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Zahlungsdienstleister Tonbandaufnahmen machen Wirecard-Streit mit „Financial Times“ zum beispiellosen Krimi

Ein inkriminierender Tonmitschnitt heizt den Streit zwischen Wirecard und der „Financial Times“ weiter an. Es geht um den Vorwurf der Marktmanipulation.
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Tonbandaufnahmen bringen zusätzliche Brisanz in den Streit zwischen Wirecard und der „Financial Times“. Quelle: Taxi/Getty Images
Vertrauliche Gespräche

Tonbandaufnahmen bringen zusätzliche Brisanz in den Streit zwischen Wirecard und der „Financial Times“.

(Foto: Taxi/Getty Images)

Frankfurt, Düsseldorf Die Sache sei ganz einfach, behauptete der Mann, der am vergangenen Mittwoch zur Attacke auf Wirecard blies. „Es gibt da eine deutsche Firma, Wirecard, okay? Ein Zahlungsdienstleister, ungefähr 20 Milliarden Euro wert.“ In den vergangenen Monaten habe die Zeitung „Financial Times“ („FT“) mehrere kritische Artikel über den Konzern geschrieben. Nun stehe wieder einer bevor. Das biete eine einmalige Gelegenheit zum Geldverdienen.

„Besser geht’s einfach nicht“, sagte der Mann. „Aber wir müssen uns beeilen. Die Sache ist sehr zeitkritisch.“

Der Krimi, der sich um Wirecard abspielt, ist ohne Beispiel. Seit Jahren liefert sich der Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München mit der Londoner „FT“ einen Schlagabtausch.

Die renommierte Wirtschaftszeitung zitierte in der Vergangenheit aus zum Teil unklaren Quellen – das Unternehmen gab Antworten, die teils holprig, teils unvollständig ausfielen.

Die Folge waren wilde Kursausschläge. Während in Singapur aufgrund dubioser interner Vorgänge Ermittlungen gegen Wirecard laufen, verdächtigen die deutsche Staatsanwaltschaft und die Finanzaufsicht zwei Redakteure der „FT“ der Beihilfe zur Marktmanipulation. Nun erreicht der Streit eine neue Qualität, wie ein Tonbandmitschnitt zeigt.

Einmalige Geschäftsgelegenheit

Die Aufnahme stammt vom vergangenen Mittwoch, angefertigt in den Geschäftsräumen des britischen Investors Nick X. Dem Handelsblatt liegt eine schriftliche Versicherung eines Privatdetektivs zur Authentizität der Aufnahme vor. Beauftragt wurde dieser von einem Investor, der angibt, überzeugter Wirecard-Aktionär zu sein.

Über einen Mittelsmann sei er von Nick X. zu einer einmaligen Geschäftsgelegenheit angesprochen worden. In einer Mischung aus Neugier und Misstrauen habe er einen Privatdetektiv nach London geschickt, getarnt als seinen Vertrauten. Der zeichnete das folgende Gespräch auf.

Auf dem Tonband zu hören ist vor allem Nick X., der mit angeblichem Insiderwissen über die Berichterstattung der „FT“ prahlt. „Als ich das erste Mal vor einem Artikel Wirecard handelte, lag der Kurs bei 180 Euro. Danach fiel er auf 120 Euro und dann auf 80“, sagt der Investor.

„Später habe ich bei einem anderen Artikel getradet, den die ,Financial Times‘ schrieb, und der Kurs fiel von 140 oder 150 auf 120 oder 110. Das ist nicht illegal, und, naja, es wird nicht als Insidertrading angesehen. Es ist keine Marktmanipulation, eine Aktie zu shorten.“

Dennoch, erklärt Nick X. seinem Gegenüber, könne er beim dritten Mal nicht selbst „shorten“, also auf fallende Kurse wetten. „Wir können nicht handeln, es ist einfach so, die Deutschen, die haben ihre eigenen Regeln“, sagt der Geschäftsmann. Deshalb suche er einen Partner.

„Idealerweise steigen wir mit euch in einer gewissen Größenordnung ein, wir machen fifty-fifty. (...) Ich denke, das hier ist ein Spiel um zehn Millionen. Also fünf für jeden als Versuchsballon.“

Aufsicht wird erst auf Anfrage tätig

Nick X. erwähnt nicht, dass es einen ganz bestimmten Grund geben könnte, warum er plötzlich im Hintergrund bleiben will: Nach Informationen des Handelsblatts steht der Geschäftsmann auf einer Verdächtigenliste der deutschen Finanzaufsicht Bafin. Die Behörde hatte bereits nach den starken Wirecard-Kursausschlägen im Februar dieses Jahres eine Untersuchung begonnen und im April bei der Staatsanwaltschaft München Anzeige erstattet. Diese ermittelt seitdem, womit das Verfahren für die Bafin zunächst abgeschlossen ist.

