunden davon überzeugen, auf eine App umzusteigen“, scherzt Gonçalves.

Programmiert hat Moey nicht CA selbst, sondern das 2009 gegründete isländische Finanz-Start-up Meniga. „Wir sind Partner der Banken“, sagt dessen Gründer Georg Ludviksson. „Moey ist nur eines von vielen Projekten. Wir sind in über 30 Ländern aktiv.“ Neben der Zentrale in Reykjavik betreiben die Isländer Büros in London, Stockholm and Warschau.

Start-ups, die internationaler aufgestellt sind als die Banken, die sie beraten: Vielleicht gibt das Beispiel aus Portugal ja einen Vorgeschmack auf die Zukunft des Finanzplatzes Europa. So lang am Bierstand noch nicht mit Libra bezahlt wird, besteht jedenfalls noch Hoffnung für die klassischen Geldhäuser. Technologiefirmen wie Meniga stehen bereit für Nachhilfe im Banking der Zukunft.

Mehr: Die Technologie-Branche diskutiert mit der Politik über Regulierung und Innovation. Auf dem Web Summit geht das bedachter als im Wahlkampf oder auf Twitter.

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