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Zahlungsdienstleister Wirecard versucht den Gegenangriff

Der Dax-Konzern kämpft weiter gegen schwere Vorwürfe der „Financial Times“. CEO Markus Braun attackiert die Zeitung – und will nun doch einen externen Prüfer beauftragen.
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„Nichts an diesen Vorwürfen ist neu.“ Quelle: Bloomberg
Markus Braun

„Nichts an diesen Vorwürfen ist neu.“

(Foto: Bloomberg)

Frankfurt Wirecard geht in die Offensive: Der Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München will Anfang dieser Woche nun doch eine externe Überprüfung der gravierenden Vorwürfe der britischen Wirtschaftszeitung „Financial Times“ (FT) in die Wege leiten. Das hat das Handelsblatt aus zwei unabhängigen Quellen erfahren. Zuerst hatte das „Manager Magazin“ über das Vorhaben berichtet. Die FT hatte in der vergangenen Woche in mehreren kritischen Artikeln den Verdacht der Bilanzfälschung aufgebracht.

Dem Vernehmen nach soll eine der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften den Auftrag zur Überprüfung der Vorwürfe erhalten. Da Ernst & Young (EY) der langjährige Konzernabschlussprüfer ist, dürfte die Wahl auf PwC, KPMG oder Deloitte fallen. Für Wirecard ist die Beauftragung einer externen Untersuchung ein Strategieschwenk: Noch am vergangenen Mittwoch hatte eine Sprecherin auf Handelsblatt-Anfrage erklärt: „Wirecard sieht keine Veranlassung für die Beauftragung eines Sonderprüfers.“

Den Forderungen, den bisherigen Wirtschaftsprüfer EY von der Verschwiegenheitspflicht zu befreien, wollte die Konzernspitze bislang nicht nachgeben. Die „FT“ hatte in der vergangenen Woche berichtet, dass 2016 rund die Hälfte des Wirecard-Vorsteuergewinns über ein Partnerunternehmen aus Dubai namens Al Alam erzielt worden sei.

Die Zeitung kontaktierte 34 Kunden, deren Geschäfte laut zugespielten Dokumenten über die Plattform des Partners abgewickelt worden sein sollen. Fast die Hälfte hatte den Namen Al Alam nie gehört, andere waren bereits seit Jahren aufgelöst oder unauffindbar. Wirecard hatte in der Folge erklärt, die 34 Namen bezeichneten „Kundencluster“ mit Hunderten Händlern, keine Einzelunternehmen.

Wirecard soll der „FT“ zufolge den Kontakt zu Al Alam vor allem über seine Konzerntochter Card Systems Middle East in Dubai gehalten haben. Diese trug 2018 laut dem Handelsregister-Einzelabschluss zu 58,2 Prozent zum Wirecard-Jahresgewinn bei, wie der Branchen-Newsletter „Finanz-Szene“ berichtet hatte. Einer ihrer wichtigsten Profitbringer hieß in den Vorjahren laut „FT“ Al Alam.

Wirecard hatte sich angesichts der gravierenden Vorwürfe bereits am Freitag an einem ersten Befreiungsschlag versucht. Am Nachmittag hatte der Konzern angekündigt, schon in den „nächsten Tagen“ ein Aktienrückkaufprogramm zu starten. „Der Vorstand hat heute mit Zustimmung des Aufsichtsrats beschlossen (...) ein Aktienrückkaufprogramm aufzulegen“, so die Ad-hoc-Mitteilung.

In einem Zeitraum von zwölf Monaten sollen Aktien bis zu 200 Millionen Euro zurückgekauft werden. Die Hauptversammlung hatte eine entsprechende Ermächtigung bereits im Juni erteilt. Der Wirecard-Aktie – seit Erscheinen des ersten „FT“-Artikels am Dienstag bereits deutlich unter Druck – half das nicht. Sie ging am Freitag mit mehr als sechs Prozent im Minus aus dem Handel.

Attacke auf die „FT“

Beobachter wie Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität, bezeichneten die Börsenreaktion am Freitag als folgerichtig. „Die Ankündigung des Aktienrückkaufs kommt überraschend“, erklärte Brühl. „Das Management möchte damit vermutlich ein starkes Signal an die Märkte senden, dass man an eine nachhaltig positive Kursentwicklung glaubt.

Andererseits sind die Märkte irritiert, wie die unmittelbare Kursreaktion zeigt.“ Der Finanzprofessor bekräftigte seine Forderung, eine externe Überprüfung der Vorwürfe einzuleiten. „Die Situation ist sehr ernst. Das Management sollte hier proaktiv vorgehen. Ein Aktienrückkauf alleine ist in dieser Situation nicht ausreichend.“

Ähnlich hatten sich in der vergangenen Woche bereits die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz und der Corporate-Governance-Experte und frühere DWS-Chef Christian Strenger geäußert. Auch Großinvestoren wie die Sparkassen-Fondstochter Deka-Bank hatten deutliche Kritik am unzureichenden Agieren der Konzernspitze geäußert.

