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Wirecard-Chef Markus Braun

„Konstruktive Kritik nehmen wir auf.“

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

Zahlungsdienstleister Wirecard-Aktionäre fordern Aufklärung – Konzernchef Braun verspricht neue Strukturen

Hinter dem Zahlungsdienstleister liegen harte Monate, Manipulationsvorwürfe belasten den Kurs weiter. Vorstandschef Markus Braun will auf Kritik der Aktionäre eingehen.
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Frankfurt, Bangkok, MünchenSie haben sich so viel Mühe gegeben. Auf der Wirecard-Homepage haben die Presseleute die Zeitungsberichte aufgereiht, die über den Zahlungsdienstleister erschienen sind. Sie ergeben das Bild eines Shootingstars. „Wirecard hofft auf Tod der Ladenkasse“, schreibt eine große Zeitung im April 2018, „Wirecard profitiert vom Onlineshopping-Boom“ eine andere im Oktober.

„Diese deutsche Bank ist wertvoller als die Deutsche Bank“, heißt es im August, „Wirecard führt Dax zum Debüt an“ im September. Der letzte Eintrag datiert auf den 5. November, dann reißt laut der Homepage die Berichterstattung ab. Tatsächlich passiert das Gegenteil: Der Medienrummel um den Konzern aus Aschheim bei München geht erst richtig los.

Am 30. Januar erscheint in der renommierten „Financial Times“ (FT) ein Artikel, der das Bild des Hoffnungsträgers auf den Kopf stellt. Manipulations- und Vertuschungsvorwürfe machen die Runde, im Zentrum ein böser Verdacht: Hat Wirecard die Bilanz frisiert? Der Aktienkurs stürzt ab.

Kurz darauf die Wendung: Wirecard zeigt die FT wegen Marktmanipulation an, auch die Finanzaufsicht Bafin stellt Strafanzeige. Die Vorstellung des Geschäftsberichts wird um drei Wochen verschoben. Das ist höchst ungewöhnlich für einen Dax-Konzern.

Am Donnerstag soll es nun Klarheit geben: Wirecard hat zur Jahrespressekonferenz eingeladen. Die Erwartungen sind hoch. Vorstandschef Markus Braun muss überzeugende Antworten liefern, andernfalls könnten die lange Zeit erfolgsverwöhnten, aber in diesem Jahr durch den Kursabsturz enttäuschten Investoren die Geduld verlieren.

Unter den Großanlegern rumort es bereits. Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Deka, kritisiert: „Das Problem bei solchen Unternehmen, die sehr schnell sehr groß werden, ist oft, dass auf den Hygienefaktor zu wenig geachtet wird.“

Wirecard habe „To-dos“, sagt der Manager der Fondsgesellschaft der Sparkassen. So sei der Aufsichtsrat nicht ausreichend vielfältig zusammengesetzt, was ein Grund für die jüngsten Probleme sein könne. Man müsse dem Unternehmen nun Zeit geben, seine interne Struktur aufzubauen.

„Wirecard hätte gut daran getan, schon früher einen Prüfungsausschuss einzurichten“, bemängelt auch Vanda Heinen, Analystin mit Schwerpunkt Corporate Governance bei Union Investment. „Um Vertrauen am Kapitalmarkt zurückzugewinnen, sollte ein renommierter und unabhängiger Rechnungslegungsexperte den Vorsitz übernehmen. Eine Personalunion von Aufsichtsrats- und Prüfungsausschussvorsitzendem lehnen wir ab.“

Selbst für große Investoren scheint es schwer, originäre Informationen über die Wirecard-Aktivitäten zu erhalten. „Die Informationslage ist dermaßen undurchsichtig, dass es übertrieben wäre zu behaupten, dass wir bislang viel mehr wüssten, als über Medien verbreitet wird“, sagt ein Großanleger. Gespräche mit dem Aufsichtsratschef stünden an, die Situation sei „völlig intransparent“.

