Zinsmanipulation Libor-Skandal weitet sich aus

US-Staranwalt Michael Hausfeld macht Ernst: Die Zahl der Angeklagten soll sich massiv ausweiten. Bislang sind 16 Banken involviert. Nach Handelsblatt-Informationen könnte sich schon am Mittwoch ändern.
6 Kommentare
Unter den Beklagten: die Deutsche Bank. Quelle: Reuters

Unter den Beklagten: die Deutsche Bank.

(Foto: Reuters)

New YorkDie Zahl der Beklagten in im Libor-Manipulationsskandal wird heute möglicherweise massiv anwachsen. Der US-Staranwalt Michael Hausfeld, der die Sammelklage gegen die Banken anführt, sagte dem Handelsblatt im Interview: „Wir wollen den Kreis der Beklagten ausweiten.“ Dazu ist für diesen Mittwoch in New York eine Gerichtsanhörung angesetzt.

Hausfeld will dabei nach eigenen Worten die Klage inhaltlich erweitern und mehr Institutionen anklagen. Welche wollte er nicht sagen, das werde öffentlich, wenn die Richterin den Anträgen stattgebe.

Bislang sind die 16 Banken als Beklagte in dem Verfahren benannt, die an der Zusammenstellung des Interbankenrichtzinssatzes zwischen 2007 und 2009 beteiligt waren. Diesen wird vorgeworfen, den Zinssatz in diesem Zeitraum manipuliert zu haben, um davon zu profitieren. Dazu gehört unter anderem die Deutsche Bank, daneben aber auch fast alle großen Institute aus London, New York und Tokio.

Britische und amerikanische Aufseher hatten über die britische Barclays Bank kürzlich fast eine halbe Milliarde Dollar an Geldbuße verhängt, weil sie diese der Libor-Manipulation überführt hatte. Seither halten sich Spekulationen, die Bank of England könnte die Vorgänge damals gedeckt haben. Barclays-Chef Bob Diamond verwickelte sich jedenfalls vor seiner Rücktritt bei dieser Frage in Widersprüche.

Die wichtigsten Antworten zur Libor-Affäre
Euro-Logo vor der Europäischen Zentralbank (EZB)
1 von 10

1. Worum geht es beim Libor- und Euribor-Zinssatz - und wie wird er errechnet?

Der Libor ist ein täglich vom britischen Bankenverband BBA errechneter Zins, an dem sich Geldhäuser rund um den Globus orientieren. Seit 1986 befragt der BBA in London ansässige Banken, zu welchem Zins sie sich untereinander Geld leihen würden. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um Manipulationen zu vermeiden. Aus den übrigen Zahlen wird dann ein Mittelwert gebildet. Der daraus resultierende Satz für Laufzeiten von bis zu einem Jahr und für die gängigsten Währungen ist der wichtigste Indikator für die Liquiditätslage am Interbankenmarkt. Damit war der Libor eines der Krisenbarometer während der Finanzkrise: je höher der Satz, desto größer das Misstrauen des Marktes gegenüber einer Bank.

huGO-BildID: 26559607 A teller displays 100 US dollar notes at a moneychanger in Jakarta on May 30 , 2012. The Indonesian central bank will set an a
2 von 10

Der Libor dient aber auch als Referenz für Finanzprodukte - von der komplexen Übernahmefinanzierung bis zur einfachen Hypothek. Am Libor hängen Finanzprodukte im geschätzten Wert von 350 bis 550 Billionen Dollar. Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor (Euro InterBank Offered Rate) für den Euro. Er wurde 1999 mit Einführung des Euros ins Leben gerufen. 43 Banken melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Kurs ähnlich wie beim Libor berechnet wird.

A police officer stands on duty as protestors from the Move Your Money group stick up posters on a branch of Barclays Bank in Westminster central London
3 von 10

2. Welches Interesse hatten Banken und Regierungen, den Wert zu manipulieren?

Zwei Vorwürfe stehen im Raum: Zum einen sollen sich die Händler einer Reihe von Banken von 2005 bis 2007 durch die Manipulation des Euribor bereichert haben. Ihnen wird vorgeworfen, eine Art Kartell gebildet zu haben, um die Sätze in eine Richtung zu lenken, die den Wert ihrer eigenen Derivatepositionen steigerte. Eines der Kartelle soll von der britischen Großbank Barclays (Bild: Protest vor einer Londoner Filiale) organisiert worden sein, ein anderes von der Schweizer UBS. „Heute bräuchten wir einen ziemlich niedrigen Satz bei den Dreimonats-Laufzeiten, sonst kostet uns das ein Vermögen“, heißt es in der E-Mail eines beschuldigten Barclays-Händlers. In diese Manipulationen ist auch die Deutsche Bank verwickelt.