Wie in solchen Fällen üblich, wird die Finanzaufsicht nun erst wieder auf Anfrage der Staatsanwaltschaft tätig, etwa wenn es darum geht, Börsenhandelsdaten auszuwerten, oder eine Durchsuchung anberaumt würde. Die Bafin und die Staatsanwaltschaft verdächtigen mindestens sieben Personen der Marktmanipulation oder der Beihilfe dazu, darunter Nick X. sowie zwei „FT“-Redakteure.

Unterlagen, die dem Handelsblatt vorliegen, zeigen, dass die Zeitung einen weiteren Artikel zu Wirecard recherchierte. Am vergangenen Mittwoch schrieb ein „FT“-Redakteur einer Vertreterin des Unternehmens eine E-Mail. Aus seinen Fragen ergeben sich schwere Anschuldigungen gegen den Konzern.

Er setzte Wirecard für die Beantwortung seiner Fragen eine Frist bis Donnerstagmittag. Am selben Tag wurde ein weiteres Gespräch der Shortseller aufgezeichnet. Der Privatdetektiv wollte einem Geschäftspartner von Nick X. mehr darüber entlocken, wie weit sein Wissen über angeblich bevorstehende „FT“-Artikel reichte.

Anfangs zierte sich dieser Partner, Jonathan Y. Auf mehrfache Nachfrage verriet er dann doch Details zu dem, was angeblich bald in der „FT“ stehen würde. Seine Angaben passen zu den Fragen, die am Tag zuvor von der Zeitung an Wirecard gestellt wurden. Die Zeitung wehrt sich gegen die Vorwürfe. „FT“-Sprecherin Kristina Eriksson betont: „Es gab keinerlei geheime Absprachen von Journalisten der ,Financial Times‘ mit Shortsellern oder anderen dritten Parteien, was den Inhalt oder den Veröffentlichungszeitpunkt von ,FT‘-Artikeln über Wirecard angeht.“

Die Attacke bleibt aus

Der Artikel, für den die „FT“ am vergangenen Mittwoch Antworten von Wirecard forderte, ist nicht erschienen. Der Investor, der den Privatdetektiv ausschickte, gab die Tonbandaufzeichnung am Mittwoch an Wirecard weiter. Wirecard konfrontierte daraufhin die Rechtsabteilung der „FT“ mit dem Vorwurf, ihr Redakteur arbeite mit Shortsellern zusammen, die den Kurs der Wirecard-Aktie manipulieren wollen.

Die Zeitung solle zusichern, bis auf Weiteres keine Artikel mehr über Wirecard zu veröffentlichen. Außerdem solle sie alle diesbezügliche Kommunikation ihrer Journalisten offenlegen. Die „FT“ gab keine solche Zusicherung, veröffentlichte bislang aber auch keinen Artikel. Nick X. war für das Handelsblatt nicht erreichbar.

Ob er einen anderen Partner für seine Shortselling-Geschäfte fand, ist unklar. „Wir haben auch andere Leute angesprochen“, sagt sein Geschäftspartner Jonathan Y. in der Audioaufnahme auf die Frage, wem er noch von dem angeblich geplanten „FT“-Artikel erzählt habe. „Natürlich müssen wir vorsichtig sein, vor allem bei Erstkontakten.“ Die offenbar geplante Attacke der Shortseller auf Wirecard blieb erst einmal aus. Der Kurs der Aktie notierte am Montagnachmittag mehr als 1,7 Prozent im Plus, seit vergangenem Donnerstag summierte sich das Plus auf acht Prozent.

Mehr: Beim Zahlungsdienstleister Wirecard laufen die Geschäften augenscheinlich gut. Doch die Compliance-Mängel bereiten Investoren weiterhin Sorgen.

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1 Kommentar zu "Zahlungsdienstleister: Tonbandaufnahmen machen Wirecard-Streit mit „Financial Times“ zum beispiellosen Krimi"

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  • Wirecard hat sich vermutlich in vorliegenden Fall nichts vorzuwerfen. Allerdings hapert es in bei Wirecard an der Compliance. HIer braucht es dringend Verbesserungen um auf DAX Niveau zu kommen.

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