Und noch eine Nachricht dürfte am Firmensitz in Aschheim für Ungemach sorgen: Mehrere große US-Kanzleien haben Sammelklagen eingereicht. Die renommierte Kanzlei Hagens Berman aus Seattle will sie koordinieren. Sie hatte schon beim Betrugsskandal um Schummelsoftware bei VW die erste Klage geführt.

Hagens Berman beruft sich auf öffentliche Aussagen, Presseartikel und Mitteilungen an die US-Börsenaufsicht durch Wirecard und fordert, dass die Aktionäre für ihre Verluste entschädigt werden. Kommt es zum Prozess, dürften auch die zahlreichen offenen Fragen eine Rolle spielen, die Investoren wie Beobachter derzeit umtreiben. Eine Übersicht:

1. Was ist los in der Singapur-Einheit?

Klar ist: Wirecard hat Probleme, und zwar im wichtigen Asiengeschäft. In einem Statement von 26. März räumt der Konzern mit Verweis auf eine Untersuchung der Anwaltskanzlei R&T aus Singapur „fehlerhafte Rechnungslegungsvorgänge“ ein, nicht zuordenbare Zahlungen, falsch verbuchte Umsätze und die Tatsache, dass sich „einzelne lokale Angestellte (…) möglicherweise im Hinblick auf einige der vorgenannten Vorgänge nach lokalem Recht strafbar gemacht haben“.

Die Auswirkungen auf die Jahresbilanz bewegten sich im einstelligen Millionenbereich. Verantwortlich sei das lokale Management, nicht die Konzernzentrale bei München, beschwichtigt Wirecard. Im Zentrum der Vorwürfe steht der Indonesier Edo K., der laut seinem nun gelöschten LinkedIn-Profil im Oktober 2014 bei Wirecard Singapur anfing.

Der damalige Endzwanziger legte eine steile Karriere hin. Doch der Aufstieg endete abrupt. Am 30. Januar 2019 erschien der erste FT-Artikel über die dubiosen Geschäfte. In der Hauptrolle: Edo K. Später verdächtigen ihn auch die Ermittler in Singapur strafbarer Handlungen. Anfang April verlässt er Wirecard. Da ist der Fall längst zur Affäre geworden.

Noch Ende März reisen Wirtschaftsprüfer von EY nach Singapur, um die Vorwürfe zu untersuchen. In Aschheim sind diese seit April 2018 bekannt. Ein Whistleblower löste eine interne Untersuchung aus. Kern des Vorwurfs: mutmaßliche Scheingeschäfte zur Aufbesserung der lokalen Zahlen.

So sollen unter anderem Vereinbarungen rückdatiert worden sein, um fragwürdige Transaktionen mit externen Firmen zu rechtfertigen. Abschließend geklärt sind die Hintergründe möglichen Fehlverhaltens nicht. Das gilt auch für die Frage, welche Anweisungen Edo K. von Topmanagern in Aschheim erhalten hat.

2. Welche Spuren verfolgt die Polizei?

Was genau in Singapur passiert ist, untersucht derzeit eine auf Wirtschaftskriminalität spezialisierte Einheit der örtlichen Polizei. Sie hat laut Gerichtsdokumenten elf Firmen ins Visier genommen, deren Namen im vorläufigen Bericht der Kanzlei R&T vom Mai 2018 in Verbindung mit dubiosen Transaktionen gefallen waren.

Unternehmensregister zeigen auffällige Zusammenhänge zwischen den angeblich externen Geschäftspartnern: Zwei der Firmen aus Singapur haben dieselbe Person als Manager eingetragen, die laut dem R&T-Bericht auch bei einer Wirecard-Tochter auf den Philippinen mitmischt.

Dieselbe Person ist wiederum Manager eines indischen Reiseunternehmens namens Goomo. Dort laufen weitere Fäden zusammen: So leiten die Direktoren von Goomo-Töchtern laut Registerauszügen aus Singapur und Indien mindestens zwei weitere Firmen, die Singapurs Ermittler als Wirecard-Transaktionspartner untersuchen.

