Wegen Hochwasser-Katastrophe Das Schwarze-Peter-Spiel der Versicherer

Der sächsische Ministerpräsident warnt Versicherungen davor, Verträge wegen Schäden zu kündigen – Hochwasser-Geschädigte müssten weiter mit Schutz rechnen können. Die Branche sieht Nachlässigkeiten bei den Betroffenen.
Update: 07.06.2013 - 16:37 Uhr 8 Kommentare
Autos stehen im Deggendorfer Ortsteil Fischerdorf stehen unter Wasser. Quelle: dpa

Autos stehen im Deggendorfer Ortsteil Fischerdorf stehen unter Wasser.

(Foto: dpa)

Berlin/FrankfurtDer sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) hat an die Versicherungswirtschaft appelliert, den von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Menschen den Versicherungsschutz nicht zu verwehren. „Sprechen sie keine Schadensfallkündigung aus“, sagte Tillich am Freitag im Bundesrat. „Wir wollen weiter pulsierende Innenstädte“, so der Politiker mit Blick auf die in Flussnähe liegenden, vom Hochwasser bedrohten Orte. Die DDR habe die Innenstädte verfallen lassen. Es könne nicht sein, dass sich die dortigen Häuser jetzt nicht versichern ließen.

„Wir können über 99 Prozent aller Haushalte in Deutschland problemlos gegen Hochwasser und Überschwemmung versichern“, sagt Jörg von Fürstenwerth, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Mit den Erfahrungen der Menschen, die in diesen Tagen durch den Schlamm in ihren Kellern und das Wasser in ihren Wohnungen waten, passt das aber nicht zusammen. Tillich hatte bei einem Besuch im von der Mulde überschwemmten Döbeln gesagt, 99 Prozent der Geschäfte in den hochwassergefährdeten Gebieten bekämen keinen Versicherungsschutz.

Dennoch laufen Schadensmeldungen im Minutentakt bei den Versicherer ein. „Wir gehen davon aus, dass wir eine Schadenhöhe auf dem Niveau von 2002 erreichen werden“, sagt der Vorstandschef der Gothaer Allgemeine, Thomas Leicht. Damals habe die Gothaer 30,2 Millionen Euro an die Geschädigten ausgezahlt, diesmal hätten 1000 Kunden schon jetzt Schäden von mehr als 20 Millionen Euro gemeldet.

Schütteln die Versicherer aber nur bei einem Prozent der Haushalte den Kopf, wenn es um einen Versicherungsschutz geht, dann trifft das immerhin 400.000 Wohnungen und Häuser an Flüssen, Bächen oder in Flussauen, die mindestens einmal in zehn Jahren von Überschwemmungen oder sintflutartigem Regen heimgesucht werden. In der Passauer Altstadt etwa, in Grimma in Sachsen oder an der Mosel. Für einen beträchtlichen Teil von ihnen ist es 2013 wieder einmal so weit.

Nicht nur der sächsische CDU-Politiker ruft nach einer Pflichtversicherung gegen Hochwasser, wie es sie etwa in Baden-Württemberg bis 1994 gab. Dort sind 95 Prozent aller Haushalte gegen Elementarschäden versichert. Im Bundesdurchschnitt liegt die Quote gerade bei 32 Prozent. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) hat für Montag unter anderem Fürstenwerth und GDV-Präsident Alexander Erdland zu einem Krisentreffen eingeladen, in dem es auch um die Frage gehen soll, warum die Versicherer vielen Haus- und Ladenbesitzer den ersehnten Schutz verweigern.

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8 Kommentare zu "Wegen Hochwasser-Katastrophe: Das Schwarze-Peter-Spiel der Versicherer"

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  • Der Staat wird die Kosten nicht übernehmen. Von Seiten der Landes- und Bundesregierung sind ca. 150 Mio Euro als unbürokratische Hilfe geboten worden. Unbürokratisch gibt es in der BRD nicht. Das wird ein Gang nach Kanossa für jeden Bittsteller. Weiterhin beläuft sich der Schaden bis jetzt auf mehrere Milliarden Euro. Die Betroffenen werden auf dem Schaden sitzen bleiben. Leider!

