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ChipmangelMassenhaft Mikrochips aus heimischer Produktion – Warum der Plan in Gefahr gerät

Es herrscht Chipmangel in Europa. Die EU soll nun zu einem der weltgrößten Produzenten von Halbleitern werden. Doch sie bringt ihr eigenes Ziel in Gefahr, mahnt die Industrie. Das betrifft auch das geplante Intel-Werk in Magdeburg.Joachim Hofer 27.05.2022 - 12:00 Uhr Artikel anhören

Europas Aufholjagd bei Halbleitern kommt nicht recht voran.

Foto: Sven Döring für Bosch

München. Während Europa noch debattiert, wie sich die heimische Halbleiterindustrie stärken lässt, rücken im Rest der Welt bereits die Bauarbeiter an, um neue Chipfabriken in die Höhe zu ziehen. Die Chipindustrie in Deutschland und Frankreich schlägt deshalb Alarm. Denn der Halbleiter-Engpass ist bereits jetzt spürbar.

„Es braucht dringend eine gemeinsame europäische Kraftanstrengung, um die Halbleiterindustrie am Standort Europa zu stärken“, fordert Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI).

Dabei ist die Lage dramatisch, wie auch der ehemalige Siemens-Vorstand warnt. „Durch den akuten Chipmangel hat die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr einen Umsatzverlust von 1,6 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts verkraften müssen“, sagt Russwurm. Das würde mehr als 50 Milliarden Euro entsprechen, die den Firmen verloren gegangen sind, weil der Halbleitermangel sie betrifft.

Halbleiter-Engpass, Europa und Intel

Besserung sei nicht in Sicht, im Gegenteil: „Mit der digitalen und ökologischen Transformation wird der weltweite Bedarf an Halbleitern weiter massiv steigen“, erklärt Russwurm. In einem Positionspapier, das dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, fordert der BDI zusammen mit den französischen Industrieverbänden Medef und France Industrie nun eindringlich mehr Tempo von der Politik. Die Aufholjagd bei den Chips müsse endlich beginnen, wolle der Kontinent nicht weiter unter akutem Halbleitermangel leiden.

Als einziger großer Chipkonzern hat Intel bisher angekündigt, in der EU zu investieren. Die Amerikaner wollen neue Fabriken in Magdeburg und Italien bauen. Zudem hat Intel-Vorstandschef Pat Gelsinger angekündigt, Forschungsstandorte in Frankreich, Polen und Spanien zu eröffnen.

Intels Bauarbeiten in Magdeburg sollen kommendes Jahr beginnen. 2026 könnten die ersten Wafer, so nennen sich die Scheiben, auf denen Chips entstehen, das Werk verlassen. 17 Milliarden Euro sollen die Produktionsstätten kosten.

Allein für den Standort in Sachsen-Anhalt fordert die Firma aus dem Silicon Valley allerdings Subventionen von mehr als fünf Milliarden Euro. Die Landesregierung in Sachsen-Anhalt zeigte sich zuletzt zuversichtlich, dass die Staatshilfe in Brüssel genehmigt wird. Noch ist die Finanzierung allerdings nicht abschließend geklärt.

Noch immer ist die Finanzierung des Milliardenprojekts nicht abschließend geklärt.

Foto: dpa

Der Grund: Die Verhandlungen zwischen EU-Parlament und Europäischer Kommission um das große europäische Förderprogramm für die Halbleiter, den Chips Act, kommen nicht voran. Anfang des Jahres hatte Kommissionschefin Ursula von der Leyen das Vorhaben vorgestellt. So soll Europa seinen Anteil an der weltweiten Halbleiterproduktion bis 2030 mehr als verdoppeln – auf dann 20 Prozent. Dafür muss sich die Fertigungskapazität in der EU vervierfachen.

Verhandlungen über den EU-Chips Act um Halbleitermangel zu stoppen

Das Gesetz ist eine industriepolitische Offensive. Die EU will damit den Rückstand Europas auf andere Regionen wettmachen und Abhängigkeiten von einzelnen asiatischen Lieferanten wie dem Auftragsfertiger TSMC aus Taiwan reduzieren. Dabei sollen 43 Milliarden Euro an staatlichen Mitteln mobilisiert werden.

Um dieses Ziel zu erreichen, will Brüssel die bisher strengen Regeln für staatliche Beihilfen freizügiger auslegen. Weil das EU-Parlament dem Chips Act jedoch noch nicht zugestimmt hat, ist einstweilen völlig offen, ob, wann und zu welchen Bedingungen die Fördermilliarden tatsächlich fließen.

Die EU-Kommission habe zwar grundsätzlich das richtige Ziel vorgegeben, erklären die Industrieverbände. Es sei aber entscheidend, Fördermittel schnell freizugeben sowie Planungs- und Genehmigungsprozesse zu beschleunigen, so der BDI und seine französischen Partner. Nur so könne Europa mit den Chipstandorten in Asien und Amerika mithalten und den Halbleiter-Engpass überwinden.

Allein Samsung investiert 340 Milliarden Euro

Dass Europa keine Zeit verlieren darf, zeigt das Beispiel Samsung. Der größte Chiphersteller der Erde allein will bis 2030 rund 340 Milliarden Euro investieren – den überwiegenden Teil davon in der südkoreanischen Heimat. Das kündigte Samsung in dieser Woche an. Zudem ziehen die Asiaten derzeit eine neue Fabrik für 17 Milliarden Dollar in Texas in die Höhe. Unter den zehn größten Halbleiterproduzenten der Welt findet sich kein einziger aus Europa.

In der EU sind die Subventionen vermutlich mit einer Verpflichtung verbunden, wie Vorschläge der Kommission zeigen. Chipproduzenten, die Staatshilfen erhalten haben, könnten demnach gezwungen werden, europäische Kunden zuerst zu beliefern. Damit will sich die EU gegen künftige Halbleiter-Engpässe wappnen. Der Chipindustrie behagt das ganz und gar nicht. Die Verbände warnen vor Planwirtschaft bei den Halbleitern.

Auch ein weiteres Problem sehen die Unternehmen: Intel wird an der Elbe vor allem Chips der neuesten Generation produzieren. Die europäischen Abnehmerindustrien hingegen benötigen zuvorderst Halbleiter, die mit reiferen Technologien produziert werden. Auch diese Kapazitäten müssten gefördert werden, fordern die Industrieverbände.

Der Elektronikverband ZVEI warnt bereits, dass der EU-Chips Act am Bedarf der europäischen Kunden vorbeigeht. „Europa muss seine Kompetenz in allen Strukturgrößen stärken“, sagt Geschäftsführer Wolfgang Weber. „So sind auch Leistungselektronik und Sensorik entscheidend für das Gelingen der grünen und digitalen Transformation.“

Auf diesen Feldern sind die europäischen Chipfirmen führend. Konzerne wie Bosch, Infineon, NXP und STMicroelectronics produzieren dabei zwar fortschrittliche Chips, aber nicht mit den teuersten und aufwendigsten Verfahren, wie es Intel plant. Auch diese Fabriken müssten jedoch gefördert werden, findet die Industrie.

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Als förderungswürdig gelten dem Entwurf der EU zufolge „neuartige Anlagen“. Eine Formulierung, die im Sinne der europäischen Industrie möglichst umfassend ausgelegt werden sollte. Das forderten kürzlich auch gemeinsam die Wirtschaftsminister von Bayern und Baden-Württemberg: „Wir dürfen uns nicht nur auf Höchstleistungschips mit kleinsten Strukturgrößen fokussieren."

Dieser Artikel erschien zuerst am 25.05.2022 um 15:40 Uhr.

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