Ein weiterer indischer Goomo-Direktor leitet auch eine örtliche Wirecard-Tochter. Auf die Anfrage des Handelsblatts, wie die personelle Verflechtung interner Wirecard-Töchter und externer Geschäftspartner zu erklären sei, antwortet der Konzern: „Wir äußern uns grundsätzlich nicht zu Geschäftsbeziehungen.“

Nun werden die Polizisten in Singapur sich einen Reim darauf machen müssen – und die Frage zu beantworten haben, wie schwerwiegend die Verfehlungen lokaler Wirecard-Mitarbeiter sind.

3. Wird die Aufklärung verschleppt?

Viele Beobachter treibt eine Frage um: Wie konnte aus den Problemen in Südostasien eine Krise werden, die den zweitgrößten deutschen Technologiekonzern nach SAP bis auf die Grundfesten erschüttert hat? Laut Experten wie Christian Strenger, ehemals Chef der Fondsgesellschaft DWS, ist die Kommunikation Wirecards mangelhaft.

„Der Konzern macht unter dem derzeit hohen Druck keinen glücklichen Eindruck. Wenn man im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, muss man Antworten geben. Und zwar wahrhaftige Antworten, keine gefärbten“, sagt Strenger. „Mein klarer Rat ist: Transparenz herstellen! Am besten wäre es, wenn Wirecard seinen Wirtschaftsprüfer EY von der Verschwiegenheit entbindet.“

„Nachdem EY auch in Singapur geprüft hat, sollten die Prüfer zur aktuellen Problematik Stellung nehmen“, meint Strenger. Auch sollte Wirecard die eigene Compliance-Abteilung und den Aufsichtsrat erweitern. „Hier fehlen Fachleute für Compliance und für Technologie, die das Geschäft verstehen.“

Zumindest in diesem Punkt bewegt sich der Konzern nun. „Am Donnerstag werden wir mit neuen Kennzahlen größere Transparenz herstellen und Prozesse vorstellen, die wir ohnehin schon angestoßen haben“, sagte Wirecard-Chef Braun dem Handelsblatt.

„So wollen wir zum Beispiel unsere Compliance-Abteilung überdurchschnittlich ausbauen.“ Aktuell beschäftigt Wirecard 150 Experten, die sich mit der Einhaltung gesetzlicher Vorschriften beschäftigen. Diese Zahl soll pro Jahr überdurchschnittlich wachsen. Außerdem soll eine neue Managementebene – sogenannte Hubs – lokale Gesellschaften besser steuern.

Auch auf Spitzenebene deuten sich Veränderungen an. Im Wirecard-Umfeld ist zu hören, dass man offen dafür sei, sowohl den Aufsichtsrat als auch den Vorstand zu erweitern.

Was heißt das für die Aufklärung der Singapur-Affäre? Wirecard sieht diese als abgeschlossen an. Am 26. März 2019 veröffentlichte der Konzern seine Darstellung der R&T-Untersuchung. Braun sah sich entlastet: „Für uns ist diese Sache damit abgeschlossen.“

Doch auch hier bleiben Fragen offen. Ein Insider in Singapur mit Kenntnis der R&T-Untersuchungsergebnisse berichtet, dass die Zusammenfassung des Konzerns technisch korrekt, aber verwässert sei. Veröffentlichen will Wirecard den Report nicht. Das Rätselraten geht damit weiter.

„Eine Entlastung des Konzerns sieht anders aus“, kommentiert Strenger. „Wir müssen nun den Geschäftsbericht und die Bewertung der Wirtschaftsprüfer abwarten.“

4. Wurde der Kurs manipuliert?

Es gab zumindest entsprechende Versuche. So antwortet die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion: Es kam „in den Jahren 2016 und 2018 jeweils zu zwei, in den Jahren 2017 und 2019 jeweils zu einer durch die Bafin festgestellten Short-Attacke.“

Schwieriger zu beantworten ist die Frage, wer hinter den Attacken steckt, bei denen Investoren mit geliehenen Aktien auf fallende Kurse spekulieren. Wirecard und die Bafin haben einen pikanten Verdacht: Journalisten der FT könnten entsprechende Attacken befeuert haben.