  • Natürlich kann die BRD hier intervenieren und eine Marktverzerrung aufgrund normativer Beweggründe herbeiführen. Zum Beispiel kann die BRD eine staatliche Rückversicherung gründen (Ähnlich wie diese Förderbanken). Versicherung lagern dann "förderfähige Policen" (das muss der Gesetzgeber definieren, z.B. Tillich Uferpromenadengebäudeversicherungen) in Zweckgesellschaften aus, die eine revolvierende Master-Trust Struktur hat, wo die staatliche "FörderRück" die First-Loss Tranchen nimmt (Man kann auch einen Wrapper auf das ganze Policenportfolio machen) und Senior gestellte CatBond bzw. Insurance Linked Bond am Kapitalmarkt platziert werden ("German Agency CatBonds" hört sich doch doll an). Das ist eine klare Win-Win Situation. Die Uferpromenandengebäudebesitzer können sich die Prämien für Sachversicherungen leisten und die Versicherungen machen Geschäft wofür sie sonst nie eine Rückversicherung finden würden. Für den Staat ändert sich nichts, nur dass er nun offiziell alle Schäden bezahlt anstatt Almosen im Krisefall nach Gutdünken zu verteilen.

  • Wenn mich nicht alles täuscht sind derartige Risiken im Kaufpreis der Liegenschaft inkludiert. Das ist wieder typisch dt. Rosinenpicken. Erbe usw. ausgenommen.

  • Der Normalfall sollte eigentlich sein, dass die Gemeinden auf Kosten der Eigentümer die ein Gebäude an einem Fluss bewohnen geeignete Deiche baut. Alternativ kann man die Häuser auch auf Stelzen stellen.

    Das die Versicherer keine Häuser am Fluss gegen Ueberschwemmung versichern, ist naheliegend. Die Forderung nach einer Versicherungspflicht der Politiker durch die Versicherer ist eine Massnahme sich zu Lasten der Allgemeinheit beliebt zu machen.

    Vandale

  • Traurige Logik, Herr Kammschott.

    Versicherungen müssen im Interesse aller ihrer Versicherten wirtschaften.

    Möchte Sie wirklich weniger aus z.B. ihrer Lebensversicherung ausgezahlt bekommen, nur weil andere Mitversicherte partout malerisch-günstig wohnen wollen und ihnen egal ist, dass die Versichertengemeinschaft ihre Allüren finanzieren muss?

  • @Willi

    warum soll die Allgemeinheit alle fünf Jahre die Flutschäden von Leuten bezahlen, die zu dicht am Wasser gebaut haben und ihre Aussicht genießen?
    Eine entsprechende Aussicht aufs Wasser bweinhaltet eben Risiken.
    Die hinterfotzige Politik geriert sich als Helfer in Gummistiefeln.
    Warum wurden seit 10 Jahren keine Flutmauern gebaut,
    dafür sind doch keine besonderen Ingeneursleistungen notwendig.
    Nein, wie spekulierende Banken müssen auch die Flutgeschädigten geradestehen für ihren Verlust,
    oder sie beschweren sich bei den Bauämtern, welche die Bebauung genehmigt haben.
    Jeder weiß um die Gefahr, also müssen die Prämien so hoch sein,
    daß die potentiellen Flutgeschädigten in Summe ihre Schäden selbst bezahlen und
    nicht die Allgemeinheit oder Spender.
    vzD


  • Die Versicherer haben die Erfindung des "menschgemachten Klimawandels" geschickt ausgenutzt, um kräftig abzukassieren. Dafür zahlen wir alle über die Prämien mit. Der Unfug ist nichts anderes als ein Konjunkturprogramm für Versicherungen.

  • Ich bin selbst Hauseigentümer und habe beim Abschluss der Gebäudeversicherung bewusst auf Schutz vor Elementarschäden verzichtet. Der Grund: Mein Haus steht in einer Region, wo selten starke Winde wehen, wo mit Erdbeben nicht zu rechnen ist und an Hochwasser auch nicht zu denken ist. Gegen einen stärkeren Regen sollte das Haus aber schon gewappnet sein.

    Stünde mein Haus in der Nähe der Saale, der Mulde, der Elbe, des Rheins oder der Donau, dann wären die Elementarschäden sicherlich abgesichert.

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