File photo of the national flag of Switzerland national flag flying in front of the logo of Swiss bank UBS at the company's headquarters in Zurich
4 von 10

Zum anderen sollen einige der damals am Libor-Fixing beteiligten Banken in den Krisenjahren 2007 und 2008 systematisch zu niedrige Zinsen gemeldet haben, um die verunsicherten Märkte zu beruhigen und Zweifel an der Solidität der Banken zu zerstreuen. Hier mischten Barclays-Chef Bob Diamond und der Chefinvestmentbanker Jerry del Missier mit. Eine Gesprächsnotiz scheint anzudeuten, dass auch die Bank of England die Vorgänge geduldet haben könnte.

Euro-Münze und Schweizer Franken
5 von 10

3. Welche Folgen haben die Manipulationen für Sparer und Kreditnehmer?

Der Interbankenzins Libor gilt als wichtige Referenz für viele Finanzprodukte. Der Zinssatz variabler Kredite ist meist an den Geldmarktsatz gekoppelt. Variable Kreditzinsen sind vor allem bei Firmenkrediten üblich. „In Ländern wie Großbritannien, Spanien oder Österreich sind aber auch die Zinsen für Baukredite häufig an einen Geldmarktsatz gekoppelt“, sagt Thomas Meissner, Zinsanalyst der DZ Bank. Die Preise für Derivate, mit denen man sich gegen Zinsänderungs- oder Währungsrisiken absichert, sind ebenfalls oft an den Libor gebunden.

Moody's rating agency downgrades 15 international banks
6 von 10

„Für Euro-Verträge ist der Euribor der wichtigere Geldmarktsatz. Aber für Währungen wie den Dollar oder den Schweizer Franken ist der Libor sehr bedeutsam“, sagt Meissner. Das heißt, dass Unternehmen aus dem Euro-Raum meistens mit dem Libor zu tun haben, wenn sie sich in Fremdwährungen verschulden oder Zinsrisiken in fremden Währungen absichern. Es gibt Gewinner und Verlierer der Manipulationen: „Wenn der Libor zu niedrig angesetzt wurde, dann ist das ein Vorteil für Kreditnehmer, deren Darlehen an den Geldmarktsatz gekoppelt sind“, sagt Falko Fecht, Professor für Financial Economics an der Frankfurt School of Finance. Dafür erhalten Einleger geringere Sätze, denn die Konditionen für Tagesgeld orientieren sich oft an Geldmarktsätzen. (Bild: Finanzviertel in London)

huGO-BildID: 26953124 (FILES) A file picture taken on August 3, 2009, shows a Barclays Bank branch in central London. Barclays bank is to pay $452 mi
7 von 10

4. Warum wird der Zinssatz von Privatbanken bestimmt und nicht von Notenbanken?

Der Libor ist nicht als offizieller Referenzsatz entstanden: Er geht auf eine Initiative der privaten Kreditwirtschaft zurück. Erst im Laufe der Zeit, als immer mehr Kredit- und Derivateverträge auf den Wert Bezug nahmen, erreichte er seine heutige Bedeutung. Der Libor und sein Euro-Pendant Euribor sollen zeigen, zu welchem Preis sich Banken Geld leihen. Das wissen aber nur die Banken selbst. „Die meisten Geldmarktgeschäfte werden quasi per Handschlag vereinbart“, erläutert Thomas Meissner, Zinsanalyst der DZ Bank. „Es gibt bislang keine zentrale Clearing-Stelle, die diese Transaktionen erfassen könnte.“

Startseite

6 Kommentare zu "Zinsmanipulation: Libor-Skandal weitet sich aus"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Lasst Koepfe rollen, wie bei der Hydra wachsen neue nach, die entweder genauso kriminell sind oder noch krimineller. Das System ist krank, die unheilige Allianz aus Kommerz und Politik, oder anders, die unheilige Allianz aus krimineller Energie und Dummheit. Da das System alternativlos ist, wird weiter der Normalbuerger gleich von beiden Seiten verar..... Die von den Banken zu zahlenden Strafen findet der Normalbuerger in seinen Bankkosten wieder.

  • Der Skandal weitet sich wohl nicht aus: eher wird step by step deutlich, wer da alles seine Finger im Spiel hatte.
    Hätte es damals jemand gesagt: da wird manipuliert, er wäre als Verschwörungstheoretiker abgefrühstückt worden.
    Vielleicht sollten die umfassenden Konsequenzen dieser Manipulationen etwas näher beleuchtet werden: um deutlich zu machen, dass diese sehr wohl nicht nur inkauf genommen wurden sondern ggf. sogar beabsichtigt gewesen sind.

