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Zahlungsdienstleister Freispruch mit Schönheitsfehlern: Bericht entlastet Wirecard – doch es wird weiter ermittelt

Ein Untersuchungsbericht sieht keine strafrechtlichen Verstöße bei Wirecard in Deutschland. Der Aktienkurs ist nach der Veröffentlichung extrem stark gestiegen.
Update: 26.03.2019 - 17:45 Uhr Kommentieren
Die Aktie des Zahlungsdienstleisters stieg nach Veröffentlichung des Berichts um 30 Prozent an. Quelle: obs
Wirecard sieht sich als entlastet an

Die Aktie des Zahlungsdienstleisters stieg nach Veröffentlichung des Berichts um 30 Prozent an.

(Foto: obs)

MünchenMarkus Braun war die Anspannung anzusehen, als er sich Ende letzter Woche an die Mitarbeiter wandte. „Ich rechne mit einer baldigen Aufklärung der Vorwürfe“, versprach der Vorstandschef von Wirecard der Belegschaft per Videobotschaft. Knapp eine Woche später liegt der Bericht der Kanzlei nun vor – und die Erleichterung in der Zentrale in Aschheim dürfte groß sein.

„Externe Untersuchung stellt keine wesentlichen Auswirkungen auf die Abschlüsse bei Wirecard fest“, erklärte der Konzern am Dienstagnachmittag in einer Ad-hoc-Mitteilung. Eine Zusammenfassung des Untersuchungsbericht veröffentlichte das Unternehmen auf seiner Webseite. Die Aktie des Zahlungsdienstleisters aus dem Münchener Vorort Aschheim schnellte als Reaktion darauf in den folgenden Handelsstunden um bis zu 30 Prozent in die Höhe.

Es ist ein Freispruch mit kleinen Schönheitsfehlern. Man habe keine Hinweise auf ein sogenanntes „Round-Tripping“, also Scheinumsätze ohne geschäftlichen Hintergrund, oder auf Korruption gefunden, heißt es in dem Report. Das gelte auch für die Konzernzentrale östlich von München. Es gebe keine Erkenntnisse über ein mögliches strafrechtliches Vergehen von dort, hieß es. Möglicherweise hätten sich aber einzelne lokale Mitarbeiter in Singapur nach lokalem Recht strafbar gemacht, so die Anwälte.

Am 30. Januar hatte die britische Wirtschaftszeitung „Financial Times“ erstmals über Unregelmäßigkeiten und mögliche Kontomanipulationen bei Wirecard in Singapur aus dem Frühjahr 2018 berichtet (siehe Chronik). Die Rede war von Betrug, Dokumentenfälschung und Round-Tripping.

Die Aktie des Zahlungsdienstleisters, die seit September dem Dax angehört, fiel daraufhin von 167,40 Euro bis auf ein Tief von 86 Euro. Insgesamt gingen in der Spitze bis zu zehn Milliarden Euro Börsenwert verloren.

Vonseiten des Unternehmens um Vorstandschef Braun wurden die Vorwürfe stets bestritten. Stattdessen verwies man auf den Abschlussbericht der renommierten Anwaltskanzlei Rajah & Tann aus Singapur, die mit der externen Aufarbeitung beauftragt wurde. Vier bis sechs Wochen könne es dauern, ehe der brisante Bericht vorliege, hieß es im Februar. Seit gut zwei Wochen hieß es, man erwarte den Bericht in Kürze.

Seit Dienstag liegt der Bericht nun vor. Im Geschäftsjahr 2017 wurde demnach ein Umsatz von 2,5 Millionen Euro fälschlicherweise verbucht, heißt es da. Das wurde im Konzernabschluss 2018 allerdings rückwirkend für das Jahr 2017 korrigiert. Dabei habe man auch noch andere, positive Korrekturen gefunden, durch die die negative Korrektur kompensiert werden konnte.

Zudem soll im vergangenen Jahr ein Vermögensgegenstand von drei Millionen Euro fälschlicherweise für eine Woche falsch bilanziert worden sein, was sich dem Unternehmen zufolge aber nicht im Jahresabschluss für 2018 auswirken soll.

Als dritten und womöglich heikelsten Sachverhalt fanden die Anwälte Vorgänge, die aber wohl nicht in tatsächliche Geschäftsvorgänge mündeten, sondern im Entwurfsstadium blieben. Dazu seien Entwürfe von Verträgen vorbereitet und im Namen der Gesellschaft unterschrieben worden. Jedoch sollen sie nicht abgeschlossen worden sein.