Diese hatte zunächst vor allem die „FT“ attackiert. „Ich kann Ihnen mit Sicherheit sagen, dass an diesen Vorwürfen nichts dran ist“, erklärte Konzernchef Markus Braun am Freitag im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Nichts an diesen Vorwürfen ist neu, wir sprechen hier von alten, längst bekannten Themen.

Die angeblichen Unregelmäßigkeiten wurden bereits im Rahmen der Überprüfung im Frühjahr untersucht und widerlegt.“ Zu den Vorwürfen, Al Alam habe Scheinkundenbeziehungen geführt, sagte Braun: „Alle Geschäftsbeziehungen, die in unseren Abschlüssen verbucht wurden, sind natürlich authentisch.“ Wie es dazu kommen konnte, dass „Kundencluster“ die Namen von Einzelunternehmen trugen, wollte Braun nicht ausführen.

Dafür ging der Konzernchef hart mit der „FT“ ins Gericht: „Um ehrlich zu sein, es hat uns überrascht, dass die ,FT‘ einen solchen Artikel noch einmal freigibt. Wir haben aufgrund des ernsten Verdachts, dass ,FT‘-Journalisten mit Shortsellern zusammenarbeiten, Anzeige gestellt, ebenso die Finanzaufsicht Bafin. In meinen Augen wird hier versucht, durch neue Berichterstattung nachzulegen, um vergangene, längst widerlegte Vorwürfe wiederzubeleben.“

Braun gab sich trotz der großen Marktverunsicherung überzeugt, dass der Dax-Konzern keine weiteren Berichtigungen an der Bilanz vornehmen muss. „Es gab bereits eine umfassende Überprüfung der Vorgänge. Das Einzige, was bilanzwirksam passiert ist, war eine Periodenfalschbuchung über 2,5 Millionen Euro. Sie wurde berichtigt. Es gibt keinen Änderungs- und Abschreibungsbedarf.“

Wirecards langjähriger Wirtschaftsprüfer EY habe erst am Mittwoch noch einmal bestätigt, „dass alle gesetzlichen und fachlichen Auditanforderungen vollständig erfüllt wurden und erfüllt werden. Im Rahmen der Konzernabschlussprüfung hat EY ebenfalls die Berichterstattung der beiden Tochtergesellschaften in Dubai für Konzernzwecke geprüft“, so Braun.

Auch die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung habe bereits mehrfach in der Vergangenheit Wirecard-Jahresabschlüsse geprüft. „Keine der abgeschlossenen Prüfungen führte in den letzten Jahren zu der Feststellung, dass eine fehlerhafte Rechnungslegung vorliegt.“

Kritische Analysten

Selbst Wirecard wohlgesinnte Beobachter halten den Verweis auf vergangene Audits angesichts der jüngsten Vorwürfe nicht mehr für ausreichend. „Als Dax-Konzern kann Wirecard nicht auf jeden neuen Artikel der ,FT‘ mit einer Gegenattacke antworten“, sagt ein gut vernetzter Investor. „Die Vorwürfe sind zu gravierend, als dass man hier Aussage gegen Aussage stehen lassen könnte. Wirecard muss die Vorwürfe inhaltlich widerlegen.

Auch unter Analysten, die den Konzern bisher aufgrund des starken Wachstums regelmäßig mit Kaufempfehlungen und hohen Kurszielen bedachten, regt sich Unmut am Krisenmanagement. Am Freitag empfahlen von 32 untersuchten Analysten großer Finanzhäuser noch 22 die Aktie zum Kauf, nur zwei rieten zum Verkauf. Drei Analysten haben nach Erscheinen der jüngsten „FT“-Berichte jedoch ihr Kursziel gesenkt.

HSBC-Analyst Antonin Baudry schrieb, er sei von den starken Fundamentaldaten zwar weiter überzeugt, wolle nun aber die Schwankungsanfälligkeit berücksichtigen und empfehle einen „Governance Day“ mit Fokus auf Marktbedenken, Unternehmensführung und auf die Beziehungen zu Partnern. Deutsche-Bank-Analystin Nooshin Nejati forderte, dass Wirecard-Auditor EY einen Sonderbericht über die Vorwürfe vorlegen solle.

Und der Analyst einer internationalen Großbank erklärte, der Wirecard-Aufsichtsrat müsse nun schnellstmöglich Transparenz herstellen, auch, um einen „Steinhoff-Verdacht“ auszuräumen. Bei dem südafrikanischen Möbelkonzern mit deutschen Wurzeln hatte eine PwC-Untersuchung Scheintransaktionen im Milliardenumfang gefunden.

Mehr: Das Vertrauen in den Zahlungsdienstleister Wirecard leidet nach einem neuerlichen kritischen Bericht. Das müssen Anleger jetzt wissen.

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