Die Vorwürfe setzen am 30. Januar 2019 an, als Wirecard seine Zahlen für 2018 präsentiert. Die an diesem Morgen vorgestellten guten Ergebnisse spielten an der Börse schnell keine Rolle mehr: Am Nachmittag veröffentlichte die FT den Artikel zur Singapur-Affäre.

Die Aktie brach fast 25 Prozent ein. Zu Handelsschluss lag sie 13 Prozent im Minus. Zwei weitere Artikel erschienen wenige Tage später, wieder ging es um angeblichen Betrug und Manipulation. Wirecard sprach von einem möglichen Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter in Asien. Die Aktie erholte sich daraufhin – wenn auch nur kurzzeitig.

Nun befassen sich Juristen mit dem Fall: Im Februar stellte ein Anleger Strafanzeige gegen die FT bei der Staatsanwaltschaft München I. Ein Londoner Börsenhändler bestätigte schriftlich, schon vor Erscheinen des ersten FT-Artikels informiert worden zu sein.

Auch Wirecard reicht Zivilklage beim Landgericht München gegen die FT ein. „Ziel unsererseits ist eine Unterlassung der unrichtigen Verwendung von Geschäftsgeheimnissen für die Berichterstattung sowie Schadensersatz“, heißt es vom Konzern. In der Woche vor Ostern stellte dann auch noch die Bafin Strafanzeige gegen eine einstellige Zahl von Personen. Darunter waren auch FT-Journalisten.

Die FT weist die Vorwürfe zurück. „Wir halten sie für unbegründet“, erklärt eine Sprecherin gegenüber dem Handelsblatt. „Wir stehen zu unserer Geschichte und zur Integrität unseres Reportings.“ Auch den Verdacht, Reporter könnten mit Shortsellern gemeinsame Sache machen, weist die FT von sich.

So habe es laut Bloomberg-Daten Ende Januar nur einen kleinen Anstieg von Leerverkaufspositionen gegeben. Explodiert seien die Positionen erst nach Erscheinen des ersten Berichts.

5. Welche Rolle spielt die Bafin?

Das Handeln der Aufsicht wird international mit einigem Erstaunen verfolgt. In einem beispiellosen Schritt war die Bafin dem Konzern beigesprungen und hatte Leerverkaufspositionen ab dem 18. Februar für zwei Monate verboten. In der Finanzkrise hatte es eine ähnliche Maßnahme gegeben, jedoch für Bankaktien allgemein.

Ihre Schützenhilfe erklärt die Bafin mit „einer ernstzunehmenden Bedrohung für das Marktvertrauen“. „Die aggregierte Netto-Leerverkaufsposition ist ab dem 1. Februar deutlich angestiegen. Ab dem 7. Februar war dann nochmals ein verstärkter Anstieg zu beobachten“, teilt eine Sprecherin mit.

Wie passt das mit dem Verdacht gegen die FT zusammen, deren erster Bericht schon am 30. Januar erschienen war? „Ein Anstieg ab dem 1. Februar schließt nicht aus, dass auch davor in auffälliger Weise Positionen eingegangen wurden“, so die Sprecherin.

Auch Wirecard selbst ist laut der Anfrage an die Bundesregierung im Fokus der Ermittler. Der Hinweisgeberstelle der Bafin seien eigene Unterlagen zu den Verfehlungen in Singapur übermittelt worden. Zwar falle die Aufklärung der „unmittelbar gegen Mitarbeiter in Südostasien gerichteten Vorwürfe“ zunächst in die Zuständigkeit der dortigen Behörden.

Aber: „Im Rahmen der laufenden Untersuchungen der Bafin wird auch mögliches Fehlverhalten von Verantwortlichen der Wirecard AG berücksichtigt. Die Untersuchung wird in alle Richtungen geführt“, heißt es. Gut möglich also, dass Wirecard-Chef Braun bald weitere Fragen beantworten muss – wenn auch von der Aufsicht, nicht von unliebsamen Journalisten.

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