  • Mangelnde Aufsicht oder möglicherweie auch Anstiftung. Im Focus hieß es dazu:
    "So soll der stellvertretende Zentralbankchef Paul Tucker am 28. Oktober 2008 per Telefon eine Empfehlung des damals Labour-geführten Finanzministeriums an Diamond – damals Chef des Investmentbankings – weitergegeben haben. Barclays legte Unterlagen vor. Demnach soll Tucker gesagt haben: „...es muss nicht immer der Fall sein, dass wir so hoch erscheinen, wie wir das bisher waren...“. Vom Tag des Gesprächs an fiel der Liborsatz rapide." (www.focus.de/finanzen/news/wirtschaftsticker/unternehmen-barclays-macht-zentralbank-fuer-zinsskandal-mitverantwortlich_aid_777189.html)

    Die New Yorker Fed hatte die Londoner Zentralbank damals immerhin gewarnt.

  • Im Focus hieß es dazu:
    "So soll der stellvertretende Zentralbankchef Paul Tucker am 28. Oktober 2008 per Telefon eine Empfehlung des damals Labour-geführten Finanzministeriums an Diamond – damals Chef des Investmentbankings – weitergegeben haben. Barclays legte Unterlagen vor. Demnach soll Tucker gesagt haben: „...es muss nicht immer der Fall sein, dass wir so hoch erscheinen, wie wir das bisher waren...“. Vom Tag des Gesprächs an fiel der Liborsatz rapide." (www.focus.de/finanzen/news/wirtschaftsticker/unternehmen-barclays-macht-zentralbank-fuer-zinsskandal-mitverantwortlich_aid_777189.html)

  • Ich bin auch verwundert, dass hier nicht mehr d'rauf eingeschlagen wird.

    Die Sache ist schlicht kriminell und die staatlichen Aufsichtsbehörden haben weg gesehen und sehen weg. Wenn man bedenkt, dass hier ca. 90 % des Finanzgeschäfts tangiert ist, dann muss man sich fragen, weshalb wir keine Finanzaufsicht haben.

    Das was wir Finanzaufsicht nennen hat sich nämlich mit Peanuts bzw. 10 % des Bankgeschäfts beschäftigt. Und deren Aufsicht muss auch gepennt haben. Haben sie aber nicht! Die haben das Finanzgeschäft erst gar nicht verstanden. Über die Hunnen, das räuberische Reitervolk, sind sie nämlich nicht hinaus gekommen.

    Ohne dass Köpfe rollen wird sich nichts ändern. Darunter sind nicht die verstanden, die für einige Euros an Boni den Kopf hinhalten.

    Wenn sich was ändern soll, dann müssen die "höchsten" Köpfe rollen. Jedem, der eine exponierte Stellung wahrnimmt, sollte klar sein, dass sein Kopf fällig ist, wenn es unter ihm nicht läuft. Der Gedanke an Überwachungsaufgaben muss mit dem Gedanken Arbeit und nicht mit Diäten und Pensionen verknüpft sein.

  • Wann kommt, auch für die Journalisten des Handelsblatts, der Punkt an dem sie endlich genug haben und beginnen Tacheles zu schreiben.

    Fakt ist: Die sogenannten Eliten dieser Welt, mit Hauptsitz City of London, haben die Menschen massiv über den Tisch gezogen - und zwar auf übelste Art und Weise.

    Jetzt müssen gekaufte Banken- bzw. Konzern-Manager, unterstützt von einer abhängigen Presse, in Zusammenarbeit mit korrupten Politikern den Menschen überall klar machen, dass sie den angerichteten Betrug mit Zins und Zinseszins zu Zahlen haben.

    So läuft das nun schon seit ein paar tausend Jahren und das betrogene Volk glaubt noch immer die Lügen der Betrüger und ihrer Schergen...

    "Die Wenigen, die das System verstehen, werden so sehr an seinen Profiten interessiert oder so abhängig sein von der Gunst des Systems, dass aus deren Reihen nie eine Opposition hervorgehen wird. Die große Masse der Leute aber, mental unfähig zu begreifen, wird seine Last ohne Murren tragen, vielleicht sogar ohne zu mutmaßen, dass das System ihren Interessen feindlich ist." (Rothschild, 1863)
    http://www.wissensmanufaktur.net/city-of-london

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%