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Zeitenwende in der Assekuranz Versicherer verspüren neue Lust am Risiko

In der Billionen-Dollar-Branche der Versicherungen bahnt sich eine Trendwende an: Stärker denn je wollen die Versicherer ins Risiko gehen.
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Die Versicherer setzen mehr und mehr auf alternative Investments. Quelle: imago/Ikon Images
Geldanlage mit Risiko (Symbolbild)

Die Versicherer setzen mehr und mehr auf alternative Investments.

(Foto: imago/Ikon Images)

FrankfurtMarkus Faulhaber macht aus seinen Plänen keinen Hehl. In den kommenden Jahren werde die Allianz mehr und mehr Geld ihrer Millionen von deutschen Lebensversicherungskunden in Aktien und alternative Investments stecken, kündigte der Chef der Allianz Lebensversicherung vor wenigen Tagen in Frankfurt an.

Dabei lässt sich der 65-jährige Topmanager ungewöhnlich genau in die Karten schauen: Die Aktienquote soll in den nächsten drei bis vier Jahren von aktuell zehn Prozent auf 13 bis 18 Prozent steigen. Ein weiteres Drittel des Geldes werde in alternative Anlagen wie erneuerbare Energien, Private Equity, Immobilien und in Infrastrukturprojekte fließen.

Die Allianz ist mit ihren Plänen kein Einzelfall. Wie eine dem Handelsblatt vorab vorliegende neue Studie des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock zeigt, sind auch andere Versicherer dabei, ihr Portfolio grundlegend umzubauen – und beweisen dabei einen bisher ungekannten Wagemut. Denn trotz der seit Jahren anhaltenden Niedrigzinsphase veränderten die großen Assekuranzen 2017 nur sehr behutsam ihr Anlageverhalten.

Damit scheint es nunmehr jedoch vorbei. „Es war überraschend zu sehen, wie sehr die Risikobereitschaft der Versicherer im laufenden Jahr zugenommen hat“, sagt Patrick Liedtke, der bei Blackrock das europäische Versicherungsgeschäft leitet, dem Handelsblatt. „Heute sind die Assekuranzen bereit, viel stärker ins Risiko zu gehen als noch vor zwei, drei Jahren.“ 

Für die Branche kommt dies einer Zäsur gleich. Noch im Vorjahr hatten weltweit lediglich neun Prozent der Befragten angegeben, das Risiko in ihren Anlageportfolios innerhalb der nächsten zwölf bis 24 Monate anheben zu wollen. Doch ein Jahr später ist die Stimmung umgeschlagen. Inzwischen wollen 47 Prozent der mehr als 370 Topmanager, die an der Umfrage teilnahmen, stärker ins Risiko gehen.

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„Ein wichtiger Grund ist dabei sicher der wachsende Druck, eine angemessene Rendite zu erzielen, weil Anlagen in Rentenpapieren immer weniger Zinsertrag abwerfen“, erklärt Liedtke die Beweggründe.

Zudem seien viele Versicherer optimistisch, was das makroökonomische und geopolitische Umfeld angeht. „Donald Trump twittert zwar immer noch, aber es hat sich bei den Managern ein gewisser Gewöhnungseffekt eingestellt, und die Branche reagiert darauf weniger aufgeregt“, meint der Blackrock-Experte.

Gewaltige Umschichtungen

Es ist eine Aussage mit Gewicht, die auch Bedeutung für Investoren außerhalb des Versicherungssektors hat. Denn kaum eine andere Branche bewegt so viel Geld. Die mehr als 370 Manager, die der Vermögensverwalter gemeinsam mit der Intelligence Unit des Wirtschaftsmagazins „Economist“ befragte, repräsentieren Billionen von Dollar an Finanzanlagen.

„Das Umdenken wird die Märkte bewegen“, prophezeit Liedtke. „Allein in Europa verwalten die Versicherer rund zehn Billionen Euro. Eine Veränderung der Anlagepolitik um einen Prozentpunkt bedeutet da schon eine gewaltige Umschichtung.“

Vor allem eine Anlagekasse hat es den Versicherern dabei angetan: die sogenannten alternativen Investments. „Es gibt ganz klar einen anhaltenden Trend hin zu alternativen Anlagen wie beispielsweise Infrastruktur, Private Equity oder Fremdfinanzierungen für Gewerbeimmobilien“, attestiert Liedtke. „In Deutschland haben die Manager zwar zunächst noch etwas gezögert, doch jetzt holen sie auf und setzen hier Kräfte frei.“ 

Die Pläne der Konzerne bergen allerdings Risiken, denn die Versicherer entdecken den Trend vergleichsweise spät. Beispielsweise sind angelsächsische Pensionskassen und Stiftungen schon seit Jahrzehnten dabei, hier erheblich zu investieren, weil sie in der Vergangenheit Renditen von teilweise bis zu 20 Prozent und mehr erzielen konnten.

Laut einer aktuellen Studie des Analysehauses Preqin sind mittlerweile 79 Prozent der institutionellen Investoren in alternativen Anlagen engagiert.

Allerdings haben sie ihre Renditeerwartungen wegen der Geldflut im Markt deutlich nach unten korrigiert. Insgesamt waren in den alternativen Kapitalmärkten – abseits der Börsen – global zuletzt 8,8 Billionen Dollar angelegt. „Unter den institutionellen Investoren gibt es nach wie vor einen großen Risiko-Appetit auf Private Equity. Die Nachfrage nimmt weiter zu“, sagt John Dickie von Aberdeen Standard Investments.

Die Branche steckt in einer Zwickmühle

Die Branche steckt wegen der sich abzeichnenden Zinswende in einer Zwickmühle. „Früher sind viele Firmen auf der Suche nach Rendite auf lang laufende Staatsanleihen ausgewichen, doch das funktioniert nun kaum mehr, da sich nach den USA auch in Europa eine langsame Wende in Richtung steigende Zinsen für die kommenden Jahre abzeichnet“, erläutert Liedtke.

Auch wenn die Märkte nervös seien, würden die Firmen Chancen in Anlageklassen sehen, die etwas mehr Risiko erfordern.

Rund 35 Billionen Dollar an Vermögen werden die großen Versicherer bis zum Jahr 2020 laut einer Analyse der Beratungsgesellschaft PwC insgesamt verwalten – Geld, das bisher vornehmlich in konservativen Anlageformen wie Staatsanleihen steckte. Das funktionierte in den vergangenen Jahrzehnten auch noch gut. Doch an diese Zeiten können die Versicherungsmanager inzwischen nur noch wehmütig zurückdenken.

Für den Vermögensverwalter Blackrock scheint der Trend in Richtung mehr Risiko unumkehrbar. „Wir haben den Eindruck, dass eine neue Ära eingeleitet wird“, betont Liedtke. Die Verlagerung in neue Asset-Klassen wie etwa erneuerbare Energien beschleunige sich. Viele Versicherer stellt das jedoch vor Probleme, denn nicht überall ist die Expertise für diese neuen Anlagenklassen groß.

Während beispielsweise die Allianz über genügend Ressourcen verfügt, um neue Geldanlagekonzepte zu entwickeln, stoßen kleinere Anbieter an ihre Grenzen. Blackrock-Experte Liedtke glaubt, dass diese Kompetenz mehr denn je zum Unterscheidungsmerkmal in der Branche wird. Sein Fazit: „Die Fähigkeit, sich den neuen Herausforderungen zu stellen, wird zum Wettbewerbsfaktor.“

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