„Diese Vorgänge betrafen Vereinbarungen, denen möglicherweise keine tatsächlichen Geschäftsvorgänge zugrunde lagen“, heißt es von Wirecard. Mit Ausnahme einer Transaktion von etwa 63 000 Euro habe keiner der Entwürfe sich in Buchungen niedergeschlagen oder zu Zu- und Abflüssen bei Tochtergesellschaften geführt.

Anfang Februar hatte Wirecard bereits in einem Statement seine Sicht der Dinge veröffentlicht. Demnach hat im April vergangenen Jahres ein Mitarbeiter der Singapurer Niederlassung von Wirecard Bedenken gegenüber der lokalen Rechts- und Compliance-Abteilung „wegen angeblicher Handlungen eines Mitarbeiters des Finanzteams von Wirecard in Singapur“ geäußert.

Die Vorwürfe sollen sich auf mögliche Compliance-Verletzungen im Bereich der Rechnungslegung bezogen haben. Dabei soll es im Zeitraum zwischen 2015 bis 2018 um Gesamtumsätze von 6,9 Millionen Euro, Gesamtkosten von 4,1 Millionen Euro sowie einen internen Transfer von geistigem Eigentum an Software im Wert von 2,6 Millionen Euro gegangen sein. Auch von möglichen Animositäten unter Mitarbeitern war als Grund für die Vorfälle die Rede.

Bereits Anfang Februar hatten die Anwälte von Rajah & Tann in einem kurzen Statement festgestellt, dass sie keine Hinweise auf ein Fehlverhalten von Führungskräften und Mitarbeitern bei Wirecard gefunden haben. Im nunmehr vorgelegten Bericht bestätigten die Anwälte ihre damalige Tendenz grundsätzlich.

Erst letzte Woche hatte die „Financial Times“ weitere Vorwürfe gegen Wirecard-Vorstand Jan Marsalek erhoben. Dem Blatt zufolge sollen leitende Angestellte, darunter Marsalek, in der Wirecard-Zentrale vier Transaktionen in einem Gesamtvolumen von zwei Millionen Euro beaufsichtigt haben. Diese stünden im Mittelpunkt der Ermittlungen in Singapur. Die Wirtschaftszeitung berief sich dabei auf ihr vorliegende Unterlagen.

Von Analysten wurde der Bericht der Kanzlei Rajah & Tann mehrheitlich positiv aufgenommen. Als erste Vorwürfe um Kontomanipulation und Betrug aufkamen, hatten die meisten namhaften Analysehäuser ihre positive Einschätzung über den Zahlungsdienstleister beibehalten. Eine der wenigen Ausnahmen war Josh Levin von der US-Bank Citi, der eine lang anhaltende Aufarbeitung des Falls erwartete und deswegen zum Verkauf riet.

Robin Brass von der Privatbank Hauck & Aufhäuser beließ sein Kursziel am Mittwoch in einer ersten Reaktion bei 220 Euro. Es bewegt sich damit gut 90 Euro über dem deutlich gestiegenen Kurs vom Dienstagnachmittag. Der durch die Vorwürfe verursachte Kursrückgang der Aktie biete fundamental orientierten Investoren deshalb einmal mehr eine gute Kaufgelegenheit, so Brass.

Ganz ausgestanden ist der Vorfall für den Dax-Neuling damit jedoch noch nicht. Die Staatsanwaltschaft in Singapur hatte im Februar und Anfang März insgesamt dreimal die Geschäftsräume von Wirecard in Singapur durchsucht. Dabei wurden nicht nur insgesamt 229 Kisten an Material der Tochtergesellschaften Wirecard Asia und Wirecard Singapur gesichert.

Die Beamten erhielten laut Unterlagen, die dem Handelsblatt vorliegen, darüber hinaus auch Zugang zu den E-Mail-Archiven von 15 Mitarbeitern. Wirecard hatte versucht, dies gerichtlich untersagen zu lassen. Das hatte der dortige High Court abgelehnt.

Wirecard hat infolge der neuen Erkenntnisse seine für die kommende Woche (4. April) geplante Bilanzpressekonferenz verschoben. Sie soll nun am 25. April stattfinden.

Mitarbeit: Felix Holtermann

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